mein-bayern.jpg

Heute sind es nur einige höchst prosaische, von Kunst und Poesie fernliegende Bemerkungen, die uns beschäftigen und den Beweis führen sollen, dass es hier auch auf andern Gebieten gärt oder doch zu gären beginnt.


Dahin gehört vor Allem die kürzlich vollzogene Neuwahl des Rektors der Universität; dieselbe ist auf den Professor der philosophischen Fakultät Dr. Streber gefallen und zwar mit 30 gegen 26 Stimmen, welche letzteren sich auf Hrn. v. Martius vereinigt hatten. Wir gehen gewiss nicht fehl, wenn wir in dieser Wahl eine Demonstration erblicken gegen die königlichen Berufungen zum Teil protestantischer Professoren, die in der letzten Zeit geschehen sind. Denn Streber gehört der extremen katholischen Partei an und in seiner Wahl, gerade in diesem Augenblick, gibt sich die Farbe zu erkennen, die an unserer Universität noch immer die vorherrschende ist. Dennoch würde man irren, wollte man jene 30 Stimmen für ausschließlich ultramontan halten. Die Stärke dieser Partei ergab sich durch die gleichzeitige Senatorenwahl, bei welcher der bekannte römische Hierarchist Prof. v. Lasaulx nur 14 Stimmen unter 56 erhielt. Wie gering aber auch diese Zahl sein möge, so darf sie bei dem unverbrüchlichen Zusammenhalten der Partei und ihres energischen Auftretens noch immer als eine gewichtige Phalanx betrachtet werden; und wenn sie bei der diesjährigen Rektorenwahl um mehr als das Doppelte verstärkt auftrat, so lag der Grund wohl zunächst darin, dass Hr. v. Martius bei vielen seiner Kollegen eine persona ingrata ist. Außerdem war auch, vielleicht absichtlich erfunden, das Gerücht in Umlauf, derselbe habe sich für den Fall seiner Erwählung verbindlich gemacht dahin zu wirken, dass die den gewöhnlichen Etat überschreitenden und zum Theil von der K. Kabinettskasse übernommenen Besoldungen einiger der neuberufenen Professoren auf den Universitätsfonds übertragen würden. Man darf jedoch sicher überzeugt sein, dass Hr. v. Martius überhaupt gar nie in der Lage war, eine derartige Verbindlichkeit einzugehen, während es ihm anderseits sehr schwer, wo nicht unmöglich geworden sein könnte, derselben nachzukommen. Das Gerücht war indes wohlberechnet und hat seine Frucht getragen; selbst mehre der liberalen Professoren sind dadurch, wie es scheint, zu dem Entschluss verleitet worden, dem ultramontanen Gegner des protestantischen Kandidaten ihre Stimmen zu geben. Das Resultat der Wahl (das, wie die hiesigen Blätter so eben melden, bereits auch die königl. Bestätigung erhalten hat) ist aber um so auffälliger und bedauerlicher, als Hr. v. Martius, wiewohl er unstreitig zu den ersten Zierden der hiesigen Universität wie der Akademie gehört, seither noch nie den Ehrenposten des Rektors bekleidete, während Streber, der nichts weniger als eine bedeutende Persönlichkeit ist und den man auswärts höchstens als Konservator des K. Münzkabinetts kennt, jetzt schon zum dritten Mal, wenn ich nicht irre, auf jenen Posten berufen wurde. Eine protestantische Wahl wäre aber diesmal, nachdem eine derartige seit l848 nicht mehr stattgefunden, um so billiger gewesen, als inzwischen Erlangen in dem Professor Ditterich den ersten katholischen Rektor erhalten hatte. Doch diese Partei kennt keine Zugeständnisse.


