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Unmittelbare und authentische Dokumente sind in den Archiven nicht vorhanden — man hat sie wohl schon in alten Zeiten, da man die Geschehnisse als peinlich und belastend empfand, vernichtet; man ist vielmehr auf mittelbare Zeugnisse und die oft widerspruchsvollen und zweideutigen Berichte der bayerischen und schwäbischen Chronisten aus der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts angewiesen.

Legende und Volkssage, die schon früh die Gestalt der Bernauerin umrankten, erschweren den Zugang zu der geschichtlichen Wirklichkeit. Zudem ist keine persönliche Äußerung, nicht einmal ein zeitgenössisches Porträt der schönen und unglücklichen Frau vorhanden. Was wir an bildlichen Darstellungen besitzen, ist, mag es auch auf authentische Überlieferung zurückgehen, erst nach ihrem Tod geformt worden.

Man wird die Dürftigkeit der historischen Ausbeute um so mehr bedauern, wenn man sich daran erinnert, wie ergiebig die geschichtlichen Quellen über das Leben der Jeanne d'Arc fließen, die vier Jahre zuvor ein ähnlich tragisches Ende gefunden hat: auch gegen sie ist die Anklage wegen Zaubers und Hexerei erhoben worden.

In einer Feststellung stimmen alle Chronisten überein, in dem Lob der lieblichen Erscheinung des Mädchens.

In einer (lateinisch geschriebenen) Quelle des fünfzehnten Jahrhunderts heißt es: „Agnes war unvergleichlich reizvoll und wohlgebildet in allen ihren Gliedern und von zarter Gestalt.“ Ihr langes blondes Haar wird von anderen gerühmt; und bei einem Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts liest man: „Man sagt, daß sie so lieblich gewesen sei; wan sie roten Wein getrunken het, so het man jenen Wein in der Kehl sehen hinabgeen.“

Bezüglich der näheren Umstände der ersten Begegnung und frühen Bekanntschafl von Agnes und Herzog Albrecht sind wir auf Vermutungen und Rückschlüsse angewiesen. Es wird übereinstimmend von den Chronisten berichtet, daß Caspar, der Vater des Mädchens, der vermutlich aus der schwäbischen Reichsstadt Biberach stammte, Barbier und Badstubenbesitzer in Augsburg gewesen ist.

Die Badstuben vertreten im späten Mittelalter die Stelle unserer heutigen Kaffeehäuser; in Augsburg befanden sich zu jener Zeit nach Ausweis der Steuerbücher mehr als vierzig solche Badstuben. Übrigens galten die Dampfbäder auch als wirksames Gegenmittel gegen den häufig auftretenden Aussatz. Nach dem eigentlichen Bad entwickelte sich hier bei Speise und Trank ein vergnügliches Treiben, und es mag teilweise mit den lockeren Sitten, die hier einrissen, zusammenhängen, daß der Baderberuf damals zu den „unehrlichen Gewerben“ zählte: ein Makel, der sich sogar darin äußerte, daß kein Handwerker einen Lehrling annahm, der mit einem Bader verwandt war.

Schon aus diesem Grund ist es nahezu ausgeschlossen, daß Albrecht, wie einige berichten, anläßlich eines Augsburger Turnieres oder Bürgertanzes, zu dem die Baderstochter keinesfalls Zutritt gehabt hätte, Agnes kennengelernt haben solle. Sehr wahrscheinlich hat er sie zuerst gesehen, als er bei einem seiner häufigen Ritte vom nahegelegenen Friedberg her die Badstube des Vaters aufsuchte.

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Albrecht, der einzige Sohn des regierenden Herzogs Ernst von Bayern-München, war damals — 1432 — einunddreißig Jahre alt. Er hatte seine Jugend großenteils am Hofe des verwandten böhmischen Königs Wenzel verbracht, besondere Vorliebe für die Pflege der Musik bezeugt, die er übrigens auch in späteren Jahren noch betätigte, aber auch im ritterlichen Kampf und in der Schlacht sich rühmlich hervorgetap. So nahm er an den Kämpfen gegen die Hussiten teil und schlug sich tapfer in dem Gefecht von Alling (1422) gegen den streitlustigen Vetter Ludwig den Gebarteten von Ingolstadt.

