| Natur und Arbeitssitte in den Bergen. |
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| Land & Leute |
| Samstag, den 09. Januar 2010 um 12:10 Uhr |
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Der Beitrag entstammt dem Werk "Arbeitergestalten aus den Bayerischen Alpen" von Max Haushofer aus dem Jahre 1890.
Die vollständige Ausgabe finden Sie in der Volltextbibliothek Lexikus.de. Wenn von Volkssitte die Rede ist, denkt jedermann meistens bloß an die Gebräuche bei Eheschließungen und Begräbnissen; allenfalls noch an jene Bräuche, welche sich an die großen Kirchenfeste knüpfen. Gern übersieht man jenen Teil der Volkssitte, der an das Arbeitsleben der Menschen sich anschließt. Im Grunde aber ist er für Leben und Wohlfahrt des Volkes weit wichtiger.
Und sie ist ein Kampf gegen den furchtbaren Winter, der mit seiner Schneelast alles erdrücken will, und der, nachdem er viele Monate hindurch die Täler und Menschen in seinen weisen Mauern gefangen gehalten hat, selbst im Entweichen noch seine zerstörenden Lawinen herabsendet, als wilden schrecklichen Gruß aus der Höhe. Eine so geartete Arbeit aber gibt auch dem Menschen, der sich mit ihr befassen muss, eigene Züge. Schneidig macht sie ihn und kampflustig; und dabei doch nicht etwa zu bösartiger Gewalttat gegen seinen Mitmenschen geneigt. Denn der Mensch in den Alpen sieht seinen gröberen Feind immer in der rauen Natur; und in seinem Mitmenschen erblickt er stets den Kampfgenossen, mit dem zusammen er gegen jenen stärkeren, herz- und vernunftlosen Feind zu streiten hat. Wo die Natur schön ist, da arbeitet der gesunde und lebensfrohe Mensch lieber im Freien, als im geschlossenen Raum. Lieber erträgt er die Unbill des Wetters, Sturm und Regen, Frost und Sonnenglut, als dass er auf Waldesrauschen und Sonnengeflimmer verzichtet. Das ist eine Tatsache, die seit Jahrtausenden das ganze Wirtschaftsleben aller Bergländer beherrscht. Nirgends folgt die Bevölkerung diesem Drang nach dem Freien lieber, als in den bayerischen Alpenländern. Industrielle Tätigkeiten, die in geschlossenen Räumen vollbracht werden müssen, werden immer einem gewissen passiven Widerstände seitens dieser Bevölkerung begegnen. Und wir können dies nicht im mindesten beklagen. Die große Masse der Bevölkerung hat ein gesünderes und besseres Los bei der Rohproduktion, als bei der Industrie. Nur ein etwas kurzsichtiger Fortschrittsphilister wird es bedauern, dass die schäumende Kraft unserer schönen Waldbäche noch nicht in den Dienst von Spinnereien und Webereien gezwungen ist. Aber eben weil er in einer schönen Natur lebt, lässt sich der Bergbewohner auch zu keiner Arbeit herbei, die ihm die Freude an der Natur und am Leben nähme. Er weiß, dass es Momente gibt, in welchen das Leben den Menschen freut auch ohne greifbare Güterverzehrung, und darum will er, dass ihm neben der Arbeit und dem Erwerb auch Zeit gelassen werde, sich in seiner schönen Landschaft seines Lebens zu freuen. Sein Fleiß ist nicht der Fleiß einer Ameise, sondern der Fleiß eines Waldvogels, welcher, wenn er einmal sein Nest gebaut hat, denkt, dass ihm der Wald schon auch Futter geben werde , und der nicht bloß einheimsen, sondern auch fliegen und singen mag. Darum scheint's wohl manchmal, als ob seine Laune auf seine Arbeit einen ziemlich starken Einfluss nähme. Selbst dem Fleißigen begegnet es zuweilen, dass ihn ganz unversehens die Blaumontagstimmung überkommt. Dann helfen weder Vernunftgründe noch Bitten der Arbeitgeber oder des besorgten Eheweibs: die Stimmung muss ausgenossen und verarbeitet werden, allem zum Trotz. Dann heißt's „Nothi is nit lusti“, und um diesen Grundsatz zu bekräftigen, wird frisch eingeschenkt. Aber man muss es den meisten, die unter solchen Stimmungen zu leiden haben, lassen, dass sie an den folgenden Tagen reichlich wieder hereinzubringen suchen, was sie an einem solchen blauen Montage, der