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Als sie heimkehrte, fand sie den Knaben am Gitter seines Bettstättchens aufgerichtet und nach dem Boden verlangend; er war und blieb geheilt. Dies Erlebnis mag seine spätere Neigung zur Orthopädie befördert, die Ausbildung im Handwerk seines Vaters, sein mechanisches Talent früh entwickelt haben. Als Soldat ist er bis nach Spanien gekommen. Erst hernach wandte er sich zur Kunst und zeigte als Maler seine Empfindung und Schönheitssinn. Sein religiöses Bedürfnis führte ihn jenen Männern zu, deren eifrige, aber unerleuchtete und starrsinnige Frömmigkeit schließlich in Separatismus gestürzt, worauf allerdings die besten ihrer Freunde, wofern sie der Kirche sich innerlich entfremdet hatten, ihr wiederum von Herren sich unterwarfen.

Schlotthauer hatte eine schöne Stimme und sang Volksweisen zur Gitarre. Auf einer Reise, die er als junger Mann zu Fuß wandernd, mit Freunden durch Oberitalien machte, kehrten sie meist in Bauernhäusern ein und erfreuten die abendliche Muße der Bewohner durch Sang und Spiel; frugen sie am Morgen nach der Zeche, so hieß; es, man habe vielmehr ihnen zu danken für solchen Genuß. Als Cornelius nach München kam, schloß sich Schlotthauer ihm innig an, und man versichert, dasjenige, was er von des Freundes Kompositionen in der Glyptothek zur Ausführung übernommen, sei in der Farbengebung das weitaus Schönste. Die Professur an der Akademie gab Schlotthauer einen reichen Wirkungskreis, in welchem er als treuer Lehrer nicht nur das künstlerische, sondern überhaupt das Gedeihen seiner Schüler an Seele und Leib sich zu Herzen nahm. Freilich wurde geklagt, daß seine Güte oft in Schwäche übergehe, indem er etwa einen vom Lehrerkolleg bei der Haupttür Hinausgestoßenen durch sein Mitleid bei einem Hintertürchen wieder hineinzuschmuggeln gewußt. Ebenso war er oft überschwänglich und die Rücksicht auf Würdigkeit allzuwenig im Ange haltend in seinen Almosen, worüber seine gute Frau einst äußerte: ,,Wenn Schlotthauer einmal an die Himmelstür kommt, so wird er bitten müssen: Herr, verzeih mir meine guten Werke!“

Leider ließ der Gute sich je länger je mehr von eigener Ausübung der Kunst abziehen durch seinen Erfindungsgeist in der Mechanik, der neben sehr tüchtigen Leistungen doch in anderem, nicht ohne Verschulden Schlotthauers, sein Ziel verfehlte. Treffliche Erfolge hatte er aufzuweisen in der Orthopädie, in welcher sein künstlerisches Auge ihm häufig beistand, den Sitz des Übels zu finden, während ein tüchtiger Arbeiter seine sinnreich erfundenen, möglichst milde wirkenden Maschinen und Mieder herstellte. Für rein ärztliche Seiten der orthopädischen Behandlung nahm er Ringseis und den ihm befreundeten Professor Dr. Horner zu Hilfe; dennoch wurde er von medizinischer Seite das eine und andre Mal angefeindet. Dies und noch mehr die finanzielle Schwierigkeit veranlaßte ihn, ein orthopädisches Institut für Mädchen, das er einige Jahre hindurch gehalten, wieder auszugeben, und nun bezog er ein von ihm erworbenes Hänschen mit Garten am jenseitigen Isarufer, wo die schlichte, aber künstlerisch traute Einrichtung den Reiz erhöhte, welchen die Freunde im Umgang mit dem redlichen und vielseitig begabten Mann und in der häuslichen Atmosphäre seiner trefflichen Frau empfanden.

Aber die böse Isar, damals noch ungenügend reguliert, spielte seinem armen, kleinen Anwesen so schlimme Streiche, daß er nach schweren Beschädigungen es verkaufen mußte. Jene erlittenen Nöte veranlagen ihn, seinen Erfindergeist auf Abhilfe gegen die so sehr gefürchteten Überschwemmungen der Gebirgsflüsse zu richten. Die Mechanik, welche er ersann, hatte die Bestimmung, die wilden Gewässer zur Selbstregulierung zu zwingen; man hielt dafür, sie sei von wundervoll sinnreicher Einfachheit. Hier aber zeigte sich jene Seite in Schlotthauers Wesen, durch welche er seinem eigenen Wirken das schlimmste Hindernis und sich selber manch tiefe Kränkung, manch schwere Sorge bereitet hat. Einsam über seinen Gedanken brütend, nahm er zu wenig Notiz von dem, was andere auf gleichem Felde bereits geleistet hatten; er wollte alles allein zustande bringen und konnte an kein Ende kommen, weil er sich niemals Genüge tat, immer noch eine neue Verbesserung, eine höhere Vervollkommnung im Sinne trug. Vergeblich drängten Ringseis und andere Freunde, endlich einmal abzuschließen, die nötigen Schritte zu tun, damit die Behörde seine Erfindung kennen lerne; immer wieder zögerte er, bis es endlich zu spät und ein anderer Plan von der Regierung genehmigt war. Ähnlich erging es ihm mit der Stereochromie.

