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In langen, ostwestlich streichenden Ketten begleiten die nördlichen Kalkalpen das Urgebirge, welches den zentralen Teil der Ostalpen bildet. Die Gewässer, welche von dem Südabhang der ersteren und dem Nordabhang des letzteren herabkommen, sammeln sich zu Strömen, die zunächst von West nach Ost an der Grenze zwischen beiden dahinfließen, um dann nach Norden sich wendend die Kalkalpenkämme und die vorgelagerten, geologisch viel jüngeren Flyschberge zu durchbrechen und hinauszutreten in das alluviale, schuttbedeckte nördliche Flachland. Größer und wasserreicher als die ähnlich verlaufenden Flüsse weiter im Osten, hat der Inn einen viel breiteren Kanal quer durch die Kalkalpen gegraben als die Salzach und Enns.

Abb. 1 Der KufsteinFließendes Wasser allein hätte freilich kaum das breite Inntal mit seiner flachen Sohle und seinen nach oben hin an Steilheit zunehmenden Hängen auswaschen können: diese Arbeit wurde zum nicht geringen Teile von dem Gletscher verrichtet, welcher zur Glacialzeit das ganze Inntal erfüllte. Jener gewaltige, nach Norden hinabfließende Eisstrom vertiefte das Tal, weitete es aus und beschützte es vor Ausfüllung durch die von den umgebenden Bergen herabkommenden Geröllmassen. Der alte Inn-Gletscher erreichte eine solche Mächtigkeit, dass er alle niederen nach Norden führenden Pässe überflutete. So gelangten Felstrümmer aus den Zentralalpen, welche an der Zusammensetzung der Moränen des Inngletschers teilnahmen, von den die Pässe übersetzenden Gletscherzweigen fortgetragen, über Nassereith und den Fernpass ins Lechtal und über die Pässe von Seefeld und Achensee ins Isartal. Der durch das Inntal hinabziehende Hauptstrom des Gletschers breitete seine Stirne zwischen Schliersee und Traunstein aus. Seitlich mit benachbarten Gletschern verschmelzend, bedeckte er das ganze Flachland am Nordfuß der Alpen mit seinen Eismassen. Der nördlichst vom Inngletscher erreichte Punkt war die Gegend von Haag, östlich von München. In weitem Bogen durchziehen die äußersten Endmoränen jenes alten Gletschers die bayrische Ebene. Südlich von Haag finden sich noch acht unterschiedliche, alte Moränenwälle hinter einander, welche während der Pausen im Rückgang der Gletscherstirne in späterer Zeit aufgebaut wurden. Ein Stück einer solchen Moräne liegt auf der Herreninsel im Chiemsee.

Zwei mächtigen Torpfeilern gleich stehen zu beiden Seiten des Einganges in das Inntal im Westen der Wendelstein und im Osten das Hochrissgebirge. Zwischen diesen Bergen liegt Flintsbach am oberen Ende einer sumpfigen Niederung, die einstens ein See war, der möglicherweise mit Simm- und Chiemsee in Verbindung gestanden haben mag.

Den Eingang ins Inntal bei Flintsbach bewacht die auf einem Bergvorsprung thronende Burg Falkenstein, jetzt freilich in Trümmer gesunken und umgeben von freundlichen Obstgärten, einstens aber eine waffenstarrende Feste. Unter dem Namen Valchenstein wird dieselbe schon 1180 urkundlich erwähnt. 1272 fiel sie an die Herzoge von Tirol, kam aber später in andere Hände. Etwas höher liegt der vielbesuchte Wallfahrtsort Petersberg, der Rest eines im Jahre 1100 von den Andechsern gegründeten und später — in einem der bairisch-tirolischen Kriege — zerstörten Klosters. So begegnen wir hier schon, beim ersten Eintritt ins Gebirge, jenen historischen Denkmälern, welche den Alpenländern zu so großer Zierde gereichen. Auf den meisten, bei der damaligen Bewaffnung sicheren und strategisch wichtigen Punkten finden wir Reste alter Festen. Träumen wir im Schatten der Burgmauern, so klingt uns das Rauschen des Waldes wie das Getrappel zahlreicher Hufe und das Lied der Amsel wie das Hornsignal des Turmwarts. Die Zugbrücke rasselt nieder und auf tut sich das mächtige Tor. Ein glänzender Zug von Rittern und Damen mit Falken und Hunden bewegt sich vorbei und verschwindet im hohen Portal.

Hoch thront über den Burgen der alte Wendelstein (Abb. 2). jene Warte, auf der seit Jahrtausenden am Mittsommertage das Sonnwendfeuer loht.


Abb. 2. Volksfest bei dem Wendelsteinhaus.

Der Name Wendelstein ist wohl auf Sonnwendberg zurückzuführen. Einige wollen den Namen von einem altheidnischen Hirtengott, Wendel, ableiten, und hierauf bezieht sich die Strophe im Wendelsteiner Fremdenbuch:

Wendelstein, du Berg der Hirten,
Nach dem deutschen Pan benannt.
Auf den Höh'n, die dich umgürten,
Flammt der Sonnwendfeuer Brand.


Abb. 2 Volksfest bei dem WendelsteinhausVon der bairischen Ebene aus erscheint dieser 1839 Meter hohe Berg als ein stattlicher Felsgipfel. Seine fast geröllfreien Steilhänge erheben sich auf dem Fundament einer schiefen, nach Nord abfallenden Ebene. Im Jahre 1883 wurde ein Gasthaus auf der Südseite des Wendelstein 115 Meter unter dem Gipfel errichtet, zu welchem man auf guten Wegen sowohl vom Leitzachtal (Bairisch Zell) im Westen, wie vom Inntal (Brannenburg) im Osten gelangen kann. Vom Gipfel genießt man einen herrlichen Ausblick auf die bairische Ebene im Norden, aus welcher die breiten Flächen des Simm- und Chiemsees und das vielfach gekrümmte und zerschlissene Silberband des Inn hervorschimmern. Fast genau im Nordwesten sieht man an hellen Tagen nahe dem Horizont die Stadt München. Im Osten blicken wir hinab in das Inntal, und darüber thronen in langen Reihen die Gipfel der Chiemseer und Berchtesgadner Alpen, das zackige Kaisergebirge und rechts die hohen Tauern, überragt von ihrem König, dem Großglockner. Im Süden blicken wir hinab ins obere Leitzachtal, nach Bayrisch Zell und darüber hinaus zu den firnbekleideten Gipfeln der Zillertaler Alpen. Im Westen sieht man Aurach und die Allgäuer Berge. Das freundliche Birkenstein bei Aurach ist verdeckt durch den Grat, welcher unseren Gipfel mit dem westlichen Eckpfeiler des Wendelsteinmassivs, dem Breitenstein, verbindet. Schade, gerade dorthin blickten wir gern, denn lebhaft ist noch unsere Erinnerung an den flotten Zug, der 1871 durch den herrlichen Wald hinaufmarschierte nach jenem vielbesuchten Wallfahrtsort. Vorauf die bayrische Rautenfahne und ein strammes Musikcorps, hinterdrein (wie der Chronist erzählt) an die zwanzig schneidige Zeller Burschen, die im großen Kriege mitgetan hatten, und vieles Volk. Auf den grauen Joppen glänzt die Kriegsmedaille und das eiserne Kreuz. Jetzt klingen die Glocken von Birkenstein; mancher hat an ihren Ton gedacht, als ihn die französischen Kugeln umpfiffen, und dankt nun der Gnadenmutter für seine glückliche Wiederkehr. Und auf dem Altar legen sie eine Votivtafel nieder, ein Kriegsstück mit der Stadt Orleans im Hintergrund und der Inschrift:

Im schrecklichsten Kampfgewühle
Auf Frankreichs Feldern blutigrot
Hat Gott mit Gnadenfülle
Uns beschützt in jeder Not.
Nimm, o Himmelskönigin,
Für das, was du getan,
Zum Danke dieses Bildnis hin
Vom fernen schönen Orleans!


