| München im Jahre 1829 |
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| Land & Leute |
| Montag, den 01. Februar 2010 um 14:25 Uhr |
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Die Tiroler Berge lagen glänzend in der Ferne, als ich mich ins Krankenhaus begab, um von meinem Unwohlsein wieder zu genesen. Freunde und Landsleute aus Hamburg besuchten mich fleißig, während ich krank lag, und ich fühlte mich nicht so verlassen, wie einst unter ähnlichen Umständen in Dresden. Als ich, wieder hergestellt, zum ersten Male wieder in die Stadt kam, war ich wie berauscht vom Gefühl der Genesung und Freiheit, und alles, was ich sah, gefiel mir. Aber nicht für Künstler allein, auch für andre, nach gleichem Ziele strebende Geister war die Regierung des großen Königs ein irdisches Paradies und die Blütezeit der christlichen Romantik. Es war eine Vereinigung von Männern, die, in gemeinsamem Ringen für Wahrheit und Religion begeistert, in einem angemessenen, großen Wirkungskreis, verbunden mit einer behaglichen Existenz lebten. Nach dem Vorgange vieler andrer Künstler ging ich nicht auf die Akademie, sondern suchte nach einer Skizze, die ich auf der Reise entworfen, etwas im Genrefach zu leisten. Ich hatte mir Hebbels Alemannische Gedichte gekauft und diese, nebst Goethes Faust, bildeten fast meine einzige Lektüre, während ich einen Karton zeichnete, den ich noch in diesem Jahre fertig machte, sodaß ich im neuen Jahre zu malen beginnen konnte. Fortwährende Kränklichkeit ließ mich aber nie recht zum Genuß des Schaffens und zu tüchtiger Durchführung einer größeren Arbeit kommen; doch war es die schönste Zeit meines Lebens, und ich fühlte mich von dem Strom der Ideen gleichsam gehoben und getragen. Selbst diejenigen, welche sich nur mit Darstellung von Naturgegenständen beschäftigen, wußten einen gewissen Adel und Würde in ihre Arbeiten zu legen, wie die kleinen anspruchslosen, aber exakt durchgeführten Bilder von Peter Heß und Heidegger noch jetzt wie Edelsteine unter den Genrebildern glänzen. Der Troß der krassen Naturalisten, welche die Natur sozusagen auf die Leinwand kleben, hielt sich in bescheidener Entfernung. Mittelmäßige und technische Bravour gehörten noch nicht zur Tagesordnung, solange noch Cornelius und seine Schüler als Autorität galten; erst später wurden sie Herren des Terrains und wußten sich für den ihnen auferlegten Zwang reichlich zu entschädigen. Es war neben der Akademie, außer der Schule des Cornelius und der der Professoren Schlotthauer und Schnorr besonders Heinrich Heß, welcher mit Takt und Sachkenntnis auf einfache Weise junge Leute zu Künstlern bildete, indem er sie ohne das Mittel der Akademie und lange Übergänge rasch in die praktische Übung der kirchlichen Kunst mitten hineinsetzte, sie von Lehrbuben zu besseren Arbeitern aufsteigen ließ und endlich zu großen, monumentalen Werken in der Kirche verwendete. Seine bedeutendsten Schüler waren einst aus dem schwäbischen Allgäu; jener leider zu früh verstorbne Fischer, welcher die Kartons zu den Glasfenstern der Auer Kirche zeichnete, und die drei Gebrüder Schraudolph, von denen der erste in der Folge eine eigene Schule gründete. Ich sah in späterer Zeit den jüngsten, Lukas mit Namen, wie er von seinem Dorfe gekommen, kindlich frommen Ernst in den Zügen, fast einem jungen Novizen glich. Als er angewiesen wurde, im Gipssaal nach den Antiken zu zeichnen, erklärte er, so schüchtern er sonst war, ganz entschieden, die „loamenen“ (lehmenen, tönernen) Götzenbilder nicht zeichnen zu wollen. Man lachte und ließ ihn gewähren Er wurde später, nachdem er viele andächtige Bilder gemalt, ein geschickter Arbeiter und Elfenbeinschnitzer und starb als Laienbruder in einem Benediktinerkloster. Der ideale Aufschwung Wir Hamburger, vierzehn an der Zahl, hielten in einer Art Landsmannschaft zusammen, halfen einander als gute Kameraden, und wenn einer von uns krank war, wachten die andern abwechselnd die Nächte bei ihm. Wie heimisch dünkte mir dies gemütliche Leben nach dem wüsten Treiben, in das ich ans der Dresdner Akademie gestürzt war. Auch fehlte es unsrer Gesellschaft nicht an irgend einem Individuum, das durch lächerlichen, mit Kunstphrasen aufgeputzten Blödsinn den „Clown“ abgab, an dem sich der Witz der andern übte, aber im ganzen herrschte ein anständiger, gemütlicher Ton. Unsere Sprache war das heimatliche Plattdeutsch, das wir selbst in den Kneipen gar zu gerne hören liefen, um uns von den Süddeutschen zu unterscheiden, die es nicht verstanden. Unser Senior war ein wohlbeleibter Kupferstecher, Vater Borum genannt, der bei Gelagen und Festlichkeiten präsidierte. Unter seiner Leitung feierten wir den Weihnachtsabend mit Tannenbaum und kleinen Geschenken, und ein kleiner, häßlicher, koboldähnlicher, hinkender Junge, der Sohn der Hausfrau, als