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So, dachte ich mir, müßten die Feen in den Märchen gewesen sein. Fast atemlos eilte ich nach Haus und erzählte von der Begegnung. Marie und Emma teilten meinen Enthusiasmus durch ein langgestrecktes Aah! , aber der Vater sagte fast verdrießlich: „Das wird die spanische Tänzerin Lola Montez gewesen sein.“

„Sie tritt ja morgen im Theater auf; da kannst du von mir aus in die Loge gehen“, bemerkte die Mutter, „ich mache mir nichts ans dem Ballett.“

Ich dankte lebhaft, denn ich wollte sehen, ob dies wirklich die spanische Tänzerin war oder am Ende doch eine andere, die auch den Vater entzückt hätte.

Ich ging also Samstag, den 10. Oktober ins Hoftheater; weil ich viel zu frühe in die Loge kam, las ich erwartungsvoll den Zettel: „Der verwunschene Prinz. Schwank in 3 Akten von J. v. Plötz. In den beiden Zwischenakten tanzt Demoiselle Lola Montez aus Madrid spanische Nationaltänze.“ Dann sah ich voll Ungeduld den Vorhang an, lauschte dem ersten Akte des Lustspieles; nun fiel wieder der Vorhang. Jetzt erhob er sich, da erschien meine Fee von gestern: Lola Montez.

Im Parterre klatschte und zischte man, das Letztere „wegen der verschiedenen Gerüchte“, erklärte meine Nachbarin, „denn Lola Montez soll eine Missionärin der englischen Freimaurer sein, eine Feindin der Jesuiten- eine Kokette, die schon Liebesabenteuer in allen Weltteilen erlebt hat, nach den Berichten der Zeitungen.“

Lola Montez stellte sich in Mitte der Bühne, nicht in Trikots mit dem üblichen kurzen Balletröcklein, sondern in spanischer Tracht, mit Seide und Spitzelt angetan, da und dort schimmerte ein Diamant. Sie blitzte mit ihren wunderbaren blauen Augen und verbeugte sich wie eine Grazie vor dem Könige, der in seiner Loge saß. Dann tanzte sie Nationaltänze, wobei sie sich in den Hüften wiegte und bald diese, bald jene Haltung einnahm, voll unerreichter Schönheit.

So lange sie tanzte, fesselte sie alle Zuschauer; die Blicke hasteten an ihren geschmeidigen Körperwendungen, an ihrer Mimik, die oft von der glühendsten Leidenschaft in die anmutigste Schalkhastigkeit überging. Erst als sie aufhörte, sich rhythmisch zu bewegen, war der Bann gebrochen, und ,,der Spektakel ging wieder los“, wie mein Onkel trocken bemerkte. Aber ich ging ganz verzückt nach Hause ......

Der König hatte sie, wie sonstige fremde Künstler und Künstlerinnen vor ihrem Gastspiele in Audienz empfangen; ihre Schönheit und ihre anregende Unterhaltung entzückten Ludwig I. Überdies erfreuten ihn ihre Erzählungen über Spanien, wohin er zu reiben gedachte, sowie der in das Gespräch eingeflochtene Sprachunterricht. Mit der Zeit las diese geistreiche Bajadere ihrem königlichen Gönner Calderons Dramen vor und fügte zu der Poesie des Don Quixote die ihres Vortrages.

Unterdessen ging das im Unschuldskleide bekannte Gespenst „Man sagt“ von einem zum anderen und erregte den König und seine Untertanen. Eine fieberhafte Unruhe bemächtigte sich bald der Bevölkerung. Unter den Studenten war eine Spaltung eingetreten. Einige, der Verbindung „Palatia“ angehörend, machten sich zu Satelliten der „Tochter Babels“, weshalb sie von den übrigen Studenten aus dem Korpsverbande gestoßen wurden. Sie gründeten eine neue Verbindung „Alemannia“. Liberale und Ultramontane feindeten sich mit neuer Kraft an.