München Amalienstraßße UniversitätWichtiger als dieser Sieg der Ultramontanen ist nach der entgegengesetzten Seite hin die Ernennung des bisherigen Geh. Legationsrates Kr. W. Doenniges zum Ministerialrat im Ministerium des K. Hauses und des Äußern an die Stelle des Hrn v. Schilcher, eines wohldenkenden und mildgesinnten Mannes, welcher den sonst einflussreichen Posten eines K. Kabinettssekretärs bekleidete, in der letzteren Zeit jedoch eine mehr untergeordnete Rolle gespielt zu haben scheint, bis er neulich zum Staatsrats im ordentlichen Dienste erhoben wurde. Die strengkatholische Partei, der er angehört, darf hierin einerseits zwar eine Anerkennung seines früheren verdienstlichen Wirkens erblicken, anderseits ist es aber auch eine Niederlage ihres Prinzips, sofern nämlich Doenniges, welcher bekanntlich der protestantischen Konfession zugetan ist, künftighin eine ähnliche Verwendung finden sollte, wie Hr. v. Schilcher sie einst als Kabinettssekretär in der unmittelbaren Umgebung des Königs gefunden hatte. Nehmen wir hierzu, dass der ehemalige Kultusminister Dr. v. Ringelmann entlassen ist, dass gleichzeitig mehre protestantische Professuren an die Universität berufen worden, dass ein Mann wie Harleß an die Spitze des hiesigen protestantischen Konsistoriums gestellt wird: so könnte man allerdings versucht sein, an ein protestantisches Übergewicht in den leitenden Regierungsgrundsätzen zu glauben. Dennoch mit Unrecht, glaube ich; Alles, was in dieser Hinsicht geschieht, scheint mir im Gegenteil nur erst dazu angetan, auch dem protestantischen Element im bayrischen Volks- und Staatsleben die ihm gebührende Stelle zu geben und dasjenige Gleichgewicht zwischen den beiden Konfessionen wieder herzustellen, das durch die einseitigen Bestrebungen der entgegenstehenden Partei seit Langem aufs Empfindlichste gestört war.


Indes fahren hiesige katholische Zeitblätter unbekümmert fort, Hass und Zwietracht zwischen die Konfessionen zu streuen. Das zu verhindern, reichen Konfiskationen einzelner Nummern nicht aus. Vom Volksboten wurde dieser Tage die achte Nummer seit Anfang August konfisziert; darum hört das Blatt aber doch nicht auf, seine gehässige, lügnerische und unterwühlende Tendenz vor wie nach zu verfolgen und auch seine Verbreitung im Volke nimmt dadurch eher zu als ab, besonders auf dem Lande, wie schon aus der einzigen Tatsache erhellen dürfte, dass der Volksbote für die Notleidenden an der Rhön in Kurzem über 14.000 Gulden zusammenbrachte, während keins der übrigen hiesigen Blätter mehr als den dritten Teil dieser Summe erreichte. Dieser Volksbote, außer dem Brevier die einzige Lektüre für viele Tausende katholischer Christen in Baiern, nannte noch vor Kurzem den Lessing'schen Nathan einen „Narren“ und verglich die Tendenz des Gleichnisses von den drei Ringen einem „verfaulten Aas“ und dem „Gestank einer Mistlache“. Gegen solche Kritik vermag freilich selbst die Polizei heutzutage nicht aufzukommen; nur der Zeit und der Alles überwältigenden göttlichen Vernunft selbst muss es überlassen bleiben, diese Borniertheit allmählich zu heilen und die Finsternis zu erleuchten, die in jenen fanatisierten Köpfen steckt, welche sich gleichwohl rühmen die einzigen zu sein, die der Religion der Liebe und des Lichts das Panier vortragen. Damit will ich indes keineswegs empfohlen haben, die Hände in den Schooß zu legen, im Gegenteil, man sollte sie nur recht kräftig rühren, kräftiger, als es leider geschieht. Auch hier bedarf die evangelische Richtung eines neuen Anstoßes und frischer, fördernder, ausdauernder Kräfte, welche die Gemüter emporrütteln. Möchten nur aber auch hier alle diejenigen, welche im Wesentlichen des Bekenntnisses mit einander übereinstimmen, genügende Selbstüberwindung besitzen, um dem gemeinsamen höheren Zwecke die Verschiedenheit der Ansicht in den Nebendingen zum Opfer zu bringen. Dagegen zeigen sich auch hier schon jetzt bei uns Bestrebungen, die leicht zu Spaltungen führen könnten, wenn der künftige Vorstand des protestantischen Konsistoriums die Entschiedenheit seiner Richtung etwa gleich anfangs zu einseitig geltend machen wollte. Doch hoffen die Gleichgesinnten, dass er die Kirche aus der Knechtschaft, in welche sie nicht ohne Schuld ihrer Oberen geraten war, zu der ihr gebührenden Berechtigung im Staate, sowohl fremder Benachteiligung und Verunglimpfung wie der eigenen Schwäche gegenüber, führen werde. Wie wir hören, soll er das Ausscheiden von einigen zweideutigen Persönlichkeiten aus dem bisherigen Bestände des Konsistoriums zur Mitbedingung seines Wiedereintritts in bayrische Dienste gemacht haben. Sind Reformen beabsichtigt, so möge man bedenken, dass mit Fragen über unwesentliche Dinge (wie etwa über die Einführung eines gemeinsamen Gesangbuches in der evangelischen Kirche, womit sich der Kirchentag in Eisenach so eifrig beschäftigte) ganz und gar nicht geholfen ist, so lange die Kirchenverfassung und die Liturgik nicht die entsprechende Gleichgestaltung empfangen haben. Die Neubelebung des kirchlichen Geistes auf evangelischem Gebiete kann nur von diesen Grundlagen ausgehen, da hiermit die vom Protestantismus geforderte Mitbeteiligung der Gemeinde am Kirchenregiment eine wirksamere Seelsorge von Seiten der Geistlichen zusammenhängt, bei welchen man in der Regel noch immer jenes taktvolle und würdige Benehmen vermisst, wodurch die katholischen Geistlichen der Mehrzahl noch sich auszeichnen. Auch bedarf die evangelische Kirche zur Verbreitung ihrer Grundsätze und zur Aufklärung darüber ähnlicher Organe, wie die Deutsche Volkshalle oder der Bayerische Volksbote für die katholische Kirche sind, wenn auch in einem besseren, wahrhaftigeren Geiste redigiert.


