mein-bayern.jpg

An allen Ecken waren Plakate angeschlagen, worin aufgefordert wird, sich zur Beratung auf dem Rathause einzufinden. Tausende von Menschen strömten hinauf; es wurde beschlossen zum Minister zu gehen, und der sollte Rechenschaft abgeben. Der erklärte aber auf eine ziemlich brutale Weise, daß sie kein Recht hätten, danach zu fragen. Darüber wurden sie noch erzürnter; der kleine an Leib und Seele verkrüppelte Volkstribun Vogt stolzierte durch die Straßen, gefolgt von einem Haufen Schusterjungen, Weibern und Gesindel. Auch sah man Gruppen von Menschen beisammen stehen, und einer in ihrer Mitte, der das große Wort führte, schimpfte auf Gesetz und Ordnung und suchte das Volk zu reizen. Bald mußte das Militär ausrücken, und alle Plätze und Straßen wurden besetzt. Aber auch das half nichts; denn es kam des Nachts zu schlimmen Auftritten, und es gab mehrere Verwundungen. Bürger und Freikorps übernahmen es dann, die Ruhe wieder herzustellen. Heute ist an allen Ecken angeschlagen, daß auf Befehl des Königs die Schatzkammer für jedermann offen steht, und man warnt die Bürger davor, künftig wieder solchem Geschwätz und böswilligen Gerüchten Glauben zu schenken.

 

 

22. August 1848.

 

Guido Görres hat wieder was Schönes angefangen; er wäre beinah vom Volk gesteinigt worden. Gestern nämlich erschien ein Aufruf an alle Katholiken, daß wir zusammenhalten müßten; unsere Religion sei in Gefahr, der Staat müsste von der Kirche getrennt werden, und der Unterricht sollte allein der Geistlichkeit zufallen usw. Eine Adresse läge auf dein Rathause, wo sich alle guten Christen unterschreiben sollten, um dann die Epistel nach Franfurt zu schicken. Der Aufruf wurde an den Straßenecken schon heruntergerissen, und die Menschen strömten aufs Rathaus nicht zum unterschreiben, sondern um ihrem Unwillen Lust zu machen. Dort wurde für und dagegen gesprochen. Schließlich packten einige Menschen die Adresse mit ungefähr 600 Unterschriften und zerrissen sie. Die Tintenfässer warfen sie sich an die Köpfe, die Magistratsräte flüchteten mit genauer Not, und die Menschenwoge stürzte dann herunter auf die Straße. Da kam auf einmal unser guter Guido Görres des Weges. Er wurde von der Menge umringt, versuchte zu sprechen, aber er wurde nicht gehört. So schleppten sie ihn bis in die Burggasse und wollten dort über ihn herfallen. Er aber, dank seiner großen Gewandtheit, entschlüpfte ihren Fäusten und entfloh bis auf den Schrannenplatz unter die Bögen, wo er sich ausruhte. Ein Bekannter, der ihn dort sah, sagte zu ihm: „Um Gottes Willen, was haben Sie angefangen? Wie haben Sie Ihrer Partei geschadet!“ Da sprach Guido: „Man muß für seinen Glauben zu sterben wissen. Heute Nacht ist alles Militär in Bewegung, man fürchtet große Unruhen durch diese Geschichte; denn auf dem Lande sollen Tausende diese Adresse unterschrieben haben. Aber sage, ist das nicht entsetzlich? Sie ziehen den Religionskrieg ja gewaltsam herbei“. — . „Man sollte sie alle an den Fußzehen aufhängen“, sagte heute unsere gute Anna. Ich meine, die katholische Kirche sei immer dann am besten gewesen, wenn sie arm war. Die reichen Geistlichen haben nie etwas getaugt.

 

Guido Görres (1805-1852), der Sohn Joseph Görres, in dem hochkatholischen Münchner Spätromantikerkreis und im politischen und gesellschaftlichen Leben der Stadt eine wichtige Persönlichkeit, wenn auch an weittragender, persönlicher Bedeutung seinem Vater keineswegs ebenbürtig. 1838 begründete Guido Görres die noch bestehenden ,,Historisch-politischen Blätter für das katholische Deutschland“, 1846-47 gab er das erfolgreiche ,,Deutsche Hausbuch“ heraus.

 

Abb. 1 Guido Görres. Bleistiftzeichnung von A. Muttenthaler.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

>> mehr