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Nach nebenfälliger Benützung einiger weiterer Räumlichkeiten für plastische Arbeiten in der Sonnenstraße, eroberte sich der Storchenauer, wie Schwanthaler genannt war, ein langgestrecktes Hans in der Lerchenstraße und errichtete sich darin drei große Werkstätten, zur Seite seines Schlafzimmers aber, einige Stufen tiefer, ein Gemach, wie er es eben ganz wünschte, um altem Hang völlig zu genügen.

Er baute es zum Teil hallenartig, versah es mit bunten Glasfenstern, stattete das Innere mit altem Schnitzwerk, Humpen, Waffen, Geräten und anderen ansprechenden Resten der Vorzeit aus, und ein paar altertümliche Tische und Stühle fehlten nicht.

Dies war die wahrhafte, wohlberühmte und noch heute so vorfindliche Humpenburg. Sie sollte zum allerneuesten und letzten Aufenthalt dienen, wenn sich nur eine geringere Anzahl Genossen einfände; für zahlreichere Zusammenkünste war die sogenannte obere, die größte der besagten Werkstätten, bestimmt.

Als die Zeit kam, fand gemeinschaftlich feierlicher Einzug statt; voraus schritt ein reichgeschmückter Ehrenhold, das neue Wappen der Ritterschaft ans Brust und Rücken. Der Auszug aus der Werkstatt nächst der protestantischen Kirche wurde aber noch vorher durch eine große Zeichnung Schwanthalers und Pocci-Diepolts verewigt.

Alle erscheinen dabei hoch zu Roß. Voraus reitet ein Vetter Schwanthalers, namens Anton als Mönch. Ihm folgt der frohbiedere Schlotthauer als Minnesänger; Beck Fridericus, der Philologe und Poeta, schließt sich ihm als Posaunenbläser an. Nun rückt Vetter Xaver mit dem ehrenwerten Haftl, Freiherrn, als riesiger Kämpe herbei, gefolgt vom Kropf von Windbruch, welcher ein kolossales Champagnerglas trägt. Wieder zeigt sich ein Held, der Hotz von Kostnitz; als junger Ritter, einen graziösen Pokal in der Hand, folgt Diepolt (Pocci); Maler Hiltensperger, Lang von Ulm, Eduard von Ried und Hofstetter nahen als Turnierer. Links im Vordergrund erblickt man des Storchenauers Schwester Rosalia als anmutiges Burgfräulein, und so tritt mehr vor Augen.

In Mitte des Ganzen aber sitzt als Burgherr Ludwig der Storchenauer -und weil die Schadenfreude unbezweifelt einer der mächtigsten und gefährlichsten Teufel ist, zeigt sie sich als ein solcher hoch oben auf der Burg und weist eine siegreiche Gebärde auf, als sollte es heißen: Ich zieh` Euch nach und bin auch dabei in der anderen Humpenburg; es soll doch nicht Zwist geben! Aber Meister Ludwig weiß, daß die Dämone und Teufel nichts über den vermögen, welcher sich selbst in der Gewalt hält. Deshalb streckt er dem Teufel in lustigem Hohn zwei Finger entgegen zum offenen Beweis, daß er sich nicht fürchte, und daß Freude und Herzlichkeit nach wie vor walten sollen.

Demselben Auszuge wurden noch andere Zeichnungen und auch Gedichte geweiht, welche so recht an den Tag stellten, wie innig sich alle Genossen um ihren Herrn und Meister reihten, und welch ein Schatz von Wohlwollen, Treue und Unverdorbenheit unter der oft so stürmischen Außenseite der Humpenauer zu finden war.

Als die Ritterschaft von der neuen Humpenburg Besitz ergriffen hatte, kam das volle Leben der ritterlichen Romantik, wie es sich Schwanthaler ursprünglich gedacht hatte, erst in wahre Verwirklichung. Es war oft, als hätten sich Gräber und Grüfte in alten Schloßruinen oder Kirchen geöffnet - nicht aber zu düsterem Geisterspuk, sondern als ob die längst Begrabenen und Zerstäubten in voller Kraft und Lebens-frische herausgestiegen wären und in voller Gültigkeit für heutige Zeiten.

Es lag dabei ein tiefer Ernst, eine gewissermaßen heilige Feierlichkeit in und über allem Vorkommen, und Alles stimmte dazu: Handlung, Gesprächsweise, Anordnung der Räumlichkeit und Gewandung der Ritter. In letzterer blieb der Storchenauer, wenn es echt Ritterlichem galt, sicher in nichts zurück.

War an anderen Abenden die Aufgabe eine mehr phantastische, also in freier Weise, so blieb sich der Anblick der Genossenschaft ungefähr gleich, nur daß Einer oder der Andere sich nicht gar zu sehr einpanzerte. Schwanthaler selbst aber belastete sich an solchen Abenden nicht mit Rüststücken.

Vielmehr war sein beliebtes Gewand ein grauer, gestrickter Leibrock mit entsprechend übriger Ritterhauskleidung, das Haupt aber war mit einem schwarzen Barett bedeckt, welchem eine nach rückwärts keck abstehende, rote Feder zum Schmuck diente.