Wir kehren zurück in das Inntal und setzen unseren Weg talaufwärts durch dasselbe fort. Bei Niederaudorf kommen wir zu einer beträchtlichen Talweitung, dem Boden eines einstigen Sees, der sich nach Süden bis Kiefersfelden erstreckte. Bis hieher lag unser Weg in südost-südlicher Richtung, nun wenden wir uns scharf nach rechts: von hier bis Innsbruck läuft das Tal in südwestlicher Richtung. Von Einöden bis hinauf nach Kiefersfelden bildet der Inn die Grenze zwischen Bayern und Tirol. Das linke Ufer ist bayrisch.

Südöstlich von der großen Kiefersfeldner Seemulde erhebt sich das schöne Kaisergebirge. Dort, wo dieses Gebirge ins Inntal hinabsinkt, steht die alte tirolische Grenzfestung Kufstein (Abb. 1). Dieselbe ist auf einem inmitten der flachen Talsohle aufragenden, vom alten Inngletscher rund geschliffenen Felsen erbaut und hat nur einen einzigen, gedeckten Zugang, so dass sie als vollkommen sturmfrei gilt. Dem kopfförmigen Felsen, auf dem sie steht, verdankt wohl die Festung ihren Namen (Kufstein = Kopfstein). Wohl mag schon im fünften Jahrhundert, als die Sueven das Inntal besetzten, hier ein römisches Castell gestanden haben, und hundert Jahre später, als die Bajuvaren die Sueven verdrängten, mag es da scharfe Kämpfe gegeben haben, an die uns freilich keine Urkunde mehr gemahnt, denn die schriftgelehrten Römer waren hierherum damals schon vernichtet, und die Bajuvaren hatten Besseres zu tun als historische Aufzeichnungen zu machen: im unentwegten Kampfe nur gegen die früheren Bewohner, die sie vertrieben, gegen spätere Eindringlinge, die sie mit blutigen Köpfen heimschickten, und gegen die feindlichen Naturgewalten, die sie sich dienstbar machten, lag ihr Heil.

Im achten Jahrhundert erlangten die Franken immer größeres Übergewicht über die Bajuvaren — oder sagen wir lieber Bayern — und 788 kam das ganze Inntal unter die Oberherrschaft Karls des Großen. Doch blieben die bayrischen Bewohner des Unterinntals in Wirklichkeit ganz unberührt von fränkischem Einfluss. Während Tirol durch die Ausbreitung der Besitzungen der Grafen von Tirol allmählich zu seiner jetzigen Größe anwuchs, gehörte Kufstein zu Bayern. Erst im bayrischen Erbfolgekriege wurde es — im Jahr 1504 — von Kaiser (damals König) Max I. der Witwe Herzog Ruprechts entrissen und Tirol einverleibt. Max übertrug dem Hans Pienzenauer das Kommando der wichtigen Festung Kufstein und begab sich selbst auf den schwäbischen Kriegsschauplatz.

Nach dem Abzug des Königs wurde Kufstein von den Bayern belagert, und Pienzenauer ließ sich durch ein Geschenk von 30.000 fl. bewegen, die Festung zu übergeben. Er selbst trat nun in bayrische Dienste und behielt das Kommando von Kufstein.

Entrüstet über diesen Verrat kehrte der König mit Heeresmacht ins Inntal zurück und machte sich sogleich an die Belagerung der Festung. Mit Munition und Lebensmitteln wohlversorgt, spottete Pienzenauer der Aufforderung zur Übergabe. Wirkungslos prallten die Kugeln der Feldschlangen an den mächtigen Mauern ab, und Pienzenauer ließ in seinem Übermute die von den Kugeln getroffenen Mauerteile nach jedem Schusse mit einem Besen abkehren.

Da befahl der König, zwei große Kanonen, „Purlepauss“ und „Weckauf“, aus der Mühlauer Geschützgießerei den Inn herabzuflößen, und mit Hilfe dieser gelang es, eine Bresche in die vier Meter dicke Mauer zu schießen. Pienzenauer wollte nun die Festung übergeben. Der König aber verweigerte jede Unterhandlung und ließ dem Kommandanten sagen, dass er mit einem solchen Spottvogel keinen Vergleich eingehe, er möge die Trümmer der Festung nur selber behalten. Keinem der Verteidiger wollte er das Leben schenken, und jedem, der für sie Fürsprache einlegen würde, drohte er einen Backenstreich zu versetzen.

Die Besatzung wollte sich nun durch die Flucht retten, wurde aber von den Belagerern gefangen genommen und dem Beschluss des Königs gemäß auf die Richtstätte geführt. Pienzenauer fiel durch die Hand des Scharfrichters, und ihm folgten, einer nach dem anderen, seine Mannen.

Als der elfte hingerichtet war, legte der anwesende Herzog Erich von Brandenburg trotz des Verbotes Fürbitte ein. König Max gab ihm zwar, um Wort zu halten, einen leichten Backenstreich, aber gewiss froh, das blutige Schauspiel enden zu können, schenkte er allen noch übrigen Verteidigern das Leben. Reiche Beute, große Vorräte und die bayrische Bestechungssumme von 30.000 fl. lohnte die Anstrengungen der 14tägigen Belagerung.

Früh schon scheint sich die protestantische Lehre in Kufstein verbreitet zu haben, denn 1370 wurden bei einer Fahndung 265 ketzerische Bücher dort weggenommen.

Von den Herzogen von Tirol bedeutend verstärkt, galt die Festung Kufstein lange als uneinnehmbar, bis es 1703 dem Kurfürsten von Bayern im spanischen Erbfolgekriege gelang, dieselbe zur Übergabe zu zwingen. Sie blieb einige Zeit im Besitze der Bayern, wurde aber dann zurückerobert.

Noch leichter gewannen die Bayern die Festung im Jahre 1805. Nachdem sie dieselbe am 9. November von allen Seiten umschlossen hatten, kapitulierte der österreichische Kommandant — dessen Namen ich lieber verschweige — ohne einen Schuss getan zu haben, schon am 10. Von da an blieb Kufstein bis zum Friedensschlusse im Jahre 1814 in den Händen der Bayern. Die Tiroler, welche die Festung im Jahr 1809 wiederholt belagerten, konnten wegen Mangels an schwerem Geschütz nichts gegen dieselbe ausrichten, obwohl einmal Speckbacher selbst in Verkleidung die Feste besuchte und auskundschaftete.

Verlassen stehen jetzt die hohen Zinnen und dunklen Verliese der alten Burg und der mächtige Kaiserturm. *) Möge sie stehen bleiben, die vielumkämpfte Festung, als ein Mahnzeichen die deutschen Völker, die sie umwohnen, stets davor warnend, ihre Schwerter in verderblichem Bruderzwist gegen einander zu ziehen.

*) Als Festung aufgelassen. Ein Teil der Burg ist gegenwärtig Kaserne.

Abb. 3. Das Kaisertal.

