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Seit 1367, knapp vor dem Sturz des aristokratischen Regiments, in der Stadt ansässig, schwangen sich die Nachkommen jenes Hans Fugger, der aus dem Lechfelddorf Graben zuwanderte, binnen eines Jahrhunderts in die Spitzengruppe der Großvermögen auf. Angeborene und ererbte, durch Generationen gezüchtete Tüchtigkeit, verbunden mit guten, erheirateten Beziehungen zu führenden Familien der Weber, Kaufleute und Goldschmiede, schenkten ihnen solchen Erfolg. Jedoch er reihte sie noch nicht in jene kleinste Gruppe ein, deren Glanz den europäischen Ruf der Lechstadt begründete und deren Handelszeichen von Spanien bis Kleinasien, von Skandinavien bis Nordafrika, vornehmlich aber an den Brennpunkten großer Wirtschaft, wie zu Venedig, Brügge oder Iwangorod, mit scheuer Bewunderung betrachtet wurden.

In der Geschichte der Fugger lässt sich von keiner eigentlichen Gründergeneration sprechen. Sie besteht in keiner der beiden nach ihren Wappenbildern unterschiedenen Linien der „Fugger vom Reh“ und der „Fugger von der Lilie“. Jene Folge früher Generationen, die vom Tage der Einwanderung an bis zur Verleihung dieser Ehrenbriefe Kaiser Friedrichs III. hin, also bis zur Befestigung der Firma in der öffentlichen Finanz dauert, stellt vielmehr ein geschlossenes Ganzes dar, so reich es durch mannigfache Persönlichkeiten in sich gegliedert erscheint. Es ist das übrigens bezeichnenderweise beinahe die einzige Epoche, in der die Fugger nach zünftischen oder kommunalen Ämtern, nach Führung innerhalb der Stadt und nicht in erster Linie über die Stadt hinaus, mindestens in bestimmten Vertretern, strebten. Aber selbst diese Individualitäten vermögen darüber nicht hinwegzutäuschen, daß sie bloß historisches Detail, gleichsam Anekdote im Gesamtroman ihres Hauses sind, der sich in weit umfassendere Kapitel ordnet. Nicht aus wenigen Generationen — den meist üblichen: der Erwerber, Ererber und Verderber, sondern aus einer Anzahl von Generationsgruppen, die ihresteils gefügte Einheiten darstellen, ist das Geschick dieses einzigartigen Hauses genealogisch und soziologisch, politisch und wirtschaftlich, geistig und kulturell aufgebaut.

