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Der Übergang hat sich hier leichter, aber doch nicht ohne Kämpfe und Vorbehalte vollzogen. Wenn man überhaupt von einer Stadt der deutschen Renaissance sprechen will, kann — neben Basel — nur Augsburg diese Kennzeichnung beanspruchen; und es ist naturgemäß von grundlegender Bedeutung, dass Holbein, der größte Meister der deutschen Renaissance, gerade in dieser Stadt — vermutlich Ende 1497, vielleicht auch erst Anfang 1498 — geboren wurde und aufwuchs. Wie die Welt des reifenden Mannes in Basel ihre geistige Prägung empfing, so die des Knaben und Jünglings durch das Erlebnis des weltaufgeschlossenen, großbürgerlichen Augsburg.

Seit Konradins Zeit ist Augsburg Freie Reichsstadt, und der Übergang zu den neuen ständischen Ordnungen hat sich hier ohne schwere Konflikte vollzogen.

1368 erhielten die Zünfte Zutritt zum Stadtregiment und erlangten in diesem bald ein maßgebendes Übergewicht; doch beließ man den Patriziern Vorrechte in der Besetzung von Ämtern und bei der Durchführung diplomatischer Missionen. Der Gegensatz von Bischofs- und Bürgerstadt blieb freilich bis zur Reformation bestehen und führte zu häufigen Kämpfen.

Im ganzen war das Regiment der Zünfte, d. i. der Handwerker, zwar fortschrittfreundlich, aber allen radikalen Neuerungen abgeneigt; was seinen Grund in der starken Bindung der Stadt an die Person des Kaisers, besonders diejenige Maximilians, dann aber auch in dem nicht so sehr in Satzungen als in dem Gewicht der finanziellen Macht verankerten Einfluss der großen Handelsgeschlechter und Wirtschaftsführer, voran der Fugger, Welser, Baumgartner, Rem, Imhof, Gossenbrot, Herwart, Manlich, Zink, Kraft und Herbrot hat.

Die die Fernpässe Tirols und des Engadins beherrschende Stadt wurde um 1500 der größte Umschlagsplatz des Handels Süddeutschlands mit Italien und dem Orient, sie war eine Hauptstätte der Leinen- und Baumwollindustrie. Das Haus der Welser entfaltete seine Initiative im Ostindienhandel mit Spezereien und Gewürzen, das der Fugger, voran sein großartigster Repräsentant, Jakob der Reiche (1459 bis 1525), im Bergwerkbau und Erzhandel, besonders in Silber und Kupfer.

Hans Holbein d. Ä. - Epitaph des Bürgermeisters Ulrich Schwarz (Ausschnitt)Hans Holbein d. Ä. - Epitaph des Bürgermeisters Ulrich Schwarz (Ausschnitt)Außerdem war hier ein Mittelpunkt des europäischen Geld- und Kreditverkehrs. Die Fugger waren die Bankiers der Päpste und Habsburger. Ihr Vermögen stieg zwischen 1510 und 1527 von 200.000 auf zwei Millionen Goldgulden, ein Betrag, der nach vorsichtigen Schätzungen etwa einer heutigen Kaufkraft von 70 Millionen Mark entspricht. Man weiß, dass es die Darlehen der Augsburger Großkaufleute gewesen sind, die die Kaiserwahl Karls V. gegenüber dem rivalisierenden Franz I. von Frankreich ermöglicht haben. Von 850.000 Goldgulden, die der Habsburger damals aufnehmen mußte, haben die Fugger etwa 530.000, die Welser 140.000 gegeben; und so konnte Jakob Fugger dem Kaiser schreiben:

„Es ist wissentlich und liegt am Tage, daß Eure Kaiserliche Majestät die Römisch Krön außer mein nicht hätte erlangen mögen.“

Diesem selbstbewussten Wort muss man freilich ein anderes, kritisches, entgegenstellen, das Ulrich von Hütten ausgesprochen hat:

„Suchten nicht bisher die Fugger auf jede erlaubte und unerlaubte Weise alle übrigen Kaufleute vom Handel mit indischen Erzeugnissen auszuschließen, um durch die Einführung von entbehrlichen oder die Gesundheit und die Sitten schädigenden Waren den Deutschen ihr Geld und Silber abzunehmen? Ist es daher nicht der Wunsch aller redlichen Deutschen, auch der gutgesinnten Kaufleute, daß diese Leute, je eher, je lieber, aus unserm Vaterland vertrieben werden? Ist es nicht Raub, wenn sie Deutschland mit einer Münze überschwemmen, die nicht den inneren Gehalt hat, den sie haben sollte? Ist es nicht auch Raub, wenn sie sich nahezu das gleiche Monopol über die Ablässe, Pfründen, Dispense und andere päpstliche Privilegien verschafft haben, wie über die indischen Waren, wenn sie ganz Deutschland mit römischem wie indischem Tand überschwemmen und ihren Mitbürgern, so dem einen wie dem andern, gutes Geld herauslocken?“

Die Kritik Huttens, die, wie man sieht, antiklerikale wie antikapitalistische Argumente vorbringt, war berechtigt, soweit sie den Ablassmissbrauch und andere im Zusammenhang der Reformationsgeschichte wichtige Zersetzungserscheinungen der damaligen Kirchenpraxis angriff. Auch das soziale Problem, das mit der Entwicklung des Großunternehmertums eine gewisse Proletarisierung des Handwerks mit sich brachte — das Kapital für den Einkauf der Rohbaumwolle wurde von den Unternehmern vorgeschossen, die auch die Fertigstellung der Ware und den Vertrieb übernahmen — , ist bedeutsam genug; freilich ist es erst in einer etwas späteren Zeit, in den zwanziger und dreißiger Jahren des neuen Jahrhunderts, akut geworden. Die Geldentwertung aber, die Hütten den Monopoltendenzen der Fugger zuschreibt, ist in Wahrheit eine mit dem Zustrom des überseeischen Goldes zusammenhängende Kaufkraftminderung des Geldes gewesen.

Silberne Madonna - Um 1500 (von Seld?)Silberne Madonna - Um 1500 (von Seld?)Tatsächlich bezeugen die wenigen erhaltenen statistischen Angaben der Augsburger Stadtbücher, daß die soziale Struktur der Kommune damals noch gesund war, daß der Wohlstand ständig wuchs und sich auf einer breiten Grundlage entfaltete. So erfahren wir, dass es um 1500 etwa 2.500 Webermeister in Augsburg gab — gegenüber 700 im Jahre 1466 — , die jährlich siebzigtausend Stück Leinwand bleichten und fünfunddreißigtausend Stück Barchent dem Schauamt vorlegten. Bei einer ungefähren Schätzung der damaligen Einwohnerzahl auf 20.000 Köpfe werden im Jahre 1475 2.700, 1520 etwa 3.000 „Nichtshäbige“ angeführt, für die in Notzeiten teils durch Maßnahmen der Stadtverwaltung, teils durch Spenden der Besitzenden gesorgt wurde. Dass der Reichtum sich nicht nur in einzelnen wenigen Händen sammelte, wird ersichtlich, wenn man erfährt, daß die Stadt im Jahre 1522 5.940 und im Jahre 1528 6.440 Steuerzahler aufweisen konnte; in der ersten Steuerklasse waren 1498 9, 1526 39 Bürger eingereiht. Man hat berechnet, daß sich das Vermögen Augsburgs im Zeitraum dieser zwanzig Jahre verzehnfacht hat.

Auch der Umstand, dass man schon im Jahre 1473 120 Bier- und Weinschenken zählte, gestattet einige Rückschlüsse auf einen behäbigen und breit verteilten Wohlstand.

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Die Söhne der Patrizier und reichen Kaufleute studierten an den italienischen Universitäten, in Bologna und Padua, und brachten den neuen humanistischen Geist, der auch in den Klöstern der Stadt eifrige Pflege fand, in die Heimat mit. Zahlreiche Offizinen, voran diejenige Johann Schönspergers des Jüngeren, Rynmanns, Silvan Ottmars und Sigmund Grimms, setzten sich mit Druckwerken für die Verbreitung der neuen Idee ein.

Das Haus Konrad Peutingers, des Freundes Kaiser Maximilians, war wie dasjenige Jakob Fuggers und des Erasmus von Rotterdam ein Mittelpunkt der humanistischen Studien und Bestrebungen. Der Gelehrte, dessen vornehme Denkart einen bedeutsamen und mäßigenden Einfluss im Stadtregiment ausübte, besaß eine berühmte Bibliothek griechischer und römischer Handschriften, eine wertvolle Sammlung antiker Münzen. Er hat u. a. eine Schrift; über die römischen Altertümer in Augsburg und seiner Umgebung veröffentlicht. Wir hören von zahlreichen guten Schulen; auch wurde der Meistersang eifrig gepflegt.