In eben dem Maße, wie das moderne Völkerleben den Wert der alten Feste verringert, hat es die Bedeutung der Umgebung von Kufstein, namentlich des freundlichen Thierberg, erhöht. Hier, wo in alter Zeit primitive Landbewohner, steter Kriegsgefahr ausgesetzt, ein kümmerliches Dasein fristeten, prangen jetzt Gartenanlagen, und zwischen den Bäumen und Blumen hindurch schimmern die Fenster und hellen Giebel zahlreicher Villen, in denen von fernher kommende Städter zur Sommerzeit wohnen. Nicht wie die Fremden, welche in früheren Zeiten von Norden her mordend, brennend und die Saaten verwüstend ins Inntal eindrangen, kommen diese, um beladen mit dem Raube der Hütten und Burgen heimzukehren; aber dennoch nehmen sie die allerwertvollste Beute jeden Herbst mit sich in die Heimat: Gesundheit und freundliche Erinnerungen.

Abb. 3 Das Kaisertal. Unterhalb Kufstein mündet das von Osten aus dem Kaisergebirge kommende Kaisertal (Abb. 3) ins Inntal ein. Der Sparchenbach, welcher durch dasselbe herabfließt, stürzt aus einer das untere Ende des Kaisertals einengenden Klamm hervor. Der Weg führt steil empor und hoch über der Klamm hinein in das Tal, dann an den sechs Kaiserhöfen vorüber der nördlichen Talwand entlang. Während uns anfangs der überaus freundliche Rückblick ins Inntal entzückte, entrollt sich jetzt vor unseren Augen eine großartige Alpenlandschaft, denn mitten in das Felsgebiet des Kaisergebirges hinein erstreckt sich das Tal, dem wir folgen.

Das Kaisergebirge besteht aus zwei westöstlich streichenden Kannnen, einem kürzeren und niedrigeren nördlichen: Hinterer Kaiser genannt; und einem längeren und höheren südlichen: Vorderer, großer oder wilder Kaiser genannt. Diese beiden Bergkämme schließen das Kaisertal ein.

Trotz der hohen Lage gedeihen hier noch Obstbäume und Feldfrüchte bis hinauf zum sechsten Kaiserhof. Bis hieher hält sich der Weg an der Lehne, und jetzt erst steigen wir durch lichten Buchenwald — hinab zum Sparchenbache. Wenig oberhalb gabelt sich das Tal: links geht es hinauf zur Hochalpe und zu dem Sattel, welcher in das Habersauer Tal und nach Walchsee führt; rechts zur Stripsenalpe und zum Stripsenjoch, dem Übergang ins Kaiserbachtal.

Kaisertal und Kaiserbachtal zusammen bilden eine tiefe, westöstlich streichende Furche, welche durch das erwähnte, 1605 Meter hohe Stripsenjoch in eine westliche (Kaisertal) und eine östliche Hälfte (Kaiserbachtal) getrennt wird. Mit gewaltigenSteilwänden setzt der wilde Kaiser in diese Furche ab.

Das westliche Endstück des wilden Kaiser ist ein ungegliederter Kamm (Scheffauer Kaiser), der mittlere und östliche Teil desselben dagegen besteht aus verworrenen, wilden, zackigen Graten. Ungefähr in der Mitte liegt die Haltspitze (2344 Meter), der Culminationspunkt des Kaisergebirges. Dem Ostende entragt, einem Eckpfeiler gleich, die 2335 Meter hohe Ackerlspitze. Nordöstlich von der Haltspitze steht in einem Seitenkamme das seiner Schwierigkeit halber bekannte Todtenkirchl (2193 Meter). Die Haltspitze, gewöhnlich Elmauer Haltspitze genannt, wurde zum erstenmal im Jahre 1869 von Karl Hofmann bestiegen, welcher den obersten Teil derselben als einen ungeheuren, allseitig senkrecht abfallenden Block beschreibt. Durch einen schmalen Riss machte Hofmann den Anstieg. Gegenwärtig ist der Weg durch Drahtseile derart verbessert, dass der Gipfel vom Hinter-Bärenbadhaus im Kaisertal über die Scharlinger Böden in 5 Stunden leicht erreicht werden kann. Oben steht eine offene Schirmhütte. Der Hauptreiz des Todtenkirchel liegt in seiner Schwierigkeit. Merzbacher, welcher 1881 die erste Ersteigung dieser Spitze ausführte, sagt darüber Folgendes: „Statt compacter Felsmassen und kleiner Plateaux, welche man zu finden hofft und bei Ansicht, auch von höher gelegenen Punkten, zu erblicken glaubt, besteht das Todtenkirchel, ein Felsmassiv von ganz bedeutendem Umfang, in seinen höheren Teilen eigentlich nur aus einer Unzahl einzelner Felsnadeln, welche durch schmale und tiefe Risse von einander getrennt sind, sich aber gegenseitig vollständig decken und so jene Täuschung hervorrufen. Die Klüfte und Felstürme teils übersteigend, teils denselben auf schmalen Gesimsen ausweichend, erreichten wir nach einer der schwierigsten und gefährlichsten Klettereien, die überhaupt bis zur äußersten Grenze des Möglichen ging, eine Spitze des Felsmassivs und dann über eine Scharte den höchsten Gipfel“.

Aber nicht nur für den Talbummler, der auf gutem Wege durchs Kaisertal promenierend sich an der herrlichen Alpennatur erfreuen will, für den Bergsteiger, der, ohne sich besonderen Gefahren auszusetzen, die Herrlichkeiten einer Rundschau, wie die Haltspitze sie bietet, genießen möchte, und für den alpinen Sportmann, der durch Überwindung schwieriger und gefährlicher Gipfel sich jenes stolze und glückliche Gefühl zu schaffen sucht, das die Überwindung von Gefahren mit sich bringt: auch für jene, welche den geologischen Aufbau unserer Alpen kennen lernen wollen, ist das Kaisergebirge im hohen Grade interessant. Es besteht fast ganz aus triassischem Gestein. Nur im Norden lehnt sich an den Fuß des Hinterkaisers eocenes Sediment an, reich an Korallen, wie sie auch am Nordfuße des Untersberges vorkonnnen. Die Kaisertalfurche (Kaisertal — Stripsenjoch — Kaiserbachtal) entspricht einer tiefen Einfaltung des Gesteins. Von der Furche aus steigen die Schichten nach Norden (Hinterkaiser) und Süden (wilder Kaiser), anfangs allmählich und nach oben hin immer steiler werdend, an. Südlich und nördlich laufen Spalten der Erdrinde der Kaisertalfurche parallel von West nach Ost. An diesen Spalten ist die Erdrinde nördlich und südlich tief abgesunken. Der Südabfall des wilden und der Nordabfall des hinteren Kaisers sind demnach Bruchflächen, an denen die Schichtköpfe anstehen, während die der Kaisertalfurche zugekehrten Abhänge (Südabhang des hinteren und Nordabhang des wilden Kaisers) Schichtflächen sind. Im Norden steht — am Fuße des Nordabfalles des Hinterkaisers — der der unteren Trias angehörige Muschelkalk an, an welchen sich die erwähnten Eocenschichten discordant anlehnen. Darüber folgt der der mittleren Trias angehörige Wettersteinkalk, welcher die Hauptmasse des ganzen Gebirges bildet, und aus welchem auch die Gipfel bestehen. In den tieferen Teilen der inneren Hänge (der Kaisertalfurche) findet sich darüber noch etwas Gestein der oberen Trias: Raiblerschichten und Hauptdolomit.

