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jetzt sind noch eine Menge Länder hinzugekommen, die wollen regiert werden, und es sind blutige Kriege zu führen, sodaß vollends an Gelehrsamkeit gar nicht zu denken. Die Bayern hatten schon lange Bibliotheken, Akademien, Schulen, Zünfte von Künstlern, nirgends aber kam etwas Gescheites heraus. Jetzt tritt ein Minister -Montgelas - auf; dieser, der wie er und mit ihm seine zahlreichen Freunde wähnen, der Nation so viel Gutes getan, will sie auch aufklären, um seinen Ruhm zu krönen. Der König wird beredet, und ansehnliche Fonds sind zur Stiftung einer Akademie angewiesen. Aus dem gelehrten Auslande ruft man gelehrte Männer herbei, die gut besoldet als Aufklärer der einfältigen Nation auftreten, gewaltige Anstalten machen und von ihrer Höhe herab alle Triebfedern in Bewegung setzen, um das dumme Völkchen mit Gewalt klug zu machen. Dem Völkchen aber, das schon so viel aus seinem Beutel zur Errichtung hat bezahlen müssen, gefällt dieser Hochmut der Ausländer gar nicht; es bildet bald Partei gegen seine Aufklärer und schmäht so laut, daß ich einen sogenannten gebildeten Bayern einmal laut über Tisch von vierzig Narren, die sich zusammen eine Akademie nennen, sprechen hörte. Und jetzt wie sieht es mit der Akademie selbst ans? In der philosophischen Klasse vegetieren Jacobi, Schelling, Baader und Weiller alle vier mit vier verschiedenen philosophischen Systemen nebeneinander; das gibt also Kabalen und Niederträchtigkeiten, die gar kein Ende nehmen. Dabei ist der alte Jacobi doch auch ein trauriger Präsident, und durch seine niedrige Kriecherei und seinem unbegrenzten Hochmut hat er schon den Haß aller auf sich gezogen. Im Theater sah ich einmal die „Kabale und Liebe“ von Schiller geben, und da der Major sagte: ,,und ich will es der ganzen Stadt erzählen, wie man Präsident wird“, da entstand ein gewaltiges Applaudieren und ein wahres Jauchzen, das mehrere Minuten anhielt, so daß ich nicht begreifen kann, wie es jemand möglich wird, Präsident zu bleiben, wenn er das gehört. Jacobi blieb aber ruhig hinter dem Stuhle der Frau Minister stehen. Geht etwas Gutes aus der Anstalt hervor, so wird es nur durch den Kampf zwischen Akademie und Volk bewirkt; an sich ist das Ganze aber nur ein Pfropfreis, das man einem ihm fremdartigen Baume aufdringen will, der dieses aber nicht leidet, sondern einen giftigen Saft dem fremden Gaste entgegenschnellt. Doch diese meine individuelle Meinung habe ich nur Ihnen, als meinem Freunde gesagt, indem ich weiß, daß Sie sie nur so aufnehmen und nicht weiter sagen; urteilen kann und darf ich nicht über die Nation, die ich nur so wenig kenne. -- Unter den vielen Akademikern, die ich kennen lernte, war mir Schelling der Interessanteste, obgleich er meiner Erwartung am wenigsten entsprach; ich dachte, einen Mann voll Lebhastigkeit und feuriger Empfindung zu finden, und fand einen stillen, gesetzten, etwas einsilbigen, derben Mann. Schon sein Äußeres ist etwas abstoßend; das runde Gesicht mit dem breiten Munde und der stumpfen Nase, nur durch eine hohe Stirn gehoben, entspricht der Vorstellung gar nicht.

Abb. 2 Feldmarschall Carl Phillip Fürst von Wrede. Steinzeichnung von J. Behringer.Friedrich Thiersch schreibt in einem Briefe vom 1.Mai 1810 an Lange: Unsere Lage war diesen Winter über, zumal bei Abwesenheit des Hofes, der höchsten Behörden und fast alles Militärs, äußerst bedenklich, denn Aretin und seine Genossen hatten ihre Sache zu der des Volkes und des Vaterlandes gegen fremde gemacht, die den Einheimischen das Brot wegnähmen, für die großen Summen nichts täten, die Bayern verachteten und verfolgten, vor allen Dingen aber aus den Schulen die Religion verdrängten und das Luthertum einführten. Das alles wurde durch fast tägliche Pasquille und Kreuzpredigten selbst in Tavernen gehörig eingeprägt. Selbst Geistliche in der Kirche bei der Kinderlehre erlaubten sich in dieser Beziehung Herzensergießugen, die das laute Murren des versammelten Volkes erregten. Man fühlte, daß jetzt oder nie der Zeitpunkt sei, uns durch das Volk in die Luft zu sprengen, da der polnische Terrorismus seine Wirkung zu unserer Vertilgung versagt hatte.

