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Der ganze Tag von früh morgens bis abends spät war nur der Arbeit und der Pflicht geweiht; ein Spaniergang an einem Wochentage wäre deshalb als ein großer Leichtsinn und frevelhafter Übermut von der ganzen Verwandtschaft besprochen und kritisiert worden. Dagegen liebte der ehrsame Hausvater es sehr, sich abends nach dem Essen noch auf ein Stündchen zu seinen Freunden an den Wirtstisch zu setzen und etliche Gläser oder auch Krüge Bier zu leeren und dabei die wichtigsten Tagesereignisse zu besprechen. Um neun Uhr, wenn die Stadttore gesperrt wurden, trennte sich die Gesellschaft; blieben aber einige lockere Gesellen wirklich noch sitzen, so war es um 11 Uhr, wenn die Polizeistunde schlug, die höchste Zeit, durch die dunklen Straßen, mit der Laterne in der Hand, dem sicheren Heim zuzueilen. Der Sonntag war jedoch ganz der Erholung geweiht. Früh ging die Familie zur Kirche, hörte Amt und Predigt mit großer Andacht; dann machte man kleine Gänge durch die Stadt, besuchte den Herrn Vetter, die Frau Goden, erkundigte sich nach dem werten Befinden der Frau Bas und war Punkt 12 Uhr wieder zu Haus am Mittagstisch beisammen. Nach Tisch, während der Vater ein bißchen einnickte, ging die Mutter mit den Kindern zur Vesper, um dann auf dem Kirchhof die Gräber der verstorbenen Freunde und Verwandten aufzusuchen. Auch das Leichenhaus bildete eine große Anziehungskraft für jung und alt. Im Methaus, Metgarten, auch Lebzelter genannt, von denen das beliebteste der Domberger in der Neuhauserstraße war, stärkte man sich mit dem süßen dunklen Met und den herrlichen Lebkuchen. Ein kleiner Baumgarten von einfachen Galerien, Lauben, umgeben, bildete den Tummelplatz für uns Kinder, die wir es kaum erwaten konnten, bis endlich der Vater kam, uns zu einem großen Spaziergang abzuholen.

Abb. 2 Am Schwabinger-Tort in München im Jahre 1828. Gemälde von Domenico Quaglio Theatinerkirche, Ghedeville-Schlößchen, Turnierhaus, Cafe Tambosi, HofgartentorWenn es nun nach langer gründlicher Beratung nun gar hieß, wir gehen nach Schwabing, so war das schon eine große Partie, und wir wurden erst gründlich untersucht, ob unsere Kräfte, vor allem aber unsere Stiefel einem solchen Unternehmen gewachsen schienen. Das war nun ein Jubel, und gerne wären wir gleich losgestürmt! Einstweilen hieß es aber gesittet neben Vater und Mutter zu gehen, solange wir noch in der Stadt waren. Gott sei Dank für uns, waren wir bald am letzten Haus und vor der Stadt angelangt. Wo nämlich jetzt die Feldherrnhalle steht, war damals ein großes Haus mit einem Muttergottesbild an der Fassade, mit dem Blick gegen Schwabing. Von da an bestand beinahe alles aus Wiesen und Feldern und unbebautem Land. Zur Linken, wo später die schönen Auslagenfenster von Thierry und van Hees - Ecke der Brienner- und Ludwigstraße - den Vorübergehenden so verführerisch einluden, stand auf einem kleinen bewaldeten Hügel ein kleines Haus, das Schettville-Schlößchen genannt. Rechts die Reitschule, dahinter der Hofgarten mit dem kleinen See, den schönen Schwänen und den herrlichen Anlagen. All diese Pracht war jedoch für die profanen Augen des Münchener Bürgers verschlossen. Über duftige Wiesen und Felder wanderten wir gegen Schwabing, traten dort in die kleine Kirche, erlabten uns im nahen Wirtshaus mit Bier und Brot, tollten noch tüchtig herum und traten dann nach gründlicher Rast die Heimreise wieder an. Zu Hause aber schlüpften wir ermüdet in unsere Betten, träumten von dem herrlichen Tage, und die ganze Woche zehrten wir von solch einem Ausflug und wurden nicht müde, die verschiedenen Eindrücke und Erlebnisse nochmals nachzukosten.

Wie es damals am Schwabinger Tor aussah, hat Domenico Quaglio in einer seiner schönsten Münchner Veduten, die sich in der Neuen Pinakothek befindet, bildlich festgehalten. Eine Wiedergabe dieses Bildes ist unserem Buche beigegeben. Das „Schettville-Schlößchen“ war der Wohnsitz des ehemaligen kurfürstlichen Gobelinwirkers André Ghedeville (1820), eines großen Gartenfreundes, dessen Ehefrau das besuchteste und vornehmste Mädchenpensionat Altmünchens unterhielt.

Abb. 1 Blick auf Schwabing. Radierung von Wilhelm von Kobell (1818)
Abb. 2 Am Schwabinger-Tort in München im Jahre 1828. Gemälde von Domenico Quaglio
Theatinerkirche, Ghedeville-Schlößchen, Turnierhaus, Cafe Tambosi, Hofgartentor

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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