Abb. 2 Eröffnung der ersten Industrie-Ausstellung zu München im Jahre 1854. Steinzeichnung von Peter Herwegen.Als Geheimrat Dr. Joh. Nep. von Fuchs das Wasserglas erfunden hatte, tat sich derselbe mit Schlotthauer zusammen, auf daß mit Hilfe dieses wichtigen Mittels eine Wandmalerei zustande komme, welche die Schwierigkeiten des al fresco vermeide. Hiefür war es mit der Erfindung des Chemikers nicht genug; der Maler mußte seine praktischen Erfahrungen machen. Dabei aber regte sich Schlotthauers grübelnder Geist; er wollte weiter erfinden und laborierte so lange, daß nach wiederholter vergeblicher Mahnung und Drohung, sich von ihm loszusagen, der alte Herr, welcher die Anwendung noch zu erleben wünschte, Schlotthauer den Scheidebrief gab und sich an Kaulbach wandte, welcher in kurzer Frist mit der Sache im Reinen schien. Ob von Schlottchauers Ideen etwas hiebei benützt wurde, wodurch er wäre in einem wirklichen Rechte geschädigt worden, wissen wir nicht, wohl aber, daß er in tiefster Kränkung es ablehnte, auf Ringseis` Aussöhnungsversuche einzugehen; doch gereichte es Ringseis zum Trost, nach dem bald erfolgten Tode von Fuchs den alten Freund in dessen Seelengottesdienst zu treffen. Hätte Schlotthauer den jetzigen Zustand von Kaulbachs Bildern an der neuen Pinakothek erlebt, so hätte es ihm zur traurigen Genugtuung dienen müssen. Er ließ nicht ab, an seinem Teil der Erfindung weiterzuarbeiten, und als Ringseis ihn beschwor, doch wenigstens alles genau in schriftlicher Aufzeichnung zurückzulassen, versicherte er, hierfür sei gesorgt. Einstweilen war der gering Besoldete, welcher den künstlerischen Erwerb beiseite gelegt und von seinen Erfindungen bisher nur Auslagen gehabt hatte, in die schlimmste finanzielle Lage geraten, und mehr als einmal mußten die Freunde schleunig eintreten, um ihn vor einer Katastrophe zu retten, wobei der Gute, überzeugt wie er war von der Tüchtigkeit seiner Erfindungen, in bäldester Zeit alles zu erstatten versprach. „ O wie kann Schlotthauer das versprechen!“, sagte tiefbetrübt seine liebe Frau, deren letzte Jahre durch diese Kümmernisse und durch die schmerzliche Überzeugung, daß ihr guter Manu nicht wenig eigene Schuld daran trage, sehr verbittert wurden, und die trotzdem ihr kleines Hauswesen immer noch in idealer Reinlichkeit und Trautheit zu erhalten wußte. Sie war eine richtige Künstlerfrau durch den feinen Sinn, mit dem sie diese kleine bürgerliche Häuslichkeit zu vergeistigen verstand, hatte auch von jeher, obschon häufig an schwerem Kopfweh leidend, mit ihren feinen, geschickten Fingern die niedlichsten, sinnigsten Arbeiten zustande gebracht. Rührend aber ist uns vor allem die Erinnerung an ihre, des einfachen Bürgerkindes eigene Erscheinung mit dem bleichen, sanften und doch so charaktervoll edlen Antlitz, mit der schlicht demütigen Würde ihrer Haltung. Nicht allzulang nach ihrem Hinscheiden entriß auch ihren Gatten der Tod seinen irdischen Kümmernissen, aber sein Unstern, die Tragik, die teilweise in seinem Geschicke lag, war damit nicht zu Ende. Jene Auszeichnungen über die Stereochromie, insbesondere über die Bereitung der Farben waren laut Versicherung seiner Verwandten noch kurz vorher bei ihm gesehen worden; nun waren sie verschwunden. Wenn ein Unberechtigter sie sich angeeignet, so hat es nichts daraus zu machen gewußt, denn man hat niemals mehr von der Erfindung gehört.

Joseph Schlotthauer (1789-1869), religiöser Maler, seit 1831 Professor an der Akademie, wo er indessen, von seinem Amt als Inspektor des Instituts sehr stark in Anspruch genommen, keine besondere Lehrtätigkeit entfalten konnte.

Johann Nepomuk von Fuchs (177-1856) Chemiker und Mineralog, seit 1826 Universitätsprofessor, seit 1839 Oberberg- und Salinenrat in München, eine Autorität aus dem Gebiete der organischen Chemie.

Abb. 1 Pferderennen auf dem Oktoberfest.
Abb. 2 Eröffnung der ersten Industrie-Ausstellung zu München im Jahre 1854. Steinzeichnung von Peter Herwegen.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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