In einer zeitgenössischen Chronik heißt es von ihm: „Er war ein gar fröhlicher Herr, er het grosse Lieb zu der Kunst Musica, er kund ihr auch selber viel; er het auch gross Lieb und Lust zu aller Waidenhait (Jagd) . . ., weis in allen seinen Räten und diemutig gegen allen Menschen, ein Liebhaber der zarten Frawen und eines mandlichen Herzens.“

Er war gewiß keine bedeutende Persönlichkeit, aber nach dem Urteil der Zeitgenossen gutmütig und liebenswürdig, wenn auch ein wenig leichtlebig. In späteren Jahren hat er sich für Reform und Förderung der Klöster eingesetzt und daher den Beinamen „der Fromme“ erhalten, während ihn andere Chronisten um seines heiteren Wesens willen „den Fröhlichen“ oder „den Freudigen“ nennen. Man kann aus mittelbaren Zeugnissen mit größter Wahrscheinlichkeit schließen, daß Albrecht das Mädchen Agnes, das er 1431 oder 1432 in Augsburg kennengelernt hatte, Ende 1432 oder Anfang 1433 heimlich ehelichte und auf sein Schloß nach Straubing führte.

Es muß gegenüber dem immer wieder laut werdenden Zweifel mit Nachdruck daran festgehalten werden, daß es sich bei der Verbindung zwischen Albrecht und Agnes um eine zwar heimliche, aber nach dem vortridentinischen kanonischen Recht durchaus gültige Eheschließung handelte. Der Kirchenlehrer Bonaventura legt die damals maßgebende Anschauung der Kirche eindeutig nieder: „Das Sakrament der Ehe wird im Angesicht der Kirche mehr heilbringend empfangen; insgeheim wird es jedoch gültig empfangen, jedoch nicht heilbringend, weil gegen die kirchliche Verordnung.“ Hätte es sich nur um ein freies Verhältnis gehandelt, so wären die sich bald auswirkenden drakonischen Maßnahmen des herzoglichen Vaters vollkommen unverständlich. Ebenso bestätigen die Zeugnisse der Chronisten, die fürstliche Tracht, die man auf dem Reliefbild des Grabsteines der Bernauerin zubilligte, die ausdrücklichen Vermerke in den Messestiftungen von Vater und Sohn aus Anlaß ihres Todes diese Auffassung. Agnes Bernauer residierte spätestens seit Anfang 1433 auf dem Schloß in Straubing mit fürstlichem Gepränge. So berichtet der Historiker Aventin, und ein anderer zeitgenössischer Chronist fügt dem bei: „Dann sein Sun Herzog Albrecht hett sie lieb und hilt ir köstlich hof als einer Fürstin.“

Albrecht ließ sich damals ein Siegel schneiden, das neben einem der damals üblichen Helmkleinode eine heraldische Seltsamkeit aufweist: den Rumpf eines nackten Weibes, das in beiden Händen lange, am Helmschmuck befestigte Ketten trägt: unzweifelhaft ein Symbol der Liebe, in deren Banden der Träger des Wappens gefesselt liegt. Noch 1459, vierundzwanzig Jahre nach Agnes Tod, fühlte der Herzog, ein Zeichen seiner fortdauernden Neigung, das gleiche Siegel. 1433 schenkte Albrecht der Gattin — laut einer heute noch erhaltenen Urkunde der Pfarramtsregistratur Aubing — eine Hube und Hofstatt in Niedermenzing, unweit des herzoglichen Jagdschlosses Blutenburg. Beatrix, die Schwester des Herzogs, die ihn zweimal besuchte, äußert sich in gereizten Ausdrücken, „daß sie mit Herzog Albert genug zornig von Frau Nesen wegen, der hoch- und großfeisten Bernauerin“; und ein andermal „von ihres Bruders wegen, daß der auch nicht eine schön (das heißt ebenbürtige) Frauen hat“. Wenn man noch hinzufügt, daß Agnes laut einer Stiftungsurkunde den Wunsch geäußert hat, einst in der Kirche der Straubinger Karmeliten beigesetzt zu werden, ist nahezu alles erschöpft, was man über ihr Leben bis zum Zeitpunkt der Katastrophe weiß.

