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Natur und Arbeitssitte in den Bergen. PDF Drucken E-Mail
Land & Leute
Samstag, den 09. Januar 2010 um 12:10 Uhr

Natur und Arbeitssitte in den Bergen Natur und Arbeitssitte in den Bergen

Der Beitrag entstammt dem Werk "Arbeitergestalten aus den Bayerischen Alpen" von Max Haushofer aus dem Jahre 1890.

Die vollständige Ausgabe finden Sie in der Volltextbibliothek Lexikus.de.

Wenn von Volkssitte die Rede ist, denkt jedermann meistens bloß an die Gebräuche bei Eheschließungen und Begräbnissen; allenfalls noch an jene Bräuche, welche sich an die großen Kirchenfeste knüpfen. Gern übersieht man jenen Teil der Volkssitte, der an das Arbeitsleben der Menschen sich anschließt.

Im Grunde aber ist er für Leben und Wohlfahrt des Volkes weit wichtiger.



Wie und was das Volk arbeiten soll, das wird ihm in jedem Landstrich geboten durch jene Zustände, in welche es von der Natur der Landschaft versetzt wird. Durch Klima, Bodengestaltung und Bodenfruchtbarkeit, durch die unterirdischen Schätze des Bodens, durch die vorhandenen natürlichen Verkehrsbedingungen. Diese Zustände und Verhältnisse sind äußerst mannigfach nuanciert und erhalten noch tausend weitere Schattierungen und Unterschiede durch geschichtliche Ereignisse früherer und späterer Zeit.

Was die Alpennatur dem Menschen an Stoff und Hilfsmitteln für seine Arbeit bietet, ist weder besonders fein, noch besonders mannigfach. Aber es sind schwere wuchtige Massen, die sie ihm als Arbeitsaufgaben hinstellt, Massen, deren Bewältigung mehr trotzigen Entschluss, als zähe Geduld erfordert.

Die Arbeit in den Alpen ist ein beständiger Kampf.

Sie ist ein Kampf wider das starre Gestein, das wohl in den Tälern von fruchtbarer Erde bedeckt ist, aber an den Berghängen nackter und nackter hervortritt, je höher man emporsteigt, bis es endlich die Pflanzenwelt nur mehr als spärlichen Schmuck erduldet. Und von den Höhen will es herabdrängen in die Täler als stürzender Fels, als rollendes Geschiebe, als breiter Schuttkegel, als Kiesbett' in Fluss und Bach.

Der Holzknecht Der Holzknecht

Sie ist ein Kampf gegen die wilden Bergwasser, die nicht bloß murmelnd rieseln, sondern lieber toben und schäumen, Felsblöcke und gestürzte Waldbäume und losgerissenes Erdreich mit sich schwemmend. Jedes dieser Alpenwasser will Spielraum haben und sein schmales Felsbett verbreitern; es will auch arbeiten, freilich in seiner wilden Weise.

Und sie ist ein Kampf gegen den furchtbaren Winter, der mit seiner Schneelast alles erdrücken will, und der, nachdem er viele Monate hindurch die Täler und Menschen in seinen weisen Mauern gefangen gehalten hat, selbst im Entweichen noch seine zerstörenden Lawinen herabsendet, als wilden schrecklichen Gruß aus der Höhe.

Eine so geartete Arbeit aber gibt auch dem Menschen, der sich mit ihr befassen muss, eigene Züge. Schneidig macht sie ihn und kampflustig; und dabei doch nicht etwa zu bösartiger Gewalttat gegen seinen Mitmenschen geneigt. Denn der Mensch in den Alpen sieht seinen gröberen Feind immer in der rauen Natur; und in seinem Mitmenschen erblickt er stets den Kampfgenossen, mit dem zusammen er gegen jenen stärkeren, herz- und vernunftlosen Feind zu streiten hat.

Wo die Natur schön ist, da arbeitet der gesunde und lebensfrohe Mensch lieber im Freien, als im geschlossenen Raum. Lieber erträgt er die Unbill des Wetters, Sturm und Regen, Frost und Sonnenglut, als dass er auf Waldesrauschen und Sonnengeflimmer verzichtet. Das ist eine Tatsache, die seit Jahrtausenden das ganze Wirtschaftsleben aller Bergländer beherrscht. Nirgends folgt die Bevölkerung diesem Drang nach dem Freien lieber, als in den bayerischen Alpenländern. Industrielle Tätigkeiten, die in geschlossenen Räumen vollbracht werden müssen, werden immer einem gewissen passiven Widerstände seitens dieser Bevölkerung begegnen. Und wir können dies nicht im mindesten beklagen. Die große Masse der Bevölkerung hat ein gesünderes und besseres Los bei der Rohproduktion, als bei der Industrie. Nur ein etwas kurzsichtiger Fortschrittsphilister wird es bedauern, dass die schäumende Kraft unserer schönen Waldbäche noch nicht in den Dienst von Spinnereien und Webereien gezwungen ist.