Die Gährung wuchs mit jedem Tag, denn der Vernünftigen sind auch in den höheren Ständen nur wenige, und in den bedenklichsten Zeiten wurde Niethammer, dem Haupturheber des hereindringenden Luthertums, von guter Hand geraten, auf seiner Hut zu sein, weil er ehestens leicht vom erbitterten Volk könne gesteinigt oder zerrissen werden. - In dieser Zeit ging ich immer bewaffnet aus; doch kann ich nicht eben sagen, daß mir besonders bang gewesen wäre, außer daß die Sorge und Traurigkeit der andern mich zuweilen verstimmte. Doch die drohenden Wetterwolken zogen allmählich vorüber; der König, der Kronprinz kam zurück, Militär rückte ein, die Heirat des französischen Kaisers brachte andere und eben so naheliegende Ideen in die Köpfe. Man hatte sich über unsere Sache ausgesprochen, und unsere Feinde, die schon so weit gewesen waren, nach Landshut zu schreiben: man möge dort nur den Aufstand beginnen und die Fremden fortschaffen, hier sei alles bereit, waren jetzt in die klägliche Notwendigkeit versetzt, ihre blinde Wut blos in Pasquillen, die niemand mehr achtete, auszuschütten oder in Neckereien auszulassen. So wurden denn Jacobi und Feuerbach ähnliche Spässe gespielt wie dem englischen Lord in London vor einiger Zeit: man schickte ihm Handwerker, Kutscher, Weiber, Gärtner zu einer bestimmten Zeit vor das Haus, so daß die Polizei sich darein legen mußte. Dieser Unfug aber gab der Sache eine nur für die Bosheit höchst traurige Wendung. Schon war den Leuten mit der Zeit die Besinnung über uns allmählich zurückgekehrt, und das üble Licht, in welchem Bayern bei dem Handel in auswärtigen Blättern erschien, das dadurch gekränkte Ehrgefühl der Bayern hatten den Unwillen noch mehr auf unsere Gegner gelenkt, eine Stimmung, die durch Trakasserien der obigen Art noch unterhalten wurde. Nun war es am Palmsonntag, eben da, wo sie durch den Handel mit meiner Predigt ihren Frevel bis in unsere Kirche ausdehnten, als endlich die Nemesis ans dem höchsten Gipfel sie erreichte. An demselben Tage wurde nämlich der erwähnte Spuk in Feuerbachs Hause getrieben: Bauernweiber, Bediente, Handwerker usw. von Unbekannten bestellt, meldeten sich mit tausenderlei Siebensachen, und zuletzt waren noch die Totemweiber gekommen, um den Herrn Geheimen Staatsrat in den Sarg zu legen, der an einer Alteration gestorben sei. - Hierdurch wurde der König, der schon früher bei Jacobis Beunruhigung dieser Art indigniert gewesen war, höchst entrüstet. Er ließ den Auerbach, der des Justizministers rechte Hand und Chef des Justizwesens ist, im Staatsrat aber durch seine große Geistesüberlegenheit beinahe gebietet, zu sich rufen, um ihn zu trösten, und hat dabei sich mit dem größten Zorn über die Buben und ihre Bübereien (Ausdrücke, die er dabei immer gebraucht hat) ergossen.

Abb. 3 Verkauf von Tölzer Möbeln auf dem Platz Petri. Radierung von F. BollingerDurch die Säkularisation der Klöster und geistlichen Fürstentümer und durch die Medialisierung der kleineren Reichsunmittelbaren und der Reichsstädte, durch die Angliederung Frankens und der - später wieder verlorenen - Länder Salzburg und Tirol war der Umfang Bayerns beträchtlich erhöht worden.

Eine Akademie der Wissenschaften besaß Bayern seit dem 28. März 1759; ihr Stifter war Kurfürst Max III. Joseph, und ihre ersten Mitglieder Lori, Linprunn, Osterwald etc. Doch war die Auswirkung der Akademie bis zu ihrer Wiederbelebung durch Montgelas nur gering. Durch die Berufung neuer Akademiker im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts sollte München dafür entschädigt werden, daß es die im Jahre 1800 aus Ingolstadt wegverlegte Universität nicht erhielt; sie kam nach Landshut und erst 1826 nach München.

Friedrich Heinrich Jacobi, Philosoph, Freund Goethes, wurde 1743 in Düsseldorf als wittelsbachischer Untertan geboren; 1779 war er zuerst in München, 1804 kam er zum zweiten Male. Seit 1807 war er Präsident der Akademie und blieb es bis 1813; gestorben ist er 1819. Außer ihm wurden berufen der Numismatiker Schlichtegroll (1765.- 1822), seit 1807 Generalsekretär der Akademie und später Direktor der Hofbibliothek, und der Philologe Friedrich Jacobs, weiterhin Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775 – 1854), der Philosoph und Pädagoge J. F. Niethammer (1766-1848), späterer Oberkonsistorialrat, und der Historiker Professor F. Breyer. Alle diese Akademiker waren Protestanten und deshalb von der stockkatholischen Münchner Bevölkerung, von der der Geist der Aufklärung durch Männer wie die beiden Aretine [Adam Freiherr von Aretin (1769- 1822), Staatsmann und Kunstsammler, Georg Freiherr von Aretin (1771-1843), Hofkammerrat und Landesdirektor] ängstlich ferngehalten wurde, bestens gehaßt.- Franz Xaver Baader (1765-1841), Philosoph, erst Oberbergrat, dann Universitätsprofessor, war Münchner und Katholik, ebenso der Philosoph und Pädagoge Cajetan von Weiller (1762- 1826), der seit 1809 Direktor aller staatlichen Lehranstalten und seit 1823 Generalsekretär der Akademie war.

Friedrich Wilhelm von Thiersch (1784-1860), Philologe, wurde erst 1809 nach München berufen und 1813 in die Akademie aufgenommen. Seine bedeutendste Wirksamkeit entfaltete er allerdings erst später als Vorkämpfer der philhellenischen Bewegung und entscheidend im Jahre 1848 als Rektor der Universität.

Paul Johann Anselm von Feuerbach (1775 - 1833), der berühmte Kriminalist, wurde 1805 berufen.



Abb. 1 Eröffnung der ersten Ständeversammlung des Königreichs Bayern am 4. Februar 1819. Steinzeichnung von Domenico Quaglio.
Abb. 2 Feldmarschall Carl Phillip Fürst von Wrede. Steinzeichnung von J. Behringer.
Abb. 3 Verkauf von Tölzer Möbeln auf dem Platz Petri. Radierung von F. Bollinger


 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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