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Ist München wirklich übervölkert? PDF Drucken E-Mail
Land & Leute
Samstag, den 30. Januar 2010 um 17:28 Uhr

Abb. 1 Der Max Josephplatz im Jahre 1835 Gemälde von Domenico Quaglio Abb. 1 Der Max Josephplatz im Jahre 1835 Gemälde von Domenico Quaglio

Lorenz Hübner (1751-1807), Geistlicher Rat und Schriftsteller, ändert sich in Gegnerschaft zu Westenrieder, in seiner Beschreibung der kurbayerischen Haupt- und Residenzstadt München und ihrer Umgebungen von 1805 zu der Frage, ob München wirklich übervölkert ist, und kommt zur gegenteiligen Ansicht wie Westenrieder. Er führt aus:


Zum Schlusse noch einige Worte über die von Westenrieder im I., V. und VI. Bande seiner Beiträge zur vaterländischen Historie etc. so dringend angeregte Übervölkerung der Hauptstadt, die er noch nirgend (ohne Militärstand) auch im Jahre 1800 über 40000 Menschen hinaufrückte.

Es ist überall sichtbar, daß dieser sehr fleißige bayerische Schriftsteller mehr durch moralische, als politische Blicke auf diese Furcht verbreitende Idee geleitet worden ist. Denn es ist schon an sich selbst auffallend, daß die Bevölkerung von 40 bis 50.000 Menschen einer, von einem der vornehmsten Höfe Deutschlands bewohnten, mit allen Regierungszweigen versehenen, für Bildung der Künste und Wissenschaften auserlesenen, einer zahlreichen Besatzung bedürftigen und zur Befriedigung beinahe unzähliger physischer und intellektueller Bedürfnisse beauftragten Hauptstadt für ein Land von einer Million Bewohner, die noch immer um ein Drittel vermehrt werden können, ohne den Flächeninhalt zu übervölkern, gefährlich werden könnte.

Abb. 2 Der Markt am Heiliggeistspital Gemälde von Domenico Quaglio Abb. 2 Der Markt am Heiliggeistspital Gemälde von Domenico Quaglio

Da aber Herr Westenrieder mit diesem trüben Gedanken so ernstlich auftritt, denselben überall, wo es in den Text passt, wiederholt und an dem gutherzigen Burgholzer sogar einen Proselyten gefunden hat, welcher Westenrieders hochtönende Phrase nachspricht: „München in Bayern würde mit 150.000 Seelen sein, was Paris in Frankreich und London in England ist“, so finden wir es nicht überflüssig, diese greulichen Angaben und ihre Quellen etwas näher zu beleuchten und zu untersuchen, ob es Not ist, München um viele tausend Einwohner, mit denen es höchst nachteilig, bedenklich und dem Land und dem gemeinen Wohl höchst lästig übersetzt ist, zu entvölkern, wie in Westenrieders Beiträgen mit dürren Worten steht und „als aus höchstwichtigen Gründen erwünschlich“ wiederholt wird.

Wir haben oben die Bemerkung gemacht, daß Westenrieder die Gründe seiner traurigen Behauptung mehr aus moralischen allgemeinen Grundsätzen, als aus den allgemeinen sowohl als individuelleren der Politik zog  - ein Versehen, das überall von sehr bedenklichen Folgen ist, besonders wenn jene moralischen Ansichten nur über einen sehr beschränkten Umfang sich verbreiten.

Die Hauptgründe des gelehrten Verfassers drehen sich um folgende Punkte:

1. Eine größere Volksmenge hat eine Teuerung aller Lebensmittel zur Folge.

2. Nicht immer wird durch größere Bevölkerung die Moralität gefördert. Es gibt Gewerbe, wodurch sie sogar gefährdet und untergraben wird.

3. Die besoldeten Stände sind bei der steigenden Bevölkerung und fortdauernden Nichterhöhung ihres Soldes bis zur Dürftigkeit und zu den fürchterlichsten Nahrungssorgen herabgesetzt.

4. Die Bettler mehren sich, und Bettler sind die Pestbeulen der Staaten.

5. Der Wohlstand aller öffentlichen und wohltätigen Stiftungen, als der Spitäler, der Almosenkassen etc. gerät durch zu große Bevölkerung in Unordnung.

6. Noch schädlicher ist es, wenn die Bevölkerung mit solchen Leuten geschieht, deren Anwuchs wider alle Grundsätze einer wahrhaften Bevölkerung läuft, z. B. der Kaffeeschenken, Bierwirte, Musikanten, Advokaten, Stuhlschreiber, Agenten etc.