Amor mit Flügeln ausstaffiert, mußte die Lose ziehen. Dann wurden Karpfen geschmaust, gepunscht und darauf die Runde durch die katholischen Kirchen gemacht, um die Christmette anzuhören, wobei ich vergeblich mich anstrengte, in eine andächtige Stimmung zu kommen. Am Silvesterabend zogen wir spät nachts in ein Weinhaus, wo mehrere Maler versammelt waren, uns mit Jubel empfingen und Getränk von den schönsten Namen des Rheines in Strömen floß. Gesundheiten wurden getrunken, des Königs, der Professoren, auf Vergessen alles Twistes und Haders, wie sie unter Künstlern stattfinden. Man herzte, umarmte sich, bat um Verzeihung, brach in den lautesten Jubel oder in Tränen aus, je nachdem sich nach der Verschiedenheit des Landes und der Temperamente die Wirkung des Weines kundgab. Wir Hamburger fingen an, wie Matrosen uns einander auf der Bank zu schieben und zu stoßen. Etliche Oldenburger mit dickerem Geblüt blieben apathisch sitzen; die Rheinländer und Düsseldorfer machten Gesichter wie die Recken der Nibelungen und übten sich in kühnen, ritterlichen Stellungen. In einem Winkel der Stube saß eine trauernde Gruppe gleich den Juden auf den Trümmern des Tempels. Als ich näher trat, erkannte ich lauter Sachsen, deren einer, um die Ursache des Leides befragt, untröstlich und laut schluchzend sagte, der beste Schüler des Cornelius, ihr Landsmann der Maler Hermann, sei bis dahin immer verkannt und zurückgesetzt worden. Man hatte nämlich an diesem Abend seine Gesundheit ausgebracht, worauf er sich beschämt in eine Ecke setzte und zu weinen anfing. Auf dieses hinauf setzten sich seine Landsleute um ihn herum und weinten ebenfalls. Er war ein frommer, stiller Mensch, als Künstler hochgeachtet; die Schlacht von Ampfing unter den Arkaden wurde von ihm gemalt, ebenso das etwas rätselhafte Deckengemälde in der neuerbauten protestantischen Kirche, dessen Erklärung wieder einer Erklärung bedarf. Auf positiv geschichtlichem Grunde leistete er Vortreffliches. Ich sah dort auch Volz, Heinlein und den damals schon berühmten Schüler des Cornelius, Kaulbach, einen schönen Jüngling von schlanker, zart gebauter Figur, in knappem Leibrock und breitkrempigem Hut, der sich scheu und vornehm von dem größeren Haufen entfernt hielt, welcher, seinem Talent huldigend, sich an ihn drängte. Diese aristokratische Haltung behielt er auch später seinen Verehrern gegenüber bei, die, als sie ihm einst eine Ovation bereiten wollten und anfragten, wie er es aufnehmen würde, eine derartige Abfertigung erhielten, daß sie nicht zum zweiten Male kamen. Etliche dreißig Jahre später kam ich wieder nach München. Da hatte es ein anderes Aussehen bekommen. Der fröhliche Lärm der Künstler war verklungen; man stand sich mißtrauisch gegenüber, sprach von dem Preiskurant der Bilder. Große Preise und das Geschick, sich der Mode anzuschmiegen, bestimmten den Wert des Werkes. Die alte Zeit war nicht mehr, welche Cornelius in der Rede 1835 zu Rom schildert, wo er sagt: „Als aber König Ludwig den Thron seiner Väter bestieg, da ging`s erst los, hei! Wie wurde da gemeißelt, gebaut, gezeichnet und gemalt! Mit welcher Lust, mit welcher Heiterkeit ging da jeder ans Werk! Aber es war eine ernste Heiterkeit. Auch war München damals kein Treibhaus der Kunst.“ Der ,,Lueg ins Land“ stand wo anders als das Isartor, das von Gärtner 1832-1835 restauriert und mit dem Fresko B. von Nehers „Der Einzug Kaiser Ludwigs des Bayern nach der Schlacht bei Ampfing“ geschmückt wurde. - Peter Heß (1792 - 1871), Schlachten- und Pferdemaler, zugleich Meister des Genrebilds. - Karl Wilhelm Freiherr von Heideck, genannt Heidegger (1788 - l861), Maler und Radierer, zugleich Generalleutnant. - Heinrich Heß (1798 - 1863) seit 1816 in München, zuletzt Direktor der „Vereinigten Sammlungen“ .- .Joseph Anton Fischer (1814 - l859) stammte aus Oberstdorf im Allgäu. .- Carl Heinrich Hermann, geboren 1801 in Dresden, lebte von 1825-1840 in München und übersiedelte später nach Berlin; er war Maler religiöser Motive in nazarenischem Sinne. - Der berühmteste der Brüder Schraudolph war Johann (1808 - 1879) der im Jahre 1849 als Nachfolger von Heinrich Heß mit der Professur für religiöse Malerei an der Akademie betraut wurde. - Der Bildhauer Konrad Eberhard (1768-1859) aus Hindelang war von 1817 bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1835 Professor für Plastik an der Akademie. Abb. 1 Der Dultplatz, jetzige Maximiliansplatz gegen das Maxtor gesehen; im Hintergrund die Theatinerkirche. Steinzeichnung von Gustav Kraus (1825) Abb. 2 Die Kaufingergasse im Jahre 1825. Steinzeichnung von Gustav Kraus Abb. 3 Der Isarsteg in der Au bei München. Radierung von Georg von Dillis (1806) Abb. 4 Der Karolinenplatz in München. Aquarell K. Fr. Heinzmann ( 1835)
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