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Als der französische Minister Thiers 1840 die Deutschen mit Krieg überziehen wollte, kam ihr stärkster Ringer gleichsam zur Probe ihrer Überlegenheit über den Rhein, ein Mann von herkulischer Gestalt, um sich in Kassel, Berlin, Dresden und anderen Hauptstädten mit den stärksten Deutschen zu messen, und er überwand allenthalben: der Schrecken wandelte vor ihm her. So gelangte er schließlich nach München, schrieb sich Jean Dupuis und setzte einen Preis von nahe tausend Gulden aus, wenn ein Stärkerer auftrete als er. Der Schimpf brachte alle stämmigen Bursche auf; der Fechtmeister Gruber gab einigen Unterricht, und so sollte auf der ersten Schaubühne des Landes das Ringen vor sich gehen. Kopf stand an Kopf; es galt eine Ehrensache für das ganze Volk.

Der Vorhang rollt auf; der Sieger in so vielen Kämpfen steht da: für einen antiken Heros gebaut, den Oberkörper weit vorgestreckt, einen Gürtel um die Hüfte, und nur an den Armen zu fassen. Der erste, der angesichts all der Tausende zum ungewohnten Wettkampf ihm entgegentritt, ist ein junger Metzgerbursche, Johann Ebner, nicht groß von Statur, aber untersetzt. Solch eine Pause muß im römischen Amphitheater bei Gladiatorenkämpfen oder Tierhetzen eingetreten sein, wo die Gegner sich erst mit den Augen maßen, Löwen und Tiger umeinander herumgingen, um eine schwache Seite ausfindig zu machen und dann zu Sprung oder Angriff überzugehen. Alles blickte stumm in die Szene; den Zuschauern pochte das Herz. Da begannen sich beide, der Bayer und der Franzose, an den Händen zu fassen, hin und her zu schieben, ein Stoß, ein Ansturm, ungeheure Muskelkraft wurde von beiden Seiten aufgeboten. Der verwöhnte Sieger hatte sich den Kampf wohl leichter vorgestellt. Das Volk atmete hoffnungsvoll auf; Zornwut schien den jungen Menschen zu erfassen, dem sein Widersacher am kolossalen Körper überlegen war - auf einmal stürzte der Franzose aufs Knie. Ein Beifallsklatschen begann, aber ohne Übung, übersah der sehnige Junge den Vorteil, den Franzmann zu drehen, und wurde nun, seinerseits überrascht, zu Boden gelegt. In diesem Augenblick fühlte jeder sich an seiner nationalen Ehre gepackt. Wie? Eine Niederlage? Unmöglich!

Abb. 2. Die Residenzstraße im Jahre 1826. Gemälde von Domenico Quaglio. Schon stand der Rächer dem triumphierenden Welschen gegenüber: Simon Maisinger, Bierführer des Faberbräu, und das will etwas sagen. Die englischen und amerikanischen Boxer pflegen auch ihr Quantum zu trinken, und der Pschorrbräu erwartete, daß jeder Mann, den er zum Geschäfte brauchte, seine fünfzehn, wo nicht dreißig Maß täglich schluckte. So einer ist imstande, die Eimerfässer ohne Leiter durch alleinige Kraft der Arme vom Wagen zu heben. Der Mann, der sich alsbald mit Riesenkraft auf den Franzosen warf, war um einen halben Fuß größer als sein Vorgänger, knochenstark, eine robuste Statur.

Abb. 3 Zeitgenössisches Flugblatt zu dem Ringkampf im Münchner Hoftheater (1840)Er hatte während des Ringens der beiden die Stärke, aber auch die Schwäche dem welschen Feinde abgelauscht, welche im Unterkörper und Fußgestell bestand. Ihm galt es, diesen Antäus zu entwurzeln, und kaum gehoben, mußte er fallen. Man muß es gesehen haben, mit welcher Berserkerwut dieser Altbayer sich an den übermütigen Welschen machte, treu seinem im letzten Augenblicke gegebenen Worte: fallen muß er um jeden Preis! Wie ein Bär schlug er seine Pranken ihm an die Ellenbogen; die Aufregung der Zuschauer war furchtbar, alle hoben sich von ihren Sitzen, als ob es Ehre und Leben jedes einzelnen gelte. Auf dem Schlachtfelde könnte die Spannung nicht höher steigen. Sollten beide sich erwürgen? Mann an Mann waren sie festgeklammert; nur stahlfeste Knochen ertragen einen solchen Druck. Unversehens faßte der Bayer seinen Gegner, und nun war es um diesen geschehen; augenblicklich war er zu Boden geschmettert, und der Sieger stemmte sein Knie ihm auf den Leib. „Hab ich dich jetzt, du Lauser!“ soll er dabei gerufen haben; aber das Haus erbebte vor Sturm, als hätten die Deutschen eine Schlacht über die Franzosen gewonnen, so war die Entscheidung. Kaum aus dem Theater, so hörte man schon trällern:

Mag einer rebellen, wie er will,
Doch kommt er nach Bayern, so sei er still!


Des anderen Tages war die halbe Stadt in Bewegung, den Sieger zu ehren;
der beschämte Franzose wollte der Pflicht, den Wettpreis zu zahlen, sich entziehen,
wurde aber gerichtlich dazu verurteilt.

Der französische Herkules Unvergleichlicher


In Rom, Paris; Moskau und Brünn,
In Straßburg, Lyon und Berlin,
In Dresden, Kassel, Kopenhagen,
In Warschau selbst kann man`s erfragen
So wie in Petersburg und Wien
Daß ich der Riese Goliath bin.
In München wollte ich`s auch wagen
Und kam als Herkules zu fragen
„Wer mich zu Boden werfen kann?
Fünfhundert Gulden setzt` ich d`ran

Da kam ganz unverhofft vorbei
Der Hausknecht einer Brauerei
Und warf mich auf den Boden hin,
Daß mir die Brust zu wackeln schien.
Jetzt geht es mir auf einmal ein,
Daß sie den freien, deutschen Rhein
Nicht haben sollen – denn fürwahr,
Solch Hausknecht frisst mit Haut und Haar,
Ein Regiment von Franzmanns Heer
Und solche Hausknecht` gibt`s noch mehr!

 

Abb. 1 Nordostseite der Residenz mit der Hofapotheke 1828. Gemälde von Domenico Quaglio.
Abb. 2. Die Residenzstraße im Jahre 1826. Gemälde von Domenico Quaglio.
Abb. 3 Zeitgenössisches Flugblatt zu dem Ringkampf im Münchner Hoftheater (1840)

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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