Hans Holbein d. Ä. - Jakob Fugger der Reiche (1459-1525)Die erste dieser Schichten, vom Beginn des vierzehnten bis zur Neige des fünfzehnten Jahrhunderts reichend, vollbrachte die Übersiedelung aus dem bäuerlichen Milieu schwäbischer Heimweber an die Augsburger Reichsstraße und damit in ein Zentrum europäischen Handels sowie internationalen Verkehrs. Es blieb von wegweisender Bedeutung, wenn folgende Generationen nicht mehr draußen auf dem Lande, sondern zwischen städtischen Warenlagern, Verkaufsständen und Rechenpulten heranwuchsen. Durch ihre frühe Jugend dröhnen bereits das Poltern und Ächzen hochbeladener Kaufmannswagen. Der Vermögensanstieg der Frühzeit ist bereits beachtlich, hält sich indes noch im Rahmen des Vergleichbaren. Ebenso überschreitet die kulturelle Betätigung noch kaum den Bereich üblicher bürgerlicher Stifterfreude. Die Frauen entstammen angesehenen Meisterfamilien und weisen nur vereinzelt in den Kreis der hohen oder höfischer Finanz. An Bildnissen hat sich aus dieser ältesten Epoche ein einziges bewahrt, das Porträt Jakob Fuggers des Alten von unbekannter Hand. Es zeigt zwischen aller Verzeichnung ein derbes, hartes Gesicht. Soviel der goldene Hintergrund der Gestalt, Pelzhaube, Verbrämung, Ringe und Ketten auf den ansteigenden Reichtum deuten, so könnte man sich doch seinen Träger auch an Pflug und Webstuhl denken. Bezeichnend dünken ferner die geistlichen Berufe. Insoweit sie von Kindern der damals ausgesprochen bürgerlichen Familie ergriffen werden, handelt es sich um rechtschaffene Nonnen in angesehenen Klöstern der Reichsstadt oder um vereinzelte Söhne, die anscheinend nicht nur aus geistlicher Sendung den geweihten Stand wählen. Sie sollen zugleich — zum Beispiel als Scriptoren höchster kirchlicher Behörden — für Familie und Firma Raum und Bahn im Schatten von St. Peter sichern. Auch der jüngste Sohn dieser ältesten Phase, seinesteils wirklich Bahnbrecher des großen Zeitalters der Fugger für seine Familie, für die Reichsstadt und für die Welt, Jakob der Reiche, hat als Chorherr in einem kleinen fränkischen Stift begonnen. Als ihn der Tod älterer Brüder ins Geschäft ruft, vollzieht sich ein Strukturwindel, der binnen weniger Jahrzehnte von unerhörter Dichte einen neuen Menschen- und Geschäftstyp formt und damit zugleich die entscheidende Schicht in dem Geschicke seines Hauses zur Entfaltung bringt. Freilich auch diesmal ist es bei genialer Einmaligkeit der Begabung kein gewaltsames Geschehen von heute auf morgen, geschweige denn ein unversehenes Geschenk des Lebens an irgendeinen seiner verwöhnten Lieblinge, vielmehr zäheste Arbeit bis ins kleinste, die den Umschwung auslöst. Die Anfänge einer italienischen, Tiroler und Augsburger Lehrzeit verraten nach außen nichts Ungewöhnliches. Der dichte Schleier des Geheimnisses, hinter dem sich die langsame Ablösung der älteren Brüder Ulrich und Georg Fugger durch den jüngsten, Jakob, sein Aufstieg zum „rechten Schaffierer“ der Gesellschaft vollzieht, lässt sich nicht zerteilen.

M. Sebel - Ruymund Fugger (1489-1535) Sichtbarer, wenngleich auch vielfach verdeckt, geschieht der unerbittliche Kampf mit der Konkurrenz, der sich zumeist jenseits der schwäbischen Heimat abspielt. Schrittweise rückt die Gesellschaft „Ulrich Fugger und Gebrüder“ an die Spitze der österreichischen Staatsgläubiger vor, gewinnt die uneingeschränkte, viel befehdete Kontrolle über die Bergschätze Tirols, der Tauern, Ungarns sowie weiter Teile von Schlesien, Böhmen und Spanien. Andere hatten zuvor Ähnliches versucht, kaum in wesentlich geringerem Ausmaß. Jedoch fundamental unterschieden durch Konzeption wie Format der Durchführung erweist sich das Fuggersche Beginnen infolge planmäßiger Koppelung seines Vorhabens mit dem kühn aufgebauten System politischer Finanzen, die zur beinahe programmatischen Identifikation des österreichischen Großmachtstrebens von Maximilian I. bis Philipp II. mit der umfassenden Ausbreitung der Fugger in Handel, Bergbau und Finanz führt. Das fordert zeitweise empfindliche Verlustgeschäfte, gestattet dafür aber derart gewichtige Eroberungen wie die Einschaltung der Fugger in das slowakische Montanwesen, einen Erfolg, den die Firma durch die finanzielle Vermittelung der österreichisch-ungarisch-böhmischen Erbheiraten sich selbst sichert und dem Erzhaus entlohnt.

Fast noch mehr von Ungarn als von Augsburg aus vollzieht sich die transkontinentale Organisation des Fuggerschen Geschäftes, wird jenes Netz von Straßen mit Faktoreien als Knotenpunkten geknüpft, das sich nicht bloß über das Reich, sondern über sämtliche europäischen Räume erstreckt, Balkan und Adria, Lombardei und Pyrenäenhalbinsel nicht minder erfasst als Polen und Baltikum, die durch Sund und Belt nach Skandinavien vorgreift, über Antwerpen zur Atlantischen Küste ausholt und in vereinzelten Ausläufern bis ins innere Frankreich und an die Themse sich vorwagt. Wer sich ihr zu widersetzen versucht, und seien es die Hanse oder Sienesen, wird in politisch-finanziellem Zweikampf unbarmherzig erledigt.

