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Diese Vorträge im „Liebigschen Hörsaal“ wiederholten sich nun Jahr für Jahr.

Nach der Vorlesung forderte Frau von Liebig einige Bekannte auf, bei ihr Tee zu trinken, und so nahm auch ich oft an diesen anregenden kleinen Gesellschaft Teil. Herr von Liebig ergänzte seinen vorher gehaltenen Vortrag, indem er Fragen und Einwendungen seiner Gäste beantwortete. Er beherrschte nicht nur seine Wissenschaft, sondern er besaß auch die Gewandtheit, seine Gedanken so klar auszudrücken, daß man mit ihm als Führer freudig in dem Wunderlande der Naturgesetze umherging und sich vertraut damit machte. Bisweilen entstand eine gelehrte Diskussion mit Jolly, Pettenkofer, Bischoff, meinem Vater, welcher zu folgen anziehend war. Wollte Dönniges dem naturwissenschaftlichen Gespräche ein Ende machen, so rief er eine literarische Bemerkung dazwischen, die der Unterhaltung eine andere Richtung gab. Einmal erklärte er inmitten der Erörterungen über Bodenbeschaffenheit, das Thema langweile die Damen, Carriere möge doch einen Vortrag über den Apollosaal halten.

Abb. 2 Bei Fürstenfeldbruck, Radierung von C. A. LebschéeEs entstand ein allgemeines Gelächter, eingedenk des Streiches, den Dönniges vor Kurzem der Gesellschaft gespielt hatte. In Gegenwart mehrerer Mitglieder der „Fremdenkolonie“ hatte man den im Gasthaus zum „grünen Baum“ befindlichen Apollosaal erwähnt, den König Ludwig I., wie es hieß, hin und wieder mit seinem Besuch beehrte. „Apollosaal! den müssen wir ansehen!“ ertönte es von allen Seiten. Dönniges, der nicht gern die Gelegenheit zu einem Scherze versäumte, pries die Merkwürdigkeiten dieses Saales und lud die Herren mit ihren Damen zu einem Picknick dortselbst ein.

Zur ausgemachten Zeit - es war gerade das schlechteste Regenwetter - trafen alle vor dem an der Isar gelegenen „grünen Baum“ ein, wo sie Dönniges feierlich empfing. Die Erwartung war groß und die Enttäuschung noch größer, als die Gesellschaft in ein kleines, rot angestrichenes Zimmer gepfercht wurde, in dem eine unansehnliche Gipsstatue des Apollo stand. Die einen lachten, die anderen ärgerten sich; Dönniges lächelte hämisch, aber schließlich endete durch Frau Hitzelsbergers Kochkunst doch alles in Wohlgefallen, und der Apollosaal kam, wenn auch nicht durch seinen Apollo, so doch durch das berühmte Knödelragout auch bei den „Berufenen“ fortan zu Ehren.

Drei-, viermal in der Woche hatte Liebig seine Whistpartie, und die mit ihm droschen, wie er das Spielen nannte, erzählten von seinem Fleiß und Eifer dabei. Beim Abendessen, bei welchem seine Frau und Töchter den Vorsitz führten, bot er stets seinen Gästen nebst ausländischen Raritäten die besten Weine aus seinem Keller an.

Diners gaben Liebigs in Hülle und Fülle, und an Tanzgesellschaften mangelte es auch nicht. Ihre Geselligkeit war so groß, daß Baron Völderndorff mit mir wettete, sie würden es gar nicht merken, ob einer eingeladen oder uneingeladen zu Tisch käme. Und so begab er sich, ohne eingeladen zu sein, an einem Sonntag etwas vor 2 Uhr zu Liebigs. Sie begrüßten ihn freundlichst und unterhielten sich mit ihm und den anwesenden Gästen, bis der Diener das wichtige Wort sprach: „Angerichtet“. Beim Setzen fehlte natürlich ein Stuhl und ein Kouvert, es wurde sofort ohne weiteres Aufsehen herbeigeholt, und das Diner ging lustig von statten. Beim Champagner erhob sich Völderndorff, brachte einen Toast auf die Gastfreundschaft aus und bekannte sich zu allgemeiner Heiterkeit als Eindringling. Er hatte seine Wette gewonnen.