Doch kehren wir nach Kufstein zurück und setzen wir unseren Weg durchs Inntal hinauf fort. Obwohl die Straße nicht überall am besten ist, so reisen wir doch am bequemsten auf dem Zweirad. Zunächst gwht es, die drohende Festung Kufstein im Rücken, eine Strecke weit durch die Ebene, dann hinauf auf die östliche Talwand und durch schönen Wald öfters auf und ab und zuletzt wieder durch die Talsohle über Kirchbichel nach Wörgl. Links oben, am Abhange des kleinen Bölf, bei Häring, findet sich ein großes Braunkohlenlager, das größte Kohlenlager Tirols. Das Kohlenflötz — schwarze Pechkohle — ist 6 Meter dick und besteht aus den Resten tertiärer Pflanzen. Auffallend ist die große Ähnlichkeit vieler der Häringer Kohlenpflanzen mit Bäumen, welche gegenwärtig nur in Australien heimisch sind, wie Araucaria, Eucalyptus, Banksia und andere. Etwas weiter sehen wir den Bauernhof Zufing, einen beliebten Sommeraufenthalt der Margareta Maultasch.

Die Talweitung von Wörgl, in die wir nun hineinkommen, ist der Boden eines Sees, der erst entleert werden konnte, als der Inn die vorgelagerten nördlichen Kalkalpen in der Linie Wörgl — Kufstein — Flintsbach durchbrochen hatte.

Wörgl ist als Knotenpunkt der Eisenbahnen (nach Wien, München und Innsbruck) wichtig. In alter Zeit soll in der Nähe von Wörgl am Ufer des Inn eine große Heidenstadt gestanden haben, deren Bewohner sämmtlich von der Pest dahingerafft wurden. Jetzt steht dort das Dorf Heidach, dessen Bewohner die Pestheiligen besonders verehren. Auch die römische Straßenstation Masciacum wird von einigen in der Gegend von Wörgl (am Grattenbergl) gesucht. Jedenfalls findet man hier zahlreiche römische Münzen und Bautenreste. Am 13. Mai 1809 wurde in der Nähe von Wörgl ein österreichisches Corps unter Chasteler von den Bayern unter Wrede vollständig geschlagen und großenteils versprengt. Dieser Sieg ermöglichte es den Bayern, durch das Inntal gegen Innsbruck vorzurücken.

Der Straße durch öde Moorgründe thalauf folgend, kommen wir nach Kundl am Ausgang des erzreichen Wildschönautales. Hier blühte in früheren Zeiten ein reges Bergwerksleben, und noch im sechzehnten Jahrhundert unter Ferdinand II. warf das Kundler Kupferbergwerk einen jährlichen Gewinn von 8 — 9000 fl. ab.

Weiter hinauf liegt an der Straße mitten in öder Gegend die einsame Kirche St. Leonhard. In der Nähe, am Innufer war einmal ein Heiligenbild gestrandet. Dieses wurde an der Straße aufgerichtet, und als im Jahre 1004 Heinrich II. auf einem Römerzuge daran vorüberkam, gelobte er, fals der Zug glücklich ausfiele, hier eine Kirche zu bauen.

Zurückgekehrt, vergaß er dieses Gelöbnis; als er aber 1012 wieder an dem Bilde vorbeiritt und sein Pferd davor scheute, fasste er dieses als einen Götterwink auf und erbaute die Kirche St. Leonhard, die dann — wahrscheinlich 1019 — von Papst Benedict VIII. eingeweiht wurde.

Abb. 4. Rattenberg am Inn.

Vor uns treten die Abhänge des Sonnwendgebirges im Nordwesten und der Gratlspitze im Südosten so nahe zusammen, dass das Inntal stark eingeengt wird. Durch diesen Engpass drängen sich Fluss, Bahn und Straße. Thronend auf einem weit ins Tal vorspringenden Bergsporn des Gratlspitzabhanges, Zimmermannsberg genannt, steht am nordöstlichen Eingange in diese Enge die alte Feste Rattenberg, zu deren Füßen im Norden die gleichnamige Ortschaft (Abb. 4) sich ausbreitet.

Schon im dreizehnten Jahrhundert scheint Rattenberg ein wichtiger Ort gewesen zu sein, denn schon damals lieh Meinhard II. von Tirol dem Besitzer des Ortes, dem Herzog von Bayern, 24.000 fl. darauf und nahm es dafür in Pfand. Ihrerseits verpfändeten die Herzoge von Tirol Rattenberg wiederholt an ihre Lehnsmannen, weigerten sich aber lange, diesen strategisch wichtigen Platz gegen Rückzahlung der 24.000 fl. an Bayern zurückzugeben. Erst 1364 (nach dem Tode der Margareta Maultasch) kam Rattenberg wieder in bayrischen Besitz. Nun erblühte diese Stadt wegen der reichen Erzlagerstätten, die man in den benachbarten Bergen entdeckte, und wegen des bedeutenden Verkehrs, welcher dieselbe durchzog, rasch zu hohem Reichtum und Ansehen. Im Jahre 1505 wurde Rattenberg den Baiern entrissen und mit Tirol vereint. Schon um diese Zeit war der Ort stark protestantisch, und die Gegenreformation räumte dann bös unter den Ketzern auf. In 1529 fanden zahlreiche Executionen von Lutheranern und namentlich Wiedertäufern in Rattenberg statt. Noch ärger verfolgte Ferdinand im darauffolgenden Jahre die Ketzer. Es kann uns nicht wundernehmen, dass hier die protestantische Lehre solche Verbreitung fand, gaben doch die dortigen katholischen Priester selbst fortwährend Anlass zu Ärgernissen. Trotz der scharfen Verfolgung scheint sich aber der Protestantismus hier lange gehalten zu haben, denn noch im Jahre 1572 wurden 649 ketzerische Bücher in Rattenberg in Beschlag genommen. Üppig blühte um diese Zeit der Bergbau: es wurden zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts jährlich 80.000 Zentner Silber- und Kupfererze in den Rattenberger Gruben gewonnen. Auch der Verkehr muss damals sehr bedeutend gewesen sein, denn der Zoll in Rattenberg warf jährlich 5862 fl. ab. Doch geht im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert Rattenberg rasch zurück, was zum Teil auf allgemeine Ursachen (Ablenkung des Verkehrs, Entdeckung von Amerika, Erschöpfung der Bergwerke), zum Teil jedenfalls aber auch auf die Vernichtung und Vertreibung des intelligenteren, protestantischen Teiles der Bevölkerung zurückzuführen ist. Denn obwohl noch 1618 Klagen über mangelhaftes Fasten und Beichten in Rattenberg laut werden, so scheint doch die continuierliche Verfolgung gegen Mitte des siebzehnten Jahrhunderts auch hier jede freiere Regung des Geistes ausgerottet zu haben. Und als ob uns gerade an dieser Stelle der Sieg welscher, frömmelnder Hinterlist über den freien deutschen Geist, unter dessen verderbenbringenden Folgen die Alpenländer heute noch schmachten, besonders klar vor Augen geführt werden sollte, so ist Rattenberg auch die Stätte der Hinrichtung des durch die Tücke seiner italischen Feinde am Hofe des Erzherzogs Ferdinand gestürzten biederen deutschen Staatsmannes Biener geworden.