H. Kels d. J. - Jörg Fugger (1518-1569)Nun fragt sich allerdings, woher die Mittel zu solchem Unterfangen kommen, das vor dem Eingriff in rein kirchliche Sphären keineswegs haltmacht, das Konklaven beeinflusst, römische Kaiser- und Königswahlen entscheidet, hier Kriege finanziert und dort Frieden stiftet, ein diplomatisches Nachrichtenwesen sondergleichen entfaltet, Zeitungen und Post organisiert, für die Söhne des Fuggerschen Geschlechtes die Würden von Reichsgrafen und Edlen des Königreichs Ungarn erlangt, ausgedehnte Herrschaften ansammelt, in die Tiefe seiner Schatztruhen die Juwelen des Burgunderherzogs neben jenen des Sultans versenkt und dabei in Wesen wie Erscheinung bei Jakob dem Reichen letzthin bürgerlich ausgerichtet bleibt.

Man hat die Ausschaltung jeglichen fremden Blutes aus dem Fuggerschen Unternehmen frühzeitig beobachtet, allein zu voreilig daraus geschlossen, dieses sei somit kapitalmäßig ausschließlich von der eigenen Familie getragen worden. Demgegenüber haben neue Forschungen das Bündnis der Fugger mit dem Vermögen der toten Hand, den verborgenen Geldern ungarischer Prälaten und von Kurienkardinälen geoffenbart. Damit gewinnt auch die Verflechtung in die kurialen Staatsfinanzen — mitunter im Gegensatz zu den Interessen der Kunden im Heiligen Kolleg — ihre eigene Beleuchtung. Die Zeit wusste von der starken Beteiligung der römischen Fugger-Filiale nicht bloß bei der päpstlichen Münzprägung. Sie kannte Jakobs Anteil bei der Pfründenvermittelung und der Organisation der letzten spätmittelalterlichen Großablässe. Nahm man die offenkundige Verbindung mit Johannes Eck und seine in Fuggerschen Diensten gewagte Verteidigung der Zinswirtschaft hinzu, die einen kühnen Vorstoß gegen die mediävale Wirtschaftsethik des heiligen Thomas wagte, schien der hintergründige Zusammenhang der Dinge einfach und mehr als durchsichtig dargetan.

In den Augen der Luther und Hütten arbeitete Fugger aus materieller Interessenverknüpfung für das römische Papsttum, und es schien darum zum höchsten an der Zeit, ihm „einen Zaum ins Maul“ zu legen. Sogar das Wormser Edikt gegen den Reformator dünkte einer Welt, die von der finanziellen Allgewalt des Augsburgers gebannt war, durch sein Eingreifen ausgelöst.

