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Am 9. Mai 1945, 0:16 Uhr, unterzeichnete im sowjetischen Hauptquartier in Karlhorst bei Berlin Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Leiter des Oberkommandos der deutschen Wehrmacht (OKM), vor den Vertretern der sowjetischen Armee nochmals die Kapitulation aller deutschen Streitkräfte. Vier Tage wollte Dönitz nach Unterzeichnung in Reims bis zum Datum des Inkrafttretens erreichen, um möglichst viele deutsche Soldaten von der Ostfront hinter die Demarkationslinie in amerikanische Gefangenschaft zu bringen, statt sie den Russen in die Hände fallen zu lassen. Jedoch es wurden ihm nur zwei Tage gegeben. 1,86 Mill., d.h. 55 Prozent der deutschen Wehrmachtsangehörigen konnte zurückgeführt werden. Wie die Geschichte aufzeigt, wurden erst zehn Jahre später, 1955, die Freilassung der letzten 5000 deutschen Kriegsgefangenen beim Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau vereinbart und von der jahrzehntelangen Gefangenschaft in die Heimat entlassen.

Schon im Februar 1945 wurden bei der Konferenz von Jalta, auf der Halbinsel Krim, von den „Großen Drei“: Josef Stalin von Russland, Winston Churchill von England und Franklin D. Roosevelt von den USA, Deutschland in britische, französische, russische und amerikanische Besatzungszonen aufgeteilt

Sehr schnell hatten die amerikanischen Truppen im Frühjahr 1945 in seiner Besatzungszone Bayern an Boden gewonnen. Ende März hatten sie den Rhein bei Speyer überquert. Am 20. April wurde Nürnberg eingenommen, am 25. April in Regensburg die Donau passiert. Am 27. April gab es bei Schierling eine zweitägige Sammlung der Truppen, ehe es dann am Sonntag, 29. April 1945, mit zwei Stoßkeilen nach Süden weiter ging. Einmal über Sünching, Geiselhöring nach Mallersdorf und zum Anderen auf der B 15 über Buchhausen, Ascholtshausen, Steinrein, Oberlindhart, Pfaffenberg und weiter nach Neufahrn Ergoldsbach Richtung München, wo am gleichen Tag die Gefangenen des KZ Dachaus befreit wurden. München wurde am 30. April besetzt und einen Tag später war das Groß dei amerikanische Armee in der sogen. „Alpenfestung“ angelangt. Die deutschen Truppen befanden nun eingepresst von amerikanischen Truppen norden und die aus Italien ankamen, wo die deutschen Armeeteile bereits kapituliert hatten. Eine amerikanische Einheit hatte am 5. Mai 1945 auf dem Obersalzberg vor dem Landhaus Hitlers die amerikanische Fahne gehisst. Wie das Fernsehen zeigte, haben amerikanische Kriegsveteranen dies zum Anlass genommen, am Jahrestag ins Berchtesgadener Land zu kommen, um zur Erinnerung nochmals dort eine Fahne zu hissen.

Wie oben erwähnt, berührte die amerikanische Armee auf den Weg nach Süden Pfaffenberg und Mallersdorf. Wie die Bevölkerung von Pfaffenberg wie auch die von Mallersdorf das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte, haben von Mallersdorf Notariatsoberinspektor Franz Dietl, von Pfaffenberg AOK Kassenverwalter Leonhard Wroddnig schriftlich dies festgehalten, so dass dokumentarisch über die Ereignisse berichtet werden kann.

Mutige Männer riskierten ihr Leben.


Es ist angebracht in Erinnerung zu bringen, dass es einen Führerbefehl gab, der besagte, dass jeder standrechtlich erschossen werde, der den Feind mit der Absicht der Kapitulation eine weiße Fahne zeigt. Das dies Realität war, davon berichtete ein Zeitzeuge. Einige Tage vorher erschoss ein „Fliegendes Standgericht“ deutsche Soldaten und hängte sie an Bäumen an der B15 in Steinrain auf. Mit einem Schild auf der Brust: „Die Strafe für Verräter“.

Leonhard Wroddnig schrieb über die letzten Tage und den Einmarsch der Amerikaner Folgendes: „Nichtendende Verbände von feindlichen Fliegern zogen Tag für Tag Ströme von weißen Linien am Himmel. Angstvoll spähte man gegen den Himmel, ob sich nicht auf Pfaffenberg und Mallersdorf senken würden, um ihre vernichtende Last abwerfen. Wir wurden verschont. Aber Tiefflieger beunruhigten unsere Gegend sehr. Leute, die auf den Feldern arbeiteten wurden im Tiefflug  beschossen. In Kleinzeitzkofen fielen acht Bomben, ohne jedoch Schaden anzurichten. Am 18. April, mittags, als Straubing angegriffen wurde, bebte die Erde. Nachts färbte sich in Osten der Himmel rot.

Es kam der 26. und 27. April heran. Bombenflieger sah man kaum mehr, eine unheimliche Stille herrschte. Gerüchte wurden verbreitet: Der Feind stehe schon in Schierling.

Sonntag 29. April 1945, 6 Uhr früh. Das einzige Glöckchen am Kirchturm läutete Sturm. Die Amerikaner sind da. Der Kreisleiter hatte ja angeordnet, dass das Glöckchen bei keiner Beerdigung oder zum Kirchgang mehr geläutet werden dürfe, nur noch wenn der Amerikanerin Anmarsch ist.

Die Panzervorhut erreichte Steinrain und Oberlindhart. (Anmerkung: Die Bundesstraße führte damals noch über Steinrain und Oberlindhart) Hier hatten aber am Tag vorher deutsche Pioniere die Brücke über die Laber und die Eisenbrücke gesprengt, so dass die Amerikaner nach Pfaffenberg einschwenkten, um dort über die intakte Laberbrücke und weiter über Niederlindhart/Westen nach Oberlindhart auf die Hauptstraße zu gelangen.

