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Seit Jahren nämlich kennzeichneten Unglücksfälle wie vorauswarnend diesen Tag; bald brannte es, bald starb jähen Todes ein Lakai; bald zersprang einem Minister die Flinte in der Hand, ein Stück derselben hinwegreißend. Im letztvergangenen Jahre war der Königin beim Blutentziehen eine Ader abgeschlagen worden, und diesmal verwundete beim Umstürzen einer Mauer des Hofgartens ein Stück davon mehrere Arbeiter auf schwere Weise.

Zu Ehren des Festes, 12. Oktober, gab der russische Gesandte Graf Woronzoff einen Ball mit allgemeiner Beleuchtung des Palastes; der ganze Hof und die Exkönigin Friederike von Schweden mit Sohn und Töchtern fanden sich ein. Obwohl ermüdet von den Gratulationen, war der König heiter und freundlich und spielte seine Partie Karten, fuhr aber, nachdem er nichts als ein Glas Zuckerwasser genossen, schon nm  ½10 Uhr Nachts nach Nymphenburg zurück. „Nicht wahr, ich halte Wort und komme früh nach Haus“, sprach er zu seinen Leuten, „um halb 6 Uhr will ich morgen geweckt sein“. Um die begehrte Stunde öffnete der Kammerdiener die Läden, fand den König, wie gewöhnlich beim Einschlafen, das Gesicht auf einer Hand ruhend, stellte ihm sein Selterswasser vors Bett, rief ihn dreimal an: „Majestät“, faßte endlich die freie Hand - sie war kalt; der Tod musste den Schlafenden schnell, wahrscheinlich noch vor Mitternacht ereilt haben.

Abb. 2 Ludwig I. König von Bayern (1786 – 1868). Nach einem Gemälde von J. Stieler gestochen von F. ForsterWie eine Bildsäule saß die Königin den ganzen Morgen bei der Leiche; unfähig, an den Tod zu glauben, ließ sie dieselbe lang in warme Tücher einschlagen, wodurch nur Entstellung vor der Zeit bewirkt wurde. Alles, was die Nachricht erfuhr, stürzte ins Zimmer. Alles wollte ihn sehen, der für seine Umgebung immer so gütig gewesen.

Prinz Karl lief bei der Kunde, ohne den Wagen abzuwarten, zu Fuß und händeringend aus der Residenz, wo er nach dem Balle geblieben, gen Nymphenburg. Außer Atem, in großer Trostlosigkeit jammernd: „Ich habe alles verloren“, ward er von seinen Leuten im Wagen eingeholt und saß dann bei der Leiche, zu ihr sprechend, sie mit feinen Tränen benetzend. Prinzeß Marie wehklagte, daß sie ans dein Balle vielleicht getanzt habe, wahrend ihr Vater aus dem Leben schied.

Mir wurde die Nachricht am Morgen des 13. durch Wilhelm von Freyberg mitgeteilt, der in großer Aufregung bei uns sich einfand. Der Tod eines Herrschers hat immer etwas Erschütterndes, einmal in Hinblick auf den Geschiedenen, auf seine schwere Rechenschaft, auf das Gute, das man von ihm empfangen, sodann in Hinblick auf die Zukunft; wie nah meinem Herren stand derjenige, in dessen Hände großenteils die Zukunft des geliebten Vaterlandes gelegt war! Wird er die auf ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen? Wird er gewisse Klippen umschiffen, die bei aller Vortrefflichkeit sein Charakter ihm bereitet? Wird er über einzelne Lücken und Irrtümer seiner in vielen wohlgeregelten Denkweise hinauskommen? Hoffnungen und Sorgen -erschütternd wirken beide. Das ganze Land fühlte sich davon durchzuckt. Handelte sich `s doch um einen völligen Umschwung der Regierungsgrundsätze. Allerdings hatte schon König Max zum Teil eingelenkt von dem Verfahren seiner ersten Herrscherzeit; Konkordat und Tegernseer Religionsedikt bezeugen es. Aber Vieles stand doch beim Alten. „Jetzund“, so jubelten die einen, so knirschten die andern, „jetzund wird wo nicht Alles, so doch vieles umgekehrt werden“.

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Anders sieht Friedrich Thiersch in einem Brief an Jacobs das Ereignis an:
Des Königs Tod, den wir alle herzlich beklagen, ist der Anfang großer Veränderungen gewesen. In kirchlichen Dingen wird es einige Festtage mehr, einige Prozessionen, Klöster und dergleichen geben, fleißigeres Besuchen der Messe, der Beichte. Dabei aber wird es sein Verbleiben haben. Die oberen Behörden sind so besetzt, daß an ein Übergewicht der Geistlichen nicht zu denken ist.

Abb. 3 Tod König Max Josephs I. in der Nacht vom 12. zum 13. Oktober 1825. Zeitgenössischer StichDer König hat eine zu gute Natur, ein zu lebhaftes Gefühl seiner Lage und ihrer Bedürfnisse, um sich hier preiszugeben. Noch ist von ihm nichts geschehen, was mein großes Vertrauen in seine Gerechtigkeit, Unparteilichkeit und Einsicht erschüttert hätte. Ist der erste Sturm vorüber und findet er mehr Ruhe, seiner auf das Große und, ich darf sagen, Geniale gehende Richtung zu folgen, so dürfen wir einer schönen Zukunft entgegensehen, wenn Ruhe und Friede bleibt. Sein Grundsatz ist, daß überall das Talent, die höhere Einsicht, die Leute, die etwas machen können, sei es im Staat, in der Wissenschaft, in der Kunst, hervorgehoben werden und herrschen sollen. Den Adel, meist unbrauchbar, wird er mehr und mehr auf seine Güter senden oder zu gehen nötigen, inwiefern die Stellen im Staat weniger und geringer werden.

Ringseis, der zur hochkatholischen Partei gehörte, war begreiflicher Weise ein Gegner der antikirchlichen Ausklärungspolitik, die Maximilian I. Joseph, von Montgelas beraten, trieb, und erhoffte viel von Ludwig, dem man sehr kirchliche Gesinnung nachsagte. Übrigens hatte Maximilian Joseph mit dem Konkordat und mit dem sogenannten .Tegernseer Edikt seine frühere, gegenkirchliche Politik selbst eingeschränkt. Thiersch erwartete von Ludwig ein der Pflege der Künste und Wissenschaften zugewandtes Regiment.

Die Königin: Friederike, Wilhelmine, Karoline, geborene Prinzessin von Baden (1776- 1841), seit 1797 mit Max Joseph vermählt, dessen zweite Gattin sie war.

Prinz Karl (1795 – 1875), der fünftgeborene Sohn des Königs, seit 1841 Feldmarschall von Bayern.

Prinzeß Marie, geboren 1805, heiratete 1833 den nachmaligen König Friedrich August von Sachsen.


Abb. 1 König Ludwig im Kreise seiner Familie. Nach einer Originalzeichnung G. Bodmers auf Stein gezeichnet von J. Melcher
Abb. 2 Ludwig I. König von Bayern (1786 – 1868). Nach einem Gemälde von J. Stieler gestochen von F. Forster
Abb. 3 Tod König Max Josephs I. in der Nacht vom 12. zum 13. Oktober 1825. Zeitgenössischer Stich

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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