Ott Heinrich Fugger (1592-1644)Ähnlichen Vorstellungen blieb selbst das neuere Bild angepasst, das in Jakob Fugger den Vertreter eines deutschen Renaissancemenschentums und Vorläufer modernen Unternehmertums in einer Person mit dem Prototyp der abendländischen Frühkapitalisten feiert. Irreführend wie alle zu einfache Deutung komplexer menschlicher Vorgänge erweist sich bei näherem Zusehen auch diese. Es ist nicht der Kampf um die Macht allein, jenes schier dämonisch rastlose Wirkenwollen, „dieweil er könne“, das Fugger beherrscht. Nicht das mindeste vom italienischen Übermenschen der Renaissance, nichts von zynischem Jenseits-von-Gut-und-Böse umwittert die Gestalt eines Bürgers, der für sich und sein schönes, doch verwirrendes Weib Indulgenzen erwirbt, der die erste deutsche Renaissancekirche baut, aber bis ins Mark gotisch fühlt, der vermeintlich über Leichen schreitet und dabei mit seiner ersten abendländischen Armensiedelung, der Augsburger „Fuggerei“, dem heidnisch fühlenden Literatentum seiner vornehmsten Kritiker ein säkulares Zeugnis christlicher Bruderliebe entgegenstellt, der nur scheinbar den Pomp italienischer Palazzi in deutschen Patrizierhäusern einführt, in Wirklichkeit aber mit spätmittelalterlicher Schlichtheit stirbt und über seinen Hausrat bis zur eigenen Bettstatt und deren Kissen so gewissenhaft verfügt wie irgendein alter Weber. Durch seine einzigartige Gestalt, die bei mancher Einseitigkeit an das Geniale hinreicht, hat Jakob Fugger den klassischen Typ oberdeutschen Kaufherrentums, das viel gepriesene „Goldene Augsburg“ verkörpert. Er gestaltet dabei zugleich, und das wahrscheinlich weit bewusster, die innere Form dieser zweiten, eigentlich herrenhaften Schicht im Generationsgefüge seines Hauses. Allerdings, der Neffe und Nachfolger, Anton Fugger, ist dabei vom Oheim nicht zu trennen, obschon sich bei ihm die gleiche Problematik bereits um den Winkel einer Generation verschoben wiederholt. Während in dem Alten die Gegensätze noch dichter beisammenwohnen, das Mäzenatische erst am Rande auftaucht, die Versuchung einer sozialen Verwandelung noch kaum empfunden wird, weil der vielseitige Spannungsgehalt der unerhörten Persönlichkeit auch die Vereinigung des vermeintlich Widersprechenden einmal gestattet, klaffen unter den nächsten Neffen die Gegensätze bereits auseinander. Dennoch kann von Epigonentum nirgends die Rede sein. Abwegig wäre die Frage, wer von beiden — Jakob oder Anton — der Größere gewesen sei, abwegig, weil falsch gestellt. Wertlos bleibt erst recht die andere, wer von ihnen der Reichere, da sie an das Problematische von Persönlichkeit und Werk überhaupt nicht rührt. Ohne Jakob ist kein Anton Fugger denkbar. Und wenn der Jüngere sich mit spanischen Quecksilbergeschäften bis in die Gefahr des Ruins verflicht, Spekulationen mit niederländischen Staatspapieren riskieren muss, toskanische und neapolitanische Operationen mitunter über den Rand des wahren Vermögens hinaus eingeht, ist er selbst hierin ebenso Vollender des Erbes, des „Stils“, seines angeblich vorsichtigeren Oheims wie bei den Königswahlen und in der Finanzierung der siegreichen wie von Rückschlägen überschatteten Heerzüge Karls V. und Philipps II., — nur eben etwas verwandelt in den Maßstäben der Zeit.

Hierin kündet sich diese Wandlung an, die bei den Brüdern und Vettern, erst recht bei Söhnen und Neffen zur Abkehr, wenn nicht zu einer Art Verrat am Überkommenen, richtiger gesagt zum Durchbruch einer neuen Schicht und ihrer Haltung zum Leben führt. In der wohlgemeinten Absicht, Große noch vergrößern zu sollen, haben posthume Biographen Jakob dem Reichen Sammlungen und Bibliotheken angedichtet, die nie sein Eigen waren. Im Gegenteil, das sammlerische Moment wird zu einem der Charakteristiken der nächsten Generationengruppe. Diese Menschen, übrigens schon Anton und sein Bruder Raymund Fugger, können mit Hingebung sammeln, sie sind Menschen ohne jene verhaltene Bändigung des Charakters, die ihren großen Oheim auszeichnet.

Auch die literarischen Beziehungen, Humanistenkorrespondenzen, die Förderung der antiken Forschung, der Aufbau der Bibliotheken sind Eigenschaften, die für die neue Generationsschicht bezeichnend sind, mitunter aber zum Verhängnis werden können. Die Faktoreien dienen ihnen bereits fast mehr zur Befriedigung differenzierten Lebensgenusses durch Vermittelung wertvoller Bilder, Gläser, Teppiche, Bronzen und Stoffe denn als Umschlagplätze des internationalen Handels.

Diese Veränderung der Fugger haftet nicht an der Oberfläche. Man begnügt sich nicht mit der üppigeren Ausschmückung des eigenen Ambiente, einer breiten Zurschaustellung von Luxus oder Genuss. Zugrunde liegt ein raffinierteres Lebensbedürfnis, das sich aus der Gesamtneigung der Zeit speist, hier freilich außerdem noch in einer blutmäßigen Wandlung des Geschlechts wurzelt.