Abb. 3 Suppenverteilung an der Pforte des Kapuzinerklosters. Zeichnung von F. Schießl Abb. 3 Suppenverteilung an der Pforte des Kapuzinerklosters. Zeichnung von F. Schießl
In der Hitzperiode eines moralischen Redners muß es diesem leicht sein, der Induktion aller dieser Staatsgebrechen in einem ununterbrochenen Flusse der Rede eine Ausdehnung von mehreren Sermonen zu geben. Nichts ist überhaupt fruchtbarer, als das Thema der Teuerung, Dürftigkeit, Bettelei, Heillosigkeit und allen Zweigen der Unsittlichkeit, um, wie das wirklich auf allen Kanzeln der Mönche der Fall war, eine ägyptische Nacht von Greueln über einen Staat auszugießen. Allein kein kluger Mann wird das Einseitige solcher Sittenpredigten übersehen; er wird die Notwendigkeit solcher, obgleich sehr unreiner Erscheinungen von keiner bürgerlichen Gesellschaft wegdenken und, so wie der Schöpfer aus seiner weisen Schöpfung, nirgends Schatten vom Lichte zu sondern vermögen. Alle moralischen Übel aus den politischen Verfassungen der freitätigen Menschheit hintanzuhalten, wäre gleich viel, als alle sogenannten Sünden aus der sittlichen Weltordnung vertilgen zu wollen - eine Aufgabe, welche die weiteste göttliche Gesetzgebung selbst nicht lösen kann, so lange Freitätigkeit des menschlichen Willens unerläßliches Bedingnis ist.

Doch wir wollen die angegebenen Gründe auch in individueller Hinsicht prüfen:
1. Es ist im Allgemeinen falsch, daß eine größere Bevölkerung auch eine größere Teuerung der Lebensbedürfnisse zur Folge habe. Der Beobachter der Zeit kennt gar wohl den Zusammenfluß von Umständen, auf deren Rechnung die traurige Erscheinung einer übermäßigen Teuerung kommt; und ohne die zahllose Menge der hierbei einwirkenden Staatsübel aufzuzählen, geben wir nur zu bedenken, daß der gegenwärtige höhere Preis der Lebensbedürfnisse auch in dem kleinsten Flecken, so wie in den größeren Städten fühlbar ist und daß nur eine weniger schnelle oder häufige Consumtion die lästige Progressionssumme bestimmt. London und Paris fühlen diesen Wechsel, so wie die kleinsten Weiler in Lincolnshire und der Normandie, wenn Krieg, Mißwachs und ähnliche physische Übel den spezifischen und relativen Wert des umlaufenden Metalls erniedrigen. Auch in den früheren, besseren Zeiten, wo der Geldwert höher stand und also alle Lebensbedürfnisse wohlfeiler (auch dieser Begriff ist nur relativ) einzutauschen waren, gab es in gewissen Jahresläufen Teuerung in Flecken und Städten, so gering auch ihre damalige Bevölkerung war. Alle Chroniken sind mit Klagen dieser Art angefüllt, die keinem Urkundenforscher unbekannt sein können. Der Satz, daß größere Bevölkerung immer eine größere Teuerung zur Folge habe, ist also, allgemein genommen, falsch.

2. Daß eine größere Bevölkerung nicht immer die Moralität fördere, ist ebenso wahr, als daß die Minderzahl auch die moralische sein müsse. Es kann auch das Gegenteil wahr sein, ohne daß die Bevölkerung unmittelbar darauf Einfluß hat. Die Zahl der Bösen kann mit der Mehrzahl der Zusammenlebenden steigen, so wie die Zahl der Guten. Ordnung, Zucht, Ausbreitung sittlicher Überzeugung und Handhabung der bürgerlichen Gesetze geben den Ausschlag von beiden. Athen und Rom hatten bei gleicher Bevölkerung ihre Epochen bürgerlicher Tugenden sowie ihre Verschlimmerung. Das minimis urgeri bestimmte überall die Güte der Regierungen, die früher oder später das Staatsruder ergriffen; sowie wir in der Geschichte der Deutschen gar wohl die Perioden zu unterscheiden wissen, in denen Kraft oder Schwäche auf dem Throne saßen. Daß unter einer Million versammelter Menschen es mehr Gauner gebe als unter einer Einwohnerschaft von Tausenden, ist ebenso natürlich wie das Gegenteil, daß es unter einer Million mehr gute Menschen geben könne als unter der Minderzahl. Wer wird aber auf den Einfall geraten, einen Staat entvölkern zu wollen, um lauter Unsträfliche zu behalten. Würden die kommenden Generationen nicht zu ewig neuen Wiederholungen dieser Sonderungs-Operation genötigt sein?

