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C.S.: Herr Schmidt, bis zum 15. Mai ist noch die Ausstellung „Unmessbar Vermessen“ im Haus Salmegg in Rheinfelden zu sehen. Welche Hauptpunkte möchten Sie in Rheinfelden setzen?

Pavel Schmidt: Es ist eine breitgefächerte Ausstellung verschiedener künstlerischer Kategorien: Malerei, Zeichnung, Objekt, Skulptur.
Zusätzlich werden diese scheinbar unterschiedlichen Gebiete mittels Schrift amalgamiert. Es ist ein Versuch, Grenzen der jeweiligen Aussageform zu ertasten, als auch untereinander eine Einheit zu schaffen, ohne dass sich Wiederholungen einstellen.

C.S.: Ihre Vorlieben für Sprachspiele und Palindrome sind bekannt, aber was genau möchten Sie mit dem Titel „Unmessbar Vermessen“ ausdrücken. Geht es um die Hybris der heutigen Zeit?

Pavel Schmidt: Es geht um eine sprachliche Immanenz. Die Sprache hat in meiner Arbeit keinen beschreibenden Charakter, d. h. es besteht kein illustrativer und kein erklärender Zusammenhang zwischen Sprache und Gebilde. So spielt die Sprache mit sich selbst und die Ergebnisse bringe ich in Zusammenhang mit denselben Prämissen und Umgangsformen in Zeichnung, Malerei und Dreidimensionalem.  ...so zeitigt sich die Zeit dabei zeitlich selbst und unsere Zeitmessungen geraten ins Gefilde der Ironie.

C.S.: Beim Beispiel der Venus von Milo sieht man in Ihrer Ausstellung, dass ihr der Kopf abgetrennt wurde und mit dem eines Gartenzwerges vertauscht wurde. Der Gartenzwerg schielt etwas grinsend zum enthaupteten Gesicht der Venus hinüber, die wiederum als neuen Unterkörper eine immerhin auch italienische Weinpackung hat. Jetzt bin ich mal gespannt, was Sie zu einem laienhaften „Interpretations-Ansatz“ sagen:

Das Individuum schafft durch eigenwilliges Eingreifen in Bestehendes kreativ Neues. Aus altem entsteht Neues, durch Zerstörung entsteht Neues, auch nach dem Energieerhaltungssatz ist ein gesprengter Gartenzwerg ja nicht verloren, sondern nur sozusagen gleichmäßig in der Landschaft verteilt. Außerdem kommt einem der Gedanke, dass hier aus zwei heutzutage industriell tausendfach gefertigten Kopien – also Gartenzwerg und die Venus als Massenprodukt – ein Original wird, und das grenzübergreifend (für Deutschland und Italien) – in diesem Fall im Ausstellungsort Salmegg genau zwischen der Schweiz und Deutschland.
– Was sagen Sie zu diesem Ansatz?

Pavel Schmidt: Dieser Ansatz ist mein Vorsatz... Es ist tatsächlich eine Metamorphose, die stattfindet, der Übergang von einem Zustand in einen anderen (selbst von Aggregatzuständen kann die Rede sein). Zu ergänzen wären zwei Punkte: Einmal, dass die Massenprodukte für Heim und Garten auch einen Ausgangspunkt haben.
Ein Original, das in der Struktur seiner Zeit zu verstehen wäre und der nach seiner Zeit stattfindenden Rezeption dazu. Diesem Original möchte ich eine Hommage erweisen. Zweitens stellt sich ein erstaunliches Mythologie-wahrnehmendes Phänomen ein, eine "Mythologische Transgression": Die Venus von Milo etwa, umgeben von z. B. sieben
Zwergen, mutiert beinahe selbstverständlich zum Schneewittchen...


Pavel Schmidt - Gartenzwerg mit Venus
C.S.: Woher kommt bei Ihnen der Drang nach der dritten Dimension? Sie arbeiten ja auch als Maler, aber was kann die dritte – und mit Videoaufzeichnung auch die vierte Dimension Zeit – was die zwei Dimensionen auf der Leinwand nicht können?

Pavel Schmidt: Das bin ich dabei, in den ganzen Jahren meiner Arbeit zu erforschen, das meinte ich mit dem "Ertasten der Grenzen einer Kategorie", aber auch Überschreitungen und Gemeinsamkeiten dieser Dimensionen – sie bauen ja aufeinander auf. Die Zweite z. B. ist die Schnittmenge der Dritten, die Summen der Dritten ergeben Ansätze zur Vierten usw. Das ist ja kunsttheoretisch bereits abgehandelt und dennoch ergeben sich andere, auch neue Ansätze und Hervorbringungen in dieser Auseinandersetzung. Der dimensionale Unterschied ganz banal ausgedrückt:
Kann das Lesen eines Weinbuches oder die Ansicht einer Weinflasche den Genuss im Trinken eines guten Weines denn ersetzen?


C.S.: Welche künstlerischen Pläne haben Sie für dieses Jahr noch? Was kann man sich als Interessierter Kunstliebhaber merken?

Pavel Schmidt: Arbeit an mehreren Büchern, Vorbereitung einiger Ausstellungen wie die Teilnahme an der "car culture"- Ausstellung im ZKM in Karlsruhe oder eine Einzelausstellung im Forum für Kunst und Technik in Schorndorf bei Stuttgart oder eine Ausstellung an der Harvard University.


Vielen Dank, Herr Schmidt, für die Möglichkeit zum Gespräch! Alles Gute für Ihre Projekte und Ausstellungen in diesem Jahr!

 

Fragen: Dr. Carsten Schmidt

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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