Abb. 1 Akademie-Direktor Wilhelm von Kaulbach. Stich von J.L. Raab (1854)Hie und da erschien er auch anders, am liebsten als Moosgeist mit blauem Mantel, ellenlangem Moosbart und krauser Moosperücke. Als solcher stand er dann gelegentlich an der Pforte der Humpenburg, sah hinunter zu den Genossen, welchen seine lange Abwesenheit schon fühlbar ward, und schaute dem Treiben derer da unten zu, bis es ihn selbst nicht mehr litt oder die Ungeduld einen Boten entsandte, welchen dann der lobesame Moosgeist mit schauererregender Stimme auf der obersten Stufe in Empfang nahm.

Stieg er dann hinab in die buntfunkelnde Humpenburg, oder befand man sich in der oberen Werkstatt und er war etwa völlig gut gelaunt - sobald er erst recht in Zug kam - stimmte er irgend einen Lieblingskantus an, meistens jenen vom Herrn Kunrad von Eberstein, welcher, bei aller Eckigkeit und anderweitig Wildem, doch von unleugbar poetischem Eindruck ist, wenn man alte Zeiten versteht. Er lautet:

Am Rundtisch, im sunnigen Erker,
Da saß Herr Kunrad von Eberstein
Beim Krug mit den Gesellen sein,
Durchs neuster herein
Da lugen die Reben so fein.

All waren schon lange die Humpen,
Das grämt Herrn Kunrad; er poltert drein:
„Soll trocken das ritterlich Leben sein?
Der Bold bleibt lang aus –
Schau` Wolfgang hinaus!“

Da hat sich der Wolfgang gesputet
Und ruft an der Tür: „Da schaut er herein,
Ei so komm, schenk ein,
Das wird eine Freud` sein!
Was lugst mich so an,
Wer hat dir was tan?“

„Da draußen am Bühel am Weiher,
Da brüllt ein Ur und rennt mir nach
Gar zornig und jach,
Daß das Staudenwerk kracht,
Wie ich komm` mit dem Krug
Und zum Wald hinein lug!“

Da fährt Herr Kunrad von deinem Stuhl auf
Und greift zur Armbrust gleich hinauf,
Schreit freudig ohei,
Und Alles stimmt bei -
„So trinkt nur aus,
Daun zieh`n wir hinaus!“

Und nun sprengen sie schon von dannen,
Ihre Büsche nur lugt man im Wald,
Zum Bühel kommen sie bald,
Beginnen die Jaid,
Heija hussa, die Jaid,
Das Wild, das tut mir leid!

Und wer liegt unterm Eichbaum am Bühel?
Es sind die Gesellen der frohen Jaid,
Die trinken und singen in Mannesheit –
Die Rüden, die müden Roß`,
Die lassen sie los.


Es ist wohl weit von solch tiefen Eindrücken bis zu anderen, förmlich burlesken. Indessen das Treiben und Leben der Ritterschaft war einmal bunt.

Wenn sich Poesie, Gesang und romantisches Spiel oft in voller Weihe - der Ernst mit Heiterkeit gepaart, die Heiterkeit von des sinnigsten Ernstes Wert getragen - bewährt hatten, gab es wieder Einzelszenen, in welchen sich eine nahezu unbändige Lustigkeit kundtat. Bei vielen solchen Szenen spielte das Schaurige die Hauptrolle. Begreiflich trug aber der Schalk den Sieg davon. Hier ein Musterstück:

Der Vetter Xaver war eine treffliche Burgherrngestalt, frisch-froh blickend, was ihm Jeder gönnte, und bei einem Humpen Braunem oder Gelben - den Roten verschmähte er so viel minder - pflegte er auch nicht der Letzte zu sein. Gerade wie der Ludwig und noch mehr andere, tapfere Gesellen vor und nach ihm.

Als nun der Vetter Xaver eines Tages noch in der oberen Werkstatt meißelte, mittlerweil sich eine Zahl Ritter, wie öfter, in der ersten unteren, nächst dem Gärtlein befanden, um sich dann in die Humpenburg zu begeben, ward er hinabgerufen. Dem Geheiß folgte er alsbald, trat ein - und siehe da - wen erblickte er von Angesicht zu Angesicht? Niemand anderen, als sich selbst.

Das heißt, er lag da zwischen brennenden Kerzen, aufs Beste modelliert, angestrichen und gekleidet, auf einem Schragen, die Hände über einander gefaltet; der Leib aber war von änderst großem, verhältnismäßig riesenhaftem Umfang. Es zeigte sich demnach der Vetter Xaver oder Kuno von der Humpenburg in jenem Zustand irdischer Verkommenheit und Hinfälligkeit, welche uns unter verschiedenen Arten, früher oder später, allen gewiß ist. Was nun den angestrichenen Vetter Xaver betrifft, kniete ihm zunächst ein schwarzer Pater mit beweglichen Gebärden, und man sah es dem frommen Mann wohl an, wie sauer er sich`s um die Seele des Dahingeschiedenen werden lasse.

