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Ein ausgestopfter Reiher, Reh- und Hirschgeweihe verrieten überdies meines Vaters Lust am Waidwerk, und die sorgsam bezeichneten Mineralien im Glaskasten, sowie die vom Steinreich handelnden Werke auf dem Schreibtische und in dessen Fächern bekundeten den Mineralogen. Die Poesie, die meinem Vater bald eine Geschichte erzählte, bald ein Lied lehrte, hauste hier ungestört unter den Büchern und Flinten, Pfeifen, Blumen und Bildern. Die letzteren waren mannigfaltig: eine Lithographie, die jugendlich schöne Marie in der Gebirgstracht, auf den Bergstock gestützt, hoch über der zu ihren Füßen liegenden Landschaft Hohenschwangau hinaus in die herrliche Gegend blickend; unweit von ihr sitzt ein sinnender Einsiedler im Walddickicht, von dem deutschen Meistonier Anton Seitz gemalt; daran reiht sich das Porträt des Nimrods Fürst Konstantin von Löwenstein, mit welchem Kobell oftmals gejagt und einstmals den „Sechzehn-Ender“ erlegt hatte, dessen Geweih zwischen den Stangen eine Scheibe trägt. Diese Scheibe ist ein kleines Meisterstück, denn Arthur von Bamberg hat darauf eine mit Nelken gezierte Altane gemalt, auf welcher eine schmucke Dirne sitzt, die nachdenklich den eben gepflückten Strauß in der Hand hält; ungesehen von ihr naht rückwärts ihr Schatz, ein Jägersbursch.

 

Und hat d` Gams amol a Rua,

Jag ` i`s Dirndl auf der Laub`n.

 

Abb. 2 Gemälde von Joseph Stieler in der Schönheiten-Galerie der Münchner Residenz.An die Flügeltüren sind Photographien geheftet, klein, groß, schmal, breit, von Gelehrten, Dichtern und Malern, von Mädchen und Frauen hohen und niedrigen Standes, kunterbunt wie deren Originale meinem Vater im Leben begegnet sind oder ihre Abbildung an ihn verschenkt haben. So kam der alte Solacher Förster neben die „Seherin von Prevorst“; - man merkt die Absichtslosigkeit und wird heiter gestimmt. Ein Erstling im Lichtdruck ist jene von Talbot photographierte Spitze, welche Photographie unter dem „antiken Fragment“ abermals einer farbenfrechen Humoreske Franz Poccis.

 

,,Kunst und Wissenschaft schöpfen am Duell der Natur“, heißt die Überschrift. Ans einem Felsen welchem ein Bock eingemeißelt ist, fließt die Bockquelle. Die Musen im antiken Gewande füllen sich die Gläser; Franz Pocci bläßt als griechischer Hirte die Flöte, und Kobell spielt in der Joppe die Zither dazu. Im Gegenbilde huldigen die neun Musen als Sennerinnen auf dem Parnasse dem Dichter. Aus einem großen Faß, das die ,,Hippokrene“ enthält, schenkt eine derselben dem gefeierten Kobell einen Maßkrug voll; eine andere, das grüne Miesbacherhütl am Kopf, bekränzt ihn; die dritte bringt ihm eine weißblaue Schützenfahne, und die übrigen schreien „Vivat, der Herr Professor soll leben!“

 

Aufs Geratewohl tickt die vom Vater besungene alte Uhr,

 

„Von Richt`n is koa Red;

„Ob s`nacha z`frua geht oder z`spat,

J`freu` mi`, wann s`no geht!“

 