Der Jäger Der Jäger
Der bayerische Alpenbewohner arbeitet gern und willig, wenn eine vernünftige Arbeit von ihm verlangt wird, und wenn er ihr ein ersprießliches Ende absieht. Er weiß genau, dass der Mensch nicht der Arbeitsprodukte wegen da ist, sondern die Arbeitsprodukte wegen des Menschen. Könnte er seine Kräfte nicht anstrengen, so täte es ihm leid, sie von der Natur erhalten zu haben; er weiß, dass sie ihm zur Arbeit gegeben sind. Darum wird man die grundsätzlichen Faulpelze, die Lazzaroninaturen in unseren Bergen geradezu mit der Laterne suchen müssen; es gibt Gemeinden genug, wo man ganz umsonst nach einem wirklichen Faulenzer fragen kann.

Aber eben weil er in einer schönen Natur lebt, lässt sich der Bergbewohner auch zu keiner Arbeit herbei, die ihm die Freude an der Natur und am Leben nähme. Er weiß, dass es Momente gibt, in welchen das Leben den Menschen freut auch ohne greifbare Güterverzehrung, und darum will er, dass ihm neben der Arbeit und dem Erwerb auch Zeit gelassen werde, sich in seiner schönen Landschaft seines Lebens zu freuen. Sein Fleiß ist nicht der Fleiß einer Ameise, sondern der Fleiß eines Waldvogels, welcher, wenn er einmal sein Nest gebaut hat, denkt, dass ihm der Wald schon auch Futter geben werde , und der nicht bloß einheimsen, sondern auch fliegen und singen mag. Darum scheint's wohl manchmal, als ob seine Laune auf seine Arbeit einen ziemlich starken Einfluss nähme. Selbst dem Fleißigen begegnet es zuweilen, dass ihn ganz unversehens die Blaumontagstimmung überkommt. Dann helfen weder Vernunftgründe noch Bitten der Arbeitgeber oder des besorgten Eheweibs: die Stimmung muss ausgenossen und verarbeitet werden, allem zum Trotz. Dann heißt's „Nothi is nit lusti“, und um diesen Grundsatz zu bekräftigen, wird frisch eingeschenkt. Aber man muss es den meisten, die unter solchen Stimmungen zu leiden haben, lassen, dass sie an den folgenden Tagen reichlich wieder hereinzubringen suchen, was sie an einem solchen blauen Montage, der übrigens auch auf einen Dienstag, Mittwoch oder sonstigen Werktag fallen kann, versäumt haben.

Wenn den Älpler aber seine Arbeit am besten freut, dann pfeift oder jodelt er dazu. Und das ist der schönste Beweis für ein nicht mit erdrückender Last überhäuftes Arbeitsleben, dass man in den Bergen so viele findet, die mitten unter der Arbeit pfeifen oder jodeln. Der Knecht, der mit seinen Ochsen und seinem Pfluge in tauiger Frühe auf den Acker hinauszieht, pfeift sein Lied, und der Holzknecht singt das seine, wenn er mit der Axt auf der Schulter den Waldweg hinansteigt. Auf der Dreschtenne und um den Heuwagen her, auf welchem die duftige Last der Wiesen sich häuft, kann man oft genug launige Hin- und Widerrede vernehmen, der es nicht selten bloß am Reim fehlt, um als frohmütige Gelegenheitsdichtung zu erscheinen. Am hellsten freilich und am öftesten jauchzt bei seiner Arbeit das übermütige Sennervolk droben auf seinen Bergmatten.

