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C.S.: Werter Herr Schmickler, auch wenn Sie sich nur selten im Süden sehen lassen und viel in NRW und Umgebung auftreten, sind Sie doch deutschlandweit bekannt, unter anderem durch ihre Fernsehauftritte bei den "Mitternachtsspitzen" und vor allem der "Anstalt". Dort gab es gerade die März-Anstaltsausgabe und Sie brachten aktuelle Fakten über die West LB, die sich "mit Anleihen bei der japanischen Atommafia Tepco fett gemacht hat". Was denken Sie bei den jetzigen verwirrenden Zuständen, wo vielen Menschen das Messer in der Tasche aufgeht, je mehr sie herausfinden?

Wilfried Schmickler: Das Problem ist doch, dass so ein aufgeklapptes Messer in der Tasche keinem weh tut, bzw., dass die Gefahr besteht, sich mit diesem Messer selbst zu verletzen. Aber im Ernst: ich denke, dass es darum geht, die verwirrenden Zustände zu ent-wirren. Und das geht am besten, wenn man sich fragt: wem nützt es? Wer profitiert beispielsweise von den risikoreichen Ölbohrungen auf hoher See, von der verantwortungslosen Inbetriebnahme immer neuer Kernkraftwerke in der Welt, vom Handel mit hochspekulativen "Wert"-Papieren und verfaulenden Anlagen.
Also: wem gehören die Rösser und wie heißen die Reiter? Und während der Beantwortung dieser Frage das Messer in der Tasche besser eingeklappt lassen, denn das schärfste Messer ist ohnehin das im Kopf.  

C.S.: Fast noch wichtiger war vielleicht die wunderbare Gier-Ballade, die Sie brachten. Zuerst sprachen Sie von Politikern, die einfach nach 20 Jahren immer noch nicht müde sind, nach Wachstum zu brüllen, aber dann wurde es doch psychologischer, denn die alte Todsünde Gier, die schafft Wachstum, sagen Sie. Es heißt darin: "Wo ist das finstre Höllenloch, aus dem die Teufelsbestie kroch?" - "Und plötzlich einfach so vergisst, dass man doch längst gesättigt ist". Das klingt ja wirklich nach dem Einzigen, das größer wird, wenn man etwas davon wegnimmt, ein Loch, oder?

Wilfried Schmickler: Nicht ich habe gesagt, dass die Gier Wachstum schafft, sondern ich habe die Hohepriester des grenzenlosen Wachstums einfach nur zitiert. Denn die behaupten, dass das rücksichtslose Streben nach mehr und mehr und noch mehr mehr, zu einem zufriedenen, weil von Wohlstand und Reichtum  geprägten Leben führt. Dass es diesen Wohlstand immer nur auf Kosten anderer gibt, darf einem den Spaß allerdings nicht verderben. Für solche Gedanken, gibt es dann diverse Löcher, in denen sie verschwinden.

C.S.: Was würden Sie denn vorschlagen als Ansatzpunkt zum Umdenken im Land? Immerhin ist in den letzten 2-3 Jahren durch die Krise doch einiges auf uns eingeprasselt, nur wirkliche Veränderung und tatsächliche Paradigmenwechsel setzen sich ja nicht übers Wochenende durch. Und wenn wir schon aus Tschernobyl nicht wahnsinnig viel gelernt haben, wer weiß, was wir aus Japan lernen. Wo würden Sie den Hammer ansetzen?

Wilfried Schmickler: Ich würde ganz einfach vorschlagen, die Nachrichten aufmerksam zu hören, die Zeitungen aufmerksam zu lesen und bei allem, was gesagt wird zu fragen: wer sagt das und warum? Die Veränderung beginnt in den Köpfen und das ganze umdenken könnte man sich eigentlich ersparen. Wie? Einfach vorher mehr nachdenken

C.S.: Ein Thema, das mit Atom und Innenpolitik nicht viel zu tun hat, regt Sie aber auch auf. Sie sagten über Afghanistan, wo Sie sich ja auch bei "Köln stellt sich quer" klar positionieren, sinngemäß: "Wenn bei einem Anschlag 3 deutsche Soldaten sterben, und die verantwortlichen Politiker sagen dann, nun solle man aber nicht gleich wegen dieses Anschlags über Sinn und Zweck des Militäreinsatzes debattieren - Ja, wann, wenn nicht dann!?" Warum, glauben Sie, halten die Debatten immer nur anderthalb Spiegel und Stern-Wochen in Deutschland? Was bräuchten wir, um beim Thema Afghanistan mal die Köpfe an und die Glotze auszuschalten?

Wilfried Schmickler: Weil die Menschen systematisch dahin erzogen werden, möglichst jede Nachricht in dem Augenblick wieder zu vergessen, in dem sie diese Nachricht hören. Es ist diese alte Geschichte vom Overkill der Informationen. Da hilft nur eins: auch wenn die Medien ein Thema – wie zum Beispiel jetzt die Situation in Fukushima – irgendwann aus dem Programm nehmen, nach wie vor für dieses Thema Öffentlichkeit schaffen. Das ist in erster Linie die Aufgabe all der großartigen Leute, die in solchen Initiativen wie der Anti-Atom-Bewegung nach wie vor aktiv sind. Wir Öffentlichkeitsarbeiter können sie dabei unterstützen, in dem wir die Haltbarkeit von Diskussionen durch unsere Beiträge zu verlängern versuchen. Und übrigens: ich rege mich nicht auf, ich werde aufgeregt.