München Ansicht 1650Letztere hat hier an dem jüngst nach langen Leiden verstorbenen Hauptredakteur der historisch-politischen Blätter, Guido Görres, dem Letzten seines Namens, einen ebenso fanatischen als kundigen und wohlgeschulten Vertreter verloren. Doch wird die Tendenz der Zeitschrift darum keine Änderung erleiden, da zwar Phillips erklärt hat, wegen seiner großen Entfernung vom Druckort an der künftigen Redaktion nicht mehr teilnehmen zu können. Allein es bedarf dessen auch gar nicht, indem die Redaktion in die Hände eines Mannes gelangt ist, eines gewissen Jos. Edmund Jörg, der nicht nur während Görres' Krankheit die Redaktion schon längere Zeit aufsichtsweise geleitet, sondern sich auch außerdem durch seine Geschichte des Bauernkrieges, sowie in allerjüngster Zeit durch seine (auch in diesen Blättern nach Verdienst gewürdigte) Geschichte Deutschlands in der Revolutionsperiode von 1522 bis 1526 als der richtige Mann seiner Partei erwiesen hat.
Mit der kirchlichen Tagesfrage hängt auch die vielbesprochene Feier des Napoleonsfestes in der Ludwigskirche zusammen; denn nur durch die Beteiligung der katholischen Kirche konnte der politische Zweck erreicht werden, der dieser Ostentation zum Grunde lag. Leider können wir nicht berichten, dass hier die Feier öffentlich nicht stattgefunden habe. Doch war sie nur wenig besucht von Franzosen wie von Neugierigen aus der Stadt, trotzdem dass die französische Gesandtschaft auch hier, wie dies, offenbar nach einer gemeinsamen Verabredung, fast überall in den deutschen Residenzen geschehen, in öffentlichen Blättern in französischer wie deutscher Sprache, wiederholt zur Teilnahme eingeladen hatte. Man kann die Größe des einen, das Glück des andern Napoleon bewundern und doch im Innersten von patriotischem Schmerze sich empört fühlen, dass es gestattet worden, dem kaiserlichen Eroberer in Deutschland derartige kirchliche Ovationen darzubringen. Doch wer will berechnen, was uns Alles zu ertragen noch bestimmt ist und wann endlich jene wunderbaren Dinge erschöpft sein werden, die wir in den heutigen Zeitläufen noch zu erleben bestimmt, ich möchte sagen verdammt sind?!


