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Aber der gescheite Ausdruck seines scharfgeschnittenen Gesichtes war anziehend, und seine graublauen Augen hatten etwas Umfassendes, Wahres im Blick. Seine mittelgroße Gestalt war regelmäßig, im Alter etwas nach vorn gebeugt. Sein lebhafter Gang, sein plötzliches Stehenbleiben schienen nie mechanisch zu sein, sondern immer in Verbindung mit einem Gedanken, der ihn gerade beschäftigte. Die verschiedensten Dinge gaben dazu Anlaß: ein Bauwerk, ein Gemälde, eine Physionomie, ein Schleier. Einen Schleier vor dem Gesichte einer Dame konnte er nämlich nicht leiden, und die Münchnerinnen wußten dies so genau, daß Alte und Junge den Hutschleier in die Höhe rissen, sobald sie nur den König von weitem kommen sahen. Außerdem mußten sie eine Rüge von ihm gewärtigen wegen „Etiquettenmangel“. Wurde diese auch meist nur scherzhaft erteilt, so vermied man sie dennoch, da Ludwig I. so laut sprach, daß das eben anwesende Publikum alles hörte und dann seine Randglossen über die Betreffende machte. Und wenn auch allein, ging der König doch nicht allein, denn in angemessener Entfernung folgten ihm stets einige Neugierige; sie blieben wie auf Kommando stehen, wenn der König mit einem ehrerbietig sprach, der des Weges gekommen.  

Da hallte dann weithin eine schwungvolle Rede, die aber hastig, stoßweise hervorgebracht wurde. Bisweilen spann sich die Unterredung länger fort, dann bildeten die stummen Begleiter einen Kreis um Ludwig I. Auch ich stand, wenn möglich, in einer solchen Corona, denn es war mir ein lehrreiches Vergnügen, zuzuhören, wenn der König, was oftmals geschah, mit seinen Lieblingsarchitekten Klenze und Gärtner vor einer seiner Kunstschöpfungen stand und sein Urteil abgab, bald über das Ganze, bald über Einzelheiten.

Einmal hörte ich den König mit meinem Vater im englischen Garten über den Monopteros in so sinniger Weise sprechen, daß ich, wie ausgerüttelt davon, den kleinen Tempel, an dem ich wohl über hundertmal gleichgültig vorübergegangen war, eigentlich nun erst recht betrachtete.

Sein eigentliches Denken und Empfinden legte der König am offensten in feinen Gedichten nieder, und der Inhalt entschädigt für manche holprige, harte Ausdrucksweise. Die klassische Bildung der damaligen Zeit war Ludwig I. so in Fleisch und Blut übergegangen, daß er sich zur Einkleidung seiner poetischen Gefühle fast ausschließlich klassischer Versmaße bediente. Vorwiegend treten deshalb das Distichon und der Jambus auf. Vielfach überschüttet mit Lob, von den Dichtern Rückert, Öhlenschläger, Münch-Bellinghausen gefeiert, sagt Ludwig I. zu seinem Distichon: „An mich“

Daß dich nicht täusche das reichliche Lob; denn was du gedichtet,
Ungepriesen blieb`s, säßest du nicht ans dem Thron.


Doch das wäre eine Ungerechtigkeit gegen den König. Denn viele seiner Gedichte haben einen bleibenden Wert. Wer Ludwig I. und seine Zeit verstehen will, muß seine Gedichte lesen und beherzigen.

Die oft getadelten Schwärmereien Ludwigs I. für diese und jene Schönheit, die ihn auch zur Anlage der herrlichen „Schönheiten-Galerie“ in der Residenz veranlassten, haben der Liebe zu seiner Gemahlin keinen Eintrag getan. Er bezeichnet sie als das „Ideal des Weibes“, und sich offen aussprechend, preist er ihre edle Milde im Vergleich zu dem abfälligen Urteil der Welt über seine bewegte Herzensgeschichte:

„Du verkennst mich nicht, obgleich mich die Menge verkennet,
Unerreichbares Weib, trefflichstes, welches gelebt!
Wird der Wipfel der Eiche vom Wind auch zuweilen beweget,
Wurzelt sie dennoch fest, ewig die Liebe für Dich!“


Abb. 1 Abschied des Königs Otto von Griechenland am 6.Dezember 1832. Nach einer Zeichnung von Ph. Foltz. Lithographiert von G. Bodmer

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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