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München ist eine Stadt, gebaut von dem Volke selbst, und ,zwar von aufeinanderfolgenden Generationen, deren Geist noch immer in ihren Bauwerken sichtbar, sodaß man dort, wie in der Hexenszene des Macheth, eine chronologische Geisterreihe erblickt, von dem dunkelroten Geiste des Mittelalters, der geharnischt aus gotischen Kirchenpforten hervortritt, bis auf den gebildet lichten Geist unserer eigenen Zeit, der uns einen Spiegel entgegenhält, worin jeder sich selbst mit Vergnügen anschaut. In dieser Reihenfolge liegt eben das Versöhnende; das Barbarische empört uns nicht mehr, wenn wir es als Anfänge und notwendige Übergänge betrachten. Wir sind ernst, aber nicht unmutig bei dem Anblick des barbarischen Domes, der sich noch immer in stiefelknechtlicher Gestalt über die ganze Stadt erhebt und die Schatten und Gespenster des Mittelalters in seinem Schoße verbirgt. Mit ebensowenig Unmut, ja sogar mit spaßhafter Rührung betrachten wir die haarbeuteligen Schlösser der späteren Periode, die plump-deutscheu Nachäffungen der glatt-französischen Unnatur, die Prachtgebäude der Abgeschmacktheit, toll schnörkelhaft von außen, von innen noch putziger dekoriert mit schreiend bunten Allegorien, vergoldeten Arabesken, Stukkaturen und jenen Schildereien, worauf die seligen hohen Herrschasten abkonterfeit sind. Wie gesagt, diesem Anblick verstimmt uns nicht, er trägt vielmehr dazu bei, uns die Gegenwart und ihren lichten Wert recht lebhaft fühlen zu lassen, und wenn wir die neuen Werke betrachten, die sich neben den alten erheben, so ist`s, als würde uns eine schwere Perücke vom Haupte genommen und das Herz befreit von stählerner Fessel. Ich spreche hier von den heiteren Kunsttempeln und edlen Palästen, die in kühner Fülle hervorblühen aus dem Geiste Klenzes, des großen Meisters.

Abb. 2 Fronleichnamsprozession im Jahre 1839. Steinzeichnung von Gustav KrausDaß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, ist, unter uns gesagt, etwas ridikül, und es kostet mich viele Mühe, wenn ich sie in solcher Qualität vertreten soll.
(Aus den „Reisebildern II“ 1828- 1829.)

An Wolfgang Menzel.

Das Leben hier ist sehr angenehm, und wenn Sie eine gute Brust haben und sonst das Klima zu vertragen glauben, rate ich herzukommen. Kommen Sie wenigstens mal zum Besuch. Kneipen Sie bei mir, ich kann Sie bei mir beherbergen, und seien Sie mein Gastfreund in München, wie ich der Ihrige in Stuttgart.

. . . Über München wäre viel zu schreiben. Kleingeisterei von der großartigsten Art. Schelling und Görres hab` ich noch nicht gesprochen. Desto mehr sehe ich die zwei großen Lichter des Tages, die Dioskuren am Sternenhimmel der hiesigen Poesie, M. Beer und E. Schenk. Über des ersteren Tragödie habe ich im „Morgenblatt“ Bericht erstattet und der Welt gezeigt, wie wenig mich sein Ruhm pikiert - aber die böse Welt hat die Sache schief genommen und nennt es eine Mystifikation des Publikums; ich habe für meine Gutmütigkeit leiden müssen.

An Varnhagen v. Ense.

. . . Ich werde hier sehr ernsthaft, fast deutsch; ich glaube, das tut das Bier. Oft habe ich Sehnsucht nach der Hauptstadt, nämlich nach Berlin. Wenn ich mal gesund bin, will ich suchen, ob ich dort nicht leben kann. Ich bin in Bayern ein Preuße geworden.

Leo von Klenze (1784.- 1864), seit 1808 nach vorausgegangenen gemeinsamen Studien mit Schinkel an der Berliner Bauakademie und nach Besuch der Polytechnischen Schule in Paris, Hofbauarchitekt des Königs Jerome von Westfalen, fiel gelegentlich des Wiener Kongresses dem damaligen Kronprinzen Ludwig auf, wurde 1815 nach München berufen und zunächst mit dem Bau der Glyptothek betraut, erbaute dann die Reitbahn, die Ältere Pinakothek, den Basar, die Residenz-Neubauten, die Allerheiligenhofkirche, das Herzog Max-Palais, Leuchtenberg-Palais, das Odeon, die Ruhmeshalle an der Bavaria, die Kelheimer Befreiungshalle, die Walhalla usw. und starb als Vorstand der Hofbauintendanz in München. Während Klenze mit Rauch, Thorwaldsen und Kaulbach nahe Freundschaft verband, war er ein ausgesprochener Gegner des Cornelius und eine der treibenden Kräfte zu dessen Entfernung.

Abb. 1 Feierlicher Empfang König Ludwigs I. bei seiner Rückkehr aus Griechenland am 14. April 1846. Steinzeichnung von Gustav Kraus
Abb. 2 Fronleichnamsprozession im Jahre 1839. Steinzeichnung von Gustav Kraus

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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