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Nach und nach hatte sich ein Grundstock von Intimen gebildet, die sich den Namen „Die Sonntagskinder“ beilegten. Um diesen Kreis kristallisierte sich, was von Fremden zu längerem oder kürzerem Aufenthalt in München war, und es wird wohl keinen Namen von Bedeutung geben, dessen Träger nicht wenigstens vorübergehend der Gast des Hauses gewesen ist. Es existiert noch in unserer Familie ein reichverziertes Album, welches die ,, dankbaren Sonntagskinder“ der Mutter geschenkt hatten. Das Widmungsgedicht ist von Ernst Förster, dem bekannten Kunsthistoriker, illustriert von E. Neureuther, dem berühmten Illustrator. Die Blätter des Buches enthielten Beiträge aller Art von den Malern Rottmann, Teichlein, Dürck (meinem spätem Schwiegervater), Asher und Dietz, von den Musikern Franz Lachner, Speidel, Goltermann, von Franz Liszt, der Fürstin Wittgenstein, von Geibel, Liebig, Graf Pocci, Lasaulx, von Perfall, dem späteren Intendanten, von Bluntschli, dem bekannten Nationalökonomen, und vielen anderen mehr.


Abb. 1 Hofarchitekt Leo von Klenze. Steinzeichnung von J. FertigIm Jahre1846 war auch die berühmte Sängerin Jenny Lind, die in München an der Oper auftrat, während dieser Wochen in unserem elterlichen Hause Gast. Die Sängerin wollte nicht in einem Hotel, sondern in einer Familie aufgenommen sein; dies hatte der Direktor des Konservatoriums, E. Hauser, an einem Sonntage im Kaulbachschen Hause erzählt, und der Vater, leicht entflammt, hatte ohne weiteres sogleich seine Gastfreundschaft angeboten. So führ denn eines schönen Tages der eigens für Jenny Lind gebaute, große Reisewagen, mit Koffern und Kisten hochbepackt, zum Gartentor herein. Daß hiebei die sorgfältig gepflegten Blumen und die reinlichen Wege verdorben und vertreten wurden, erregte schon gleich den Zorn des Vaters, der sich überhaupt ein ganz anderes Bild von der schwedischen Nachtigall gemacht hatte. Jenny Lind war eine äußerst liebenswürdige, aber ebenso launische und verwöhnte Künstlerin und unterlag noch mehr ihren Stimmungen wie Kaulbach. Die Mutter mag da wohl manche fatale Stunde durchkostet haben, denn beide Künstler bewegten sich in Gegensätzen: war der eine verstimmt, so war der andere guter Laune; hatte der eine Lust allein zu sein, so wollte der andere Menschen um sich sehen. Der Höhepunkt dieser Extreme war aber an dem schönen Abend erreicht, als Jenny Lind im „Freischütz“ das Ännchen sang. Sie hatte während der Vorstellung das Mißgeschick, ihren Schuh zu verlieren; dadurch kam sie aus der Stimmung, dies wirkte wieder auf das Publikum, - das Fluidum zwischen Bühne und Hörern war fort, und der erwartete Erfolg blieb aus. Zu Hause aber hatte die Mutter eine große Gesellschaft geladen, und alles war gespannt, die berühmte Sängerin von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Wer aber nicht zum Vorschein kam - war Jenny Lind. Sie hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen und hörte auf kein Rufen und Pochen. Der Vater, ärgerlich über diese Rücksichtslosigkeit, schloß sich ebenfalls ein und überließ die erstaunten Gäste der Mutter, die sich am andern Morgen ein Vergnügen daraus machte, den beiden zu berichten, wie außergewöhnlich gelungen und besonders heiter der Abend verlaufen sei.

Ernst Förster (1800.-1885), ursprünglich Historienmaler, wandte sich später dem Schrifttum zu und war der begeisterte Herold der Cornelius, Kaulbach, Schwind und ihrer Richtung.

Eugen Napoleon Neureuther (1806.- 1882), Maler und Radierer, auch Vorstand der Porzellanmanufaktur, war ein an ornamentalen Einfällen reiches, auf liebenswerteste Poesiehaftigkeit gestelltes Talent.

Jenny Lind (1820-1887) aus Stockholm, seit 1844 als gefeierte dramatische Sängerin in Deutschland aus Gastspielreisen, die sich zu wahren Triumphzügen steigerten.


Abb. 1 Hofarchitekt Leo von Klenze. Steinzeichnung von J. Fertig
Abb. 2 Akademie-Direktor Friedrich von Gärtner  Steinzeichnung von J. Wölffle

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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