München Ruhmeshalle BavariaUnersetzlich ist der Verlust, den die hiesige K. Hof- und Staatsbibliothek und die deutsche Sprachwissenschaft durch das am 27. Juli nach nur dreitägigem Krankenlager erfolgte Ableben Schmellers erlitten hat. Gebrechlich und leidend war er schon lange, doch entwickelte sich sein letztes Unwohlsein rasch zur tödlichen Krankheit, die ihn unerwartet seinen Freunden und Verehrern entriss. Er hat, wie wir hören, den Handschriften-Katalog der Bibliothek noch kurz vor seinem Hingange zur Vollendung gebracht, und wir können daher nur wünschen, dass derselbe auf Staatskosten würdig publiziert werde. Möglich übrigens, dass die Akademie der Wissenschaften, deren Mitglied der Verstorbene war, diese Angelegenheit in ihre Hände und unter ihren Schutz nimmt, und dann wird auch die finanzielle Beihilfe des Staats nicht ausbleiben, der in neuester Zeit seine Geneigtheit mehrfach klar an den Tag gelegt hat, neben den künstlerischen, gewerblichen und landwirtschaftlichen Forderungen auch denen höherer wissenschaftlicher Bildung gerecht zu werden. Allgemeine Billigung hat es gefunden, dass Jos. Müller, Professor der nichtbiblischen orientalischen Sprachen und Literaturen, zum ersten Klassensekretär in der philosophisch-philologischen Klasse der Akademie an Schmellers Stelle erwählt worden ist. Denn wenn Einer, so war Müller dieser Auszeichnung würdig, nicht allein wegen seines umfassenden und gründlich gelehrten Wissens, sondern auch wegen seines ebenso gediegenen und in liberaler Richtung bewährten als liebenswürdigen Charakters.


Der hiesige historische Verein, der sich um Erforschung und Veröffentlichung wichtiger, die Geschichte und Altertümer Oberbayerns betreffender Urkunden und Denkmale bereits auch auswärts anerkannte Verdienste erworben hat, rührt sich mehr und mehr. In seiner letzten, zu Anfang d. M. stattgefundenen Sitzung wurde ein Vorschlag eines seiner tätigsten Mitglieder, des Bibliothekcustoden Föringer, ein oberbayrisches Ehrenbuch zur biographischen Verherrlichung solcher Männer, die sich in und um Oberbayern verdient gemacht haben, mit so lebendigem Beifall aufgenommen, dass an der bald beginnenden Ausführung nicht zu zweifeln ist. Eine möglichst erschöpfende Lebensskizze Schmellers, dessen Tod zu dieser Idee Anlass gegeben zu haben scheint, wird den Reigen in dieser literarischen Ruhmeshalle eröffnen. Nur wünschen wir, dass die Bearbeitung der einzelnen Artikel stets in die geeigneten Hände komme und dass man sich dabei ebensowenig mit einer oberflächlichen Schilderung begnügen möge als mit einer nachlässigen Behandlung in Bezug auf sprachliche Darstellung, die eben nicht dazu beitragen würde dem Unternehmen die gehoffte allgemeinere Verbreitung zu sichern. Zu den Versammlungen der deutschen Geschichts- und Altertumsfreunde in Dresden, die soeben stattgefunden, hat der Verein den bekannten Herausgeber der Trachten des Mittelalters v. Hefner entsendet mit Aufträgen, welche den überschwänglichen Vorschlägen des Freih. v. Aufseß über ein deutsches Zentralmuseum für Geschichte und Altertümer nur in den Teilen beistimmend und mitwirkend sich anschließen sollen, welche die Möglichkeit praktischer Verwirklichung darbieten.

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

>> mehr