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Die beiden Baumeister zu Wasserburg (1264.) PDF Drucken E-Mail
Geschichte & Geschichten
Montag, den 04. April 2011 um 18:15 Uhr

Aus: Sagenbuch der bayerischen Lande: aus dem Munde des Volkes, der Chronik und der Dichter herausgegeben von A. Schöppner. Band 3. 1853.

Heuer sind es volle sechshundert Jahr, seit das Wasserburger Rathaus erbauet worden. An die Geschichte dieses Baues knüpft sich eine schöne Sage.

Zu Wasserburg sollten zu gleicher Zeit eine Kirche und ein Rathaus erbauet werden. Also berief man Steinmetzen und Bauleute zu Hauf und trug den Meistern auf, des Geschäftes nicht zu säumen. Es waren aber zwei wackere Steinmetzen, Hans und Stephan mit Namen, die hatten das Werk übernommen, also dass der ältere, Hans, den Bau der Kirche, der jüngere, Stephan den Bau des Rathauses zu führen hatte.

Beide waren wohlerfahren in ihrer Kunst, auch in Welschland und sonst mitsammen bei manchem herrlichen Werke tätig gewesen. Nun führte sie die Vorsehung abermals zusammen; das erkannten sie freudig und reichten sich die Hand zu treuer Freundschaft und schwuren einander, sonder Hass und Eifersucht, als gute Brüder zusammen zu helfen. Weil aber jegliches Werk seinen Lohn will, wenn es guten Fortgang und rechtes Gedeihen haben soll, so wurde demjenigen ein Preis zugesprochen, welcher zuerst von Beiden sein Werk, jedoch untadelig und würdig, vollendet hatte. Wollt ihr wissen, was das für ein Preis gewesen? Wohl ein sonderlicher Preis, nicht von Gold und Silber, noch eine Ehrenbezeugung — sondern eine Perle, kostbarer als alles dies — des Bürgermeisters schönes holdseliges Töchterlein. Es war eine liebreizende Jungfrau, edel von Gemüt, reich an väterlichem Gut, jedoch reicher an Tugenden. Die beiden Steinmetzen hatten zu gleicher Zeit ihre Augen auf das Mägdlein geworfen; dem Vater war's nicht verborgen geblieben. Weil aber Beide rechtschaffene und kunstfertige Leute waren, wollte der Bürgermeister nichts dawider haben, wenn sein Töchterlein den einen oder den andern zum Bräutigam bekäme, versprach also demjenigen die Braut, der zuerst mit seinem Baue fertig würde. Nun war aber das Bräutlein selber noch nicht befragt worden; die hatte in ihrem Herzen für den jüngeren Stephan entschieden.

Das Glück fügte es auch, daß Stephan zuerst mit seinem Bau fertig wurde. Noch fehlte die Spitze des Kirchturmes, da stand das Rathaus vollendet da. Der Wettstreit war entschieden, Stephan sollte die schöne und reiche Tochter des Bürgermeisters als Braut heimführen. Das war wohl eine harte Freundschaftsprobe. Hans trug sein Schicksal ohne Neid und Groll, dem Freunde ergeben wie zuvor. Aber das konnte Stephan nicht mit ansehen. Es war ihm nicht wohl dabei, im Glücke zu sitzen, während sein Freund unglücklich war. So ging er traurig und missmutig umher und bedachte bei sich, wie er des Jammers los werden könnte. Eines Tages war er verschwunden; in seiner Stube fand sich statt seiner sein steinernes Bild, dazu eine Schrift, darinnen er Braut und Freund den letzten Gruß gab, auch seinen Entschluss kund machte, in ein fernes Kloster zu ziehen. Ob Hans die verlassene Braut heimgeführt, davon schweigt die Sage, aber das Bildnis des treuen Stephan ist bis auf diesen Tag im Rathause zu Wasserburg aufbewahrt.

 

 

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