Der Bauer Der Bauer
Um die Arbeitsgeschicklichkeit des bayerischen Alpenbewohners zu beurteilen, muss man bedenken, dass sein eigentliches Werkzeug nicht der Pflug, sondern die Holzaxt ist. Das unter den Pflug genommene Land bildet ja nur einen kleinen Teil des landwirtschaftlich benützten Bodens, und letzterer wird im ganzen übertroffen durch die Ausdehnung der Waldlandschaft. So erklärt sich leicht die ganze Arbeitsgewohnheit und Arbeitsgeschicklichkeit der Bergbewohner, denen stets jene Arbeit am meisten zusagt, bei welcher ein wuchtiges Werkzeug mit starkem Arm geschwungen werden muss. Die schneidige Axt, der schwere Schmiedehammer, das ungefüge Ruder, aber auch die lustige Peitsche: das sind die Lieblingswerkzeuge in den Bergen — den Dreschflegel, hier Drischel genannt — nicht zu vergessen. Spaten und Pflug, die im Boden wühlen, die kreischende Säge und derlei Gezeug sind dem Arbeiter der Berge schon fremder.

Die Freude an dem, was kräftig dreinhaut, zieht sich durch alle Hantierung hindurch, im Walde wie in der Landwirtschaft, auf dem Wasser wie im Gestein, im Freien wie in der Werkstatt. Sie schafft eine Vorliebe für gewisse Berufsarten, eine bestimmte Richtung der Arbeitsgewohnheit. Der bayerische Bergbewohner zeigt eine gewisse raue Vielseitigkeit seiner Leistung, er hat die Findigkeit aller jener Arbeiter, die an den Grenzen wohlangebauter Landschaft in die Wildnis vordringen müssen, um derselben ihre bescheidenen aber schwerwichtigen Schätze abzuringen.

Im Zusammenhang damit steht eine gewisse Freude an den gefährlichen Arbeiten. Mit mächtigen Baumstämmen und meterdicken Steinblöcken sich zu balgen, gilt eher als lustiges Spiel, denn als Arbeit. Solche Arbeitsobjekte schaut unser Altbayer wie einen persönlichen Feind an, den man seine Meisterschaft fühlen lassen muss.

Einst sah ich an einem Seeufer einem Zimmermann zu, der beschäftigt war, ein eichenes Schiff von zwanzig Zentnern Eigengewicht aus dem Wasser auf das Ufer heraus zu heben. Das Fahrzeug sollte über eine reichlich zwei Fuß über dem Seespiegel gelegene Steinbastei heraufwandern, und der Zimmermann war allein, ohne Gehilfen. Er legte zwei lange Balken schräg auf die Bastei und unter das Schiff, befestigte ein Seil an demselben und ließ das andere Ende des Seils über einen Wellbaum laufen, den er höher droben am Ufer angebracht hatte, und der mit Hebeln gedreht ward. Soweit schien alles gut vorbereitet; und als der Zimmermann die Welle in Bewegung setzte, rückte auch das Schiff langsam das Ufer hinauf. Als aber der dunkelbraune Bauch des Schiffes gerade über die Kante der Bastei gehen sollte, brach einer der darunter liegenden Balken, und der andere knickte nun auch zusammen. Nun war der Weg, welchen das Schiff nehmen sollte, um ein gut Stück steiler geworden; das Seil konnte die Last nicht mehr bewältigen und zerriss knallend. Ein eben so knallender Fluch des Zimmermanns war das Echo. Der Versuch, das Seil wieder zusammenzuknoten, führte nur zu einem abermaligen Zerreißen. Und nun begann der Mann mit dem Schiffe förmlich zu raufen. Erst zerbrach er seine Hebebäume unter dem mächtigen Rumpfe; dann aber sprang er bis an die Hüften ins Wasser und stemmte die Schulter unter den Stern des Schiffes. Mit übereinander gebissenen Zähnen und hochgeschwollenen Stirnadern schob und hob er das schwere Schiffsgebäude. Er wusste, dass ihn das Fahrzeug ohne Gnade zermalmt hätte, wenn es rückwärts geglitten wäre; aber er ließ nicht nach. Ich half dem Manne, so gut ich’s vermochte; doch spürte ich deutlich, wie wenig meine Kraft bedeutete gegenüber seinen zornwütigen Anstrengungen. Schließlich gelang es ihm auch wirklich, das Schiff auf den Strand hinauf zu bringen.

Ähnliche Beobachtungen kann man hierzulande überall machen, wo es sich um solche außergewöhnliche Arbeitsaufgaben handelt: beim Fällen und Transport ungewöhnlich großer Bäume und Felsstücke, beim Aufrichten von Gerüsten; bei Unfällen mit schwerem Fuhrwerk. Da setzen die Menschen tollkühn ihre Person ein, weit lieber als dass sie sich, zu umständlicheren Vorbereitungen Zeit und Mühe nehmen.