übrigens auch auf einen Dienstag, Mittwoch oder sonstigen Werktag fallen kann, versäumt haben. Wenn den Älpler aber seine Arbeit am besten freut, dann pfeift oder jodelt er dazu. Und das ist der schönste Beweis für ein nicht mit erdrückender Last überhäuftes Arbeitsleben, dass man in den Bergen so viele findet, die mitten unter der Arbeit pfeifen oder jodeln. Der Knecht, der mit seinen Ochsen und seinem Pfluge in tauiger Frühe auf den Acker hinauszieht, pfeift sein Lied, und der Holzknecht singt das seine, wenn er mit der Axt auf der Schulter den Waldweg hinansteigt. Auf der Dreschtenne und um den Heuwagen her, auf welchem die duftige Last der Wiesen sich häuft, kann man oft genug launige Hin- und Widerrede vernehmen, der es nicht selten bloß am Reim fehlt, um als frohmütige Gelegenheitsdichtung zu erscheinen. Am hellsten freilich und am öftesten jauchzt bei seiner Arbeit das übermütige Sennervolk droben auf seinen Bergmatten. Die Freude an dem, was kräftig dreinhaut, zieht sich durch alle Hantierung hindurch, im Walde wie in der Landwirtschaft, auf dem Wasser wie im Gestein, im Freien wie in der Werkstatt. Sie schafft eine Vorliebe für gewisse Berufsarten, eine bestimmte Richtung der Arbeitsgewohnheit. Der bayerische Bergbewohner zeigt eine gewisse raue Vielseitigkeit seiner Leistung, er hat die Findigkeit aller jener Arbeiter, die an den Grenzen wohlangebauter Landschaft in die Wildnis vordringen müssen, um derselben ihre bescheidenen aber schwerwichtigen Schätze abzuringen. Im Zusammenhang damit steht eine gewisse Freude an den gefährlichen Arbeiten. Mit mächtigen Baumstämmen und meterdicken Steinblöcken sich zu balgen, gilt eher als lustiges Spiel, denn als Arbeit. Solche Arbeitsobjekte schaut unser Altbayer wie einen persönlichen Feind an, den man seine Meisterschaft fühlen lassen muss. Einst sah ich an einem Seeufer einem Zimmermann zu, der beschäftigt war, ein eichenes Schiff von zwanzig Zentnern Eigengewicht aus dem Wasser auf das Ufer heraus zu heben. Das Fahrzeug sollte über eine reichlich zwei Fuß über dem Seespiegel gelegene Steinbastei heraufwandern, und der Zimmermann war allein, ohne Gehilfen. Er legte zwei lange Balken schräg auf die Bastei und unter das Schiff, befestigte ein Seil an demselben und ließ das andere Ende des Seils über einen Wellbaum laufen, den er höher droben am Ufer angebracht hatte, und der mit Hebeln gedreht ward. Soweit schien alles gut vorbereitet; und als der Zimmermann die Welle in Bewegung setzte, rückte auch das Schiff langsam das Ufer hinauf. Als aber der dunkelbraune Bauch des Schiffes gerade über die Kante der Bastei gehen sollte, brach einer der darunter liegenden Balken, und der andere knickte nun auch zusammen. Nun war der Weg, welchen das Schiff nehmen sollte, um ein gut Stück steiler geworden; das Seil konnte die Last nicht mehr bewältigen und zerriss knallend. Ein eben so knallender Fluch des Zimmermanns war das Echo. Der Versuch, das Seil wieder zusammenzuknoten, führte nur zu einem abermaligen Zerreißen. Und nun begann der Mann mit dem Schiffe förmlich zu raufen. Erst zerbrach er seine Hebebäume unter dem mächtigen Rumpfe; dann aber sprang er bis an die Hüften ins Wasser und stemmte die Schulter unter den Stern des Schiffes. Mit übereinander gebissenen Zähnen und hochgeschwollenen Stirnadern schob und hob er das schwere Schiffsgebäude. Er wusste, dass ihn das Fahrzeug ohne Gnade zermalmt hätte, wenn es rückwärts geglitten wäre; aber er ließ nicht nach. Ich half dem Manne, so gut ich’s vermochte; doch spürte ich deutlich, wie wenig meine Kraft bedeutete gegenüber seinen zornwütigen Anstrengungen. Schließlich gelang es ihm auch wirklich, das Schiff auf den Strand hinauf zu bringen. Ähnliche Beobachtungen kann man hierzulande überall machen, wo es sich um solche außergewöhnliche Arbeitsaufgaben handelt: beim Fällen und Transport ungewöhnlich großer