Herzog Ernst, der Vater Albrechts, betrachtete mit wachsender Sorge die Entwicklung der Dinge.

Er ist übrigens keineswegs der düstere Unmensch und Fanatiker gewesen, als der er in mancher dem Schicksal der Bernauerin gewidmeten Dichtung erscheint, war vielmehr um seines leutseligen Wesens willen in der Münchner Bürgerschaft äußerst beliebt. Auch hätte er gegen eine Liebschaft des Sohnes gewiß nichts einzuwenden gehabt, zumal er selbst mehrere uneheliche Kinder zu versorgen hatte; so konnte der Sohn, als ihm Herzog Ernst 1433 einen mahnenden Brief schrieb, zwar scherzhaft, aber recht deutlich auf des Vaters mannigfache Beziehungen zu schönen Frauen hinweisen.

Für den regierenden Fürsten standen aber hier höchst bedeutsame Interessen auf dem Spiel: Es waren nicht so sehr, wie Hebbel in seinem Bernauer-Drama es deutet. Gründe der Staatsräson, als die Sorge um die Erhaltung der Dynastie, die Herzog Ernst zu einem aktiven Vorgehen bestimmte. Blieb Albrechts unebenbürtige Ehe bestehen, so konnten die Vettern in Ingolstadt und Landshut seine Erbfolge mit Erfolg anfechten; und damit wäre, da andere Nachkommen nicht vorhanden waren, das Ende der herzoglichen Linie Bayern-München Tatsache geworden.

Die Stimmung der Münchner Bürgerschaft bestärkte den Herzog in seinem Entschluß. Eine Minderheit der jüngeren Bürger war, wie wir aus einem Gerichtsakt wissen, für die Bernauerin eingenommen, die Mehrzahl aber gegen sie; offenbar aus dem Grund, weil man für den Fall des Ablebens des alten Herzogs im Zusammenhang der Erbfolgestreitigkeiten kriegerische Verwicklungen mit Landshut und Ingolstadt befürchtete.

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Die drohende Katastrophe kündigt sich durch eine Aktion Herzog Ernsts an, die offensichtlich den Sohn demütigen und zum Abbruch der Beziehungen zu Agnes nötigen sollte: im November 1434 war ein Turnier nach Regensburg ausgeschrieben. Der ebenfalls eingeladene Albrecht wurde auf Veranlassung des Vaters wegen seines Verhältnisses zu Agnes, das man als ein nicht ebenbürtiges und eines Ritters unwürdiges brandmarken wollte, an den Turnierschranken zurückgewiesen. Der ihm angetane Schimpf hat freilich Albrecht offenbar erst recht in seinem Festhalten an Agnes bestärkt. So entschloß sich der Vater zum äußersten Mittel. Durch Herzog Heinrich von Landshut ließ er Anfang Oktober 1435 Albrecht zu einer Jagd nach Landshut einladen, um, wie es in dem Brief heißt, „mit Euch zu jagen und fröhlich zu sein und auch sonst Dinge zu bereden, die wir nicht schreiben wollen“.

Albrecht nahm die Einladung an, wobei er freilich sein Befremden nicht verschwieg; da doch gerade Herzog Heinrich jüngst zu Kehlheim, wo unter dem Vorsitz von Herzog Ernst seine Parteigänger, darunter auch der Münchner Bürgermeister Liegsalz, Beratungen wegen der Bernauerin gepflogen hatten, gegen Albrecht und Agnes gehetzt habe. Dieser Brief ist am 8. Oktober geschrieben, und an einem der nächsten Tage hat Albrecht Staubing verlassen. Unmittelbar nach seiner Abreise ließ Herzog Ernst die Bernauerin verhaften.

