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Carl Spitzweg - Der arme Poet.
Aus dem Buch: Carl Spitzweg; des Meisters Leben und Werk. Seine Bedeutung in der Geschichte der Münchner Kunst von Hermann Uhde-Bernys (1873-1965) aus dem Jahre 1922.
Der Du dieses Buch gemächlichen Sinnes aufschlägst, lieber Leser, um darin zu blättern und die vielen schönen Bilder zu betrachten, Du stellst Dir die Aufgabe, über Carl Spitzweg, der Münchner Kunst Altmeister, zu schreiben sicherlich leicht vor. Denn ohne Zweifel mag es Dir nicht anders denn vergnüglich erscheinen, sich tagelang am Ofen festzuspinnen wie ein verfrorener Kater im Spätherbst, und da nacheinander die vielen bunten Blätter und Tafeln beschauen zu dürfen, auf welchen die köstliche Laune des philosophierenden Romantikers die lustigen Figuren seines Königreiches leiblich gebannt hält. Ja, wenn’s damit allein getan wäre, so hättest Du auch ganz gewiss recht. Denn es gibt wirklich, was wir auch zum Vergleiche herbeiziehen, in der ganzen Geschichte der bildenden Kunst nur diesen einen Künstler, diesen einzigen Carl Spitzweg, der glückliche Selbstzufriedenheit und Selbstvergessenheit, welche beiden Eigenschaften des echten Humors ernste Gevatter sind, ganz restlos zur Darstellung hat bringen können, daß nach Menschenaltern das Ewig-Lebendige, das Ewig-Jugendlich-Heitere ebenso kraftvoll und wirksam wie einst zu bestehen vermag.
Carl Spitzweg - Der ewige Hochzeiter
Wir besitzen von Spitzweg Bilder, die mit der Geschichte, welche wir aus ihnen herauslesen, ganz allein - von der sinnlichen Kunst des Malens ganz abgesehen - zu dem Wertvollsten gehören, was die deutsche Märchenerzählung seit der Romantik überhaupt zu schaffen vermochte, und weil wir mit Recht unsere deutschen Märchen als das Echteste und Eigenste im Besitz unseres Volkes feiern sollen, muss uns der Meister hochstehen, der die Lust des Fabulierens mit der Kunst des Malens vereinigte wie kein Anderer. Selbst Moritz von Schwind, dessen Art in manchem wohl dem Wesen Spitzwegs ähnelt, ist uns heutigen wegen des Mangels dieser Einheitlichkeit, wenn wir so sagen dürfen, von Wort und Farbe nicht mehr so recht sympathisch. Es entscheidet da eben doch letzten Endes der Vorrang der Qualität, die bei Spitzweg nach der malerischen Seite ungleich stärker ausgebildet war als bei Schwind. So halten wir bereits das erste Problem in den Händen, das verpuppt ruht in der Kunst Spitzwegs, um uns setzt froh aufgeschlossen lebensvoll entgegenzufliegen: die Frage, wer größer war, ob Spitzweg, der Erzähler, - ob Spitzweg, der Maler!
Du siehst, lieber Leser - Du musst es schon erlauben, daß ich Dich noch eine Weile hin und her ziehe, nachdem ich Dich im Namen Carl Spitzwegs apostrophiert habe - mit dem einfachen Anschauen und der harmlosen Freude an den Lindwürmern und Hexenmeistern, den Mönchen, Stadtsoldaten, Jägersleuten und den andern Helden der Spitzwegschen Palettenkomödie kommst Du bei mir nicht durch. Ich merke freilich, wie Du stutzig wirst und das Buch fortlegen willst. Aber wenn Du auch nur bis hierher gelesen hass, ich triumphiere doch, denn der Gedanke an die zwiespaltige Einheit dieses immer merkwürdigeren Wesens, genannt Carl Spitzweg, er wird Dich nicht so leicht verlassen. Es ist schade, sage ich, daß wir nicht mehr in Spitzwegs Zeiten leben, sonst möchte ich mir gerne vorstellen, wie Du im apfelgrünen Frack mit porzellanweißen Pantalons die Türe öffnest, um im ästhetischen Zirkel Deiner Ressource sogleich eine lange Debatte über die Bedeutung des Gegenständlichen bei der Betrachtung von Kunstwerken einzuleiten. Es ist schade, sage ich, daß wir nicht mehr in Spitzwegs Zeiten leben. Denn heutzutage wirst Du weder in der Gesellschaft noch in Künstlerkreisen Glück haben, wenn Du auftrittst mit einer solchen längst antiquierten Frage. Weil die Annehmlichkeiten eines eingebildeten Daseins jenseits von Gut und Böse uns schon dermaßen verwöhnt haben, daß es dem Armen, der sich etwa gar von einem Gegenstande hinreißen ließe, gehen muss, wie dem Herrn von Eisenstein in der „Fledermaus“, der wohl historisch genommen der erste ist, welchem ein solcher Verdacht schlimm angerechnet ward.
