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Dabei grüßte er alle Leute und besonders alle Kinder auf die zuvorkommendste Weise. Seine sanfte Sinnesart führte ihn gern in die Peterskirche oder gar auf den Gasteigberg zu jenem Christus am Kreuze, an dessen Fuße die nahen Wellen der Isar sein murmelndes Gebet durchrauschten. Leider ist es dem frommen Ramlo nicht so gut geworden, wie jenem heiligen Musikanten, der unter dem Kruzifix spielte, dessen Herrgott an den Füßen goldene Schuhe trug und dem Armen zu lieb einen fallen ließ. Diese zierlichen Exemplare von Menschen, wie Ramlo einer der letzten war, sind in München ausgestorben; ebenso die Hofnarren wie Prangerl. Mit dem Kurfürstentum in Bayern wurde auch ihre Herrschaft begraben. Prangerl war der Lustigmacher des Hofes. Sein Witz war zotig, schonungslos. Die ,,gute Stadt München“ hatte ein ganz anderes Gepräge, als die „Königliche Haupt- und Residenzstadt“. Zu jener Zeit, da Prangerl lebte, konnte man noch satirisch sein. Prangerl war kein Zwerg, aber auch weit von einem Riesen; auch er ging immer mit einem Stock in der Hand, den mancher Gassenjunge zu fühlen bekam. Die derben Anekdoten, die von ihm noch in der Überlieferung des Münchner Volkes leben, haben den Geist Till Eulenspiegels, und Prangerl, sowie seines Gebieters kurfürstliche Durchlaucht konnte herzlich lachen, wenn er Jemanden geprellt hatte. Raimund hat ein bekanntes Stück geschrieben: „Die Insel der Wahrheit!“; Hofnarren können wahrlich Dafen der Wahrheit genannt werden. Auch Prangerl hatte diesen Vorzug; doch die Freiheit, die in diesem gnädigen Vorrechte lag, gedieh bei ihm einigemale bis zur Unverschämtheit, der Ungnade folgte. Wer aber, der hier eine Generation gelebt, kannte nicht jenes dürre Männlein, das zu jeder Stunde des Tages ein Häfelchen unterm Arme trug, das jedem Vorübergehenden mit verschmitzt-freundlich lächelnder Miene ein „Grüß di Gott“ leise zurief? Der König und der Bettler haben Finessensepperl wohl gekannt.

Abb. 2 Familienbesuch. Zeichnung von Eugen Napoleon Neureuther (1835)Er war bis in die zwanziger Jahre unserer Zeit hinein der populärste Mann in München. Nun ruht auch er unter der Erde. Ruht er? Nein, ich weiß es, sein Skelett ist in der Akademie aufgestellt; denn der kleine Mann hatte eine Rippe mehr als andere Menschen. Finessensepperl war der postillon d`amour Münchens. Er hatte in allen Häusern Zutritt; er war schlau und schien das Gegenteil zu sein; er konnte nicht lesen und schreiben und verstand sich doch darin. Er hatte selbst geliebt; seine beständige Liebe war eine Törin, welche „die rote Nanni“ hieß, und der die Buben oft schreiend nachliefen. Nannerl und Sepperl sind nun einmal die Grundheiligen der Isarstadt. Freilich fangen auch sie an mehr zu verschwinden. War einer dieser Namenstage, so waren beide mit Blumensträußen geschmückt, gingen stolz in allen Straßen umher und ließen sich gratulieren. Finessensepperl bettelte nicht; allein seine Miene drückte hinlänglich aus, was er nicht sagte, und reichlich flossen ihm die Gaben zu. Es gibt keinen öffentlichen Charakter dieser Art in München mehr. Unsere Zeit verwischt das Eigentümliche. Einen vierten könnte ich jenem Dreiblatt wohl beifügen, den bekannten „Professor der unentdeckten Wissenschaften“. Er hieß Wilhelmi, der unermüdlichste Theaterbesucher, immer an demselben Platz; er wurde viel mißhandelt und war unausstehlich. Doch

„Er war nicht in dem Tal geboren,
Man wußte nicht, woher er kam.“


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Von weiteren Münchner „Originalen“, dem Ewigen Hochzeiter, dem Kapellmeister Sulzbeck und dem Pferdehändler Krenkel, spricht Franz Trautmann in seinem Plauderbüchlein „Im Münchner Hofgarten“:

Nicht hinsichtlich seiner Streiche, sondern gelegentlichen Hofgartenbesuches hatte der Finessensepperl um ein paar Jahrzehnte später einen Nachahmer, den bekannten „ewigen Hochzeiter“, welcher, so beschränkt seine Verhältnisse waren, immer einen frischen Blumenstrauß in der Rechten trug, dabei er mit dem Hinschreiten manches Mal einhielt - nämlich, wenn ihn eine Damengestalt besonders anzog - und Miene machte, den Strauß darzubieten. Was er aber immer wieder unterließ, sodaß man nie erfuhr, welches weibliche Wesen er denn seiner vollen Ergebenheit würdig gehalten habe.

Abb. 3 Blick auf den Marienplatz. Zeichnung von Heinrich AdamWer noch zu nennen? Ja, später der soi-disant „Baron Sulzbeck“, der mit seiner großen Baßgeige, auf welcher er den Lärm der Schlacht bei Leipzig und Waterloo vorzutragen wußte, zwar nie im Hofgarten tätig wurde, aber unweit davon, weshalb man ihn wenigstens in hoch-breitem Leibwuchs durchschreiten sah. Dies geschah bekanntlich bis in das fünfte Dezennium hinein, trotzdem der Schlachtlärm nie abnahm, vielmehr stets gewaltiger wurde.

Noch jemand zu nennen - trabte er doch oft am Hofgarten vorüber.

Es war der hochgeschossene, ehrenhaftest gesinnte Bürger und Pferdeverleiher, dessen deutschen Namen ein maliziöser Herr, zum ärgsten Groll des Inhabers, gallisierte und in ,,Monsieur de Krainquèle“ verwandelte. Krainquèle war der Mann, für welchen „Salonsprache“ das Überflüssigste, das „Hippologische“ aber von höchstem Werte war.

Ein Stadtoriginal war in gewissem Sinne auch der Dichter und Journalist Moritz Saphir (1795 bis 1858), dessen Gazetten mit seinen Humoralbriefen und witzige Vorlesungen, die meistens im schönen Saal der Gesellschaft ,,Museum“ stattfanden, nicht weniger Stadtgespräch waren als seine spöttischen Angriffe auf das Hoftheater, seine Scherze mit König Ludwig I. und seine Taufe (er war Jude) in der protestantischen Matthäuskirche. Schließlich wurde Saphir, um seinen allzu spitzen Witz zu zügeln, mit dem Titel eines Hoftheaterintendanzrates begnadet. Von da an schwieg er, verließ aber auch bald München (1835), um fortan bis an sein Lebensende in Wien zu leben.

Abb. 1 Der Finessensepperl überbringt Liebesbriefe. Stich von Joh. Mich. Voltz
Abb. 2 Familienbesuch. Zeichnung von Eugen Napoleon Neureuther (1835)
Abb. 3 Blick auf den Marienplatz. Zeichnung von Heinrich Adam

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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