Die Unterhändler von Pfaffenberg und zwar Gärtnereibesitzer Bürgermeister Alois Buchner und Brauereibesitzer Karl Stöttner sowie der Maurer Josef Salzberger gingen mit weißen Fahnen den Amerikaner entgegen und boten die Übergabe des Ortes ohne Verteidigung an. Unter der Bedingung, dass die am westlichen Ortseingang aus Baumstämmen aufgebaute Panzersperre schnellstens beseitigt wird, billigten sie ein. In Windeseile beseitigte der Volkssturm das Hindernis.

Bis in den späten Abend riss die Kolonne der amerikanischen Militärfahrzeuge nicht ab, die durch Pfaffenberg seinen Weg nahm. Was hätten wir da entgegensetzten können?“
, Soweit Leonhard Wroddnigs Bericht.

In Mallersdorf stellte der Einmarsch der Amerikaner etwas anders dar. Franz Dietl schrieb von den Ereignissen in Mallersdorf Folgendes: „Nun, es war Sonntag, der 29. April 1945, bei Tagesanbruch. Das einzige verbliebene Glöcklein, das noch im Kirchenturm hing, läutete voller Leidenschaf Sturm. Jeder wusste, die feindlichen Panzer sind im Anmarsch. Alles eilte aus den Betten, schlüpfte in die festgelegten Kleider und nahm den Koffer mit den längst zusammengestellten nötigsten Papiere, der immer für diesen Fall bereit lag. Für den Volkssturm hieß es mit der „Knarre“ sammeln. Auf Befehl rückte der Volkssturm in Richtung Pfaffenberg ab. Als man von der Anhöhe die Masse und Ungetüme von Panzern sah, erkannte man sofort, dass eine Truppe wie der Volkssturm mit seiner Ausrüstung unfähig ist, den Ort zu verteidigen.

Man schimpfte und überlegte, sah das Verwerfliche ein und ....... kehrte um und ging wieder heim, was  nach Lage der Sache auch das Beste war, was man tun konnte“,
so Franz Dietl.

Dr. Robert Pickl und Bürgermeister Franz Ganslmeier übergaben den Ort

Notaroberinspektor Franz Dietl notierte weiter vom Einmarsch der Amerikaner in Mallersdorf: „An diesem Tage, Sonntag, den 29. April 1945, vormittags kurz nach 10 Uhr, eben nach Beendigung des Hauptgottesdienstes, man hatte schon geglaubt, die Amerikaner lassen Mallersdorf „links liegen“, zogen die amerikanischen Truppen, mit ihren ungeheuren Panzer- und Räderfahrzeugen von Geiselhörig kommend, in Mallersdorf ein.

Gegenüber der Gaststätte der Brauerei Erl, beim Anwesen des Hafnermeisters Hecht, wurden der Chefarzt Dr. Robert Pickl, der ein große Rotkreuzfahne trug, in Begleitung des stellv. Bürgermeisters Franz Ganslmeier, von amerikanischen Offizieren empfangen. Ganslmeier und Dr. Pickl boten die bedingungslose Übergabe an, welche sofort angenommen wurde. Dadurch wurden Kämpfe vermieden“.
(Anmerk.: Im Krieg war im Kloster ein Lazarett für Hunderte von Verwundeten eingerichtet. Dr. Pickl war dort Chefarzt.)

Weiter vermerkt Franz Dietl in der Chronik: „Am gleichen Tage, also 29. April, nachmittags kam eine weitere amerikanische Militärabteilung und forderte durch Anschläge zur sofortigen Ablieferung der Waffen aller Art auf . Wer sie nicht abliefere wird mit Zuchthaus, ja mit Tod bestraft, hieß an den Maueranschlägen.“

Wie Ernst dieses Gebot befolgt werden musste, zeigt folgende Begebenheit: Ein Jäger konnte sich von seinem Jagdgewehr nicht trennen und versteckte es. Aus welchen Grund auch immer, nach drei Monaten wurde das Anwesen durchsucht und das Gewehr gefunden. Der Besitzer wurde verhaftet und später zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Auch dies notierte Franz Dietl in seiner privaten Chronik: "Einen Tag später, also am 30 April 1945, kam eine „Amerikanische Militärregierung“ nach Mallersdorf. Ihr Chef Käptn Jakobs und zahlreiche Untergebene haben am  Landratsamt das Sagen. Sie überwachen nun die Anordnungen der Besatzungsmacht .Die ersten Amtshandlung war die Einsetzung von Herrn Hartenbach als neuen Landrat. Auch die Auswechslung aller Bürgermeister in den 38 Gemeinden des Landkreises Mallersdorf wurde befohlen. Die Namen der neuen Bürgermeister hatte er schon auf seiner Liste stehen. In Pfaffenberg wurden der Spenglermeister Josef Kreitmeier und in Mallersdorf der Landwirt Josef Kolbeck eingesetzt. Auch Leiter der Behörden müssen ihren Stuhl räumen, bekleidet er bei der Partei auch nur die geringste Funktion.“

Mit dem Einmarsch der Amerikaner und dem  Ende des Krieges brachte für Bewohner von Mallersdorf, wo über die Hälfte davon Beamte und Angestellte mit ihren Angehörigen waren, viele Sorgen und Leid. Die sogen. Spruchkammern „durchleuchteten“ jeden auf seine Vergangenheit. Wer der Partei angehörte, und zahlte er auch nur seinen Beitrag, wurden jahrelang Gehalt und Pensionen gesperrt.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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