C.S.: Nun habe ich noch eine Frage zu Ihnen als Auftrittsmensch. Seit 30 Jahren kennt man Sie vor allem im Rheinischen. Dort gibt es auch die meisten Ihrer Abendveranstaltungen, ich habe 14 im Mai und 13 im Juni gezählt. Ihr Kollege Urban Priol hat dieses Jahr um die 180 Auftritte. Gehen Sie es da lockerer an und woher kommt die Energie, fast jeden zweiten Tag weiterzuziehen?

Wilfried Schmickler: Ganz einfach: das ist mein Beruf. Wenn ich mir vorstelle ich wäre beispielsweise in der Altenpflege und müsste jeden Tag die Energie aufbringen, die dieser Beruf erfordert, dann lebe ich doch eher auf der Sonnenseite der Arbeitswelt. Außerdem bekomme ich – im Gegensatz zu den allermeisten lohnabhängig Beschäftigten – das bisschen Energie, das ich an einem Abend investiere, noch am gleichen Abend zurück. Von den Leuten, die mir durch ihren Applaus zeigen, dass ihnen meine Arbeit gefallen hat.

Wilfried SchmicklerC.S.: Nun noch kurz zu Ihren nächsten Terminen im Süden. Am 27. Mai sind Sie in Ottis Schlachthof zu sehen. Worüber werden Sie dort reden und gibt es noch andere Daten, die sich Ihre bayrischen Fans notieren sollten?

Wilfried Schmickler: Was ich bei Otti mache, weiß ich noch nicht. Und wenn einer wissen will, wo ich mich gerade aufhalte, dann empfehle ich einen Blick auf meine Web-Seite.

Vielen Dank, Herr Schmickler, für das Gespräch!


Liebe Leser, hier können Sie nochmal die Gier-Ballade von Wilfried Schmickler lesen, die er in der „März Anstalt“ vorbrachte.

W. S. :
Im Großen und Ganzen geht es doch vor allem darum, dass es trotz aller Katastrophen hierzulande weitergeht. Und damit es weitergeht, brauchen wir Wachstum. Wachstum um jeden Preis, aber was, was kann, ja was muss die Regierung jetzt tun, damit das Wachstum weiter wächst. Ganz einfach, sie muss den Hammer rausholen, den Sparhammer.
Das heißt, es ist laut Angela Merkel unabdingbar, dass wir im Verhältnis von Zukunftsinvestition und Sozialabgaben eine neue Austarierung machen. Austarieren bedeutet auf Deutsch ins Gleichgewicht bringen. Das wiederum bedeutet, nicht bei denen ein wenig mehr zu holen, die etwas mehr geben könnten, sondern denen weniger Mehr zu geben, bei denen nichts zu holen ist.
Man nennt es auch Gerechtigkeitslücke.
Kommt jemand zum Zahnarzt, der hat keinen einzigen Zahn mehr im Mund. „Herr Doktor, ich habe eine Zahnlücke“. Sagt der Arzt: „Na und, Sie haben ja eh nichts zu Beißen.“
Es gibt eben in jeder Gesellschaft solche und solche – solche, die mehr haben, solche, die weniger haben. Hören Sie mal, wenn Sie alle gleich viel hätten, das wäre doch langweilig. Nein. Nur wenn es welche gibt, die etwas haben, was die anderen nicht haben, was sie aber auch unbedingt haben wollen – nur dann entsteht diese Kraft, die letztendlich Wachstum schafft:


DIE GIER

Was ist das für ein Tier, die Gier?
Es frisst in mir, es frisst in dir,
will mehr und mehr und frisst uns leer,
wo kommt das her, das Tier? –
und wer erschuf sie nur, die Kreatur?
Wo ist das finstre Höllenloch,
aus dem die Teufelsbestie kroch,
die sich allein dadurch vermehrt,
indem sie dich und mich verzehrt.
Und wann fängt dieses Elend an,
dass man genug nicht kriegen kann,
und plötzlich einfach so vergisst
dass man doch längst gesättigt ist
und weiter frisst und frisst und frisst.
Und trifft dann so ein Nimmersatt
Auf jemanden, der etwas hat,
das er nicht hat, und gar nicht brauch´-
dann will er´s auch.
„Wie, das soll´s schon gewesen sein?“
„Nein, nein, das geht bestimmt noch rein“
Und überhaupt, da ist doch wer,
der frisst tatsächlich noch viel mehr!

Und plötzlich sind sie dann zu zweit
Die Gier und ihre Brut, der Neid.

Das bringt mich noch mal ins Grab,
dass der was hat, was ich nicht hab,
dass der wo ist, wo ich nicht bin,
das will ich auch, da muss ich hin,
warum denn der, warum nicht ich?
Was der für sich will ich für mich!
Der lebt in Saus, und lebt in Braus,
mit Frau und Hund und Geld und Haus
und hängt den coolen Großkotz raus,
wahrscheinlich alles auf Kredit!
Der protzt und prahlt und strotzt und strahlt,
wie der schon geht, wie der schon steht,
wie der sich um sich selber dreht!
Und wie der aus dem Auto steigt,
und alle Welt den Hintern zeigt!
Blasierte Sau! – und seine Frau
Ist ganz genau so arrogant
Und dick und dran.

Und diese Blagen, die es wagen,
die Nasen so unendlich hoch zu tragen
da hört er aber auf, der Spaß!

So kommt zum Neid und Gier – der Hass.

Und sind die erst einmal zu dritt
fehlt nur noch ein ganz kleiner Schritt
bis dass der Mensch komplett verroht
und schlägt den anderen halb tot.
Und wenn ihr fragt:
Wer hat ihn bloß so weit gebracht?
Das hat allein die Gier gemacht!

 

Fragen: Carsten Schmidt

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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