Um den Toten herum strich aber mit großer Begier eine andere Person, nämlich der Teufel. Der hatte zinnoberrote Hosen an, auf dem struppichten, brennroten Haupt ansehnliche Hörner und eine lange, verhängnisvolle Hahnenfeder hinter einem derselben.

Fraglicher Teufel, in dessen Mummerei niemand Anderer steckte, als der frommfrohe Meister Ludwig, tat zu wiederholten Malen äußerst kecke Griffe nach dem gestorbenen Xaver. Aber jedesmal, wenn er zu nahe rückte, verscheuchte ihn der Pater, indem er einen kräftigen Spruch bald lateinisch, bald deutsch entgegenschlenderte und den Satanas mit einem improvisierten Weihbosch bespritzte.

Aber dieses Hindernis der Annäherung geriet der Teufel stets mehr in Zorn, vergaß urplötzlich alle Scheu, drängte den Pater weg, warf sich aus den Toten und riß ihm mit großer Wut und grauenhaft höllischem Siegesjauchzen den Leib mitten entzwei, um des Xaverius Seele zu erobern.

Aber anstatt der Seele fand sich etwas ganz Anderes vor, nämlich ein weidliches Fäßlein Braunes, ein Gegenstand und Anblick, welcher der vorhandenen Ritterschaft großes Behagen und lautes Verlangen nach Besitzergreifung abgewann.

Abb. 3 Die Humpenburg. Nach einem Holzstich von Franz von Pocci.Um so weniger ließ der Höllenfürst von seiner Begier und Rache ab. Verschiedene Male mit äußerster Anstrengung weggebannt, fuhr er noch bei erster Gelegenheit auf das Fäßlein los, lupfte es und rannte damit fort, zur unteren Werkstatt hinaus in die obere, hinter ihm drein die Genossenschaft - an der Spitze derselben, in lustigem Zorn und nicht sparsam mit ritterlicher Schmähung, der lebendige Vetter Xaver, noch vor ihm aber der Pater mit stets heftigeren Beschwörungsformeln und hochgeschwungenem Weihbosch.

Endlich holte man den „gar anderen“ ein, hielt ihn bei den Schultern und Hörnern fest, nahm ihm seinen Raub ab, postierte das Fäßlein in Mitte der Werkstatt und verurteilte den höllischen Missetäter zum Zechen mit frommen Rittersleuten.

Dieser Sentenz unterwarf sich der Seelenräuber nur nach entsprechendem Wider streben. Als er aber erst völlig in Beschlag genommen war, fand er die fromme Nachbarschaft mit seiner Teufelsnatur sehr wohl vereinbar und „tyostierte“, um angestammte Flammen gründlich zu löschen, ganz tapfer. Mit Keinem aber mehr, als mit Vetter Xaver, welcher hinwieder seinerseits augenscheinlich sehr erfreut, nicht tot, sondern lebendig zu sein, auch sein Möglichstes tat, die letzte Spur etwaigen Grolles und Schreckens wegzuwaschen und mit ritterlicher Haltung dem Begriff Ehre zu machen, welchen der Teufel bei Aufreizung seines Leibes in Sachen seiner Seele hatte.

Solcher Dinge begegneten dem Vetter Xaver gar viele, wie er sich denn einmal nach einer höchst abenteuerlichen Komödie zuletzt als feuerspeiender Berg in Szene gesetzt sah. Ein anderesmal ward er als Traube aus dem gelobten Land an einer Stange hereingetragen. Als Centaur figurierte er auch eines Abends - desgleichen als ein durch Nacken und Haupt gespielter Leu. Wieder eines Abends sauste er mehrfach als Lokomotive über die Bühne, und noch in verschiedener anderer Weise bot er sich dem Blick dar.

Die Lerchenstraße ist inzwischen in Schwanthalerstraße umgetauft worden; Schwanthalers Atelierhaus beherbergt heute das Schwanthaler-Museum.

Von den genannten Recken der Humpenburg sind als bedeutend und weiter auswirkend im einzelnen namhaft zu machen: voran Franz Graf von Pocci (1807-l876) hier unter dem Ritternamen Diepolt erscheinend, ein Universalgenie, als Maler, Zeichner, Musiker, Dichter tätig, eine das Münchner Gesellschaftsleben fast vier Jahrzehnte hindurch beherrschende Persönlichkeit, heute besonders noch durch seine Puppenkomödien, die Repertoirestücke des Münchner Marionettentheaters, weiterlebend. Friedrich Beck (1806-1888) Professor und Redakteur der ,,Bayerischen Zeitung“, schrieb die romantische „Geschichte eines deutschen Steinmetz“. Heinrich Hofstetter, von Haus aus Jurist, ging zur Theologie über und starb 1875 als Bischof von Passau. Johann Georg Hiltensperger (1806-1890), seit 1822 in München, seit 1851 als Korrektor der Antikenklasse an der Akademie.


Abb. 1 Akademie-Direktor Wilhelm von Kaulbach. Stich von J.L. Raab (1854)
Abb. 2 Ludwig von Schwanthaler. Steinzeichnung von J. Bergmann (1839)
Abb. 3 Die Humpenburg. Nach einem Holzstich von Franz von Pocci.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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