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Bisher nahmen viele Leser und Experten an, dass:


a)    es tatsächlich in London zwei Jahrhundertdichter gleichzeitig um 1590 gab,
b)    einer davon 1593 bei einem Kneipen-Kampf ums Leben kam (Marlowe) und
c)    der andere, gleichaltrig, wenige Wochen nach dem Tod Marlowes mit voller Kraft auf die Bühne kam (William Shakespeare).

 

Shakespeare löste Marlowe ab, der bis 29 eindrucksvolle Werke zeigte, aber heute nur einen kleinen Band füllt gegenüber dem umfangreichen Oeuvre vom Jahrtausenddichter Shakespeare.
Conrad zeigt mit Aufnahme vieler alter, bekannter Unstimmigkeiten, aber auch mit der Beleuchtung neuer dunkler Ecken, dass das nicht stimmt.

Er gießt zusammen, strickt mit zum Teil bekannten Fakten einen neuartigen Pullover der Forschung, zählt dort 1 und 1 zusammen, wo es viele nicht taten.
Der Leser erkennt, dass der Kaufmann aus Stratford – William Shakespere – nicht das Genie gewesen sein kann, das ohne größere Ausbildung und Kontakte zu Adligen auf derart kulturell hochstehende Themen, Insider-Wissen zum Hof und zu einer vom ersten Werk an präzisen, ausgefeilten Sprache Zugriff hatte.

Dass mit einigen Werken, die wir aus der Feder von Shakespeare wähnen, etwas nicht stimmt und vieles wie „Titus Andronicus“ nach dem „Vorgänger“ Marlowe klingt, wussten oder ahnten bereits viele zuvor. Nur vertrauten die allermeisten darauf, dass in Lexika die Wahrheit steht und Marlowe amtlich seit 1593 tot war und rein zufällig ein gewisser W. Shakespeare aus dem Nichts auftauchte und wenige Wochen danach zum Shooting-Star wurde; unbekannt und ohne Fußstapfen irgendeiner Vergangenheit mit Inspiration, Künstlerfreunden oder Theater-Nähe, wie ein zweiter Mozart als Klon, aus dem Nichts.

In „Christopher Marlowe – Der wahre Shakespeare“ beschreibt Conrad, dass die Forschung sich bis heute darauf versteift, in dem Stratford-Kaufmann W. S. den Autor sehen zu wollen, der Weltliteratur aus dem linken Ärmel schütteln konnte.

Wer sich auf die Spürnase und Sichtweise von Conrad einlässt, der erhält dagegen Eintritt in eine wirklich plausible Version der Geschichte. Durch einige Werke und vermutlich die Verstrickung in Flugblätter wurde Marlowe am Hofe unbeliebt. Gerade war er noch der junge, gefeierte Alleskönner, nun zog sich die Schlinge enger um ihn. Ketzerei, Atheismus und unsittliche Aufwiegelung der Bevölkerung wurden ihm vorgeworfen. Er kam in Haft, wurde aber wieder entlassen und offenbar im Wissen von Elisabeth I. und mehreren Marlowe persönlich gut bekannten Geheimdienst-Mitarbeitern außer Reichweite gebracht. Sein Tod wurde durch eine plumpe Komödie in einer Kneipe mit fremder Leiche nachgestellt. Die Leiche wurde „Zeugen“ gezeigt, die den lebenden Marlowe überhaupt nicht kannten.

Marlowe vereinbarte als eine Art Geheim-Bewährungsauflage, nicht mehr unter seinem Namen zu schreiben und sich aus der Öffentlichkeit fern zu halten bzw. das Land zu verlassen. Durch verschiedene Kontakte einigte er sich im Sommer 1593 mit einem Kaufmann aus Stratford – der gelegentlich Geschäfte mit Immobilien und Theatern machte – darauf, sein Strohmann zu sein und auf Lebenszeit so zu tun, als sei er ein Dichter. Dieser Kaufmann, der intellektuell einige Ligen unter dem Cambridge-Absolventen Marlowe stand, war William Shakespere.

Er diente sozusagen stillschweigend im Laufe der nächsten Jahrzehnte als neuer Dichter, wenngleich die Werke immer von Marlowe kamen.

Conrad gelingt es, zu zeigen, wie man an hunderten Beispielen im Werkvergleich die Stilistik, ähnliche Wortwahl, zentrale Motive und unterschwellige Bedeutungen erkennt, die nur den einen Schluss zulassen: Es gibt keine zwei Autoren.

Das, was wir als „Romeo und Julia“ und „Hamlet“ kennen, ist von der gleichen Hand geschrieben worden wie Marlowes „Faustus“ und „Barabas, der Jude von Malta.“ Der Öffentlichkeit wurde der Tod Marlowes als Kneipen-Kampf mit „Stich ins Auge“ glaubhaft gemacht und sogar eine Beerdigung zelebriert. Der Atheist war erledigt – aber er schrieb weiter.

