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Geschichte & Geschichten

München - Tierpark Hellabrunn München - Tierpark Hellabrunn

Aus: Die Kunst. Monatsheft für freie und angewandte Kunst 1899. Band 28. 1913

 

Der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts, — der Torpedos und Maschinengewehre konstruiert und Luftschiffe mit Bomben ausrüstet, rühmt sich trotz all dieser verbesserten Mordwerkzeuge einer verbesserten Humanität. Gewisse Dinge können wir heute nicht mehr mit ansehen; der Gedanke an sie empört uns. Warum? Weil sie unmenschlich grausam, weil sie barbarisch sind und der Kultur widersprechen. Dennoch gab es Zeiten — und sie liegen noch gar nicht lange hinter uns — in denen unleugbar große Kulturfortschritte gemacht wurden, obwohl das Gefühl der Humanität ein anderes, weit gröberes war. Zeiten, in denen die Folter als ein ganz selbstverständliches Werk galt und die Geisteskranken wie die Verbrecher und schlimmer noch behandelt wurden. Ganz gewiss, für Barbareien dieser Art hat sich das Empfinden verschärft, so sehr, dass es spontan und unwillkürlich reagiert, wenn es sich verletzt fühlt. Der Mensch hat über den Menschen nachgedacht, hat besser von ihm denken gelernt, und so sind wir — trotz allem — in der Humanität vorwärts gekommen.

 

Dieses international erhöhte Bewusstsein an Menschlichkeit aber versagte entweder, oder es regte sich ganz willkürlich, wenn das Tier der Hilfe bedurfte. Das Gebot des Tierschutzes ist alt, denn schon die Bibel sagt, dass der Gerechte sich seines Viehes erbarmt. Immerhin war dieses Erbarmen in der Wolle doch sehr egoistisch gefärbt, solange der Mensch wähnen durfte, im Mittelpunkt der Welt zu stehen. Es erweiterte sich erst dann, als man den Begriff der „Würde“ auch auf das Tier übertrug und den Adel der göttlichen Schöpfung in allen Geschöpfen achten lernte. Es ist der Ruhm der Völker germanischer und slavischer Zunge, dass bei ihnen das Gefühl der Menschlichkeit auch dem Tiere gegenüber zuerst erwachte und seinen Niederschlag sogar in Gesetzen fand. Gewissen Tieren, vor allen natürlich den Haustieren, war damit über ihren „nützlichen“ oder „unnützlichen“ Daseinszweck hinaus ein Daseinsrecht zugesprochen.

 

Sogar auf die wilden Tiere erstreckte sich diese gesetzliche Fürsorge. Das Wild ist geschützt durch Jagdgesetze, und nur das Raubtier ist „Freiwild“. Bis zum Wunsche der Ausrottung aber versteigt sich die Jagdlust des rechten Waidmannes auch dem Freiwild gegenüber nicht. Und da mit dem Vordringen der Zivilisation gewissen Tierarten der Spielraum des Lebens immer knapper zugemessen wird, da sie vom Aussterben bedroht sind, so setzt sich auch die Wissenschaft für ihre Erhaltung, für ihr Lebensrecht ein. Der Mensch, der die Natur bekämpft, hat noch kein rechtes Auge für ihre Schönheitswerte. Erst wenn er sie sich unterworfen hat, erwacht ein höheres Interesse an ihren Bildungen, und er sucht aufzubauen, wo er zerstört hat. Er kultiviert nun sozusagen die Natur; er verkehrt human mit ihr.

 

Auf diese Weise entstehen Naturschutzparks, botanische und zoologische Gärten, Museen mit totem und lebendem Inventar. ...

 

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