Joseph Görres, das Haupt der Strengkatholischen, eiferte gegen Lola und ihren Einfluß. Die Presse schürte. Schmähreden und Schmähschriften ereilten die Tänzerin. Sie rächte sich durch ihre Wünsche bei dem König, den sie mehr und mehr für sich einzunehmen verstand. Sie drang auf ihre Erhebung in den Adelstand, welcher ihr die höheren Kreise erschließen sollte. Zur Aufnahme in die Adelsmatrikel mußte man das bayerische Jndigenat erwerben, und so kam die Sache damals in den Staatsrat.

Dieser trat dem Gesuche entgegen, desgleichen das Ministerium, das dem Monarchen in einem Memorandum seine Gründe darlegte, auf welche sich der Wunsch stützte, Lola Montez aus Bayern entfernt zu sehen. Die Wirkung glich der Kugel, die den trifft, der sie abfeuert.

Die Schwester eines Ministers las eines Tages im Geheimen das Memorandum, teilte es im Geheimen ihren Freundinnen mit, diese lasen es gleichfalls im Geheimen, dann wanderte das wichtige Schriftstück in das geheime Fach des Schreibtisches zurück, und plötzlich - man wußte nicht wie, noch woher -erschien der Inhalt des Memorandums in der Zeitung. Die Minister erschraken heftig; der König glaubte an Verrat - das Ministerium Abel wurde am 17. Februar 1847 entlassen und durch das Ministerium Maurer - Zu Rhein ersetzt ......

Lola Montez ward zur Gräfin Landsfeld erhoben. Angesichts dieser Tatsache stellte der Universitätsprofessor Lasaulx den Antrag an den Senat, dem Exministerium eine Adresse in Anerkennung des Memorandums zu überreichen.

Dieser Antrag erzürnte den König und hatte Lasaulx Quieszenz zur Folge. Eine lebhafte Aufregung bemächtigte sich der Studenten. Sie zogen vor das Haus des Professors und huldigten ihm enthusiastisch, dann zogen sie in die Theresienstraße vor Lolas Wohnung und machten ihrem Zorn in einer Demonstration Luft. Gräfin Landsfeld stellte sich ans Fenster, hob höhnisch ein Glas Champagner in die Höhe und trank es aus. Aber die verächtlichen Blicke und Geberden der Angesammelten reizten alsbald ihre Wut; sie ergriff eine geladene Pistole und machte Miene, sie auf die Studenten abzufeuern. Der hinter ihr stehende Artillerie-Leutnant Nußbaum hinderte sie noch rechtzeitig daran, wofür sie ihm eine Ohrfeige gab. Der arme Leutnant mußte später den Vorfall mit seiner Entlassung aus dem Heere büßen.

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Weitere Einzelheiten über Lola berichtet Josephine Kaulbach ihrem Mann, der damals in Berlin arbeitete, in Briefen vom August und September 1847:

Also Du willst von den Ultramontanen, von Lola etwas hören! Unsere Freunde sind mit allem unzufrieden, was jetzt geschieht, es mag gut oder schlecht sein. Ich bin so gleichgiltig gegen diese Geschichten; mir sind die Sachen so zuwider und so zum Ekel. Die Minister sind noch dieselben, obwohl man immer erzählt, daß Veränderungen vorgenommen werden. Die Feuerprobe müssen diese Herren erst bestehen, wenn der König wieder zurückkehrt und sie auffordert, bei der Signora zu erscheinen.