3. Daß die besoldeten Stände bei der steigenden Bevölkerung bis zur Dürftigkeit herabsinken, ist nur insofern wahr, als die Teuerung mit der Bevölkerung steigt. Wir wissen aber aus den Zeiten unserer Voreltern, daß gerade nur größere Teuerung das Motiv war, wenn Regierungen die Einkünfte ihrer Diener und Söldlinge erhöhten. Beinahe jedes Jahrhundert liefert uns Beispiele dieser Mehrung. Freilich, so lange es den Regierungen unmöglich war, zu helfen (z. B. nach langen schweren Kriegen) treffen gerade diese Klassen der Staatsdiener die meisten Kummertage in der Stadt und auf dem Lande, in der Hauptstadt wie in den Provinzstädten. Allein der Staat kam zu Kräften, und wo ein hochherziger Fürst thronte, ward auch dieser Not durch Solderhöhung abgeholfen. Das neueste Beispiel liefert unser Vaterland, nicht weil die Bevölkerung sich minderte, sondern weil der allberechnende, wirtschaftlichere Staat zu stärkeren Kraftäußerungen sich fähig fühlte. Hätte er bei selbstbeförderter Menschenzahl nicht vielmehr auf den mörderischen Gedanken verfallen sollen, Staatsdiener zu entlassen und den Staat zu entvölkern, wie der laut geäußerte Wunsch des Populationsfeindes verlangte?

4. Daß sich bei größerer Bevölkerung auch die Bettler mehren, ist eben so wahr, als es wahr ist, daß sich ungleich auch die Mittel vermehren, den Bettlern Nahrung zu verschaffen, wenn sie arbeiten können, und wenn es eine kluge Polizei dahin bringt, daß sie auch wollen oder müssen. Trägheit erzeugt überall Bettelei, solange die Götter nichts ohne Arbeit geben. Aber Trägheit ist mehr Pestbeule der Regierung als die Bettelei, welcher diese durch die Finger sieht. Warum sind Bettler so zahlreich durch die Provinzen zerstreut? Weil dort die Polizeimacht weniger straff angezogen ist. Für den heimischen Krüppel sind überall Anstalten, bei kleinen Gemeinden wie in großen Städten. Allein nur wegen arbeitsfähiger Bettler ist die Polizei, welche sie duldet, verantwortlich. Eine größere Bevölkerung beschäftigt mehrere Hände, und man hört häufigere Klagen über den Mangel dieser, als über ihre Vermehrung. Bettelei ist also nichts weniger als Folge der Bevölkerung in einem Staate, der gut regiert wird.

5. Daß der Wohlstand der Spitäler und öffentlichen Mildtätigkeitsanstalten in Verfall gerät, wenn sie für die Mehrzahl der Dürftigen bei den immer gleichen Stiftungsfonds Nahrung schaffen soll, ist gewiss. Allein es liegt stets in der Macht der Mildtätigen, bei ihrer durch die Bevölkerung steigenden Mehrzahl entweder diese Fonds zu erhöhen oder für neue Hilfsanstalten zu sorgen. Wo dies nicht geschah, traten Armenanstalten ins Mittel, die man in früheren Zeiten kaum dem Namen nach kannte. Teuerung, schlechte Ökonomie, Kriege, Brände und andere physische Übel haben gewiß auf das Herabkommen der wohltätigen Stiftungen mehr eingewirkt, als größere Bevölkerung, indessen die Klöster zu allen Zeiten ihre Einwohnerschaft weit über die Hälfte ihrer Stiftung erhöhten. Daß dort und da ein Spital, eine Armenstiftung tief herabkam, geschah wohl auch bei gleicher Anzahl der Aufgenommenen, wozu die Stiftung Grenzen bot. Hieran war Teuerung der Lebensmittel, nicht selten die unwirtschaftliche Verwaltung, aber nicht die Bevölkerung Ursache, wie die Erfahrung lehrt. Wir haben aber auch Beispiele, daß weise Regierungen ins Mittel traten und heilsame Reformen geboten. Man mache den Zweck der öffentlichen Wohltaten und ihre gute Verwendung sichtbarer, und es wird der Wohltäter immer mehr geben. -- Endlich kommen wir auf den

