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Abb. 1 Das Brunnhaus hinter dem Hofgarten und der „Harmlos“. Radierung von F. BollingerDavid Friedrich Strauß (1808-1874), der Verfasser des „Lebens Jesu“, hatte in den 1850 er Jahren seinen Wohnsitz in München. Von hier aus schrieb er seinem Freunde Ernst Rapp am 29. März 1851:

Dein Veilchen hat den ganzen Frühling nach sich gezogen: Lerchen, Amseln, spielende Knaben, gärtelnde Frauen. Ging gestern ans den Türkengraben und Kanaldamm und trank auf dem Heimweg in Schwabing ein Glas Bier.

Abb. 1 Die spanische Tänzerin Lola Montez. Zeitgenössische SteinzeichnungLuise v. Kobell erzählt in ihrem Buche „Unter den vier ersten Königen Bayerns“:

Am 9. Oktober 1846 ging ich die Briennerstraße entlang, da sah ich vor dem Bayersdorf-Palais eine schwarzgekleidete Dame, einen Schleier auf dem Kopf, einen Fächer in der Hand, des Weges kommen. Plötzlich funkelte mir etwas ins Gesicht. Ich blieb jählings stehen und betrachtete verwundert die Augen, die dieses Gefunkel verbreiteten. Sie leuchteten aus einem blassen Gesichte, das einen lächelnden Ausdruck über mein bewunderndes Anstarren annahm. Dann ging sie oder schwebte vielmehr an mir vorüber. Ich vergaß ganz die mir eingeprägte Anstandslehre, „nie umzusehen“, und schaute ihr nach, bis ich nichts mehr von ihr erblicken konnte.

Abb. 1 Universitätsprofessor Franz von Kobell. Zeitgenössische Steinzeichnung Maria DietschLuise von Kobell schöpft aus dem Schatz ihrer Erinnerungen, niedergelegt in dem Buche „Unter den vier ersten Königen Bayerns“, die nachstehenden Reminiszenzen an frohe Stunden im elterlichen Hause:

Bei Kobells Bockpartie stand in jeder Ecke seines Arbeitszimmers ein frischer Tannenbaum; Maiglocken und Wiesenblumen dufteten in großen Gläsern auf den Tischen. Das Faß, dessen Inhalt alle Gaste in frohe Laune versetzen sollte, war bekränzt, und manch seltsames Sträußlein aus farbigen Hobelspänen, das Sennerinnen in luftiger Höhe dem Jägersmann verehrt hatten, steckte zwischen den Gemskrücken an den Wänden.

Abb. 1 Maximilian, Herzog von Bayern. Steinzeichnung von A. KrafftPaul Heyse schreibt in seinen ,,Jugenderinnerungen und Bekenntnissen“:

Den vormärzlichen Dichtern Münchens gebrach es nicht an Talent, aber an der Energie des Strebens. Süddeutsche Gemütlichkeit ging ihnen über jeden Erfolg. Vormittags beim Bockfrühschoppen im „Achazgarten“ zu sitzen, den Nachmittag in einem der Kaffeehäuser des Hofgartens zu verplaudern und den Abend, wenn er schön war, auf einem der damals noch so prächtigen, aussichtsreichen Keller zuzubringen: das war in jener Zeit ein viel schöneres und poetischeres Tun als das Sitzen am Schreibtisch. (So Haushofer in seinem Essay „Die literarische Blüte Münchens unter König Max II.“).

Abb. 1 Der Wirtsgarten in Schwabing. Nach einem Gemälde von Anton Ebers. Auf Stein gezeichnet von Th. Driendl Ludwig Steub plauderte im Jahre 1842 in der „Allgemeinen Zeitung“ über den Karneval:

Wir denken einiges über den heurigen Karneval zu berichten und wollen zuerst an die Maskenbälle gehen. Die Maskenbälle sind ja doch eigentlich die Kirmesfahne, die das Hoftheater aushängt, zum Zeichen, daß jetzt der Mummenschanz erlaubt sei und die Saturnalien beginnen können. So beginnen auch wir mit ihnen. Unter einem Maskenball sollte man sich von vornherein wohl etwas recht Kurzweiliges vorstellen - einen Tummelplatz der Faschingslust, einen lauten Fechtboden des Witzes, ein keckes Stelldichein verborgener Liebe, wo mit üppigen Worten getändelt, mit gefährlichen Geheimnissen gespielt wird, wo leichtfertige Wünsche und verfehmte Gedanken ungescheut vollführt werden, weil die Fastnachtsflagge für den Abend die verbotene Ware deckt; hinter den schwarzen Masken brennende Sinne, verlangende Augen, auf den Zungen Scherzworte und lüsternes Geflüster; nebenher stille Winke, verstohlener Händedruck - alles bunt durcheinander in phantastischen Farben, in labyrinthischen Bewegungen, kichernd, lachend, lärmend, alles sinnlich aufgeregt und im hellen Rausch der Freuden.