Nach dreitägiger Belagerung eroberten die Bayern die Feste Rattenberg im Sommer 1703 und drangen hierauf brennend und mordend durch das Inntal vor. Bald jedoch musste der Kurfürst sich wieder zurückziehen und verlor auch Rattenberg wieder, welche Feste von den Tiroler Bauern durch Handstreich genommen wurde. Im Kriege von 1809 hat die Feste Rattenberg keine Rolle mehr gespielt. Nur einmal, am 19. Oktober, suchten die Tiroler hier die Bayern aufzuhalten, ergriffen aber, als sie hörten, dass bayrische Kolonnen durchs Zillertal gegen ihre Rückzugslinie vorrückten, ohne selbst angegriffen worden zu sein, die Flucht.

Traurig wie die enge, leblose, im tiefen Schatten des Stadtberges liegende Gasse und die hohen, geschmacklosen Häuser, die, alten Jungfern gleich, in engherziger Selbstsucht sich zurückzusehnen scheinen nach der (für sie relativ) guten (aber absolut schlechten) alten Zeit, ist auch die ganze Geschichte dieser finsteren Stadt, und mit Freude besteigen wir das Zweirad wieder, das über das schlechte Pflaster der Stadt geschoben werden musste, und eilen davon um den Berg herum, ohne nach rückwärts zu blicken.

Bald erreichen wir Brixlegg, das am südwestlichen Eingange in die Rattenberger Enge liegt, ein viel freundlicherer Ort als Rattenberg. Hier stehen heute noch Silber-, Blei- und Kupfer-Öfen in Betrieb, in denen die Erze vom Schneeberg bei Sterzing, vom Pfunderer Berg bei Klausen, vom Kogel bei Rattenberg und von Schwaz verarbeitet werden.

Wie in Oberammergau werden auch in Brixlegg Passionsspiele aufgeführt, welche aber nicht den Weltruf der Oberammergauer genießen. Das rege Treiben in dem sonnigen Brixlegg hat die düstere Stimmung, welche in dem dunklen Rattenberg sich unserer bemächtigt, vertrieben, und heiterer setzen wir den Weg fort. Gleich außerhalb des Ortes teilt sich die Straße. Die alte Reichsstraße, welche am rechten Innufer bleibt, führt über Strass und Maurach nach Schwaz, die andere Straße und die Bahn übersetzen den Fluss und führen über Münster und Jenbach ebenfalls nach Schwaz. Wir folgen der ersteren. Vor uns liegt in beträchtlicher Höhe über der Talsohle eine fruchtbare Terrasse mit dem Ort Reith, einer römischen Ansiedlung. Wir überschreiten den aus einem freundlichen, grünen Tale hervorkommenden Alpbach. Die Bewohner des in früherer Zeit ebenfalls an Bergwerken reichen Alpbachtales zeichnen sich durch weißere Haut, blondere Haare und feineren Gliederbau vor den Umwohnern aus. Auffallend sind in dieser Gegend mehrere vom Inngletscher rund abgeschliffene Felskuppen, welche in Form von Terrainnasen aus dem Talhang vortreten oder frei in der Talsohle aufragen. Alte Burgen krönen diese schwer zu erstürmenden Felshügel. Da ist zunächst Matzen, berühmt durch die Tapferkeit, mit welcher Ulrich von Frundsberg dieselbe erfolgreich sieben Wochen lang gegen eine bayrische Armee verteidigte. Dann folgt Lichtwer und endlich auf einem Hügel zwischen der Straße und dem Inn die Kropfsburg, einst Sitz des salzburgischen Amtes fürs Zillertal und bekannt durch den Frieden, welchen hier Friedrich mit der leeren Tasche im Jahre 1417 mit seinem Bruder, dem Herzog von Steiermark, schloss. Kaum sind wir an diesen Burgen vorbeigekommen, so öffnet sich links das herrliche Zillertal.

Mächtigen Thorpfeilern gleich fassen der gegen das Thal steil absetzende Reiterkogel links im Osten, und der Brettfall rechts im Westen den Eingang zu demselben ein. Durch Erlenauen überqueren wir die Mündung des Zillertals und erreichen Strass an der Ecke zwischen diesem und dem Inntal, am Fuße des steil abfallenden Berges. Von Strass zieht ein langer, gerader, grüner Bergrücken in südwestlicher Richtung hinauf zum Kellerjoch. Der vielfach gegliederte Hang, der von diesem Kamme ins Inntal herabzieht, war in früheren Zeiten eine der Hauptstätten des tirolischen Bergbaues. Hier liegt der durch seinen einstigen Silberertrag berühmte Ringenwechsel und weiter das an Eisenerz reiche Gebiet der Schwaderalp. Die Erze finden sich im Übergangskalk und im roten Sandstein, von Thonschiefer überlagert. Darüber folgt der Glimmerschiefer, aus dem auch der Gipfel des Kellerjochs besteht.

Wir kommen nach Rothholz, wo die Brücke, welche die Verbindung zwischen dem Ziller- und Achental herstellt, den Inn übersetzt. Jenseits des Inn liegt das geschäftige Jenbach mit seinen ärarischen Hochöfen und Eisengießereien, von wo aus die Straße und eine Zahnradbahn in nordwestlicher Richtung über den Sattel von Eben zum Achensee führen.

Auf stolzer Höhe thronen über Rothholz im Südwesten die Trümmer der Rottenburg, des Stammschlosses der berühmten Familie gleichen Namens, deren Besitzungen sich weithin über Tirol und Bayern erstreckten. Im Kampfe um seine Sonderrechte gegen Friedrich mit der leeren Tasche unterlegen und seiner Ländereien beraubt, endete hier Heinrich V. von Rottenburg im zweiten Decennium des fünfzehnten Jahrhunderts als letzter seines Stammes durch Selbstmord.

Das bei Rothholz verengte Inntal verbreitert sich bald wieder, die Straße schmiegt sich aber durchaus dicht an den Fuß der Berge und übersetzt die Schuttkegel an den Mündungen der Alpenbäche. Jenseits des Inn erkennen wir das schöne Schloss Tratzberg. Einst dem Gaugrafen des Inntales, später den Herzogen von Tirol gehörig, ist es neuerlich ganz im mittelalterlichen Stile restauriert worden, und prächtig sind die Jagd- und Waffensäle, die es birgt.

Dem Fuß des von alten Stollen durchwühlten Berges entlangfahrend, kommen wir bald in die Höhe des Stanser- oder Stallentales, auf dessen Schuttkegel jenseits des Inn der Ort Stans gebaut ist. Oben im Stansertal liegt das alte Stift St. Georgenberg, dem wir einen Besuch abstatten wollen. Durch das schmale, waldige Stansertal, dessen Ruhe, Kühle und Waldschatten in angenehmem Kontrast zu dem heißen Sonnenglanz im flachen Inntal stehen, marschieren wir, hoch über dem rauschenden Bergbach, talein. Da erblicken wir frei aufragend inmitten des Waldtals einen mächtigen Felsen, auf dessen Gipfel Georgenberg thront.

In alter Zeit wohnte hier ein gewisser Rathold. Dieser stellte unter einem Lindenbaum ein Bild der heiligen Jungfrau auf. Im zehnten Jahrhundert siedelten sich mehrere Eremiten dort an, welche dann unter ihrem Oberhirten Ringbert ein Kloster auf der Felshöhe bauten. Sie nannten das Kloster Georgenberg, und im Jahre 1138 wurde es vom Papste bestätigt. Georgenberg zeichnete sich von Anfang an durch seine Sittenreinheit aus. Wegen der Lawinen, welche den Zugang gefährdeten, und der Blitzgefahr — dreimal wurde das Kloster durch Blitzschlag zerstört — verließen die Mönche — Benedictiner — später das Kloster und siedelten nach dem Stifte Viecht bei Schwaz über. Aber noch ist Georgenberg mit dem Bilde der „Lindenjungfrau“ ein beliebter Wallfahrtsort. Umschlossen von dunklen Wäldern, umrauscht von dem Bergbache und thronend auf freier, luftiger Höhe wäre Georgsberg in seiner Einsamkeit eine herrliche Zufluchtsstätte für weltmüde Philosophen. Schade ist es, dass die Mönche den Georgsberg verlassen haben, aber kaum ein Wunder, denn sie sind ja weder weltmüde noch Philosophen!

