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Am anderen Morgen war, nach dem Gegenbesuche bei den lieben, freundlichen Nachbarn, mein erster Gang zu dem Minister von Schenk. Ich fand den liebenswürdigen Mann ganz so, wie ich ihn nach seinen Briefen mir vorgestellt hatte, und wie andere mir ihn beschrieben. Mündlich beantwortete er mir noch vieles, das er auf meine Briefe unbeantwortet gelassen hatte. Er riet mir, daß ich meinem öffentlichen Versprechen treu bleiben und meine Vorlesungen getrost anfangen solle; es werde mir an Zuhörern nicht fehlen. Ein Hörsaal stehe für mich bereit.

Meinen teuren, wohlwollenden Freund Lerchenfeld fand ich leider nicht mehr in München; er war auswärts zu einem anderen Posten verwendet worden. Aber seiner Vermittlung verdankte ich schon früher die Einführung in einen Kreis der Männer, mit welchen ich jetzt in nähere Verbindung treten sollte, namentlich die persönliche Bekanntschaft mit dem verehrungswerten damaligen Vorstande der Akademie, dem berühmten Franz Paula von Schranck. Man kam mir von allen Seiten freundlich entgegen. Einer meiner künftig nächsten Kollegen an der Universität, ohne zu wissen, daß der Minister von Schenk schon dasselbe getan, forderte mich auf, meine angekündigten Vorlesungen über Naturgeschichte auch für dieses Halbjahr nicht aufzugeben, sondern ihren Anfang in gewöhnlicher Weise durch einen öffentlichen Anschlag festsetzen und die Liste zur Unterzeichnung für dieselben am geeigneten Orte aufzulegen. „Es warteten noch jetzt viele Studierende auf meine Ankunft, um sich bei mir als künftige Zuhörer zu melden; der Ruf, der sie dazu bewege, sei mir von manchem meiner früheren Schüler ans Erlangen her nach München vorausgegangen.“

Mein Freund Fr. v. Roth hatte jetzt sein neugebautes Haus mit dem großen, schönen Garten bezogen. Dahin führte mich der Zug des Verlangens wie nach einem Vaterhause. Dort im Garten, unter den blühenden Bäumen, brachten wir einen Teil des Nachmittags zu, und erst jetzt ward mir es innerlich still und heimatlich wohl in dem geräuschvollen, schönen München zu Mute. Am Abend mit Ringseis sah ich zum ersten Male den Peter Cornelius, den Mann mit dem Siegel der geistigen Großmacht auf seiner Stirn. Wäre ich auch niemals mit ihm so nahe auf Lebenszeit befreundet worden, hätte ich ihn auch nur jenes eine Mal gesehen und gesprochen, ich würde es als ein merkwürdig bedeutendes Ereignis meines Lebens rühmen: auch ich habe den Peter Cornelius persönlich kennen gelernt.

Eduard von Schenk (1788 – 1841), Staatsminister des Innern, auch als dramatischer Dichter bekannt.

Max Graf von Lerchenfeld-Köfering (l779 - 1843) war bis zum .Jahre 1825 Finanzminister, dann wieder von l833 - l835 und zuletzt bayerischer Gesandter in Wien.

Franz Paula von Schranck (1747 – 1835) war ursprünglich Theologe und Mitglied der S.J., studierte dann Naturwissenschaft und zeichnete sich aus als Botaniker und Universitätsprofessor; seit 1809 war er Direktor des botanischen Gartens in München.


Abb. 1 Die Hochbrückmühle und das Bäckerknecht- Bruderschaftshaus im Tal. Radierung von F. Bollinger

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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