Abb. 1 Hofarchitekt Leo von Klenze. Steinzeichnung von J. FertigGeselligkeit im Hause Wilhelm Kaulbachs. Aus „Erinnerungen an Kaulbach und sein Haus“, niedergeschrieben und herausgegeben von Kaulbachs Tochter Josepha Dürck.

Der Sonntag Abend war Ende der vierziger Jahre im Kaulbachschen Hause der Geselligkeit gewidmet. Eine große Zahl von Freunden fand sich regelmäßig ein, und mit ernsten und heiteren Gesprächen, mit Musik und Dichtkunst, und interessanten Vorträgen aller Art verflossen die Stunden rasch. Die Bewirtung war dabei die denkbar einfachste: es gab jedesmal Kalbsbraten mit Kartoffelsalat, allerdings beides von der Mutter mit besonderem Verständnis und so vortrefflich zubereitet, daß heute noch der „Kaulbachsche Kalbsbraten“ eine traditionelle Berühmtheit genießt.

Abb. 1 Pferderennen auf dem Oktoberfest.J. N. Ringseis widmet in den von seiner Tochter Emilie herausgegebenen „Erinnerungen“ dem Freunde dieses Gedenkblatt:
Dieser Wackere war der Sohn eines Münchner Tischlers. Als kleiner Knabe war er durch Krankheit unfähig zum Gehen und Stehen; seine Beinchen litten am Schwinden oder einer Verkrüppelung. Da trat eines Tages seine Mutter im Vorbeigehen in die Herzogspitalkirche, um vor dem Bilde der schmerzhaften Mutter Gottes Hilfe in ihrem Kummer zu erflehen.

Abb. 1 Sonntag- Nachmittag am chinesischen Turm. Steinzeichnung von Friedrich Kaiser. Reinhold Sebastian Zimmermann (1815-1893), der Stammvater einer fruchtbaren Künstlerfamilie, hat in seiner Selbstbiographie „Erinnerungen eines alten Malers“ folgende Eindrücke vom Leben der jungen Münchner Künstler in den 1840er Jahren festgehalten:

Man macht sich kaum einen Begriff, was für junges Volk sich damals auf der Akademie herumtrieb, nicht etwa aus Eifer, etwas zu lernen, sondern hauptsächlich, um sich zu amüsieren.

Abb. 1 Nordostseite der Residenz mit der Hofapotheke 1828. Gemälde von Domenico Quaglio. Der Ringkampf, der im Jahre 1840 zwischen dem starken Jean Dupuis und dem Simmerl vom Faberbräu im Münchner Hoftheater ausgetragen wurde, erregte so ungeheures Aufsehen, daß etwa zwanzig Lithographien und Flugblätter darüber erschienen. Von den zeitgenössischen Autoren berichtet Johann Nepomuk Sepp:

Abb. 1 Der Finessensepperl überbringt Liebesbriefe. Stich von Joh. Mich. VoltzIn Daxenbergers „Münchner Hundert und Eins“ steht zu lesen:

Ramlo, Finessentepperl und Prangerl dauern im Andenken der Hauptstadt fort. Ramlo war ein gottesfürchtiger Musikus, der die Viola in dem königlichen Hoforchester spielte und auf der Strafe, stets seine Geige im Arm, mit weißgepuderten Haaren und dreieckigem Hütchen, in der Rechten ein schönes spanisches Rohr, noch im zweiten Zehnt dieses Jahrhunderts zu sehen war.

Abb. 1 Der Dultplatz, jetzige Maximiliansplatz gegen das Maxtor gesehen; im Hintergrund die Theatinerkirche. Steinzeichnung von Gustav Kraus (1825)Friedrich Wasmann, der Hamburger Maler, hat eine Selbstbiographie hinterlassen, die von Bernt Grönvold unter dem Titel „Ein deutsches Künstlerleben“ veröffentlicht wurde. Seine Münchner Erlebnisse und Eindrücke schildert er darin so:

In den letzten Tagen des Oktoberfestes traf ich in München ein. Das Wetter war schön und alles voll Leben und Bewegung. In der Michaeliskirche wurde zum Jahresgedächtnis eine Totenfeier für den letztverstorbenen König gehalten.

Abb. 1 Gegend bei MünchenG. H. von Schubert, Professor der Naturgeschichte an der Münchner Universität, schreibt an seine Schwester im Jahre 1827:

Meine neue Heimat soll ich Dir beschreiben? Nun dazu gehört Gott sei Dank nicht allein die kleine, enge Gasse und das Haus, das ich darin bewohne, aus dessen Fenstern ich so wenige Prozente des Sternenhimmels sehe, als die Gläubiger des bankerotten Kaufmanns von ihrem dargeliehenen Kapital zurück bekommen, denn zur Heimat rechne ich außer der Stadt München selbst auch ihre Umgend,  soweit das Auge sehen kann, mit Land und Leuten.

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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