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Das Augsburger Stadtbild hat in diesen Jahrzehnten vor und nach der Jahrhundertwende eine vollkommen neue Gestaltung erfahren, die die behäbige schwäbische Baugesinnung mit dem neuen Dekor des Südens verschmolz. Wiederum ist Jakob Fugger, den man mit Recht den Vater der deutschen Renaissance genannt hat, zusammen mit seinen Brüdern der großartige Initiator, Melanchthon hat ihn gemeint, wenn er schreibt:

“Augsburg ist ein deutsches Florenz, und die Fugger sind den Medicis an die Seite zu stellen.“

1509 wurde der Bau der Grabkapelle der Fugger bei St. Anna, 1511 der des berühmten Fuggerpalastes begonnen: die beiden frühesten Denkmäler der deutschen Renaissance sind hier entstanden, ohne daß die Erinnerung an die spätgotische Vergangenheit vollkommen verleugnet worden wäre. In der Kapelle weist das Kreuzgewölbe und der Altarchristus auf mittelalterliche Tradition hin, der Palast hatte gotisch profilierte Portale, die in die Kreuzgewölbehallen des Erdgeschosses führten. Der Humanist Beatus Rhenanus, dem Holbein später in Basel begegnete, entwirft in einem an Philipp Puchaimer gerichteten Brief eine anschauliche Schilderung der prachtvollen Innenraumgestaltung der Fuggerschen Palastanlage:

“Niemals werde ich Deine Freundlichkeit vergessen, mit der Du mir in Augsburg behilflich warst, indem Du mich durch Christoph Wirsungs Vermittlung in das Haus der Fugger anführtest. Was gibt es Prächtiges, das hier nicht zu finden wäre? Fast überall ist es gewölbt und von Marmorsäulen gestützt, deren Kapitale nach dem Muster des Altertums gemeißelt sind. Was soll ich sagen über die geräumigen und wohlgeschmückten Zimmer, über die Kamine, die Verbindungsgänge, über das Schlafgemach des Hausherrn mit seiner goldverzierten getäfelten Decke, mit seinem sonstigen Schmuck und der ganz ungewöhnlichen Pracht des Bettes! Neben diesem Zimmer befindet sich eine kleine Kapelle des Heiligen Sebastian mit einem aus kostbarem Holz meisterlich geschnitzten Gestühl. Alles ist innen und außen mit Malereien geschmückt, und obschon alles höchst wertvoll ist, trägt es doch selten überflüssigen Aufwand zur Schau, wohl aber einen gefälligen Geschmack und maßvolle Prachtentfaltung . . .

Das Haus Raimund Fuggers, das von demjenigen Antons etwas entfernt liegt, aber ebenso fürstlich eingerichtet ist, gewährt einen sehr anmutigen Ausblick auf die Gärten, deren einer unmittelbar am Hause liegt, der andere durch die Straße, die aber nur eng ist, von ihm getrennt ist. Alles, was Italien an Pflanzen hervorbringt, weist der Hausgarten auf. Man sieht da ferner Blumenbeete, Gartenhäuschen, Baumgruppen, Springbrunnen mit gegossenen Götterbildern. Auch ein Bad befindet sich dort am Hause. Die Gärten des Königs Ludwig von Frankreich, die wir einst in Tours und Blois sahen, haben mir nicht so gut gefallen. Als wir in das Haus eintraten, sahen wir umfangreiche Kamine, weitläufige Höfe und heizbare Gemächer, aufs prächtigste ausgeschmückt. Hier erblickten wir ausgesuchte Gemälde aus Italien, auch viele Bilder von Lukas Cranach in höchster Vollendung.

Noch mehr erregten unser Erstaunen, als wir in das obere Stockwerk hinaufgeführt wurden, die vielen Bildwerke des Altertums, wie sie wohl auch in Italien kaum irgendwo bei einem einzelnen Mann in größerer Zahl zu finden sind. Zunächst betrachteten wir die ehernen und gegossenen Standbilder. Welcher von den alten Göttern ist uns hier nicht mehrmals begegnet! In einem anderen Gemach, das nur Steinplastiken enthielt, sahen wir Diana mit dem Mond . . .