Am Fuße des erzreichen Kellerjoches drängt sich der Inn dicht an den südöstlichen Talhang, und hier liegt zu beiden Seiten des Lahnbaches die alte Bergwerkstadt Schwaz (Abb. 5). Gedeckt durch ein Castell am Frundsberg, entstand hier eine römische Niederlassung. Im neunten Jahrhundert wird der Ort Suates genannt. Damals gehörte er teilweise dem Stift Salzburg. Im dreizehnten Jahrhundert kam Schwaz in den Besitz der Grafen von Tirol. Auf dem Grundsberg erstand eine mächtige Burg, der Stammsitz der Familie Frundsberg, dessen berühmtestes Mitglied Georg von Frundsberg u. a. den Sieg über die Franzosen bei Pavia erfocht. Ein grauer, viereckiger Turm mit Erkern ist von der Burg noch übrig. Bis 1490 war Schwaz ein unbedeutendes Dorf, das sich schutzbedürftig an die Frundsburg schmiegte. In diesem Jahre wurden dort jene reichen Silber- und Kupfer-Lager entdeckt, welche den kleinen Ort in kürzester Zeit zu ungeahnter Blüte erhoben. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten und in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts wurden in den Schwazer Gruben, namentlich im Falkenstein, Kupfer und Silber im Werte von jährlich 2 1/3 Millionen Gulden gewonnen. Leider gebrach es den Einheimischen an hinreichender Intelligenz, um sich diesen reichen Bergsegen gehörig zunutze zu machen, und ein großer Teil der Gruben kam in den Besitz von Ausländern. So bezogen z. B. die Fugger jährlich 20.000 fl. aus den Schwazer Bergwerken.

30.000 Knappen arbeiteten damals in den Schwazer Gruben, und weltberühmt war ihre Geschicklichkeit. Schwazer Knappen waren es, welche 1529 durch ihre Gegenminen das von den Türken belagerte Wien retteten. Schwaz, obwohl nur Markt, übertraf an Reichtum alle Städte Tirols und schmückte sich mit einer stattlichen, mit 15.000 Kupferplatten gedeckten Pfarrkirche und anderen schönen Gebäuden.

Abb. 5. Schwaz im Inntal.

In höchster Blüte stand Schwaz zur Zeit des Kaisers Max. Schon in den ersten Jahren der Regierung seines Nachfolgers in Tirol, Ferdinand, begannen Unruhen. Namentlich hatten die sozialistischen Lehren der Wiedertäufer in Schwaz Eingang gefunden, was unter den damaligen Verhältnissen natürlich zur Revolution führte. 1523 gab es hier schon 800 Wiedertäufer. Zwei Jahre später streikten die Knappen und zogen nach Innsbruck, um ihre Beschwerden dem ILandesfürsten vorzulegen. Ferdinand versprach Abhilfe, und es gelang ihm in der Tat, die Bergarbeiter zu befriedigen, denn wir sehen im darauffolgenden Bauernkrieg die mächtige Knappenschaft von Schwaz nicht nur auf Seite des Landesfürsten, sondern auch im besten Einvernehmen mit ihm und dem Kaiser Karl. Als der letztere im Jahre 1531 auf seinem Wege von Innsbruck nach Deutschland den Markt passierte, überreichte ihm die Knappenschaft eine große Silbermedaille, auf welcher in kunstreicher Arbeit der Stammbaum der Habsburger geprägt war, ein schönes, gut gewähltes Geschenk. Doch unter dieser freundlichen Oberfläche bargen sich die furchtbarsten Schrecken. Trotz der Schritte, welche schon in den zwanziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts gegen die Ketzer, namentlich die Wiedertäufer unternommen worden waren, mehrten sich diese immer fort, und Ferdinand erließ im Jahre 1530 die schärfsten Maßregeln gegen dieselben. „Tirols Berge“, so berichtet der Chronist, „schauten ein schreckliches Schauspiel: allerorten loderten Scheiterhaufen empor, baumelten menschliche Körper an Bäumen oder an Pfählen oder wogten in den Fluten, blitzte das Richtbeil“. Trotzdem hielten sich die Wiedertäufer. 1532 wurden noch schärfere Maßregeln ergriffen. Hohe Prämien waren auf die Gefangennahme von Predigern gesetzt, und diese wurden, wenn eingebracht, mit der raffiniertesten Grausamkeit zu Tode gemartert.

Obwohl ein großer Teil der Knappen teils hingerichtet wurde, teils auswanderte, um der furchtbaren Verfolgung zu entgehen, so gab es hier dennoch zu Ende der dreißiger Jahre, als die Heftigkeit der Verfolgung schon sehr nachgelassen hatte, noch zahlreiche Wiedertäufer.

Als im Jahre 1552 Moriz von Sachsen Innsbruck erobert hatte, gab es beträchtliche Unruhen in Schwaz, die aber nach Abzug des Feindes ohne Schwierigkeit unterdrückt werden konnten.

Die durch diese und andere Unruhen deutlich dukumentierte Unzufriedenheit der Schwazer Knappen um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts ist aber nicht bloß auf religiöse Ursachen, sondern auch auf den Rückgang im Ertrag der Bergbaue zurückzuführen. Die Ausbeute sank gegen Ende des Jahrhunderts derart, dass alle Gruben bis auf die landesfürstlichen und Fugger'schen eingingen und auch diese nur durch bedeutende, von ihren mächtigen Besitzern gebrachte Opfer im Betrieb erhalten werden konnten.

