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Seine nächste Bedeutung hat es aber als Zentral-Landwirtschaftsfest. Der Städter hört, wenn nie in dem Gebirge, jetzt in den Straßen das Alpengeläute der Kühe, und das glänzend geputzte Preisvieh ist mit Blumen und Kränzen, die Pferde sind mit Bändern geschmückt. Hier ist Streben zum Edleren. Dort auf dem Keferloher Markte, drei Stunden von der Hauptstadt entfernt, ist ein Sinken zum Gemeinen. Es ist wie eine Volksbelustigung in einem slavischen Dorfe. So widerlichkahl ist daselbst die Gegend: nur ein halbdutzend schmutziger Bauernhütten, von einem düsteren Forst eingeschlossen; ein grauer Himmel drückt gewöhnlich auf den einsiedlerischen Weiler herunter. Aber der Viehmarkt ist seit uralten Zeiten privilegiert und schon Kaiser Ludwig dem Bayern bekannt gewesen, einer der bedeutendsten in Bayern. Es werden ein paar tausend Pferde, das Hornvieh zu Hunderten, zahlreiche Schaf- und Schweineherden zugeführt. Baut man auf der Theresienwiese, wenigstens in den letzten Jahren, niedliche Landhäuschen und wohlgezimmerte bequeme Bretterhütten zur Zeit des Festes und erhält dort eine Abteilung der Bürgergarde Ordnung und Anstand, so werden in dem Dorfe Keferlohe, wenn der Tag kommt, wie im Fluge Krämerbuden errichtet, aus einigen Brettern und Holzschlägen schnell Wirtsschenken zusammengefügt. Herde rauchen mit Wursttöpfen; das Bier wird unter freiem Himmel verzapft; die sechs Scheunen von Keferlohe werden zu Tanzplätzen umgeschaffen.

Abb. 1 Keferloher MarktEin bunter Troß von unzähligen Personen jeden Standes, Geschlechts und Alters wogt den ganzen Tag lang im Dorfe und auf der Landstraße von Haidhausen und Trudering zusammen; vom frühesten Morgen bis in die späte Nacht drängt eine Equipage die andere, der Einspänner den Fiaker, eine Reiterkarawane den Gesellschaftswagen aus dem Geleise. Das allgemeine Losungswort ist: „Keferloherisch“, womit alles erlaubt und alles entschuldigt werden will. Es herrscht ein dem Gesetze höherer Gesittung Hohn sprechender Zustand; ein Haus von Bacchanten hat sich hie und da von aller Zucht befreit. Viele Helden des Tages, vom Gerstensafte berauscht, verleihen sich selbst den sogenannten Flegelorden und lassen nun vollends die rohen Kräfte walten. Zur Ehre von München ist in eines Tages Frist alles vorüber: aber dieser ist in den Kalendern der Ärzte und Gendarmen rot gezeichnet. Die Lust zum Keferloher Zug hat indessen, wie nicht geleugnet werden kann, merklich abgenommen.

Abb. 2 Das erste Oktoberfest-Wettrennen am 17. Oktober 1810. Ausschnitt aus einem Aquarell von Peter HeßDas Oktoberfest zu München hat bereits viele Nachahmungen in Provinzen und Staaten gefunden. Es ist Pferderennen und freies Vogel-, Hirsch- und Scheibenschießen und manche andere Ergötzlichkeit damit verbunden. Die ganze Festwoche hindurch, insbesondere aber während des Sonntags und Montags, ist die Wiese von Tausenden besucht, und der Fremde hat hier gute Gelegenheit, nicht nur die vorzüglichere Personenwelt, sondern auch einen großen Teil des Tons von München kennen zu lernen. Hier sind Frauen zu sehen, „der Dichter wahres Publikum“. In Keferlohe siehst du nur Männer oder auch Harfenmädchen und Trotzweiber.

Abb. 3 Schaubude auf der Oktoberfestwiese.Das Oktoberfest wurde 1810, aus Anlaß der Vermählung des Kronprinzen Ludwig mit der herzoglichen Prinzessin Therese von Sachsen-Altenburg gestiftet. München hatte seit dem Jahre 1722 keine Hochzeit eines bayerischen Thronfolgers mehr erlebt und gefeiert gehabt. Der Magistrat der Hauptstadt beschloß, dieses hocherfreuliche Ereignis durch ein veranstaltetes Pferderennen zu verherrlichen. Man hatte dergleichen hier lange nicht mehr gesehen, obwohl es eine alte Sitte der Bayern war und urkundlich das erste Wettrennen mit Pferden schon im Jahre 1436, nach der Vermählung Herzog Alberts III. mit der Prinzessin Anna von Braunschweig, stattfand. Die erste Idee hierzu war von dem damaligen Chef der Bürgerkavallerie, Herrn von Dallarmi, ausgegangen. Schon im Jahre 1811 trat das Preisfest des landwirtschaftlichen Vereins dazu. Allein in den darauf folgenden Kriegsjahren unterblieben die Oktoberfestlichkeiten; erst 1816, trotz der allgemeinen Teuerung im Lande, begannen sie aufs neue und zwar mit neuerdachten Attributionen.

Abb. 4 Der Glückshafen auf dem Oktoberfest. Holzschnitt aus den „Fliegenden Blättern“Da kam nach und nach ein Glückshafen, ein Scheiben- und Vogelschießen, Lieder und Gesänge, Wettlauf und Wettringen von Handwerksburschen und Gesellen, eine Ausstellung von Fabrikaten durch den polytechnischen Verein, ein Feuerwerk und anderes hinzu. Einmal stieg Wilhelmine Reichard aus Dresden in einem Luftballon (1820) herrlich auf; ein andermal war der jetzige König von Preußen als Bräutigam (1823), ein drittes Mal waren die griechischen Gesandten, der greise Miaulis an der Spitze zugegen (1832). Die Oktoberfeste von 1820 und 183 waren die schönsten in der ganzen dreißigjährigen Reihe. Seit 1826 dürfen nur im Inlande gezogene Pferde bei dem ersten Wettrennen konkurrieren. Diese Volksfeste sind jährlich die letzten im Freien; dann kommt die graue Novemberzeit: o daß darum stets eine heitere Oktobersonne jene beleuchte!
Abb. 5 Das Oktoberfest in München. Radierung von Eugen Napoleon Neureuther (1837)(Münchner Hundert und Eins.)

Titelbild: Das Oktoberfest. Lithografie um 1830
Abb. 1 Keferloher Markt
Abb. 2 Das erste Oktoberfest-Wettrennen am 17. Oktober 1810. Ausschnitt aus einem Aquarell von Peter Heß
Abb. 3 Schaubude auf der Oktoberfestwiese.
Abb. 4 Der Glückshafen auf dem Oktoberfest. Holzschnitt aus den „Fliegenden Blättern“
Abb. 5 Das Oktoberfest in München. Radierung von Eugen Napoleon Neureuther (1837)

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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