6. Anklagepunkt, wodurch die größere Bevölkerung vor den strengen Richterstuhl der Moralität gezogen wird. ,,Noch schädlicher ist es, wenn die Bevölkerung mit solchen Leuten geschieht, deren Anwuchs wider alle Grundsätze einer wahrhaften Bevölkerung läuft, z. B. Kaffeeschenken, Bierwirte, Musikanten, Advokaten, Stuhlschreiber Agenten etc. Warum nicht auch Pfuscher, Landstreicher, Räuber, Diebe und Mörder? Wie weit doch ein unpolitischer Versittlichungseifer treiben kann! Die Bevölkerung sollte also nur mit Reichen und arbeitsamen Bauern oder allein mit moralisch guten Menschen geschehen! Ja, wo das möglich wäre, wäre das Eden gefunden. Aber sterbliche Lykurge werden uns diese Seligkeiten nie verschaffen.

Abb. 4 Der Marienplatz im Jahre 1828. Gemälde von G. Fries Abb. 4 Der Marienplatz im Jahre 1828. Gemälde von G. Fries
Nur der Polizeigewalt ist es übergeben, für die Anzahl der Gewerbe zu sorgen, die sich von der gegebenen Bevölkerung nähren können. Mehrere Schenken, Wirte, Musikanten, Advokaten, Stuhlschreiber etc. sind für jede steigende Menschenzahl nötig; sie mögen für Bedürfnisse oder Annehmlichkeiten des Lebens sorgen. Was die bestimmte Bevölkerung nicht nähren kann, zehrt und löst sich selbst auf und tritt in die arbeitende Klasse zurück, um wenigstens Brot zu finden. Daß sie dann nicht träge die Hand in den Schoß legen oder dem Staate gefährlich werden, diese Sorge übernimmt unmittelbar der Staat selbst. Fand der Moralist nicht längstens fruges consumere natos, die der Moralität vielfältig nicht großen Vorschub leisteten und bei den vielen Mitteln auszuschweifen, gute Sitten mordeten, zur Verbannung reif? Und dennoch erhoben sich höchst wenige Stimmen, die sie der Bevölkerung gefährlich hielten ! Eine wachsende Bevölkerung ist freilich Ursache, daß es mehrere Kaffeewirte und Bierschenken etc. gibt: allein schafft sie nicht zugleich auch diesen mehr Nahrung und Unterhalt? Alles hat überall nur relativen Wert, und es hat Menschen gegeben, welche die
Übervölkerung der Klöster nie zu bedenklich fanden, ob sie gleich der wahren Bevölkerung und der Verbesserung der öffentlichen Sittlichkeit, besonders in neueren Zeiten, sehr wenig zusagte.

Abb. 5 Blick auf München vom Gasteig. Radierung von Domenico Quaglio (1810) Abb. 5 Blick auf München vom Gasteig. Radierung von Domenico Quaglio (1810)
Ein weise geordneter Staat erschrecke nicht vor der wachsenden Bevölkerung; er bediene sich nur klug und gewissenhaft der Mittel, die ihm zu Gebote stehen, um sie nach gutberechneten statistischen Zwecken zuleiten und die Arbeitsamkeit und Industrie zu fördern. Sein Reichtum wird sich erhöhen und allgemeine Wohlhabenheit seine Macht vermehren.

Inzwischen zählt Bayern, allerdings um einige Kreise und Städte vermehrt, eine Bevölkerung von sieben Millionen Einwohnern, von denen etwa 650.000 in München leben.
Joseph Burgholzer, der „Proselyt Westenrieders“ veröffentlichte 1796 eine zweiteilige ,,Stadtgeschichte von München als Wegweiser für Fremde und Reisende.


Abb. 1 Der Max Josephplatz im Jahre 1835 Gemälde von Domenico Quaglio
(links) Hoftheater, (Mitte) Kirche der Franziskanerklosters, (rechts) Törringspalais (Heute Hauptpostgebäude)
Abb. 2 Der Markt am Heiliggeistspital Gemälde von Domenico Quaglio
Abb. 3 Suppenverteilung an der Pforte des Kapuzinerklosters. Zeichnung von F. Schießl
Abb. 4 Der Marienplatz im Jahre 1828. Gemälde von G. Fries
Abb. 5 Blick auf München vom Gasteig. Radierung von Domenico Quaglio ( 1810)

 

 

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