Abb. 3 Auguste Strobl. Gemälde von Joseph Stieler in der Schönheiten-Galerie der Münchener ResidenzAuch der Salon ist bei diesem Anlaß in eine kleine Bockhalle verwandelt. Es schlägt 12 Uhr, Gäste um Gäste erscheinen. Kobell begrüßt alle in seiner gemütlichfröhlichen Art, und gutgelaunt erwidern sie den Gruß. Die Gesellschaft ist eine aus-erlesene; darunter überwiegend Mitglieder der „Zwanglosen“ und der Gesellschaft „Altengland“. Diese letztere besteht seit 1826 und entnahm ihren Namen dem „Merry old England“ das unter Königin Elisabeth der Inbegriff der Fröhlichkeit war. Die Teilnehmer heißen sich Lords; der Vorstand ist Lordmajor und trägt bei den Festdiners eine Allonge-Perücke, auch die übrigen Herren erscheinen dann im „Lord-Kostüme“. Neben Beamten, Gelehrten und Künstlern zählt die Gesellschaft zu ihren Mitgliedern viel edle, erlauchte Herren wie die Herzöge August und Maximilian von Leuchtenberg, Graf Wilhelm von Württemberg, den Herzog von Urach und die Herzoge Maximilian und Karl Theodor in Bayern. Große Verdienste um die Blüte „Altenglands“ hatte Franz Pocci, der auch stets laut bewillkommnete Stammgast bei Kobells Bockpartien.

 

Die Herren setzen sich und erquieken sich an den einfachen Tafelgenüssen einer Bockpartie, wobei die Bratwürste die Hauptrolle spielen; das bekränzte Faß zaubert Lebenslust in Kehlen und Herzen.

 

,,Kobell, das Bocklied l“ ertönen Rufe von allen Seiten. Er erhebt sich und singt nach der Melodie: „Der Papst lebt herrlich in der Welt“, folgende Strophen, wobei die Gesellschaft je bei den Endversen im Chor einfällt:

 

„Fürwahr mein Liebchen ist der Wein;

Er blinkt so heiter und so fein,

Er macht ein fröhlich leichtes Blut.

Ja, ja der Wein gefällt mir gut.

Doch nein! er liebt den Rettich nicht

Und macht der Wurst ein krumm` Gesicht,

Und vom Tabak den lieben Rauch,

Wahrhaftig den verschmäht er auch.

Der Bock, der ist ein braver Mann,

Lebt er nach seinem Alkoran,

So schmückt ein Rettichblatt den Hut,

Ja, ja der Bock gefällt mir gut.

Doch nein, er liebt ja nur den Mai

Und ist beim Jagen nicht dabei.

Und unter uns sei es gesagt:

Was wär` das Leben ohne Jagd!

Drum hört, was der Professor spricht:

Den Wein mit fröhlichem Gesicht,

Den trinkt das ganze Jahr in Ruh`

Und trinkt im Mai den Bock dazu.“

 

Gleichfalls kamen die Meister der deutschen Kunst: Anton Seitz, Kaulbach, Ramberg, Franz Defregger, die Professoren Windscheid, Siebold, Liebig, Riehl, Haushofer, Jolly, Carriere, Hofmarschall von Reck, der Münzmeister Haindl, Dönniges, Stieler, Robert von Hornstein, der Hofmedikus Koch, der Zithermeister Petzmaier und Herzog Maximilian in Bayern, der es so wohl verstand, die Heiterkeit zu wecken.

 

Man lacht und toastiert; da spielt Petzmaier Zither. Es erklingt Leid und Freud darin; die Töne sind sanft und keck. Wie eine Wünschelrute versetzen sie einen bald da, bald dorthin; man hört Vögel singen und den See rauschen. Dann ertönt plötzlich: „Ach Elslein, liebes Elslein, wie gern wär ich bei dir! So sein zwei tiefe Wasser wohl zwischen dir und mir.“ Ein frischer Ländler darauf, ein Händeklatschen! Da ist der Zuhörer aus feinem Traum gerissen und erwacht wieder inmitten der Bockpartie von Franz Kobell.

 

Königin Marie (1825 - 1889), geborene Prinzessin von Preußen, seit 1842 mit dem damaligen Kronprinzen Maximilian verheiratet, war eine vorzügliche Bergsteigerin. Ein Gemälde von Folz stellt die Begegnung von Max und Marie aus einer Alm im Hochgebirge dar.


Abb. 1 Universitätsprofessor Franz von Kobell. Zeitgenössische Steinzeichnung Maria Dietsch
Abb. 2 Gemälde von Joseph Stieler in der Schönheiten-Galerie der Münchner Residenz.
Abb. 3 Auguste Strobl. Gemälde von Joseph Stieler in der Schönheiten-Galerie der Münchener Residenz

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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