Anton Fugger (1493-1560)Mit den Nichten und Neffen Jakobs verschieben sich an- und eingeheiratete Familien aus dem ursprünglich kaufmännisch bürgerlichen Bezirk in Kreise landgesessener Ritterschaft. Man hält sich auch räumlich nicht mehr im Schwäbischen, vermählt sich mit Töchtern vornehmer Geschlechter, schließlich des hohen und höchsten Adels aus dem gesamten Reich. Erstmals durch die Ehe Raymund Fuggers wie seiner Schwester knüpfen sich Verbindungen zu ungarisch-polnischen Kaufmannsfamilien, die zunächst einer Befestigung des gemeinsamen Handels mit den Thurzo als Magnaten osteuropäischer Wirtschaft dienen sollen. Diese Heiraten leiten bezeichnenderweise schon in der ersten Generation östliches Brauchtum in die Reichsstadt, so wie die italienischen Beziehungen der Fugger ihr eine Fülle kultureller und künstlerischer Anregung beschert hatten.

Das klar Geschlossene, Bestimmte und Sichere, in sich Feste des Lebens geht durch die fremden Ehen unmerklich verloren. An die Stelle des bisher bürgerlichen Lebensgefühls tritt ein adoptiertes soziales Ideal gemäß der neuen blutmäßig gemischten Substanz infolge der unglaublich anziehenden, zwielichthaften Situation von Menschen, die auf der Grenze zwischen zwei Welten stehen.

Leidenschaftliche Sammler eröffnen, wie gesagt, den Reigen. Zu ihren Schätzen zählen die merkwürdigsten Raritätenkabinette Oberdeutschlands. Als Antrieb überwiegt dabei nicht das Bedürfnis zur Stapelung von Sonderbarkeiten, vielmehr ist ihr Trieb beherrscht von einer geistigen Bewältigung des Daseins, die in der Pflege italienischer, deutscher und niederländischer Bilder, antiker Gemmen oder Plastiken, mittelalterlicher Bücher, — darunter der Manesseschen Handschrift — eine Erfüllung des eigenen Lebens sucht und findet.

Das Fuggerhaus zu Augsburg wird unter Johannes Fugger zu einem echten Juwel europäischer Wohnkultur, seine Räume in dem schwäbischen Schlosse Kirchheim, hauptsächlich durch den berühmten Cedernsaal, zum vornehmsten Ausdruck dieses differenzierten, stark herrenhaften Lebensgefühls der Schicht um 1580. Gewiss hatte der Burgenerwerb schon in der Zeit des großen Handels begonnen, indes er gewann erst jetzt innere Wichtigkeit. Nun erscheinen die Schlösser nicht länger als kaufmännische Vermögensanlage, selbst nicht als benötigter Umraum des Lebens. Sie werden zur Emanation des neuen Lebensinhaltes und fast schon zum Selbstzweck für ein Mischgeschlecht von Kaufherren und Rittern, das sich hieran menschlich verschwendet.

Nicht zuletzt beginnen die Liebhabereien sich merklich zu ändern. Man huldigt der Jagd bis zur Hemmungslosigkeit, schreibt Bücher (was für den großen Jakob schon zeitmäßig unvorstellbar geblieben wäre), oder lässt solche schreiben über das Gestütwesen, über geschichtliche Themen, die Genealogie des eigenen Hauses. Daneben entstehen geheime Manuskripte mit den Horoskopen sämtlicher Mitglieder der Familie, und Jörg Fugger fahndet schließlich in verborgenen Laboratorien höchstpersönlich nach dem Stein der Weisen, den seine Ahnen im Bergbau und auf den Märkten suchten. War eine frühere Generationsschicht unzweifelhaft persönlich reicher gewesen als die beginnenden Verschwender, so hat diese Gruppe dafür die Welt umher desto reicher gemacht, da sie aus ihrer Fülle, dem Überangebot ihrer Persönlichkeiten, sich nach allen Richtungen hin menschlich verspendete.

Jörg Fugger (1518-1569)Manchmal, wie bei Johann Jakob Fugger, gehen dabei bereits der innere und äußere Halt verloren. Der Handel leidet. Der private Konkurs wird mühsam vertuscht. Im ganzen aber bleiben die Ernsthaftigkeit des Lebens und das innere Gesicht des Daseins gewahrt. Die mit steigendem Gefühl für den Eigenwert angelegten Porträtwerke zeigen männliche Gestalten von imponierender Statur. Allerdings, die gemeißelten Schädel der ersten Generationen tauchen nicht wieder auf. Dafür finden sich vornehme, mitunter müde oder träumerische Kavaliere, häufig nach der Tracht eines Philipp II. verhalten schwarz in schwarz gekleidet. Das Dunkel ihrer Gewandung wird nur sparsam überhöht von feinen, feierlichen Krausen und dem Gefunkel eines Kleinods an schmaler goldener Kette.

