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"Traust Di?" Paul, der leicht beleibte Wirtesohn aus dem Münchner Hotel, feixte mich mit in die Seiten gestemmten Armen an. Wetten, dass du di net traust, Peter!?"

Ich trat an den Rand des Holzstegs und sah in das pechschwarze Meer unter mir. Ich konnte die Höhe nicht abschätzen, denn eine Wolke hatte sich gerade vor den Vollmond geschoben und ich hörte nur die schwache Brandung. Wie tief es war? Keine Ahnung. Der Alkoholpegel machte mich jedoch mutig genug, um abschätzig zu nicken. "Warum nicht, um eine Flasche Weißwein morgen Abend wenn Du willst". 

"Abgemacht, dann aber ein Kopfsprung!" Er streckte mir grinsend seine Pranke entgegen und ich schlug kurzentschlossen ein. Ich sah mich nach einer Dusche um, denn ich war nicht gewillt mit einem Schock abzusaufen. 

"Komm mit", meinte Jenny seine dunkelhäutige Freundin. "Da vorne am Strand ist eine Dusche." Über die Holzplanken gingen wir zu zweit zurück an den Strand. Sie drehte den Wasserhahn auf und begann sich auszuziehen. Ich zögerte kurz. Gehörte das zur Wette? Ich hörte Paul lachen, der schon ungeduldig im Halbdunkel winkte. Ich entledigte mich meiner Kleider und stand schließlich nackt vor dieser ebenfalls nackten bezaubernden Schönheit.

Die Szene erinnerte mich irgendwie an den Garten Eden, wobei mir entfallen ist ob es dort schon Duschen gab. Sie lächelte mir zu. "Komm, hier ist Platz für zwei", meinte sie und ich ließ mich nicht zweimal bitten. Ihre natürliche Unbefangenheit wirkte ansteckend. Ihre Brüste glänzten nass im Vollmond der es auch nicht mehr hinter der Wolke ausgehalten hatte. Was für ein Anblick. Wäre sie nicht nach einer Minute lachend Richtung Wasser gerannt, würde ich wohl heute noch unter dieser Dusche stehen mit Schwimmhäuten zwischen Händen und Füßen. Ich rannte ihr hinterher. Am Ende des Piers blieb sie stehen, den Paul wollte dass ich zuerst springe. Ich rannte schreiend zwischen den beiden durch und sprang Kopfüber in dieses schwarze Nichts. Vielleicht sind es gar nicht zwei Meter, sondernünf schoss es mir in dem Moment durch den Kopf. Eine Millisekunde später befürchtete ich, dass die Fluten nur flach sein könnten und mein Kopf gleich auf schroffe Felsen aufschlagen würde. Da ein Kopfsprung aber nur perfekt wird, wenn man die Sprunghöhe kennt, schlug ich flach wie eine Flunder klatschend auf dem Wasser auf. Prustend kam ich hoch und hörte die anderen über mir johlen. Ich schwamm schnell aus der Gefahrenzone, denn wen Paul gleich folgen würde, möchte ich nicht sein Landekissen sein. Ich schwamm um den Steg herum und auf der Rückseite konnte man über eine Steintreppe, die ins Wasser ragte, aussteigen. Die Wellen spülten mich jedoch dreimal wie ein Fisch wieder ins Wasser, bis ich den richtigen Zeitpunkt endlich erwischte. Danach saßen wir noch lange auf den warmen Holzplanken zum Trocknen. Den Rest der Nacht hat der Schnaps verschluckt auf Nimmerwiedersehen.

Am Morgen darauf trafen wir uns im Strandlokal in Selce zum Katerfrühstück. Ich betrat mit einem Brummschädel das Lokal, wo mir Paul schon von weitem zuwinkte. Als ich mich setzte, bestellte er gerade das nächste Bier. Während er eine Riesenportion Tomatenreis mit Crevetten verdrückte, schimpfte er über die Größe der Bierhumpen. Ich wollte wissen was daran nicht in Ordnung sei. Er meinte in dieser Babygröße von Glas würde das Bier von selber verdunsten. Ich sagte, das Halbliterglas sei das, was wir bei uns zu Hause ein "Großes" nennen. Seinem mitleidigen Lächeln zufolge war er entweder anderes gewohnt, oder aber ein begnadeter Aufschneider. "Auf der Wiesen bei uns gibt es nur Literkrüge, und nicht solchen Kleinkram?"

"Was ist denn die Wiesen?", wollte ich wissen und erntete den verdienten Hohn. Dass ein Erdenbürger die größte Gaudi der Welt nicht kennen würde, schien ihm so abstrus, dass er mich kurzerhand einlud, im Herbst zu ihm nach München zu kommen. Er würde für die Übernachtung sorgen. Einen Tag später fuhren wir weiter. Wir, das waren mein Freund und ich. Vorher tauschte wir noch die Adressen aus. Wie es normalerweise mit Ferienbekanntschaften so ist, hatte ich Monate später die Geschichte fast vergessen. Ich sollte mich irren. Fortsetzung folgt.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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