Es wurde uns erzählt, daß diese Denkmäler des Altertums fast aus der ganzen Welt zusammengetragen worden seien, meist jedoch aus Griechenland und Sizilien. Herrn Raimund reut bei der Vorliebe, die er als genauer Kenner für die Wissenschaften des Altertums hegt, keine Ausgabe, wenn er solche Dinge erwerben kann. Daran erkennt man den wahrhaft edlen und hochsinnigen Geist dieses Mannes.“


Viele Neu- und Umbauten wurden damals durchgeführt. Es entstanden oder wurden neu gestaltet: die Kirchen von St. Ulrich und Heilig Kreuz, die Dominikanerkirche, das Katharinenkloster, das städtische Gieß- und Zeughaus, das Palais des kaiserlichen Kanzlers Matthäus Lang, das Kornhaus.

Die herrliche Fassadenreihe der Via triumphalis, der Maximilianstraße, erhielt in diesen Jahren ihre Prägung. “Nie sah ich Glänzenderes und Verehrungswürdigeres als Augsburg“, schreibt Urbanius Rhegius; und Enea Silvio Piccolomini: “Es möchten wohl Fürsten die Bewohner solcher Häuser beneiden.“

Betrachtet man dieses Bild des goldenen Augsburg, das noch durch manchen wichtigen Zug zu ergänzen sein wird, so muss allerdings Huttens Kritik hinter der Schilderung eines anderen Zeitgenossen zurückstehen:

„Wie diese Stadt in kurzen Jahren hat zugenommen, in Reichtum prächtigen Lebens, weiß männiglich wohl, der Augsburg gesehen. Denn ihresgleichen wird zu unseren Zeiten in Deutschland nicht gefunden, etlicher besonderer Personen halber, die an sich gezogen haben die höchsten Kaufmannshändel, die in Europa betrieben werden; ja, ich höre sagen, in der Barbarei führen sie ihre Hantierung und Gewerbe, so daß durch sie ein überschwenglich großes Gut erobert ist und sie für die reichsten Kaufleute geschätzt werden, so nicht allein Deutschland, sondern ganz Europa zu unsern Zeiten hat. Es ist durch sie die Stadt dermaßen mit herrlichen Palästen und Häusern gezieret worden, daß einer, der vorher nicht dagewesen, glauben kann, er ginge in ein Paradies . . . Die Bürger bei ihrem prächtlichen Wesen sind nicht unfreundlich gegen den Fremden und besonders gegen den Gelehrten, wie sie auch gelehrte Männer im Rat und in den Ämtern haben, und befleißigen sich, daß ihre Kinder in guten Künsten erzogen werden.“

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Ein neues festliches Lebensgefühl ist der Ausdruck der weltbürgerlichen Haltung und des gesteigerten Wohlstandes.

Liest man die Seiten der damals geschriebenen Chroniken, so könnte man wohl bisweilen zu der Meinung gelangen, das Leben der Stadt habe sich in diesen Jahrzehnten in einer nicht abreißenden Folge von Festen erschöpft; bis man durch andere Aufzeichnungen belehrt wird, daß es auch einen Alltag gab; bis man erfährt, daß, wie in den künstlerischen Dokumenten der Epoche spätgotische und renaissancehafte Elemente sich mischen, so auch hinter der heiter festlichen, fast antikisch-heidnischen Fassade solchen Lebens und Treibens mächtige und erschütternde Äußerungen religiöser Inbrunst und mystischen Glaubens fühlbar werden, die dann schließlich in den großen Kämpfen des kommenden Jahrhunderts, in den Bewegungen der Reformation und Gegenreformation, nach außen drängten.

Bezeichnend genug für solchen geistigen Dualismus ist ein Wort, das Hans Fugger bei der Bestellung einer Bildtafel äußerte:

“Ich 's wollte andächtig und schön haben und nit nur dies, daß der Maler allein sein Kunstwerk zeigt und weiter nichts hat.“

Man liest immer wieder begeisterte Schilderungen von Glanz und Prunk der Turniere, Wettspiele, Aufzüge, Prozessionen, Schauspiele und Geschlechtertänze, von üppigen Gastmählern, von gewaltigem Aufwand in Mode und Tracht. “Wo ist eine Frau, ich sage nicht vom Adel, sondern eine bürgerliche“, schreibt Enea Silvio, “die nicht von Golde glänzt?“ Ein vom Rat 1509 veranstaltetes Schützenfest kostete — bei einem Gesamtetat der Stadt in Höhe von 53.000 Gulden — 9.000 Gulden. Von einem Bäckermeister, der seine Tochter verheiratete, wird berichtet, daß er 720 Gäste auf acht Tage eingeladen habe. Es seien u. a. 20 Ochsen, 30 Hirsche, 95 Mastschweine und 1.000 Gänse verzehrt worden.