Eine Arbeitsteilung gibt es wohl im Wirtschaftsgebiete der bayerischen Alpen; aber sie ist nicht so ausgebildet, dass sie etwa die Hauptberufsarten durch unüberbrückbare Klüfte scheiden könnte. Berufswechsel ist keine Unmöglichkeit. Der erwünschteste Berufswechsel ist freilich allemal der vom Besitzlosen zum Besitzenden, vom Kleinhäusler zum Bauern.

Holztransport im Winter Holztransport im Winter
Wer ganz besitzlos in die Welt tritt, hat hierzulande die Wahl unter den verschiedenen Arten von Taglöhnerei — oder einem Handwerk, wenn sich jemand findet, der ihm das Lehrgeld bezahlt. Die Taglöhnerei ist hier nicht so schlimm, als man sich's wohl gewöhnlich bei dem übelklingenden Worte vorstellt. Am frühesten fängt mit der Erwerbsarbeit der Hüterbube an. Ist er so weit herangewachsen, dass er eine Axt oder einen Dreschflegel schwingen kann, so hört gemeiniglich das Viehhüten auf. Dann tritt eine vorläufige Entscheidung für ihn ein, die Entscheidung, ob er sich ständig als Bauernknecht verdingen, ob er sich der Holzarbeit im Walde oder der Taglöhnerei im Dorfe widmen will. Die letztere lässt ihn zwischen landwirtschaftlicher und anderer Arbeit abwechseln. Diese Berufstätigkeit ist bloß eine provisorische, weil sie durch die Militärdienstzeit unterbrochen wird. Erst wenn der Mann vom Militär zurückkommt, dann muss auch der bisher Berufslose eine bestimmtere Entscheidung treffen. Jetzt kann er sie auch treffen; er ist ja ein Gelegenheitsarbeiter, der eben das arbeitet, was sich ihm gerade bietet. Während seiner dreijährigen Abwesenheit hat sich im Dorfe manches verändert; er muss zuerst erfahren, wo sich Arbeitsgelegenheit bietet. Die sucht er vor allem im Wirtshause auf; dann etwa bei seinen früheren Arbeitgebern. Und nun wird er entweder wirklich Bauernknecht; oder er verdingt sich als Fuhrknecht beim Wirt oder Holzhändler; vielleicht geht er auch zur „Holzarbeit“, kurz irgendwohin, wo man ein paar kräftiger Fäuste und ein militärisch geschultes ländliches Durchschnittstalent brauchen kann. Zwei Dinge aber hat er schon bei der Auswahl dieser Tätigkeit im Auge: seinen Schatz und den möglichen Erwerb eines, wenn auch noch so bescheidenen Heimwesens. Das letztere ist das wichtigere; denn zu ihm findet sich dann das erstere von selbst. So unbedeutend auch die Kosten für das Anwesen eines Kleinhäuslers sind — tausend oder zweitausend Mark für ein Hüttchen und ein paar Grundstücke: eine schwere Summe ist's immerhin für den, der gar nichts hat. Aber man muss bedenken, dass diejenigen, die gar nichts haben, im bayerischen Gebirge Ausnahmemenschen sind; oft wird man in einer Gemeinde von einigen hundert Seelen vielleicht zwei oder drei solcher gänzlich Besitzloser finden. Ein Vater- oder Muttergut von etlichen hundert Mark hat fast der Ärmste; und mit dem Vermögen seines Mädchens zusammen langt es meistens zum Erwerb eines eignen Heimwesens. Eingefleischte Hagestolze sind freilich auch nicht selten; die brauchen kein Heimwesen; sie finden ihre Wohnung entweder bei ihrem Arbeitgeber im Stall oder in der Knechtkammer, oder im elterlichen Anwesen, wo sie ihnen reserviert geblieben ist.

Die Berufswahl des Besitzenden ist zwar nicht viel reicher an Arbeitsgelegenheit, welche sie etwa bietet, aber jedenfalls angenehmer. Dass der älteste Sohn das elterliche Anwesen — sei es nun der Hof eines wirklichen Bauern oder das bescheidene Besitztum des Kleinhäuslers —erhält, ist eine natürliche und selbstverständliche Sache. Wie aber und womit die Geschwister entschädigt werden sollen, ist meistens die heikelste Wirtschaftsfrage, die während der ganzen Wirtschaftsführung der Familie immer wieder an sie herantritt, so oft die wirtschaftenden Personen sich ändern. Aber wir wollen uns mit diesen Dingen nicht beschäftigen; sie sind ja nicht bloß in den bayerischen Alpen vorhanden, sondern in viel weiteren Gebieten.

