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Schon die Hochebene, auf welcher München liegt, weckt in dem Wanderer aus Norden, der hierher kommt, ein Verlangen auf nicht zum trägen Stillestehen und Verbleiben, sondern zum Weiterschreiten nach einem hohen, vor Augen liegenden Ziele, ein Verlangen, wie er es in seiner Heimat noch nie empfunden. Er kam vielleicht, so wie wir, von Ingolstadt her, zuletzt durch eine Ebene und durch armselig schmutzige Ortschaften, die dem Auge in ihrem unerfreulichen Wechsel zwischen Sumpf und verkümmertem Föhrenwalde nichts darbietet, wobei es verweilen möchte. Die Gedanken würden da lieber rück- als vorwärts gehen, am wenigsten aber gerne stille stehen. Endlich, wenn Du mit uns dieses Weges zögest, trätest Du aus dem trostlosen Gestrüpp heraus in die freie Ebene; vor Dir im Süden täte sich, wie vor uns am heiteren Nachmittag des 15. Mai, an welchem wir einzogen, die majestätisch schöne Alpenkette auf, mit ihren schneebedeckten Zinnen, voll Salzburg an bis zu dem vorarlbergischen Hochlande, von Bayerns Hügelland bis zu den Bergriesen des südlichen Tirol. Wie in dem Adler, wenn er seine langersehnte Beute vor sich hinfliegen sieht, so regt in uns ein Naturtrieb seine Schwingen, der uns mächtig aus der Tiefe hinzieht nach den lichten Höhen. Und wie soll ich Dir den ersten Eindruck beschreiben, den die alte, merkwürdige Stadt auf die Sinne macht, welche uns da vor Augen liegt. Ist es doch, als ob selbst die großen Frauentürme, die über alle anderen Türme und Gebäude hinaufragen, in ihrer unausgebauten oberen Zurundung von einer noch verschlossenen, hochanstrebenden weiteren Entwicklung sprächen. Und wenn Du nun mit uns hineintreten könntest in das Innere der Stadt und sähest mit uns die schon aufgewachsenen oder im Wachsen und Keimen begriffenen Werke der bildenden, alten wie neuen Kunst, lerntest die Geister kennen, welche von Tag zu Tag am Weiterfördern, Weiterschreiten eines großen, gemeinsamen Tagwerkes geschäftig sind, Du würdest mit mir einstimmen, wenn ich sage: hier herrscht ein Geist, der, wie der alte Blücher, wenn er zur Schlacht führte, immerzu nur „vorwärts, vorwärts“ kommandiert. Also, an ein geistiges Versauern von meiner Seite und an ein Stillestehen, wie die Wagenräder in gar zu tiefem, fettem Boden, ist wohl bei mir, wie ich fest hoffe, nicht zu denken, sondern Gott wird mir München zu einem geistigen Turnplatze werden lassen, ans welchem der innere Mensch, er mag wollen oder nicht, seine Kräfte und Glieder tüchtig brauchen lernen soll, bis man ihn zum fröhlichen Abzuge in sein Ruhelager kommandiert.

Abb. 1 Gegend bei München

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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