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die mich vor das Haus hinwarf. Im ersten Augenblick glaubte ich, es habe mir jemand im Vorbeigehen einen Nickfang gegeben, und rief: Mörder! Mörder! Ich sah noch den Kerl in einem dunklen Mantel entspringen und griff jetzt nach dem Nacken, wo ich einen fremden Körper fühlte und die Hand voll Blut hatte. Weil ich den Hals noch frei bewegen konnte und auch noch bei vollkommener Besinnung war, schloß ich gleich, daß die Verletzung nicht gefährlich war, ließ jedoch, um nicht zu verbluten, den Dolch in der Wunde stecken und ging selbst, ohne fremde Hilfe, auf meine Stube, nachdem ich von den Leuten des Hansmeisters jemanden nach dem Chirurgen geschickt hatte. Meine Aufwärterin begegnete mir mit dem Licht auf der Treppe und kam außer sich vor Schrecken. Ich ließ mir den Stiefelknecht bringen, das Bette auf die Erde ausbreiten. Nachdem ich mich des Rockes und der Stiefel entledigt hatte, schickte ich die Alte nach Niethammers, einer mir nahe wohnenden und bekannten Familie. Ich selbst aber legte mich auf das Bett, bis der Chirurg kam und mir den Dolch aus der Wunde zog und mich verband. Während dieses geschah, waren schon Niethammers und mehrere meiner Bekannten herbeigekommen, um Hilfe zu leisten; der Polizeidirektor kam, kurz darauf das Kriminalgericht, Soldaten von der Wache von der Wache und dergleichen, um sich von dem an mir verübten Verbrechen vorläufig zu unterrichten.

Abb. 2 Das ehemalige Einlasstor im Jahre 1840. Gemälde von Michael Reber.Noch denselben Abend war der Vorfall bei Hofe dem König und den Ministern gemeldet. Der Dolch war durch den Hut und zwischen den Ohren in den Kopf gedrungen; ohne aber den Knochen zu durchstechen war er daran hinabgefahren und im Fleische des Nackens sitzen geblieben, sodaß die Länge der Wunde zwar zwei Zoll, ihre Tiefe aber an der untersten Stelle nicht über einen halben Zoll war, und der Chirurg sogleich versicherte, es sei nicht die geringste Gefahr, und in zwölf Tagen könne alles vorüber sein. Der Kerl mag es freilich auf mein Leben abgesehen haben, aber er hatte, wie es scheint, darauf gerechnet, daß die Tür, wie gewöhnlich, verschlossen sein würde und er mir so, während ich stille stände, um sie zu öffnen, den Dolch bequem in den Nacken stoßen könnte. Der Umstand, daß die Tür sich öffnete, raubte dem Stoße seine Kraft und gab ihm eine schräge Richtung; dieser sowohl, als daß ich in das dunkle Haus geriet und hier noch eine andere Person war, mag ihn wahrscheinlich außer Fassung gebracht haben, sodaß er entsprang, ohne einmal den Dolch zurückzuziehen. Denselben Abend noch fand man eine Maske, die er abgerissen und von sich geworfen hatte. Ich selbst aber schlief, gut bewahrt, mehrere Stunden ganz ruhig. - Am anderen Morgen ließ ich mich in ein bequemeres Bett bringen; das Kriminalgericht kam, um nach meinen Aussagen seine Untersuchung einzurichten. In meinem Vorzimmer war es wie in dem Vorsaal eines Minister-Präsidenten; geheime Staatsräte und Direktoren, alle von meiner Bekanntschaft, kamen, um sich persönlich nach mir zu erkundigen, und die ganze Stadt war von Gesprächen, Unwillen und Erbitterung über den Vorfall angefüllt. Nachmittags schrieb ich selbst an den König, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Attentat auf mein Leben nicht aus persönlichem Haß gegen mich gewagt worden sei, sondern daß es offenbar mit den früheren Anschlägen gegen uns zusammenhänge, und daß man mich habe morden wollen, um die anderen zu erschrecken und zu verscheuchen. Das ist auch die Ansicht, welche hier die herrschende geworden ist, da jedermann weiß, daß ich mit der ganzen Welt in Friede und Eintracht lebe und gar keinen persönlichen Feind habe. Drei Tage hatte ich unruhige Nächte und Fieber; am vierten Tage ward der Verband geöffnet. Die Wunde wurde von den Kriminalgerichtsärzten nach allen Richtungen untersucht, und nach dem neuen Verbande fühlte ich mich um vieles erleichtert. Der König hatte mir selbst seinen Leibchirurg, den Hofrat Winter, zugeschickt, der mich täglich zweimal besuchte und sehr gut behandelt hat. Nach vierzehn Tagen fand sich, daß der Wunde eine Gegenöffnung gemacht werden mußte, um den Eiter unten abzuleiten, und nachdem diese Operation glücklich durch den Hofrat Winter war ausgeführt worden, ging ich meiner vollkommenen Genesung mit starken Schritten entgegen. Seit drei Tagen ist die Heilung, der Hauptsache nach, vorüber, und ich trage, wenn ich ausgehe, nur noch eine schwarze Binde, bis die Wunde vollkommen vernarbt ist. Während meiner Krankheit hat es mir nicht an Wartung und Pflege gefehlt. Alle Hausmütter der mir bekannten Familien, besonders die Frau von Niethammer, sind um mich beschäftigt gewesen, haben mich beköstigt, mit allem versorgt und ihren Tee abends auf meiner Stube getrunken, um mich zu unterhalten und zu zerstreuen. Auch von ganz fremden Leuten habe ich Beweise der größten Teilnahme gefunden; der König hat sich täglich Nachricht von meinem Befinden bringen lassen, und ich hoffe, daß alles zu meinem Besten ausschlagen wird.

Die einsame Gasse des Schulgebäudes (Ludwigs-Gymnasiums) ist die heutige Marburgstraße.


Abb. 1 Das Isartor von der Außenseite, rechts die Torwachthäuser. Radierung von Domenico Quaglio (1810)
Abb. 2 Das ehemalige Einlasstor im Jahre 1840. Gemälde von Michael Reber.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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