Abb. 3 Königin Marie von Bayern (1825 – 1889) Gemälde von Joseph StielerZur Zeit der Industrie- und Kunstausstellung im Jahre 1854 waren am Freitag die Gesellschaftsräume des großen Chemikers der Tummelplatz und das Stelldichein für die Vertreter der verschiedensten Nationen. Im Salon mit der Riesenpalme, die an das Oberlichtfenster streifte, schwirrten alle Sprachen wie beim babylonischen Turmbau, nur verstanden sich die Leute und waren im großen und ganzen verwandte Geisteskinder. In der Kleidung herrschte die größte Verschiedenheit; man durfte in Straßen-, Reise- oder Balltoilette erscheinen, wie man wollte. Einige Damen rauschten in Sammt oder Seide einher, und seltsam nahm sich neben ihnen ein Tiroler in der Joppe aus. Er wurde sogar sehr umflattert; es war der berühmte Bildhauer Gasser aus Wien. Eingedenk seiner Abkunft wollte er seiner Tiroler Tracht treu bleiben, und selbst der Kaiser von Österreich fügte sich in diese Sonderbarkeit, wenn er den Künstler bei sich sah.

Eines Freitags ließ sich ein ausgezeichneter Klavierspieler hören. Alles lauschte den melodischen Tönen und spendete dann begeisterten Beifall. „Luischen“ sagte Herr von Liebig zu mir, „wissen Sie, wer dieser Virtuose ist?“

„Nein, aber ich will sogleich Ihre Frau Gemahlin fragen.“

„Sie hat eben mich gefragt, und niemand kennt ihn von unserer Familie. Ach, da ist Edmund und seine Schwester, die kennen ihn vielleicht.“

Die Bezeichneten waren Mr. und Miss. Musprat, ein liebenswürdiges Geschwisterpaar, das bei Liebigs auf Besuch war. Allein auch sie kannten den in Frage Stehenden nicht, und Liebig hat dessen Namen nie erfahren. Der Fall, daß Eingeführte wegen Überfüllung nicht vorgestellt werden konnten, hat sich wiederholt ereignet.

Abb. 4 Herzogin Elisabeth in Bayern, spätere Kaiserin von Österreich. Steinzeichnung von Franz Hanfftaengl (1853)Obgleich die geistigen Genüsse an diesen Freitagsgesellschaften die materiellen überwogen, so beschäftigten die Vorbereitungen zu den letzteren doch stets einige fleißige Hände. Da wir ganz nahe bei Liebigs wohnten, halfen meine Schwestern und ich der schönen Agnes Carriere und Johanna, späterer Gemahlin des Professors Karl Thiersch (Mariechen war noch im Flügelkleide), das Zuckerwerk usw. für den „jour fixe“ zu ordnen. Eines Vormittags besuchte uns Herr von Liebig inmitten dieser Arbeit und erzählte lustig gelaunt: „Heute Abend kommt ein Nabob, der heiraten will. Ich werde ihn jeder von euch vorstellen, und wenn er einer gefällt, so möge sie mir`s sagen, dann kann man sich verständigen und bald Hochzeit feiern. Denn daß jede von euch dem Nabob gefallt, weiß ich im voraus.“

Wir lachten alle, und, wie versprochen, stellte Liebig jeder den Nabob vor. Dieser hatte rabenschwarzes Haar und funkelnde Augen, die er unheimlich hin und herrollte, einen großen Diamant in deiner Vorstecknadel und einen großen Diamant an einem Fingerring. Er sprach englisch und zeigte dabei seine Zähne, als ob er beißen wollte. Ich sagte Herrn von Liebig nichts von einem Heiratswunsche, und die anderen taten das Gleiche. Wir alle heirateten eines Tages, aber einen Nabob hat jede verscherzt.

Philipp von Jolly (1809 – 1884), berühmter Physiker, seit 1854 Universitätsprofessor in München.

Theodor Ludwig Wilhelm Bischoff (1807 - 1882), Anatom und Physiologe, seit 1855 an der Münchner Universität.

Abb. 1 Universitätsprofessor Justus Freiherr von Liebig. Nach einem Gemälde von Wilh. Trautschold, gestochen von J. Bankel.
Abb. 2 Bei Fürstenfeldbruck, Radierung von C. A. Lebschée
Abb. 3 Königin Marie von Bayern (1825 – 1889) Gemälde von Joseph Stieler
Abb. 4 Herzogin Elisabeth in Bayern, spätere Kaiserin von Österreich. Steinzeichnung von Franz Hanfstaengl (1853)

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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