Fragt man nach dem Schicksal dieser Menschen, so zeigt sich dahinter zumeist der hinreißende Kampf um den großen geistigen und gewissensmäßigen Austrag des Jahrhunderts, der Kampf um Reformation und Gegenreformation. An jener nehmen die Fugger mit wenigen Gestalten wie dem jüngeren Ulrich, Schöpfer eines Teils der Heidelberger Bibliothek, teil. Meistens stehen sie mit persönlicher Hingabe und dem Einsatz ihrer privaten Freiheit im Lager der Gegenreformatoren. Ihnen werden außer Geld, Gut und Soldaten Häuser und Liegenschaften für Kirchen, Klöster oder Schulen, vornehmlich Jesuitenkollegien, in und außerhalb Augsburgs zur Verfügung gestellt. Diese Gruppe Fuggerscher Männer verschreibt sich mit heißer Gläubigkeit und kindlichem Gehorsam der Wiedergeburt der alten Kirche. Es geschieht aus dem erschütternden Erlebnis ihrer Bekehrung oder Wiederbekehrung, mitunter im persönlichen Austausch mit führenden Gestalten der römisch-spanischen Bewegung und deren Heiligen, am innigsten in geistiger Gemeinschaft mit Petrus Canisius.

Schon Jakob Fugger war aus seiner Zugehörigkeit zur spätmittelalterlichen religiösen Reform zuletzt überzeugter Gegner der Reformation geworden. Diese Ausrichtung steigert sich in der folgenden Generationsgruppe gemäß ihrer ritterlich kämpferischen Lebenshaltung. Mochten die Fugger des späten sechzehnten Jahrhunderts häufig untereinander im prozessualen Streit liegen und mit der einstigen Geschlossenheit des Geschlechts die überlegene Macht der Gesellschaft schwinden, zeigen sie sich doch im wesentlichen einig beim Kampf für die Katholizität ihres persönlichen Lebens, ihrer Herrschaften, ihrer städtischen Heimat, des Reiches und der Welt. Ohne die Fugger gibt es keine deutsche, besonders keine Augsburger Gegenreformation.

Allerdings die Weise, wie diese Grundrichtung beim einzelnen zur Verwirklichung gelangte, wechselt rasch und bald ohne Unterlass. Da erscheinen nach den humanistischen Gelehrten und mäzenatischen Sammlern kaiserliche Politiker, hohe Militärs, höfische Beamte, Staatsminister und Ritter des Goldenen Flieses, oberste Richter sowie Fürstbischöfe, Domherren und Äbte. Aus der Vielfalt dieser zumeist hingebend ausgeübten Berufe spricht eine beglückende Fülle wahrer Persönlichkeiten, jede für sich der Betrachtung wert und nur hier verschwindend durch die Unzahl der Gestalten.

Es lässt sich nicht leugnen, daß das Menschentum dieser Fuggerschen Generationen immer ausschließlicher vom adeligen Einschlag ins traditionelle Gewebe beherrscht wird, ohne damit freilich das ursprünglich Fuggerische preisgeben zu wollen. Zwischendrin leuchten, wenngleich vereinzelt, kaufmännische Naturen auf, beispielsweise im Pfefferhandel der Octavianus/Secundus und Philipp Eduard Fugger. Die Handelsgesellschaft als solche erhält sich bis etwa zur Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Zum Ende freilich findet sie sich von Menschen geleitet, die höchstens aus Herkommen, und nicht mehr aus Überzeugung, geschweige denn aus Berufung Kaufherren heißen durften.

Erst die endgültige Liquidation der fast zweihundertjährigen Kette Fuggerscher Handelsfirmen kennzeichnet wahrnehmbar den unwiderruflichen Vollzug einer dritten Wandlung. Endgültig scheint jetzt das Gedächtnis des großen Handels abgestreift. Man wird zum gräflichen Junker und Kavalier benachbarter Höfe, mitunter vielfach interessiert und weit gereist. Der große Einsatz des Lebens aber wird fast nirgends mehr gewagt. Durch die kettenartige Folge ähnlicher Ehen überwiegt nachgerade das adelige Element, und die Fuggersche Dominante der einstigen Zeit gerät beinahe in Vergessenheit.