Etwas höher will der Besitzende natürlich auch hinaus. Aber das geht nicht so weit, um eine merkliche Veränderung des Wirtschaftslebens herbeizuführen. Wer in unsren Bergen ein Anwesen besitzt, gibt dasselbe nicht so leicht auf — außer um ein besseres in der Nachbarschaft zu erwerben. Dass einer seine Heimat verkaufte, um in die Stadt zu ziehen und sich nach besserem Erwerb umzutun, kommt äußerst selten vor; noch seltener die Auswanderung über den Ozean. Davor empfindet unser Älpler geradezu ein Grausen. Man kann mitunter ein langes vielstrophiges Lied von „Amerika“ singen hören; fragt man aber Leute, selbst solche, die in gedrückter Lage leben, ob sie nie daran gedacht hätten auszuwandern, so schütteln sie verständnislos das Haupt.

Die Sennerin Die Sennerin
In rein landwirtschaftlichen Bezirken ist das Weib vollständig die Arbeitsgefährtin des Mannes. Nicht so in den Bergen. Da sind dem Weibe gewisse Arbeitstätigkeiten verschlossen. Niemals wird man ein Weib bei der Holzarbeit im Walde finden, fast niemals auch bei schwerem Fuhrwerk auf der Landstrasse, in Steinbrüchen, auf Zimmerplätzen. Holzaxt und Steinpickel, Pflug und Schmiedehammer sind ausschließlich Werkzeug des Mannes. In Heugabel, Sense und Dreschflegel teilen sich friedlich beide Geschlechter; der Melkkübel und, was dazu gehört, dann der Spinnrocken und vor allem die Pfanne auf dem Herde sind Sache des Weibes. Nur wo es gar keine Weiber gibt, muss freilich auch der Mann die Pfanne handhaben und zur Not die landesübliche Schmalzkost kochen können.

Bei dieser Arbeitsteilung stehen sich beide Geschlechter vortrefflich. Das sind gesunde und beneidenswerte Zustände. Das Weib ist dabei weder mit Arbeit überbürdet, noch zum Nichtstun verurteilt. Und wo Weiber mit Männern zusammen arbeiten, wird man in unsren Bergen immer eine ritterliche Bevorzugung des Weibes beobachten können.

Wenn trotzdem die Frauen und Mädchen in den bayerischen Alpengegenden frühzeitig abgearbeitet und gealtert aussehen, so hat dies andre Gründe. Sie schonen sich eben nicht im mindesten. Die verheirateten Frauen namentlich geben gar nichts mehr auf ihre eigne Schönheit; wenn sie sich noch schmücken, geschieht es viel mehr, um ihren Wohlstand zu zeigen, als die Reize eines feinen und zarten Gesichtes. Es fällt ihnen gar nicht ein, schön sein zu wollen; bloß „sauber“ möchten sie aussehen. Dazu kommt als weiterer Grund, dass das weibliche Geschlecht in den bayerischen Bergen überhaupt nicht schön geraten ist. Sie sind alle mehr stämmig, kurzhalsig und breit, als schlank und graziös. Und ihre Tracht ist — was man auch über sogenannte schöne alte Bauerntracht sagen mag — weit eher geeignet, das Plumpe, als das Feine und Graziöse hervortreten zu lassen. So kömmt's, dass die Weiber meistens um zehn Jahre älter aussehen, als sie wirklich sind. Glücklicherweise haben sie es nicht nötig, sich jünger zu machen; denn den Männern fehlt der Blick dafür, und die Weiber wissen, dass Treue gehalten wird, wenn auch die Schönheit dahin ist.