Bäume und Felsstücke, beim Aufrichten von Gerüsten; bei Unfällen mit schwerem Fuhrwerk. Da setzen die Menschen tollkühn ihre Person ein, weit lieber als dass sie sich, zu umständlicheren Vorbereitungen Zeit und Mühe nehmen. Eine Arbeitsteilung gibt es wohl im Wirtschaftsgebiete der bayerischen Alpen; aber sie ist nicht so ausgebildet, dass sie etwa die Hauptberufsarten durch unüberbrückbare Klüfte scheiden könnte. Berufswechsel ist keine Unmöglichkeit. Der erwünschteste Berufswechsel ist freilich allemal der vom Besitzlosen zum Besitzenden, vom Kleinhäusler zum Bauern. Die Berufswahl des Besitzenden ist zwar nicht viel reicher an Arbeitsgelegenheit, welche sie etwa bietet, aber jedenfalls angenehmer. Dass der älteste Sohn das elterliche Anwesen — sei es nun der Hof eines wirklichen Bauern oder das bescheidene Besitztum des Kleinhäuslers —erhält, ist eine natürliche und selbstverständliche Sache. Wie aber und womit die Geschwister entschädigt werden sollen, ist meistens die heikelste Wirtschaftsfrage, die während der ganzen Wirtschaftsführung der Familie immer wieder an sie herantritt, so oft die wirtschaftenden Personen sich ändern. Aber wir wollen uns mit diesen Dingen nicht beschäftigen; sie sind ja nicht bloß in den bayerischen Alpen vorhanden, sondern in viel weiteren Gebieten. Etwas höher will der Besitzende natürlich auch hinaus. Aber das geht nicht so weit, um eine merkliche Veränderung des Wirtschaftslebens herbeizuführen. Wer in unsren Bergen ein Anwesen besitzt, gibt dasselbe nicht so leicht auf — außer um ein besseres in der Nachbarschaft zu erwerben. Dass einer seine Heimat verkaufte, um in die Stadt zu ziehen und sich nach besserem Erwerb umzutun, kommt äußerst selten vor; noch seltener die Auswanderung über den Ozean. Davor empfindet unser Älpler geradezu ein Grausen. Man kann mitunter ein langes vielstrophiges Lied von „Amerika“ singen hören; fragt man aber Leute, selbst solche, die in gedrückter Lage leben, ob sie nie daran gedacht hätten auszuwandern, so schütteln sie verständnislos das Haupt. Bei dieser Arbeitsteilung stehen sich beide Geschlechter vortrefflich. Das sind gesunde und beneidenswerte Zustände. Das Weib ist dabei weder mit Arbeit überbürdet, noch zum Nichtstun verurteilt. Und wo Weiber mit Männern zusammen arbeiten, wird man in unsren Bergen immer eine ritterliche Bevorzugung des Weibes beobachten können. Wenn trotzdem die Frauen und Mädchen in den bayerischen Alpengegenden frühzeitig abgearbeitet und gealtert aussehen, so hat dies andre Gründe. Sie schonen sich eben nicht im mindesten. Die verheirateten Frauen namentlich geben gar nichts mehr auf ihre eigne Schönheit; wenn sie sich noch schmücken, geschieht es viel mehr, um ihren Wohlstand zu zeigen, als die Reize eines feinen und zarten Gesichtes. Es fällt ihnen gar nicht ein, schön sein zu wollen; bloß „sauber“ möchten sie aussehen. Dazu kommt als weiterer Grund, dass das weibliche Geschlecht in den bayerischen Bergen überhaupt nicht schön geraten ist. Sie sind alle mehr stämmig, kurzhalsig und breit, als schlank und graziös. Und ihre Tracht ist — was man auch über sogenannte schöne alte Bauerntracht sagen mag — weit eher geeignet, das Plumpe, als das Feine und Graziöse hervortreten zu lassen. So kömmt's, dass die Weiber meistens um zehn Jahre älter aussehen, als sie wirklich sind. Glücklicherweise haben sie es nicht nötig, sich jünger zu machen; denn den Männern fehlt der Blick dafür, und die Weiber wissen, dass Treue gehalten wird, wenn auch die Schönheit dahin ist. Lassen wir ruhig unserm Bergvolk seine schlechten Wege und die Kraftverschwendung, die damit zusammenhängt. Die Schattenseiten der Unkultur haben doch auch ihren Sonnenschein; und man weiß keineswegs immer, ob die Gasflämmchen und die elektrischen Lichter der Zivilisation jenen Sonnenschein überstrahlen.
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