mein-bayern.jpg

 

Kerze„Heut gehen wir auf die Wiesn!“, lautete das Credo unseres bayerischen Gastgebers und da wollte ihm keiner widersprechen. Schließlich war dies neben dem Wiedersehen der Hauptgrund unseres Besuchs in der Metropole. Schon damals hätte es keinen Sinn gemacht, einfach nach München zu fahren und sich ein Hotel zu suchen. Heute muss man ein Jahr im Voraus reservieren. Sonst geht nix!

Der Tagesplan stand fest. Es stellte sich nachträglich heraus, dass es sich dabei um einen 48 Stunden Exzess handeln würde, wobei eine trinkfeste Leber als Grundausstattung vorausgesetzt wurde. Ich konnte damals von mir behaupten, einiges vertragen zu können, aber man ist ja immer dazu bereit, etwas Neues zu erkunden. In diesem Falle die eigenen Grenzen, was das körperliche Fassungsvermögen, Schlafentzug oder der sinnlose Versuch von der permanenten Befeuerung neuer Eindrücke einen grossen Teil in das Langzeitgedächtnis hinüberzuretten, betrifft. Mehr als Fragmente sind nicht übrig, auch durch das vergebliche Bemühen während der Zeit einmal nüchtern zu werden. Es gibt da einfach bestimmte Mechanismen, die auch mit noch so großem Enthusiasmus und gutem Willen nicht auszuschalten sind.

Man riet mir, fit zu sein für den Tag, was ich damit beherzigte, zum letzten Glas Nein zu sagen. Fragen Sie mich aber nicht, welches es war.

Wir zogen also los auf das größte Massenbesäufnis mit Musikbegleitung und besuchten jedes der großen Zelte auf ein Bierchen. Unser Stadtführer hatte nicht übertrieben. Die Größe der Biergläser war wirklich beschränkt, aber nicht, was die Füllmenge anbelangte. Nein es gab einfach nur eine Grösse: Einen Liter oder nix. Es dauerte etwa bis zum dritten Zelt, bis ich mich an das neue Schluckverhalten gewöhnt hatte. Auch hält man den Krug nicht fest, sondern „schlauft“ nur mit der Hand ein. Zwischendurch musste ich eine kleine Pause machen, was nur eins bedeuten konnte: Ab auf dieAchterbahn. Es war ein Heidenspaß und immer irgendwann zu Ende. Mir fiel dabei auf, dass es nicht so einfach sei, die Dosis des Besäufnisses auf einem konstanten Pegel zu halten, der einerseits gelöst, fröhlich, mitteilsam, durstig und hungrig macht und andererseits nicht müde, kotzig, sterbenselend oder etwa schlussendlich sogar etwa betrunken. Einige der Achterbahnbesucher waren in diesem Bereich anscheinend noch unerfahrener als ich und wurden darum auch nicht müde, die Ergebnisse ihrer Erfahrungen unaufgefordert über die Mitfahrenden zu ergießen. Sehr zum Leidwesen empfindlicher Augen oder unverschnupfter Nasen. Der Abend kam genauso wie die Frage nach dem weiteren Programm. Nach Zehn ist Schluss auf der Wiesn, was auch Sinn macht, denn bevor mir das Bier auch noch aus den Ohren laufen konnte, stellte ich auf Schorle um (gespritzter Weißwein). Fünf Minuten später standen die zwei Gläser Schorle vor mir und meiner „kleinen Schwester“ 2 x 1 Liter Schorle! Hatte ganz vergessen, dass es nur eine Glasgröße gibt. Zum Glück hatte ich keinen Jägermeister bestellt.

Weiter ging die Reise in ein angesagtes Lokal, in dem Live Funk Jazz auf der Bühne lief. Herrlich laut und wild. Der dunkle Pianist gab alles und der lange Applaus zeugte von einem sachkundigen Publikum. Dann wollte ich in einem Anflug von Größenwahn auch etwas zum Vergnügen beitragen und bestand darauf, das nächste Lokal aussuchen zu dürfen. Es war natürlich gerade das, wovor wir in geselliger Runde standen. Paul, Karl, Schwesterchen mit Schwager und ich. Wenn noch jemand dabei war, kann er sich ja bei mir melden.

„Da gehen wir rein!“, meinte ich mit einer Bestimmtheit, die mir wohl keiner zugetraut hätte.

„Bist du sicher“, meinte Karl schmunzelnd.

„Der Laden ist doch erste Sahne, das höre ich schon von draußen.“

Ich musste als erster hinein und die anderen folgten mir im Schlepptau.

Es war ziemlich düster, aber gute Musik und eine lange hölzerne Bar lud uns zum Verweilen ein. Ich bestellte eine Runde Whiskey und der schwarze Barkeeper sah mich an wie einen Geist. Er war wohl noch nicht wach, der Junge, egal. Ich sagte zu Paul, dass ich es toll finde, dass man mal endlich auch einen Schwarzen hinter dem Tresen sieht, wurde auch Zeit, oder. „München ist halt Weltstadt und immer etwas voraus, gell“, war meine einleuchtende Erkenntnis.

Wir tranken und irgendwie kam es mir etwas komisch vor. Ich sah mich in der Runde um. Es waren etwa fünfzig Gäste in dem Lokal. Alle schienen uns aus den Augenwinkeln heraus zu beobachten. Erst als der Barkeeper unaufgefordert die Rechnung hinlegte, machte es klick bei mir. Wir waren die einzigen weißen Gäste und damit Störenfriede. Auch hatte die Unterhaltung gestoppt, als wir hereinkamen. Es war ganz leicht bedrohlich. Na dann halt tschüß.

Sie lachten mich deswegen noch lange aus, du mit deinem erste Sahne Laden, au Mann!

Ab sofort fügte ich mich der Reiseleitung ohne Kommentar oder Vorschläge.

Dann ging es weiter zur Madame. Ein Geheimtipp, wie man mir erklärte. Es war kein richtiges Restaurant. Höchstens fünf kleine Tischchen, auf denen alte Kerzenleuchter standen. Die Gastgeberin war eine massige Matrone, von deren fülligen Brustspitzen die bodenlange Robe direkt senkrecht in den Mariannen Graben stürzte. Es gab ein Gläschen Wein, so winzig, dass sich schon Verdunstungserscheinungen am Glasrand bemerkbar machten, oder war es Lippenstift? Egal, die Madame gab rezitive Sprechblasen von Brecht zum Besten mit Musikbegleitung aus dem Kassetten-Tonbandgerätchen, welches sie auf unseren Tisch gestellt hatte. Alles sehr traurig und im Dunkel der schummrigen Kerzen. Als ich zur Decke blickte, sah ich Theaterrobe an Theaterrobe. Mehr als ein halbes Jahrhundert Bühnengeschichte hing über unseren Köpfen und staubte vor sich hin. Auf die Toilette durfte ich auch nicht, zu gefährlich. Gefährlich? Sie erklärte uns, dass es keine Beleuchtung habe, da hinten, und wenn man aus Versehen den Ausgang wähle, wäre das sehr bedauerlich wegen ihrer Einbruchsicherung. Zwar hätte sie noch nie einen Einbruch zu beklagen gehabt, aber das läge wohl nicht an den fehlenden Einbrechern oder der nie zugesperrten Hintertüre, sondern eher an der am Ausgang montierten Guillotine!

Fortsetzung folgt

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

>> mehr