Einer der protestantischen Märtyrer, welcher nach entsetzlichen Qualen in Schwaz verbrannt wurde, rief, als die Flammen aus dem Scheiterhaufen zu ihm emporzüngelten, einen schrecklichen Fluch herab auf seine Peiniger. Schwinden sollten die Erze in den Bergen und in Flammen aufgehen die Häuser, welche jetzt von dem Brande des Scheiterhaufens, auf dem er stand, erleuchtet waren. Lachend verhöhnten ihn die Henkersknechte. — Den ersten Teil dieses Fluches erfüllten die ewigen Mächte sogleich, denn bald nach seinem Tode begann jener Rückgang in der Erzausbeute, welcher Schwaz jählings von seinem Reichtum herabstürzte. Doch auch der zweite Teil des Fluches sollte in furchtbarer Weise erfüllt werden. Als der bayrische General Wrede die Österreicher bei Wörgl geschlagen hatte, rückte er nicht gleich gegen Innsbruck vor, sondern blieb einige Zeit hinter der Ziller stehen, so dass der österreichische General Buol mit seinem kleinen Korps, verstärkt durch zahlreiche Tiroler Bauern, Zeit gewann, sich zu rangieren und von Volders, wo er sich aufgestellt hatte, nach Schwaz vorzurücken, um hier den Feind zu erwarten. Inzwischen war Marschall Lefebvre, der Oberkommandant der bairisch-französischen Armee, mit zwei Divisionen herangekommen, hatte die österreichischen Vorposten aus Stans und Strass vertrieben und rückte am 18. Mai 1809 um Mittag gegen Schwaz vor. Nachdem ein ReiterangrifF zurückgeschlagen war, fuhren die französischen Geschütze auf und brachten die wenigen österreichischen Kanonen bald zum Schweigen. Die Franzosen bemächtigten sich der Vorstadt St. Martin und rückten in Schwaz selbst ein, wurden aber hier von einem solchen Feuer aus allen Fenstern und von den am Ende der Straße aufgestellten Soldaten empfangen, dass sie zurück mussten. Auch zwei weitere, von größeren Truppenmassen unternommene Stürme wurden zurückgeschlagen, erst der vierte, von einer Reiterattaque unterstützte Angriff gelang, und die österreichischen Soldaten, sowie die Tiroler, die im Freien gekämpft hatten, zogen sich, viele Todte und Verwundete zurücklassend, auf die Höhen hinter Vomp zurück. Erbittert über den heftigen Widerstand der Nichtsoldaten, sprengten die bairischen, den Stürmern nachrückenden Regimenter die Türen der Häuser und machten zunächst alles nieder, was ihnen in den Weg trat. Später begnügten sie sich mit Plünderung, wobei aber zahlreiche Misshandlungen vorfielen, namentlich wurden einige Geistliche arg gequält. Der Benificiat Lergetbohrer starb unter den Fäusten der Soldaten. Die Kirchen wurden ausgeraubt imd alle Wirtshäuser geplündert. Gewiss hatten die Baiern nach dem Sturme einen gehörigen Durst, und so wird denn mancher des Guten zuviel getan haben. Da mag es denn wohl etwas wüst zugegangen sein. Am Abend wurde der Markt an mehreren Orten in Brand gesteckt und brannte im Lauf der Nacht und des folgenden Tages größtenteils nieder, während die Bewohner, welche die Katastrophe überlebt hatten, klagend über den Verlust von Verwandten und Freunden, ihrer Habe und ihrer Heimat beraubt, von den umliegenden Höhen auf das Feuermeer herabblickten, das sich über ihre Stadt ausbreitete.

Wohl sind später neue Häuser auf der Brandstätte entstanden, wohl arbeitet man heute noch hie und da in den Bergen, aber der Glanz ist von Schwaz gewichen, der Fluch des Protestanten hat sich furchtbar erfüllt; doch wir wollen uns frei machen von diesem traurigen Bilde und eilen hinaus aus der Stadt. Wir steigen über die von alten Bergbauen durchwühlten Hänge und weiter durch den herrlichen Bruderwald hinauf zu dem vom Kellerjoch nach Westen abgehenden Rücken und gehen über diesen zum Arbeser Kogel. In 4 ½ Stunden ist das Kellerjochhaus und nach weiterem, 5/4 stündigem Marsche über den aussichtsreichen Grat die 2340 Meter hohe Spitze des Kellerjoches selbst erreicht. Auf dem Gipfel steht eine kleine Kapelle. Die Aussicht hinab ins Innthal, nach Hall und Innsbruck ist reizend, und prächtig ragen jenseits des breiten, von dem glänzenden Silberband des Inn durchzogenen Tales die steilen Grate und Gipfel des Karwendelgebirges auf. Wir blicken hinein in das wilde Vompertal, zu dessen Seiten in furchtbarer Steilheit links die Bettelwurf- und rechts die Hochnissl- und Mittagsspitze aufragen. Über diese Berge hin sehen wir fern im Westen die Zugspitze. Unbedeutender erscheint die Sonnwendgruppe im Norden, welche nach rechts hin gegen das Unterinntal abdacht. Rechts davon, im Nordwesten ragt der herrliche Gipfelzug des wilden Kaisers auf, dessen einzelne Spitzen leicht zu erkennen sind, weiterhin im Osten glitzern die hohen Tauern im Firngewand, und stolz erhebt sich über dem Gewirre vvon Gipfeln der Großglockner. Näher und in allein Details erkennbar ragen im Süden die Gipfel der Zillertaleralpen, Löffler und Mörchenspitz, auf. Doch immer wieder kehrt das Auge zu dem wilden Vompertale zurück, und so wollen wir uns denn dieses Tal und seine nächste Umgebung näher betrachten.

Das Vompertal, oder auch -Loch genannt, ist der kleinere östliche Teil jener tiefen und schmalen, westöstlich verlaufenden Furche, welche die gewaltige Karwendelkette im Norden von der Gleirschkette im Süden trennt. Ein flaches Joch, der Überschall (1908 Meter), trennt das Vomper- von dem den westlichen Teil dieser Furche bildenden Lavatscher- und Hinterautal, durch welche die Isar nach Scharnitz hinab fließt. Eine mäßig steile Alpenmatte zieht hinab von der Jochhöhe des Uberschall in den Knappenwald, an dessen Rande der Vomperbach entspringt. Der flache Talboden wird schmal, und der Bach ergießt sich durch eine enge Steilschlucht in den schönen, flachen Alpenboden der Au. Tannen- und Buchenbestände schmücken den parkähnlichen Boden, und in gewaltiger Steile ragen rings umher graue Felswände auf. Zwischen den von Gruben- und Spritzkar im Norden absetzenden Felsgraten rauscht durch Steilschluchten das Schmelzwasser des Hinterschnees herab, während im Süden die pralle, 600 Meter hohe Nordwand des Bettelwurfgrates fast unvermittelt aus dem Talboden aufsteigt. Nur in verborgenen Felsennischen kann an dieser Wand der Schnee sich halten, und lange, schwarze Streifen nassen Gesteins ziehen von den Schneeflecken herab über das Gemäuer. Keine Gemse, kein Menschenfuß findet Halt an diesen Felsen, der Adler allein steigt an ihnen empor. Bequem und langsam — denn schwer trennt man sich von einem so herrlichen Bilde — bummeln wir hinab durch die Talsohle, doch bald müssen wir dieselbe verlassen, um links durch die Hänge die wilden Klammen und Schluchten zu umgehen, welche der Bach in seinem Mittel- und Unterlaufe durchfließt. Wild tost in dunkler Tiefe der Vomperbach, und drohend erhebt sich über uns der wilde Huderbank-Spitz, während wir, auf schwindligem Pfade dahinschreitend, hinausblicken auf die sonnigen Hänge des Kellerjochs, die zwischen den jähen Talwänden wie durch ein Tor zu uns herübergrüßen. Wir wenden uns links und klettern über die „Katzenleiter“ hinab in das von der nördlich gelegenen Schafkarspitze herabkommende Zwerchbachtal, dessen Bach ziemlich weit oben übersetzt wird. Jenseits folgen wir den steilen Abhängen der Hochnisslspitze, jenes östlichen Eckpfeilers der Karwendelkette, welchen wir schon vom Kellerjoch aus zu bewundern Gelegenheit hatten. Wir bleiben stets einige hundert Meter über dem tosenden Bache und erreichen endlich nach ziemlich mühsamer, aber überaus lohnender Wanderung den Vomporberg, eine flache Terrasse 300 Meter über der Sohle des Inntales, und dann auf bequemen Wegen die Ortschaft Vomp. Bei der Pfannenschmiede tritt der Bach aus der langen, engen Schlucht hervor und mündet zwischen Vomp und Terfens in den Inn. Im Inntale hat der Vomperbach einen ungeheuren, 3 ½ Kilometer breiten Schuttkegel aufgetürmt, welcher Fluss, Bahn und Straße an den östlichen Talabhang drängt. Zur Glacialzeit erfüllten Eismassen das Vompertal, und erst nach Ende derselben begann der Bach jene Schlucht auszugraben, aus welcher das Material des Schuttkegels stammt.