Es hat vermutlich ein Scheingericht stattgefunden, das gegen Agnes Anklage wegen Zauberei und Hexerei erhob und sie zum Tode verurteilte. Die Akten dieses Prozesses sind nicht mehr vorhanden. Ein Chronist berichtet: „Das Weib war so in Bosheit verhärtet, daß sie den Herzog Ernst nit als iren Richter und Herrn halten wollt, da sie selber Herzogin zu sein angab.“ Und der Augsburger Benediktiner Clemens Sander fügt hinzu: „Da sie nun durch den Henker gebunden war in das Wasser zu werfen, sagt der Henker zu ihr, wan sie frei bekennen wollt, daß Herzog Albrecht nit ihr Ehmann wäre, so wollt er sie nit töten, sondern frei davon lan gan. Das wölk sie nit tun, sundern sie sagt frei, es wär ihr ehlicher Mann, darumb hat sie ertrinkt müssen werden.“

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So geschah die Exekution am 12. Oktober 1435. Von der Donaubrücke zu Straubing stieß der Henker die Unglückliche ins Wasser. Aber die Bande, die sie fesselten, waren nicht fest genug. Es gelang ihr, das eine Bein zu lösen, und mit Aufbietung aller Kraft erreichte sie das Ufer. Hier hielt sie sich einige Zeit fest, und die Umstehenden vernahmen ihren Angstruf aus heiserer Kehle: „Helft! Helft!“ Da eilte der Henker hinzu, wickelte eine Stange in ihre langen Flechten und stieß sie in die Fluten zurück. Herzog Ernst war klugerweise, wie wir aus neueren Forschungen wissen, bei der Vollstreckung des Urteils nicht persönlich zugegen, weilte vielmehr in Landsberg, wohin ihm ein Bote die Nachricht von der Exekution brachte.

Ein in seiner gefühlsrohen Fassung bezeichnender Vermerk in der Münchner Stadtkammerrechnung von 1435 lautet: „Item sechszig Denarien haben wir bezahlt nach Rathgeschäft unseres gnädigen Herrn Herzog Ernstes Boten zur Ergötzung seiner müden Beine, daß er schnell von Straubingen her war geloffen und die Märe brachte, daß man die Bernauerin gegen Himmel hat gefertiget. Sonntag nach Gallus 1435.“

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Die auf den Mord folgenden Vorgänge werden in den zeitgenössischen Quellen viel eingehender als die ganze Historie der Agnes Bernauer geschildert, können aber hier nur in knappen Umrissen dargestellt werden.

Herzog Albrecht, den offenbar die Nachricht tief traf — ein Chronist berichtet, er sei wie tot ganz regungs- und besinnungslos einige Zeit auf dem Boden gelegen, hierauf habe er geschworen, blutige Rache für die Verstorbene zu nehmen — , begab sich zu dem Ingolstädter Vetter, um mit ihm einen Krieg gegen den Vater vorzubereiten. Münchner Ratsherren und Boten Herzog Ernsts, die eine Versöhnung vorbereiten wollten, wurden zunächst nicht vorgelassen. Schließlich bat Herzog Ernst den Kaiser Sigismund um Vermittlung. In dem Brief suchte er die Bernauerin mit offensichtlich unbegründeten Anklagen zu belasten, um sein eigenes Vorgehen zu rechtfertigen. Albrecht, heißt es da, sei mit einem bösen Weib beschwert gewesen, das ihn hart und streng behandelt habe, daß der Sohn in den letzten drei, vier Jahren nicht fröhlich gewesen sei. Der Vater habe sogar für das Leben seines Sohnes Besorgnis gehabt, da Agnes auch den Prinzen Adolf, seinen Neffen, habe mit Gift aus dem Wege räumen wollen. Da sich die Sache also in Bosheit verlängert, Agnes darin kein Ablassen verstand, und je länger, je mehr Übel daraus hervorging, habe er das Weib ertränken lassen.

Die Vermittlung des Kaisers, die Mahnungen des Basler Konzils und einflußreicher Freunde, aber auch eine Erkrankung Herzog Ernsts brachten nach einigen Monaten eine notdürftige Versöhnung zwischen Vater und Sohn zustande. Herzog Ernst bekräftigte seinen Willen zur Verständigung dadurch, daß er eine heute noch erhaltene Kapelle auf dem Friedhof zu St. Peter bei Straubing zum Gedächtnis der Bernauerin erbaute und dort einen Jahrtag für ihr Seelenheil stiftete.

