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Der New Yorker Stadtteil Brooklyn war seit jeher ein Schmelztiegel der Einwanderer und hat neben den bedeutenden Autoren Paul Auster und Frank McCourt, der Sängerin Barbra Streisand, Michael Jordan, G. Gershwin oder Woody Allen viele weitere Persönlichkeiten hervorgebracht, so auch den von armen, jüdischen Immigranten abstammenden Howard Zinn. Offenbar wird diese abwechslungsreiche, vielschichtige Umgebung mit Recht immer wieder als hilfreicher Nährboden für Kreativität angesehen.

Zunächst arbeitete Zinn auf den Werften der Stadt, bevor er zum Kriegseinsatz ging und später als Historiker und Politikwissenschaftler an den Universitäten von Atlanta und Boston lehrte. So allgemein diese Fakten klingen, so bedeutsam waren sie jedoch im Detail.
Zinn ging nicht einfach zum Kriegseinsatz, er war einer der ersten jungen Bomberpiloten, die Anfang 1945 das von Deutschen besetzte Gebiet Frankreichs mit einem der ersten Napalm-Angriff überzogen.
Der frühe Einsatz von Napalm sowie die "Probierfreudigkeit" der Amerikaner dahingehend ist sicher nicht in vielen Geschichtsbüchern eingetragen. Zinn reagierte später mit Abscheu auf seine Taten, wurde zum entschiedenen Kriegsgegner und Friedensaktivisten. Er besuchte das von ihm mit bombardierte Gebiet der Stadt Royan und interviewte Einwohner.

Auch die Lehrzeit in Atlanta im südlichen US-Staat Georgia war für Zinn nicht einfach eine Arbeit, sondern bereits Ausdruck seiner entwickelten geistigen Haltung.
Während er 1956 noch nicht einmal die Promotion abgeschlossen hatte, wurde er zum Dekan bzw. Rektor einer Hochschule, die speziell für schwarze Frauen eingerichtet worden war, 7 Jahre vor M. L. Kings berühmter Rede "I have a dream" und weitere Jahre vor dem Höhepunkt der Bürgerbewegung, deren Mitstreiter Zinn bereits in den 1950ern war. Allein über diese Jahre räumt Zinn die Möglichkeit ein, von den schwarzen Frauen mehr gelernt zu haben als sie von ihm.
1964 wechselte Zinn zur Universität von Boston und wurde einer der bekanntesten Gegner des Vietnam-Krieges, wodurch es nicht nur zu seiner zeitweisen Inhaftierung sondern auch zu Sanktionen gegen seinen Professorentitel und die Lehr- bzw. Publikationstätigkeit kam.

Weithin als Historiker akzeptiert wurde Zinn jedoch in internationalen Akademikerkreisen erst durch sein historisches Standard-Werk "A People´s History of the United States" von 1980, das seither vielfach wieder aufgelegt und in etliche Sprachen übersetzt wurde.
Hierbei ist nun die deutsche Übersetzung "Geschichte des amerikanischen Volkes" wenig hilfreich, weil es Zinn um das einfache Volk ging und die doppelte Bedeutung von people als Menschen. Zinn schaute nach den "Auslassungen", den düsteren Lücken der großartigen Geschichte.
Er beschreibt den gefangenen Sklaven, den idealisierten Pilgervater, den vertriebenen oder bei der Vertreibung ertrunkenen Ureinwohner, die missachteten Näherinnen, den früh sterbenden Kohlebergarbeiter, die geschlagenen Streiker.
Diese Art der Perspektive hilft heutige Generationen zu verstehen, dass die nun in vielen Ländern als selbstverständlich angenommenen Rechte nicht vom Himmel fielen, sondern im wahrsten Sinne Blut, Schweiß und Tränen vieler Jahrhunderte brauchten.
Wer weiß heute noch die Relation einzuschätzen, dass u. a. die amerikanischen Arbeiter am Anfang des 20. Jahrhunderts um die 65 Stunden-Woche kämpften und für Streiks auf der Straße erschossen wurden?
Zinn rückt vieles davon in differenzierte, vielseitig beleuchte Ebenen.