Blickt man in das Antlitz dieser Generationen des achtzehnten Jahrhunderts, so wird eine gewisse Durchschnittlichkeit der Gesichter nur schlecht verborgen durch den Aufwand des Kostüms, von Prunkrüstungen, Feldherrnstäben, wallenden Mänteln, Degen, Orden, farbigen Fracks und gepuderten Perücken. Dazwischen scheinen erste lebensmüde, fast dekadente, mindestens elegische Figuren aufzutauchen. Zumeist obwaltet aber noch eine strahlende satte Lebensfreude der Männer, bei den Frauen hingegen das höfisch-spielerische Zeremoniell bis in das à la Marie Antoinette hoch aufgesteckte Haar. Auch diese Generationsgruppe kennt bedeutende Vertreter des Fuggerschen Namens, so etwa einen Bischof von Regensburg, der als Kunstfreund gerühmt wird. Ebenso bleibt die religiös devote Haltung durchaus gewahrt, wie es die Stiftung der Weldener Wallfahrtskirche, eines Juwels schwäbischer Barockkunst, beweist. Ein faltig weiter Teppich bunter, religiöser Kunst und Kultur, durchwirkt mit dem Motiv der Fuggerschen blau-goldenen Lilien, breitet sich bis in das Rokoko über die schwäbische Landschaft. Dabei mag es an persönlicher Ehrlichkeit der Empfindung, gesteigert bis zum schmachtend sich verzehrenden Gefühl, nicht fehlen. Dennoch lassen die großen, packenden Naturen allmählich nach. Es schwindet die von mächtigen Impulsen des Daseins getragene echte, leidenschaftliche, alte Greifweise des Lebens.

Man ist vielleicht noch nicht eigentlich preziös, indessen das Generelle, das doch nur Typische und Unverbindliche verdrängt das Individuelle, trotzdem die Überhöhung des persönlichen Geltungsbedürfnisses mit einer Verengung der realen Wirkungshorizonte voranschreitet. Diese Männer sind längst nicht mehr Kaufleute, auch nicht mehr adelige Grundherren. Ihr Stil wird absichtlich immer fürstlicher, selbst auf die Gefahr hin, daran wirtschaftlich und moralisch zu zerbrechen. Am deutlichsten äußert sich solches in der Entfaltung der Musikliebe. Jakob Fugger stiftete seinerzeit die erste Fuggersche Orgel für die eigene Grabkapelle. Jetzt werden Hofkapellen gehalten, Theater aufgeführt, grandiose Musiksammlungen angelegt, und bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein wird dieser seigneurile Maßstab des Lebens noch so lebhaft nachblühen, daß noch um den Ausgang des letzten Jahrhunderts ein Fugger sich seine Beamten nach ihrer musikalischen Begabung wählt.

Mit der Erhebung in den Reichsfürstenstand, die kurz vor dem Zusammenbruch des alten römischdeutschen Kaiserstaates dem romantisch „teutsch“ empfindenden Anselm Maria Fugger von Babenhausen 1803 zuteil wird, verdichtet sich dieses fürstliche Lebensgefühl für die Dauer des letzten Jahrhunderts. Kurz zuvor hatte man noch stolz gegen den Citoyen Premier Consul Bonaparte protestiert, vermag nun aber die frische Reichsfürstenherrlichkeit gegen ihn und seinen Verbündeten nicht zu behaupten und unterwirft sich daher kampflos dem großen bayerischen Nachbarn.

Die Familie, soweit ihre bekanntesten Gestalten fortan nicht den Kontakt mit dem Wiener Kaiserhof suchen, gewinnt seither wieder stärkere Fühlung mit der Augsburger Wiege des Geschlechts. Doch das geschieht nicht als Rückkehr zum bürgerlichen Dasein, vielmehr in fürstlich gnädiger Weise. Die Fassaden der einstigen Häuser am Augsburger Weinmarkt werden im üppigen Geschmack der Zeit mit Bildern aus der Fuggerschen Geschichte bemalt, die nur an Format die feinen Schildereien Burgkmalers im Innern des Damenhöfchens übertreffen. Historienmalerei und historischer Roman feiern mit Vorliebe die Familiensagen vom einwandernden, armen Webergesellen bis zur Schuldscheinverbrennung im sagenumsponnenen Kamin. Man weiß sich Fürst, fühlt sich nicht anders und liebt eben darum die Tradition solcher Mythen. Tatsächlich beherrscht der grandseigneurile Stil, der splendor familiae, das Bild des Hauses und den Charakter seiner vorzüglichsten, mitunter sehr tatkräftigen und bedeutenden Vertreter bis zum Ende des zweiten deutschen Kaiserreiches. Hart vor dem Ausbruch des ersten Wehkriegs erringt die Fuggersche Linie Glött aus der Hand des bayerischen Königs einen zweiten Fürstenhut.