Ein Herr, namens Berks, ist zum Staatsrat ernannt worden, weil er sich angeboten hat, den Kavalier der Lola zu machen. Sie ist seit acht Tagen hier, nachdem Dr. Walter erklärte, der Zustand der Königin wäre von der Art, daß jede Gemütsbewegung für sie die schlimmsten Folgen haben könnte. Darauf wurde beschlossen, die Signora sollte nach Würzburg. Darüber soll sie schon wütend gewesen sein, und nun wurde sie dort von den Studenten und Bürgern sehr schlecht aufgenommen; sie zog schnell ab, nachdem sie vorher einem Soldaten zwei Ohrfeigen erteilte, der ihr untersagte, im Hofgarten ihren Hund freilaufen zu lassen. So kam sie nach München. Leeb, Metzger empfingen sie in ihrem Hause in Gala, knieend; den anderen Morgen war große Aufwartung. Zwei Studenten, die von ihren Kameraden aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden (Lolajaner), erschienen in größter Gala, mit Stiefel und Sporen und boten der Lola ihre Dienste an; sie wollten leben und sterben für sie. Man soll die Lola viel unter ihrem Haustor sitzen sehen in Gesellschaft des Herrn und Kompagnie, ihren Hund auf dem Schoß, dem sie die Flöhe absuchen!

Vor einigen Tagen haben 170 Studenten (Philosophen) eine Eingabe an den König direkt geschickt, worin sie bitten, ihnen Lasaulx als Professor wieder zu geben. Darauf kam eigenhändig ein Schreiben von oben an den Senat der Universität, worin verlangt wird, der Senat solle die 170 Studenten vorladen und ihnen die vom König ausgestellten zwölf Fragen beantworten lassen; unter anderem, warum sie Lasaulx so sehr wünschten, warum sie die Eingabe nicht durch die Universität nach Aschaffenburg abschickten usw. Die meisten Studenten waren schon fort; nur zwölf fanden sie noch auf, und die beantworteten diese Fragen mit einer solchen Entschiedenheit, daß der Senat staunte; man ist allgemein begierig, was vom König erfolgt. Vor einigen Tagen sollte ein Duell zwischen einem Günstling der Lola (Nußbaumer) und einem Offizier namens Berchstorff stattfinden. Sie soll diesen Herrn aus der Straße beleidigt haben. Nachdem sie die Stunde und den Ort, wo und wann das Duell stattfinden sollte, erfahren hatte, hat sie nachts einspannen lassen und fuhr in Begleitung des Staatsrats Berks und eines neuen Ministerialrats Mussman in die Menterschwaige und blieb die Nacht dort. Den anderen Morgen, als die Herren kamen, war sie so in Verzweiflung, daß sie dem Offizier zu Füßen fiel und für das Leben ihres Liebhabers bat; das Duell fand wirklich nicht statt. Ich sage Dir, das gibt noch schöne Geschichten. Die Gesellschaft in ihrem Hause wird immer größer; ihren früheren Gesellschafterinnen ist das Haus verboten; sie steigt nun schon in die höheren Regionen, wo es genug ihresgleichen gibt: da finden sich genug Herren und Damen. Es kommt noch dahin, wie ich immer sagte: so ein gemeines, sittenloses Betragen von oben kann ein ganzes Volk moralisch zugrunde richten. Man hört hier und da schon die Zeit herbeiwünschen, wo unsere Freunde am Ruder waren.

25. August. Heute, am Geburtstag und Namenstag Unseres Allergnädigsten, wurde die Lola zur Gräfin ernannt. Gräfin Landsfeld heißt sie. Sie fuhr in die Kirche, und der ganze Weg dahin war mit Gendarmen besetzt. Abends war Beleuchtung und Musik in ihrem Garten; es sollen 80 Personen dagewesen sein . . .

30. August. Die Lola Montez ist ja endlich Gräfin geworden. Das freut mich sehr! das ist ja herrlich - da gehört sie hin, zum hohen Adel; der ist so edel, trefflich und keusch, wie sie selbst. Der Bürgerstand soll froh sein, daß er sie los ist, der war zu gut für sie - also weg mit ihr! In Paris hat sie ihre adeligen Studien gemacht.