In einem Land, dass es spätestens seit dem Korea-Krieg geschafft hat, dauerhaft in den heimischen Medien die Idee zu verbreiten, dass es normal für ein Land sei, im Krieg zu sein, ist die Arbeit von Denkern und Sprachrohren wie Noam Chomsky, Jon Stewart, Bill Maher, George Carlin oder Howard Zinn besonders wichtig, so unterschiedlich auch ihre sprachlichen Instrumente sind bzw. waren.
In diesem Zusammenhang ist es für Europäer eine Einladung wert, sich mit Hilfe der neuen Medien auf die Suche zu machen nach einer für viele sicher überraschend vielschichtigen Kritik am öffentlichen Leben und der Politik, wovon etwa in Deutschland sehr wenig wahrgenommen wird.
Somit verschleiert sich unser Blick auf Amerika leider oftmals zu einem Land von Hinterwäldlern, deren Weltbild größtenteils von zwölf bis Mittag reicht und die kritiklos der Regierung folgen. Dass jedoch speziell an der Ostküste ein viel europäischerer Geist weht und die Verhältnisse sich allein von Bundesstaat zu Bundesstaat enorm unterscheiden, ist vielen nicht bewusst, so viele US-Serien sie auch kennen mögen.

Bill Maher wies in seiner Sendung darauf hin, dass Teile der unendlich stolzen amerikanischen Bürger "endlich mit dem großen Wedeln des Nr. 1" Fingers aufhören könnten, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die USA international bei Pressefreiheit auf Rang 44 steht, bei Kindersterblichkeit auf 48, bei Lese-und Schreibfähigkeit auf 55 und allgemeiner Gesundheitsrate auf Rang 72.
Zinn geht einen ähnlichen Weg und beschäftigt sich viel mit Sprache, den Ausdrucksweisen, die sich verfestigt und als gesetzt in den Sprachgebrauch aufgenommen und vielfach nicht länger hinterfragt werden. Beispiel: "Gerechter Krieg." Das zudem in den USA durch G. W. Bush enorm überstrapazierte, fast biblische Wort gerecht (righteous) nimmt Zinn wiefolgt auseinander:
"Der Ausdruck gerechter Krieg ist in sich widersprüchlich. Krieg ist an sich ungerecht, und die große Herausforderung unsere Zeit ist, mit dem Bösen, der Tyrannei und der Unterdrückung zurecht zu kommen, ohne eine große Anzahl von Menschen zu töten".

Wie fast niemand verkörperte Howard Zinn Authentizität, wie der Autor dieser Zeilen findet, weil er:

- sich dem "ehrlichen Schweiß des Industriearbeiters" nicht entzog, wie er vor Harry Kreisler in einem berühmten Berkeley Interview sagte, und somit realistische Debatten über Klassendenken in Amerika halten konnte

- er sich bis ins hohe Alter selbstkritisch mit seinen eigenen Arbeiten, Aufsätzen und Reden auseinandersetzte

- er auf die Frage, was Studenten von ihm und seinen Studien lernen sollten, antwortete: "Meine Güte, als wenn ich Derjenige bin, von dem sie was lernen können!"

- er sichtbar eine menschliche Distanz zu seinen Vermutungen, Argumenten und Sichtweisen beibehalten hat, die vielen Elite-Kindern, die seine Kollegen allermeistens sind, abgeht

- er keinerlei Angst davor hatte, für seine Statements und aktivistischen Taten die Konsequenzen zu ziehen und eigene Grenzübertretungen des Gesetztes nicht leugnete.

Als Abschluss für dieses Argument und den Artikel kann man ihn selbst zitieren, als er gefragt wurde, wieso er sich mit über 80 Jahren den Mut des Protestierens und Kritsierens auferlege. Seine sinngemäße Antwort:
"Es ist eigentlich eine traurige Ansicht, dass Mut zu nennen, seine Meinung auszusprechen und für Dinge einzustehen, denn was kann ich schon verlieren? Ich komme vielleicht 1-2 Tage ins Gefängnis, na und? Das habe ich schon 8-9 Mal erlebt, und Angst um meine Pension oder Gehalt? Das ist nicht mutig im Gegensatz zu vielem, was Menschen weltweit droht und passiert. Die Leute müssten ihre Perspektive überdenken".

Carsten Schmidt

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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