Weltkriege und Folgezeiten haben das Haus Fugger, mindestens seine historische Schichtung, insofern in Frage gestellt, als ein erheblicher Teil der Stein gewordenen Zeugnisse seiner Größe in der Augsburger Schreckensnacht von 1944 zerstört wurde. Das Geburtshaus Jakobs ging zugrunde. Die Fuggerhäuser von vier Jahrhunderten, gleich der „Goldenen Stube“ und den Handelshäusern, den Fuggerschen Grablegen und Kirchen brannten aus. Keinem Geschlecht Augsburgs hat jene furchtbare Prüfung so hart zugesetzt wie diesem. Sogar die friedliche Fuggerei sank zum größten Teil in Asche.

Aber noch blüht die Familie, obwohl nicht im ursprünglichen zahlenmäßigen Umfang, in drei Zweigen, erheben sich ihre Gotteshäuser, Paläste und Stätten der Wohltätigkeit schon wieder aus den Trümmern. Die einzige existenzielle Gefahr, nämlich jene des Abreißens der Tradition, des Verlustes der spezifisch Fuggerschen Note, die Möglichkeit des Sich-Verlierens ins Unpersönliche ist dadurch beschworen, daß neben allen anderen waltenden Kräften schließlich Wucht und Fülle ihrer Stiftungen die Fugger notwendig zusammenhalten und ihnen unablässig in den überkommenen Aufgaben ihrer Führung Sinn und Willen der Alten unverwischt vor Augen stellen.

Trotzdem wäre es unfuggerisch, nur bewahrend, nichts als dieses allein zu sein. Denn, wo immer dieses Geschlecht sich zur Größe entfaltete, geschah es im bewussten Fortschreiten über die eigene Zeit und zum Teil im Widerspruch mit ihr, mitunter aus schwäbischem Eigensinn, jedenfalls aber geformt vom ungebrochenen Glauben an die eigene Kraft und eine sendungsähnliche Verpflichtung.

Figur aus dem BarockDie Nachgesänge des Barock sind endgültig verklungen. Wieder scheint ein Abschnitt von einschneidender Bedeutung zu dämmern. Er mag den Fuggern dereinst, soweit solches im Rahmen ihrer Möglichkeit liegt, die Bewältigung mancher Nöte unserer Zeit aus der Sicht einer neuen Gruppe von Generationen bescheren. Sie schon heute näher zu umreißen, hieße nichts anderes, als Wünsche auszusprechen, wo nicht gar zu schwärmen. Nur so viel ist gewiss: Auch diese künftige Schicht wird, sofern sie nicht epigonenhaft dem Sommer der Lilien nachwelken soll, den Alten ähnlich nüchtern und zugleich phantasiebegabt, herrisch, aber letzthin selbstbeherscht, ihrer selbst bewußt und doch selbstlos heranwachsen müssen, wenn sie als vollgültiges Stockwerk auf den Unterbau der früheren Generationen des Hauses sich türmen und künftigen Schichten ihrerseits als tragender Unterbau Fuggerscher Zukunft dienen will.

Abb. 1 Deckengemälde im Goldenen Saal
Abb. 2 Hans Holbein d. Ä. - Jakob Fugger der Reiche (1459-1525)
Abb. 3 Fuggermedaillen: M. Sebel - Ruymund Fugger (1489-1535) und H. Kels d. J. - Jörg Fugger (1518-1569)
Abb. 4 Bildnisse aus drei Generationen der Fugger: Ott Heinrich Fugger (1592-1644), Anton Fugger (1493-1560) und Jörg Fugger (1518-1569)

Abb. 5 Figur aus dem Barock

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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