Chiemsee-Fischer und Flößer auf der Isar Chiemsee-Fischer und Flößer auf der Isar
Die Arbeit des Alpenvolks hängt ganz wesentlich von der Leichtigkeit oder Schwierigkeit des Verkehrs ab. Den aber kann leicht die Energie oder der Scharfsinn eines einzelnen für lange Zeit in ganz andere Bahnen lenken. Um das einzusehen, braucht man nur die Wege und Stege in den Alpenländern zu betrachten. Wie oft hangen vielstündige Umwege nicht davon ab, ob man für eine Wegrichtung eine Brücke über einen Bergbach benutzen kann oder nicht! Wild toben die Achen durch die Täler heraus; wer an einem Ufer sich befindet und ans andere hinüber will, dem bleibt nichts übrig, als stromab oder stromauf zur nächsten Brücke zu wandern. Ein einziger tatkräftiger Mann, der es unternahm, einen sommerlangen Tag mit seinen Knechten zu arbeiten, um ein paar Baumstämme zu fällen, sie über den Waldstrom zu legen und ein schwankendes Geländer daneben anzubringen, konnte dadurch ein ganzes Tal dem Verkehr erschließen, konnte bewirken, dass eine ganze Landschaft um Jahrhunderte früher die Heimat von Generationen ward, als die Nachbartäler, die vielleicht bloß wegen eines mangelnden Steigs, wegen eines unüberbrückten Stromes noch lange Zeit öde Wildnis blieben. Und nicht bloß die erste Anlage, auch spätere Verbesserungen eines Verkehrsweges spielen solch eine wichtige Rolle. Oft ist's eine einzige kurze Wegstelle, welche verursachte, dass ein Alpenweg nicht befahren, sondern bloß von Fußgängern oder Saumtieren beschritten werden konnte. Wer da eine Sprengung, eine Erweiterung vornahm, konnte die Kultur ganzer Dorfschaften um Jahrhunderte beschleunigen.

Bergleute und Steinarbeiter Bergleute und Steinarbeiter
Wo die Wege schlecht und die Transportfahrzeuge unzulänglich sind, muss ein um so größerer Aufwand an Transportarbeit gemacht werden. Das findet man überall in den Bergen, auch bei uns. Der Postbote im Gebirge muss oft stundenweite Wege wandern wegen eines einzigen Briefes. Auf schlechtem Bergsträßlein begegnet man einem riesigen Ross vor einem kleinwinzigen zweiräderigen Karren. Kaum scheint einem das Fässlein, welches auf dem Karren liegt, der Mühe wert, dass überhaupt eingespannt wird; aber da die Last für einen Menschen zu schwer ist und doch transportiert werden soll, muss das Ross seine Kraft an dem Fässchen vergeuden; und der baumlange Kerl ebenfalls, der mit der Peitsche nebenher schlendert. Anderwärts treffen wir eine Sennerin, die wegen ein paar Käsen einen steilen und gefahrvollen Weg von vielen Stunden zurücklegt; oder einen Hüterbuben, der im Auftrag einer gütigen Herrin eine Tagereise weit über Klippen und Schneefelder springt, um schließlich die inhaltschwere Meldung herauszustammeln: „’s Miedei lasst sagen, ’s wär’ halt nix!“ So finden wir eine Verschwendung von Arbeitskräften im Transportdienst. Sie ist ein ungemein bezeichnendes Merkmal für das Arbeitsleben unsrer Berge. Ein gewissenhafter Volkswirt mag darob die Hände über dem Kopf zusammenschlagen; aber wir finden diese Vergeudung nicht so schlimm. Sie ist wohl eine Vergeudung von Arbeitskraft; aber sie ist keine Vergeudung von Lebensglück und Freiheit; und jener Hüterbube, der sechs Stunden lang über das steinerne Meer lief (von der Kaltenbrunner Alpe über das Diessbacheck bis zum Jägerhaus am Funtensee), um auszurichten „es wär’ halt nix“ — : er hat freilich nicht so viel verdient, als wenn er in einer Baumwollspinnerei an der Maschine gestanden hätte; er hat vielleicht bloß eine Pfeife Tabak und ein Butterbrot verdient; aber er hat dafür Gemsen und Murmeltiere belauscht; er durfte seinen schwarzbraunen Kopf auf ein Moospolster legen, das mit Edelweißsternen geschmückt war; in sein Auge glänzten von fernher die Schneefelder der Tauernkette; und er war frei, frei wie kein König ist! Alle unsre modernen Volkswirtschaftstheorien, alle unsre technischen Fortschritte — können sie dem gehetzten und gequälten Menschen des neunzehnten Jahrhunderts nur einen Schimmer dieser unvergleichlichen Freiheit schenken? Das arme Kind der modernen Großindustrie, das mit seinem fünfzehnten Jahre die kahlen Säle der Fabrik betritt, um als lebensmüder Greis der Invalidenversicherung in die kargen Arme zu sinken — hat es während einer sechzigjährigen Arbeitszeit einen einzigen Tag solchen Glücks, wie jener Hüterbube?

Lassen wir ruhig unserm Bergvolk seine schlechten Wege und die Kraftverschwendung, die damit zusammenhängt. Die Schattenseiten der Unkultur haben doch auch ihren Sonnenschein; und man weiß keineswegs immer, ob die Gasflämmchen und die elektrischen Lichter der Zivilisation jenen Sonnenschein überstrahlen.

 

 

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