Es fehlt naturgemäß nicht an Klagen über ein solches Leben und Treiben. „Anno 1519“, heißt es in einer Chronik, „war große Hoffart hier unter den Bürgern und unter den Handwerkern. Die Kaiserlichen haben viele bösen Sitten hierher gebracht, die früher nicht zu beobachten waren. Es geschahen große Spiele mit Karten und Würfeln, und man war ausschweifend in Essen und Trinken. . So war man auch üppig in der Kleidung: Männer und Frauen trugen Marderpelze, Samt und Damast, köstliche Ringe, Perlen und goldene Ketten, wie man sie in keiner Stadt in deutschen Landen findet.“

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Mit der häufigen Anwesenheit Maximilians in Augsburg — ein Rat des französischen Königs hat den Kaiser scherzhaft einmal „Bürgermeister von Augsburg“ genannt — hängt in der Tat diese im damaligen Europa sprichwörtlich gewordene „Augsburger Pracht“, aber auch manche nachteilige Auswirkung zusammen.

„Solange der Kaiser in der Stadt war“, heißt es in einer Chronik, „ging es bei vielen Handwerksleuten, die dabei Nutzen zogen, hoch her; wenn er wegzog, waren sie den Luxus gewohnt und verdorben.“ Erstmals hatte Maximilian 1473 als Erzherzog Augsburg besucht, und seitdem weilte er fast jedes Jahr als Gast und Gastgeber in seinen Mauern. Denkwürdige Reichstage wurden hier abgehalten, um die der Dekor reicher Feste sich entfaltete. Der Kaiser pflog gelehrte Gespräche mit seinen Freunden Jakob Fugger und Konrad Peutinger, er gab hier die Anregungen zu dem Innsbrucker Grabmal und den großen, der Geschichte seiner Vorfahren und seiner eigenen Erlebnisse gewidmeten Holzschnittwerken, bei deren Gestaltung vor allem der Augsburger Burgkmair mitarbeitete; denn, so schreibt Maximilian selbst im „Weißkunig“, „wer sich in seinem Leben kein Gedächtnis macht, der hat nach seinem Tod kein Gedächtnis und desselbigen Menschen wird mit dem Glockenton vergessen.“

Als der Kaiser 1518 zum letzten mal im Zusammenhang des bekannten Reichstages in Augsburg weilte — damals hat ihn auch Albrecht Dürer porträtiert — , haben ihn die großen Aktionen der Innen- und Außenpolitik, der Türkenkrieg und das Gespräch Luthers mit Kardinal Cajetan, nicht davon abgehalten, einem Geschlechtertanz beizuwohnen und einen Reigen der Jungfrauen anzuregen, da ihm die Kavaliere nicht zierlich genug tanzten. Dabei störten ihn die das Gesicht verhüllenden Schleier und er ließ „seiner Demut gemäß, gütig und freundlich, obschon er doch in kraft seiner Kaiserlichen Majestät hätte gebieten können“, die Jungfrauen bitten, daß sie „solche Schleier abtun sollten“; was denn auch geschah.

Als Maximilian, der wenige Monate später starb, aus der Stadt schied, sprach er die wehmütigen Worte: „Nun gesegne dich Gott, du liebes Augsburg, und alle frommen Bürger darin! Wohl haben Wir manchen frohen Mut in dir gehabt. Nun werden Wir dich nicht mehr sehen.“

Die Gestalt des „Letzten Ritters“, die aus dem spätgotischen Mittelalter wächst und sich dabei ohne Zwang in den Formen des neuen Geistes und Lebens bewegt, steht gleichnishaft für den in Augsburg — im Gegensatz zu Nürnberg und Basel — ohne schwere Kämpfe und radikalen Umbruch sich vollziehenden Übergang von der Gebundenheit der mittelalterlichen Ordnung in die neue Freiheit des Individuums.

Abb. 1 Augsburger Gesellschaft um 1500.
Abb. 2 Hans Holbein d. Ä. - Epitaph des Bürgermeisters Ulrich Schwarz (Ausschnitt)
Abb. 3 Silberne Madonna - Um 1500 (von Seld?)

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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