Carl Spitzweg - Der Fliegenfänger
Dieses ist ja das Allzuneckische in der neckischen Kunst Spitzwegs, daß uns der Alte ganz unversehens ein Bein stellt, während wir mit den Augen in die Wolken starren. Darin liegt, wie wir noch genauer sehen werden, seine Eigenart, daß er es fertig bringt, wie ein verirrender Kobold die Begriffe zu verwirren. Und dessen eine sehr nachdenkliche Folge ist die Tatsache, daß in den Berichten über die deutsche Jahrhundertausstellung, wo Spitzwegs Kunst in ihrer Bedeutung zum erstenmal allgemein anerkannt wurde, sich ein jeder seinen eigenen kleinen Spitzweg ausschnitt und seine eigene kleine Spitzwegwelt zurechtzimmerte. Da stand auf einmal ein ganzes kleines kurioses Welttheater mit den seltsamsten und verschiedenartigsten Akteuren und Requisiteuren, das mit der kindlichen Heiterkeit des alten Junggesellen vom Heumarkt in München so verflucht wenig zu tun hatte. Wer Spitzweg noch gekannt hatte, der konnte sein freundliches, behagliches Gesicht hinter dem Ofen herausnicken sehen, und mich dünkt, ich hörte auch das spöttische Lachen, das seiner Bescheidenheit so glücklich gesellt war.
Die Kenntnis seiner Persönlichkeit, nicht der belanglosen biographischen Daten seines ruhigen und schlichten Erdendaseins, gibt den Schlüssel zu der Kunst Carl Spitzwegs, wie umgekehrt einer späteren Generation, die hoffentlich ein durchaus naives Verhältnis zu den ästhetischen Werten künstlerischer Taten finden wird, aus seinem Werk auf sein Wesen zu schließen gelingen mag. Spitzwegs Kunst hat ein Vorzügliches: sie erlaubt uns, mit dem Ernst, den wir ihr schulden, zu ihr Stellung zu nehmen, aber sie verpflichtet uns nicht zu einer solchen Stellungnahme. Sie ist im Gegenteil so bescheiden und liebenswürdig, so wenig aufdringlich, daß sie uns nach unserem Gusto gern gestatten möchte, den ursprünglich gewählten Standpunkt zu wechseln, daß sie uns wie in einem bunten Zauberbuch blättern lässt, dem erst unser eigenes Empfinden spiegelhellen Glanz gibt.
Carl Spitzweg - Der Hypochonder
Vor allem tritt das Persönliche der Spitzwegschen Kunst uns entgegen nicht im Widerspruch zu den sonst vorhandenen Strömungen ihrer Zeit, sondern trotz ihrer Eigentümlichkeit ist sie diesen eng verbunden, indem sie von ihnen allen das Abgeklärte, Positive, besonders in technischer Beziehung, zu sich überleitet. Das ist neben der Frage nach dem Gegenständlichen der Spitzwegschen Malerei und der relativen Bewertung derselben ein zweites und nicht minder wichtiges Problem. In seinem Werk, das sich in einer ganz modernen, eben der malerischen Beziehung, unbedingt als das Höchstmaß dessen darstellt, was in ihrer nie aufgegebenen Abhängigkeit vom Atelier die ältere Münchener Kunst des neunzehnten Jahrhunderts überhaupt geleistet hat, sehen wir den Zusammenschluss der vielfach verschiedenen Kräfte, welche neben der Starre der offiziellen Hofkunst der Cornelius und Kaulbach nach Leben und Freiheit drängten. Es ist jede echte Kunst, Kunst der Persönlichkeit. Mit dem Unterschied freilich, ob innere Regung oder äußere Anregung den letzten Antrieb gegeben hat. Wenn wir also bei der Betrachtung der Entwicklung der Spitzwegschen Kunst häufig auch nach der Seite der äußeren Anregung neigen müssen, werden wir, gezwungen zur Notwendigkeit eines genauen Unterscheidens, den Meister nicht zu den Allergrößten rechnen. Darum wird die Rangfrage zu bestimmen wohl am schwersten werden.
So appelliere ich wiederum an Deine Güte, lieber Leser. Ich muss es nämlich heute Deinem eigenen Urteil überlassen, wie hoch Du neben den Mächten des Verstandes die Tugenden des Gemüts zu stellen gedenkst, und welches besondere Plätzchen Du für den Junior, den echten, aus der Verbindung heller Weltfreudigkeit mit innerlicher Beschaulichkeit geborenen Humor auszuheben trachtest. Gehörst Du zu jenen Glücklichen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen und mit der beruhigten Heiterkeit der antiken Philosophen das kleinliche Weltgetriebe belächeln, so wird es Dir keiner missgönnen, wenn Du Spitzwegsche Lebensweisheit und Jean Paulsche Lebenserfahrung, diese beiden nahen Verwandten, höher schätzest als alle Vernunft der räsonierenden Daseinsbetrachtung von heute, deren Konsequenzen im ethischen Sinne dann nur logischer scheinen, aber es gewiss nicht wirklich sind als die von aller Verbitterung befreiten Maximen Deiner Lebenskunst. Liebe das Leben mit seinen Torheiten, das sind die goldenen Worte über der Türe zum Herzen der Spitzwegschen Kunst.
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