mein-bayern.jpg

 

Es war aber doch wohl nicht vorzugsweise diese Neigung zu vergnüglichem Lebensgenuss, was die talentvollen Altbayern nicht zu strenger Arbeit im Dienst der Muse kommen ließ. Gerade weil hier im Süden der poetische Trieb den Begabteren mehr im Blute lag, ihre Natur von Hanse aus künstlerischer gestimmt war als bei dem nüchternen Menschenschlag im Norden, fühlten sie weniger die Pflicht innerer Vertiefung und glaubten, den Kranz „schon im Spazierengehen“ zu erringen. Daß auch der Dichter nicht nur im Technischen viel zu lernen habe - hatte doch auch der berühmteste bayerische Poet, Graf Platen, sich nachgerühmt: „Die Kunst zu lernen, war ich nie zu träge“ - sondern daß es etwas wie ein künstlerisches Gewissen gebe, dessen Mahnungen nicht als Schulweisheit eines pedantischen Präzeptors verspottet und vernachlässigt werden dürften, ahnten die wenigsten. Sie begnügten sich nach der Art aller Dilettanten mit dem, was ihnen in angeregter Stunde von ihrem Genius beschert worden war, und antworteten, wenn sie auf Mangel dieses ersten Hinwurfs hingewiesen wurden, wie jener Poet in Shakespeares „Timon“: ,,`s ist eben nur ein Ding, mir leicht entschlüpft.“

Dazu kam, daß es vor fünfzig Jahren in München völlig an einer einsichtsvollen literarischen Kritik gebrach. Der Journalismus stand selbst in Bayerns Hauptstadt auf keiner höheren Stufe als heutzutage in den Lokalblättern kleinerer Provinzstädte, und auch das „Blatt für Diplomaten und Staatsmänner“, die „Augsburger Allgemeine Zeitung“, befasste sich nur gelegentlich in der Beilage mit neueren belletristischen Erscheinungen. Was in den norddeutschen kritischen Journalen hin und wieder geurteilt wurde über ein Buch, das aus dem Süden kam, machte, wenn es noch so sachlich und maßvoll klang, keine tiefere Wirkung, da man überzeugt war, die norddeutsche Kritik stehe der süddeutschen Produktion von vornherein mit einem geringschätzigen Vorurteil gegenüber. Auch fehlte es in München an einem Verleger für andere als wissenschaftliche, geistliche und pädagogische Literatur, und bei Cotta anzukommen war ein seltener Glücksfall.

Noch verhängnisvoller aber als der Mangel einer öffentlichen Kritik war die Scheu vor jenen ,,goldenen Rücksichtslosigkeiten“ im persönlichen Verkehr der Schriftsteller unter einander, die den Berliner „Tunnel“ trotz manches pedantischen Zuges für die Bildung junger Talente so ersprießlich gemacht hatten. Junge Künstler haben in der Regel mehr Vorteil von kameradschaftlicher, wetteifernder Anregung untereinander, als von der eindringlichsten Unterweisung älterer Meister. Nun galt es aber für sehr unschicklich, offen ins Gesicht seine Meinung zu sagen, da man ja hinter dem Rücken der guten Freunde seiner scharfen Zunge keinen Zwang antun brauchte. Ich selbst, als ich einigen Kollegen keinen besseren Beweis meines freundschaftlichen guten Willens geben zu können meinte, als wenn ich ihnen in der schonendsten Form aussprach, was mir neben dem Gelungenen noch einer Besserung fähig schien, mußte zu meinem Schaden erfahren, daß dies des Landes nicht der Brauch sei. .Man wollte en bloc gelobt werden und beschuldigte den unberufenen Tadler eines Mangels an guter Erziehung oder einer hochmütigen, wenn nicht gar feindlichen Gesinnung. Ich sah denn auch bald ein, daß mein redliches Bemühen hier an die Unrechten kam. Den wenigsten war es so ernstlich um die Sache zu tun, daß sie die Mühe daran gewendet hätten, auch wenn sie einen Einwand zugeben mußten, noch einmal Hand an ihr Werk zu legen. Sie fühlten sich persönlich beleidigt und trotzten nun erst recht auf die Untastbarkeit ihres ersten Hinwurfs.

Einem so viel älteren Poeten wie Franz von Kobell gegenüber hätte ich mich wohl gehütet, meinem kritischen Vorwitz Luft zu machen. Auch waren seine frischen Lieder und kleinen anekdotischen Gedichte in bayerischer und pfälzischer Mundart voll Mutterwitz und volkstümlichem Reiz schon durch den Zügel des Dialekts in ihrem munteren Gange gesichert, wie ja auch im Dialekt keine Sprachfehler gemacht werden. Was er hochdeutsch dichtete oder gelegentlich für die Bühne schrieb, hatte freilich auch einen dilettantischen Anstrich, fand aber ebenfalls so allgemeinen Beifall, daß sich niemand versucht fühlen konnte, die höchsten ästhetischen Maßstäbe daran zu legen, so wenig wie an die Verse seines Freundes, des Grafen Franz von Pocci, der so recht der Typus des vielseitig begabten altbayerischen Dilettantismus war. Als Knabe hatte ich den „Festkalender“, den er in Gemeinschaft mit Guido Görres herausgab, mit Entzücken studiert, die schnurrigen oder romantischen Balladen auswendig gelernt, die hübschen Bilder eifrig nachgezeichnet. Nun begnügte sich der liebenswürdige Mann freilich nicht mit seinen Erfolgen in geselligen Kreisen, wo er Seine witzigen, off sehr anzüglichen Karikaturen durch lustige Verse erklärte, noch mit dem Beifall der Kinderwelt, für die er seine vielen drolligen Puppenspiele dichtete, sondern er verfasste auch anspruchsvollere Dramen, die allerdings von neuem bewiesen, daß es in dieser dichterischen Gattung mit einer leichtherzigen Improvisation nicht getan, solidem ernste Arbeit unerläßlich ist.

Der ,,Tunnel über der Spree“ war eine in den vierziger Jahren in Berlin bestehende literarische Gesellschaft, der als wichtigste Persönlichkeit Theodor Fontane angehörte. Später fand sie in München in dem ,,Dichterverein“ der „Krokodile“ ein Seitenstück.

Franz von Kobell (1803 - 1882), Professor der Mineralogie au der Universität, der beliebteste Dialekt dichter Münchens, im gesellschaftlichen Leben von hervorragender Geltung, mit Herzog Max und Graf Pocci der volkstümlichste Mann des biedermeierlichen und maximilianischen München.


Abb. 1 Maximilian, Herzog von Bayern. Steinzeichnung von A. Krafft

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

>> mehr