Die entscheidende Leistung dieses Buches ist nicht, dass die Quellen und Unstimmigkeiten neu beleuchtet wurden. In hunderten Zeilen und Abschnitten hat Marlowe durch die Tinte von Shakespeare sein nun verborgen, anonym und im Exil geführtes Leben kenntlich gemacht.

Für den Kaufmann W. S. hätten etliche Zeilen über Verlust der Identität, gespielte Ermordung, erzwungene Flucht und Namenswechsel überhaupt keinen Sinn ergeben; er war im Aufwind und wurde bekannt. Für Marlowe allerdings war es sehr biographisch, solche „Messages“ in Werke einzuflechten:


•    to live a second live on second head
•    which vulgar scandall stampt upon my brow
•    That all the world besides me thinkes are dead
•    And from the forlorne world his visage hide, stealing unseene to west with this disgrace
•    Your name from hence immortal life shall have, though I, once gone, to all the world must die
•    How many a holy obsequious tear hath dear religious love stolne from mine eye
•    Since he´s so great, can make his will (William) his act
•    Think all but one, and me in that one Will
•    Twice entomb him
•    My former life
•    Ordain´d to leade his daies, Not as himself, but as another
•    I was limited For four and twenty years to breathe on earth*

Diese Vergleiche und das Aufknacken versteckter sprachlicher Nüsse, die vermutlich wenige Eingeweihte Zeitgenossen verstanden, sind weitgehend so überzeugend wie das Erhellen der Marlowschen Tätigkeit unter weiteren Namen. Auch die Passagen zu Ben Johnson, Autolicus, Polimanteia, William Basse sowie Timon v. Athen sind ebenfalls exakt vermittelt und einnehmend. Wenn nur die Hälfte der ausgewählten Annahmen und Interpretationen stimmt, ist es zudem notwendig, das Bild eines sehr geltungssüchtigen, nach Aufmerksamkeit lechzenden Marlowe zu zeichnen, der es schwer ertrug, nicht sichtbar zu sein und öffentlich gefeiert zu werden.

Bastian Conrad hat wie seinerzeit der Mediziner Ramon y Cajal eine Forschungs-Sensation hingelegt. No doubt. An seinem Werk werden sich viele Jahre Studierende und Forscher abarbeiten. Einige logische Stränge sind bombensicher gestrickt und schlichtweg einleuchtend.

Wie bei jedem Werk gibt es auch ein Aber.

Oftmals überschreitet Conrad die Linie von überzeugen und überreden. Dutzende Hinweise und Einschübe sind missionarisch und suggestive Verstärker für Argumente, die ja eigentlich von allein wirken sollen.

Etliche Male liest man Satzformen wie: / dies ist die einzige Art, die Zeile zu interpretieren / das ist nur auflösbar, wenn / kann nicht anders verstanden werden als / lässt nur einen Schluss zu / usw. Außerdem klingen manche Sätze zu absolut, wie etwa zur Erstmaligkeit der Erkenntnisse. Wie viele Zeitgenossen um 1600 – zehn, zwanzig, dreißig? – vom Komplott und versteckten Nachrichten in Dramen und Sonetten wussten, aber es nicht aufschrieben! – ist unklar. Demnach wäre auch hier Vorsicht geboten in der Wortwahl des „Erstentdeckers.“

Die Sprache ist – trotz Distanzierung am Anfang – die eines Fachbuches. Die 700 Seiten sind harter Beton für „normale“ Leser. Die Aufzählung hunderter Beispiele, Argumente und Textstellen ist für viele, die von Nicholas Breton, Philip Henslowe oder William Cecil nichts wissen, schwer verdaulich. Sicher ist die Legung eines Fundaments kaum anders machbar, aber vor allem in der ersten Hälfte klingen manche Verweise („siehe Kap. 12“ – 400 Seiten später) wie die Aufgeregtheit eines Kindes, das eine Geschichte erzählt, aber den Zuhörer durch Sprünge auf später kommende Fakten verwirrt, von denen der Zuhörer keine Ahnung hat.

Sympathisch einerseits, den Lesefluss und das Verständnis störend andererseits.

PS:


Mine hat I do touch,
Master Conrad, as much
As joy reached mine eye
With the facts you deploy.
Yet, why didst thou sometimes amplify
What already lay in front
Of reader´s eye?

May Stratfordians´ sigh
Upon the Coroners lie
Ne´er shake the column
Of your thorough Try.

For some, sure, the falsehood
Shall ne´er end to live
Hence, I to thee the example
Of A Wegener give.


With tectonic hand shak-ings, Carsten Schmidt

 

* alte Schreibweisen

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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