Abb. 2 Das Lolahaus in der Barerstraße und die Flucht der Lola Montez. Bleistiftzeichnung von Gustav König14. September. Der göttliche Hilari begegnete mir heute und erzählte, daß die Gräfin Landsfeld ihn nach Leoni rufen ließ, um ihn zu fragen, ob er gesonnen sei, sein Haus zu verkaufen. Als er dies bejahte, lud sie ihn ein, bei ihr zu speisen; er wollte es ablehnen, allein es half nichts. Hilari kann ihre Liebenswürdigkeit, ihr königliches Benehmen nicht genug rühmen. Sie ließ Champagner kommen und brachte ein Hoch auf den König, die Königin und die Kinder aus, in welches die ganze Sippschaft einstimmte. Dann erzählte sie, mit welchem Jubel der König in der Pfalz aufgenommen wurde, und als Hilari sich auch als einen Pfälzer vorstellte, ließ sie diese auch hochleben, und wieder erscholl ein Hoch von den Genossen. Nach dieser Komödie ging der ganze Trupp, an der Spitze die Gräfin, geführt von Herrn Staatsrat Berks, dann Bildhauer Lew, Metzger, Chokolademacher Rottenhöfer, Nußbaumer, der Portier Blötz, zwei zweifelhafte Damen aus Würzburg und eine Parapluimacherstochter aus Bayreuth, Hilari und Hofgärtner Hinkert nicht zu vergessen, ging also die ganze Gesellschaft in das Haus, von dem sie entzückt waren. Hilari hofft nun einen guten Käufer an der Lola gefunden zu haben. Aber Frau Hilari soll über ihren Mann entrüstet sein und will mit keinem Schritt mehr das Haus betreten. Das alles erzählte er mir mit einer Gutmütigkeit, daß ich lachen mußte. Münster Zenetti und Zu-Rhein sind um ihre Entlassung eingekommen; man glaubt aber nicht, daß sie von dieser Last befreit werden, bis die Ständeversammlung vorbei ist. Das gibt schöne Geschichten! Die Königin hat der Lola den Theresienorden zugeschickt; nun denke Dir die Schmach für die anderen Damen!

Lola Montez (1820 - 1861), geboren zu Montrose in Schottland als Tochter eines schottischen Offiziers und einer Kreolin, seit 1837 mit einem Leutnant namens James verheiratet, folgte ihm nach Ostindien, verließ ihn 1840, übersiedelte nach Paris und führte seitdem ein unstetes Abenteurerleben.

Das Ministerium Karl von Abels (1788 – 1863), bestehend aus Graf Seinsheim, Schrenk und von Gumppenberg war entschieden ultramontan gerichtet. Staatsrat Georg Ludwig von Maurer (11790 – 1872) Rechtshistoriker, Universitätsprofessor und an dem griechischen Thronabenteuer der Wittelsbacher hervorragend beteiligt, übernahm zusammen mit Friedrich Freiherrn Zu-Rhein, zuvor Regierungspräsident von Unterfranken, die Kabinettsbildung, wurde aber in seinem freisinnigen Regiment bald abgelöst von dem Ministerium des Fürsten L. K. E. von Oettingen-Wallerstein (1791 - l870) der in das konservative Fahrwasser zurücklenkte.

Ernst von Lasaulx (1805 – 1861), seit 1844 Professor der Philologie und Ästhetik an der Universität, war unbedingter Parteigänger der Ultramontanen. Gleich ihm wurden Moy, Hösler und Philipps des Lehrstuhles entsetzt; doch wurde er im März 1849 zurückberufen. 1848 war er in der deutschen Nationalversammlung; später gehörte er der Abgeordnetenkammer an.

Hilari-Bolgiano, K. Konfektmeister, war ein Freund des Hauses Kaulbach.

Der Theresienorden, gestiftet 1827 von der Königin Therese, wurde nur an Damen des hohen Adels (als an „Ehrendamen“) verliehen und trug als Devise auf der Kehrseite die Worte ,,unser Erdenleben sei Glaube an das Ewige“.

Abb. 1 Die spanische Tänzerin Lola Montez. Zeitgenössische Steinzeichnung
Abb. 2 Das Lolahaus in der Barerstraße und die Flucht der Lola Montez. Bleistiftzeichnung von Gustav König

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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