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Wenn Sie in den englischen Garten gehen, in diese unvergleichliche, humoristisch -gemütliche Schöpfung, in diesen botanischen Hesperus, da laufen Ihnen die Wasser mit einer kühlungsaushauchenden Frische und Lebendigkeit vor und neben Ihnen her, als liefen sie vor schäkernden, nachlaufenden Najaden davon; es ist ordentlich, als ob der Strom ein Weiberbrieflein wäre, das stets „in Eile“ geschrieben wird. Es ist unbeschreiblich, welche eigene, anmutige Lebendigkeit diese Rapidität der Wasser dem ganzen Garten verleiht. Wenn sie sich darauf in dem Hofgarten unter einen Baum setzen, hüpfen die Vögelchen von Zweig zu Zweig herunter, setzen sich Ihnen auf die Schulter, gucken Ihnen klug und helle ins Auge, und picken den Brosamen aus Ihrer Hand.

 

Und nun die Augen der Münchnerinnen! Ich habe schon viele Augen gesehen, in viele Augen zu tief gesehen, ich habe die Augen der Wienerinnen in niederösterreichischer Mundart reden gesehen; ich habe die Augen der Berlinerinnen sprechen gesehen, Augen, die immer den Dativ, wo andere den Akkusativ setzen, Augen, die mir und mich auf einmal blinzeln; ich habe die Augen der Pariserinnen plaudern gesehen, Augen, welche konstitutionelle Monarchien mit republikanischen Institutionen proklamieren, Augen mit Trikolorblicken, die einem weiß machen, sie könnten noch rot werden, wenn man sie blau anlaufen lässt; ich habe die Augen der Engländerinnen flüstern gehört, Augen, die wenn sie noch so kalt? sind, doch einen Lord vom Wollsack aus dem Konzept bringen können; aber alle diese Augen sind Stotterer und Stammler gegen die Augen der Münchnerinnen! Ein Münchner Frauenauge ist ein geborner Volksredner! Es liegt ein ganz eigentümliches Leben, eine eigene Anmut in der Beweglichkeit dieser Augen, und ich habe einmal einem Fremden, der mir sagte, er sey verlegen, wie er die Art des Blickens der Münchner Frauenzimmer nennen sollte, geantwortet: „Man kann sich nicht anders ausdrücken, als: ihre Augen trällern fröhlich, und ihre Blicke summen die Melodie: „Freut euch des Lebens“ durch die lieblich beschatteten Wimper.“

 

Es gibt manchmal Schönheiten, die einem groß ansehen, und dennoch kann man davon nichts anderes sagen, als: „Sie hat mich mit ihren schönen Augen angegähnt!“ Andere werfen einem einen Blinzler zu, dass man glaubt, ihre Augen haben genießt, und ich denke mir immer bei einem solchen Blicke: „zur Genesung!“ Aber in dem Blicke der Münchnerinnen liegt eine freundliche Offenheit, ein unbefangenes Frag-Amt: „Wo ist der Herr her? was will der Herr? wo geht der Herr hin? was ist's mit dem Herrn? der Herr kann mir gestohlen werden u. s. w.“

 

Es ist eine wahre Freude, in diese Augen zu sehen, die anspruchslos, ohne Absichtlichkeit, so freundlich und liebreizend in die Welt hineinschauen, und das schöne Licht, das sie einsaugen, mit doppeltem Glanze wiedergeben.


Im Verhältnisse zu den Augen sind die Münchnerinnen größtenteils schön, edelgefärbt, im Bau harmonisch, eher etwas voll als schmächtig, und im Gange ungezwungen, leicht und graziös. Bloß ihre Füße würden sich etwas betreten fühlen, wenn ich große Dinge von ihnen sagen wollte; eine Tugend , in welcher sie mit dem ganzen Norden auf gemeinschaftlichem Fuße leben.

Die Riegelhauben und die Riegellocken streiten schon lange um den Vorrang der Schönheit, d. h. die bürgerlichen Schönheiten und die charakterisieren Schönheiten. Indessen hebt sich das wieder; wir haben hier bürgerliche Schönheiten mit adligen Physiognomien und adlige Schönheiten mit bürgerlichen Physiognomien.

Im Umgange, in Bildung, in Geist und Gemüt steht das Münchner schöne Geschlecht zwischen den Berlinerinnen und Wienerinnen mitten inne; es besitzt nicht die Prüderie und Affekterie mancher Berlinerinnen. Dafür hat es aber auch nicht jene soziale Konversations- Klassizität der Wienerinnen. Sowohl in moralischer als geistiger Ausbildung steht das Münchner schöne Geschlecht höher, als das männliche. Doch davon in meinem Nächsten.

Aus: Dumme Briefe, Bilder und Chargen, Cypressen, Literatur- und Humoral-Briefe von Saphir, Moritz Gottlieb (1795-1858) österreichisch-ungarischer Journalist, Schriftsteller, Humorist und Skandalnudel. 1838

 

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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