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Es geht nicht an, Albrecht um dieser schnellen Versöhnung willen und wegen des Umstandes als wankelmütigen und oberflächlichen Charakter zu bezeichnen, daß er sich ein Jahr später mit Anna, der Tochter des Herzogs von Braunschweig, vermählte. Diese Ehe, die sich nicht besonders harmonisch entwickelte, wie man aus mancher späteren Liebesaffäre schließen muß, wurde freilich von den Münchner Bürgern mit einem erleichterten Aufatmen begrüßt: „Dess sollen wir alle froh sein, dass wir nicht wieder eine Bernauerin gewonnen haben!“

Viele Umstände deuten darauf hin, daß Albrecht das Bildnis der Frühgeliebten stets gegenwärtig und nahe geblieben ist. In einer alten bayerischen handschriftlichen Genealogie beißt es: „Herzog Albrecht der Kunstreiche ist Meister der Musica, fand dadurch sein Verstand, den er verloren hätt, da man das Weib ertränkt.“

Er führte auch, wie erwähnt, das Siegel, das an diese Verbindung erinnerte, bis zu seinem Tod. Er ließ den Heiratsbrief und die Urkunden über die Morgengabe, obschon die Hochzeit schon am 6. November 1436 gefeiert wurde, bezeichnenderweise erst am Agnestag (21. Januar) ausfertigen. Er stiftete am 12. Dezember 1435 für das Seelenheil der „ehrsamen und ehrbaren Frau Agnes“ eine ewige Messe und Almosen und erneuerte diese Stiftung zehn Jahre später am Agnestag.

Eine Versöhnung mit dem Landshuter Herzog Heinrich, der ihn zu jenem verhängnisvollen Jagdausflug eingeladen hatte, kam überhaupt nicht zustande; vielmehr brachen hier öftere Feindseligkeiten aus, die für den fortdauernden Hass gegen den Verfasser des Uriasbriefes eindeutig sprechen.

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Die Leiche der Bernauerin hat Albrecht, ihrem Wunsch entsprechend, von St. Peter nach dem Karmelitenkloster überführen lassen; und zwar ist sie vermutlich vor dem Altar beigesetzt worden, den sie in der dortigen Nikolauskapelle gestiftet hatte.

In der Bernauer-Kapelle auf dem Friedhof von St. Peter bei Straubing befindet sich heute noch der Grabstein aus rotem Salzburger Marmor, der offenbar unmittelbar nach Agnes Tod errichtet worden ist und dessen Bildnisdarstellung annähernde Wirklichkeitstreue beanspruchen kann: das Flachrelief zeigt Frau Agnes in fürstlicher Tracht auf einem Totenbett ruhend, in einem lang herabwallenden, mit Hermelin ausgeschlagenen Mantel, die Haare mit einem kostbaren Schleier umhüllt. Die rechte Hand trägt Verlobungs- und Trauungsring, um beide Hände schlingt sich ein Rosenkranz; zu den Füßen liegen ein Hündchen und eine Eidechse, die man wohl mit Recht als Sinnbilder der ehelichen Treue gedeutet hat.

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Legende, Volkssage und Dichtungen späterer Jahrhunderte haben um die Gestalt der Bernauerin einen bunten Kranz geflochten. Von Otto Ludwig, Martin Greif und Hebbel gibt es Bernauer-Dramen; Erzählung und Lyrik haben das Gedächtnis der Frau immer wieder erneuert, auch ein später Wittelsbacher, König Ludwig I., hat ihrer in empfindsamen Versen gedacht.

Das ergreifendste Zeugnis ist eine aus alter Zeit überkommene vielstrophige Volksballade, die das tragische Schicksal der Bernauerin beklagt.

Lied
von der schönen Bernauerin

Der Herzog ist mein,
unb ich bin sein,
sind wir gar treu versprochen, ja versprochen.

Bernauerin auf dem Wasser schwamm,
Maria Gottes hat sie gerufen an,
sollt ihr aus dieser Not helfen, ja helfen.

Sie legen dem Herzog sie wohl auf den Schoß,
der Herzog wohl viel tausend Tränen vergoß,
er tut gaer herzlich weinen, ja weinen.

Und die mir helfen, mein feins Lieb begraben,
schwarze Manteln müssen sie haben,
und schwarz müssen sie sich tragen, ja tragen.

So wollen wir stiften eine ewige Mess’,
dass man der Bernauerin nicht vergess’,
und wolle für sie beten, ja beten.

Ausgewählte Strophen aus einer alten Volksballade.

Bildnis der Agnes Bernauer. Um 1600

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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