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Vielleicht sollte man aber nicht zu zaghaft sein, denn im Titel und den Eingangskapiteln verspricht Walter Kohl etwas, das er gar nicht hält. Das ganze Buch, und vor allem der Titel sind eher eine Mogelpackung für den doch teilweise recht platten Inhalt und Stil. Grundkern und Programm ist das Wort "Versöhnung", das nicht nur als theologischer Begriff rein zufällig vom überzeugten Christen Walter Kohl gewählt wurde, sondern das auch die Haupt-These des Buches stützen soll, der Sohn habe sich mit seinem Vater ausgesöhnt, seinen Stempel "Sohn vom Kohl" hinter sich gelassen und eigene, neue Wege gefunden.

Falls das stimmt, so hat jedenfalls Walter Kohl keine oder nur unzureichende Mittel gefunden, selbst mit Hilfe eines begleitenden Lektors, "seinen Weg" den Lesern und Leserinnen näher zu bringen. Wir erfahren auf der einen Seite nicht besonders überraschend, aber immerhin ab und an informativ, von der behüteten, über-beschützten Jugend in Ludwigshafen, von Polizisten als Schul-Eskorte, von Schikanen, die beiden Söhnen von Mitmenschen als berühmte Söhne widerfuhren, und auch vom Ton im Elternhaus.

Hier liest man, dass weder die angstvolle, oft einsame und im Grunde ihrer Seele traumatisierte Mutter Hannelore noch der fast ständig abwesende Vater Helmut diskussionsfähig waren und Regeln mit den Kindern besprachen oder gar abwogen. Rechtfertigungen, Eingeständnisse von Fehlern oder Erklärungen für die Notwendigkeit von Maßnahmen gab es fast nie. Sehr oft liest man von rigorosen Entscheidungen, an denen zu rütteln nicht möglich war. Das kann man empathisch lesen und sich denken: "Meine Güte, ich möchte nicht tauschen mit den Söhnen". Es kam zu keiner "Begegnung" im menschlichen Sinne - kaum von Mutters Seite und überhaupt nicht von Vaters Seite. Ein vertrauensvolles, liebevolles, humorvolles Miteinander gab es offenbar nicht. Für die familiären Satelliten um Helmut war das Leben oft geprägt von Verzicht, devotem Verhalten, Angst und unantastbarem Führungsanspruch und Deutungshoheit über Richtig und Falsch.

Nun ist man aber gespannt, wie das Aufknacken der Schale, das Herauskommen aus dem Schneckenhaus und die Emanzipation erfolgt. Welches spannende Leben hat Walter Kohl denn geführt, seit er im Ausland studierte? Wer sind die besten Freunde des Harvard Absolventen, was die wichtigsten Erkenntnisse und Emanzipations-Phasen der letzten 30 Jahre? Was schreibt er über seine interessante Arbeit, seine koreanische Frau, über seinen Sohn, sein tolles neues Leben, in dem angeblich erfolgreich die alten Zöpfe abgeschnitten wurden?

Das, was viele als Kern des Buches "Leben oder gelebt werden" vielleicht erwartet hätten, passt leider nur auf eine Messerspitze. In wenigen Zeilen werden Frau und Kind angesprochen, kein Freund wird erwähnt. Walter Kohl entscheidet sich, doch fast 200 Seiten indirekt über seinen Vater zu schreiben, ihn nicht nur etliche Male zu entschuldigen, sondern auch ihn zu glorifizieren und mit mittelalterlichen Kaisern zu vergleichen.

Ein kleiner Hauch von Kritik wird sichtbar, als Walter die Enttäuschung beschreibt, als Vater Kohl nicht etwa seine Söhne zur Hochzeit mit Frau Maike Richter 2008 einlud, sondern ganz klar die Trennung zu ihnen wünschte und als Trauzeugen Leo Kirch und Kai Diekmann wählte sowie die Söhne quasi durch die BILD von dem Ereignis in Kenntnis setzte wie durch Hofberichterstatter.

Der Sohn, der er ja immer bleibt, enttäuscht sicher hier viele Leser. Er hinterfragt sehr wenig, kritisiert fast gar nicht, und von Abrechnung oder ähnlichem ist überhaupt keine Rede. Er äußert nicht einmal Wünsche, die er für seine Jugend oder an seinen Vater gehabt hätte.

Wenn aber alles prima ist - wozu dann das Buch?

Walter akzeptiert das System Kohl unangefochten, zu dessen Kreis er und sein Bruder Peter nicht mehr gehören, seit sie es gewagt haben, Interviews zu geben.

Walters passive Art, den Vater anzunehmen und sich eben nicht aktiv gegen und unabhängig von ihm zu positionieren, ist nirgendwo deutlicher als in diesem Zitat:

"Durch das Schreiben begann ich, meinen langjährigen Irrtum zu akzeptieren, dass ich Ansprüche an meinen Vater hätte."

Das einseitige Hinnehmen einer Lage, einer Situation, ist, so erkennen die Leser klar, alles andere als eine "Versöhnung", die nur von beiden Seiten kommen kann.

Im Fazit gewinnt das Bild vor allem des Vaters neue Risse, auch wenn der Sohn sich das vielleicht nicht vorgenommen hat.

Aber Helmut Kohl wird in der Öffentlichkeit weiter hofiert und sicher sind später Bronzestatuen von ihm unvermeidlich. Daran ändert auch das neue Buch des Hannelore Kohl-Vertrauten Heribert Schwan nichts, da Schwan die Distanz zur Person und zur Sache fehlt, wie man auf fast jeder Seite liest. Nach ihm ist es beinahe selbstverständlich, dass alle Schuld sind, auch die Söhne, an einer mangelnden Kinder-Eltern-Beziehung, aber auf keinen Fall der unantastbare Helmut. Er schreibt in "Die Frau an seiner Seite" (113):

"Hannelore versäumte es, ihren Söhnen kindgerecht in einem frühen Stadium den Beruf des Vaters zu erklären und um Verständnis für die Abwesenheit und Kommunikationsdefizite ihres Mannes zu werben."

Aber selbst wenn man diese irre Logik für einen Augenblick akzeptiert, hinkt die Sprache: Einen Termin, einen Zug kann man versäumen, aber wie heißt das noch mal, wenn man etwas 18 Jahre lang versäumt? - Ach, richtig - "versagen". Aber das darf man nicht schreiben, weil auch Kanzler-Frauen unantastbar sind.

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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