Die Berge der Umrandung des Vompertales sind schwer zu ersteigen und werden nur selten besucht. Die großartigste alpine Leistung wurde in dieser Gegend von Migotti ausgeführt, welcher im Jahre 1880 als erster (und bisher einziger) den ganzen Bettelwurfgrat vom Lavatscher Joch über die Spekkar-, kleine Bettelwurf-, große Bettelwurf-, Walderkammer- und Walderzunder-Spitze überkletterte. Der höchste und wohl auch der lohnendste von allen Gipfeln des Vompergebietes ist die große Bettelwurfspitze, deren furchtbaren Nordabsturz wir von der Au im Vompertale aus bewundert haben. Dieser 2766 Meter hohe Berg ist über dem Südabhange vom Halltal aus ohne besondere Schwierigkeit erreichbar.

Von Terfens hinauf bis Hall ist das Innthal breit und eben, ohne Schuttkegel. Der nordwestlichen Talwand entlang zieht vom Vomper bis zum Halltal eine breite Terrasse 300 Meter über dem Inn: der Gnadenwald. Sie ist die südwestliche Fortsetzung jener Terrainstufe ober Vomp, welche wir beim Abstieg aus dem Vomperloch überschritten haben. Die Bahn bleibt am linken, die alte Reichsstraße, der wir folgen, am rechten Innufer. Durch einige Ortschaften und vorbei an den Ruinen der alten Burg Rettenberg kommen wir nach Volders am Ausgange des gleichnamigen Tales, in dessen Hintergrunde Speckbacher sich nach dem unglücklichen Ende des Aufstandes von 1809 in einer kleinen Höhle, der Speckbachergufel, längere Zeit hindurch verborgen hielt, bis es ihm gelang, nach Österreich zu entfliehen. Oberhalb Volders übersetzt die Reichsstraße den Inn. Diese Volderer Brücke spielte in den Kämpfen von 1809 eine große Rolle. In Volders war es, wo am 11. April nach Erstürmung des großen Klosters einige siebzig bairische Soldaten von den Tiroler Aufständischen gefangen genommen wurden. Von der Brücke aus führt die Straße, den großen Schuttkegeel des Haller Baches umgehend, zur alten Salzstadt Hall.

Nicht dem Salz allein, welches in den Bergen westlich von Hall gefunden wird, verdankt diese Stadt ihre Entstehung und ihren Aufschwung, denn es war hier in alter Zeit ein wichtiger Knotenpunkt des Verkehrs. An dieser Stelle vereinigten sich damals die Straßen vom Oberinntal, vom Brenner und vom Unterinntal; von hier aus wurden die Waren, welche auf Saumtieren von Italien herüberkamen, auf Flößen den Inn hinab weiter befördert, und so ward Hall ein wichtiger Stapelplatz. Zu Begnnn des zweiten Jahrtausends scheint das nordwestlich, vom Inn weiter ab gelegene Thaur wichtiger gewesen zu sein als Hall, und in Urkunden aus jener Zeit, welche vom Haller Salze handeln, heißt es immer: die Saline von Thaur, und nicht: die Saline von Hall. Die günstigere Lage von Hall für die Verfrachtung des Salzes bewog aber den Herzog Otto von Tirol im Jahre 1305, die Saline nach Hall zu verlegen, nachdem er diesem Orte schon zwei Jahre vorher die Privilegien einer Stadt verliehen hatte.

Als im Jahre 1363 Herzog Rudolf von Österreich nach Tirol kam, um Margareta Maultasch zum Verzicht auf ihre Herrscherrechte zu bewegen, wurde er von einigen übermütigen Adeligen bei Hall überfallen, jedoch von den tapferen Haller Bürgern wieder herausgehauen und durch ihre „feste Kühnheit“, wie er selbst erzählte, in die Lage versetzt, „die frevelhaften Anläufe, Widerspenstigkeit und Ungehorsam so vollständig“ zu überwinden, dass er „davon ewigen Nutzen und Ehre gewonnen“ hat. Aus Dankbarkeit ertheilte der Herzog den Hallern Begünstigungen und Vorrechte, namentlich Zollfreiheit in allen Erblanden, was Hall zu neuem Aufschwunge verhalf. Um diese Zeit wurde der Bau der schönen Haller Pfarrkirche begonnen. Zu Weihnachten desselben Jahres (1363) brachen, nach Abzug des österreichischen Heeres in die Winterquartiere die Baiern, deren Herrscher mit Margareta Maultaschens Übergabe von Tirol an die Österreicher sehr unzufrieden waren, ins Inntal ein und bemächtigten sich aller festen Plätze bis hinauf nach Hall. Diese von den tapferen  Bürgern verteidigte Stadt konnten sie aber nicht erobern, und obwohl sie unter Zurücklassung eines Belagerungscorps noch weiter durchs Inntal vordrangen, so war doch der eigentliche Vorstoß durch den Widerstand der Haller Bürger gebrochen, und bald mussten die Baiern das Inntal wieder räumen.

Auch 1368 drangen die Baiern ins Inntal vor, und auch diesmal suchten sie vergebens Hall zu gewinnen. Bei einem erneuten Einfall im Jahre 1412 gelang es ihnen, die Solenleitung zu zerstören. Trotz dieser Kriege, durch welche ihre Umgebung wiederholt verwüstet wurde, und anderer Unfälle blühte die Stadt doch immer mehr auf namentlich nachdem der prachtliebende Herzog Siegmund eine Münze dort errichtet hatte. In dem damals erbauten Münzturm, der heute noch steht, wurden schon im Jahre 1484 Thaler geprägt, welche sich durch ihren hohen Silbergehalt und die Schönheit der Prägung vor anderen contemporären Münzen auszeichnen.

Zur Zeit des Kaisers Max (Anfang des sechzehnten Jahrhunderts) scheint Hall eine sehr blühende und fidele Stadt gewesen zu sein, in welcher sich der leutselige Kaiser gerne aufhielt. „Selten“, so berichtet der Chronist, „fehlte er bei den Faschingsunterhaltungen der reichen und lustigen Haller; dann tanzte er wacker mit den Bürgersfrauen und ließ sich's wohl auch gefallen, wenn sie ihm die Sporen abschraubten, um ihn am Weiterreiten zu hindern“.

Wie in den anderen Bergwerksstädten gab es zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts auch in Hall viele Protestanten und namentlich Wiedertäufer, welche sich trotz der Verfolgung von Seiten Ferdinands längere Zeit hielten. War doch im Jahre 1528 sogar der Salzmeier Anton Stosz selber ein Wiedertäufer. Noch im Jahre 1582 wurden Maßregeln gegen die ketzerischen Münzarbeiter in Hall ergriffen und 1618 Mandate wegen mangelhaften Fastens der Haller erlassen. Den Protestantismus in Hall ganz auszurotten, gelang den frommen Herrschern überhaupt nicht, obwohl durch die von Ferdinands Schwestern errichtete Jesuitenschule gerade Hall ein Zentrum der Gegenreformation geworden war. Die Verfolgung der durch ihre Intelligenz ausgezeichneten Ketzer, Pest, Überschwemmungen und namentlich das große Erdbeben von 1670 richteten in Hall großen Schaden an. Trotz aller dieser Nachteile schwang sich aber das Haller Salzsudwerk zu immer größerer Bedeutung empor und wurde bald die einträglichste Finanzquelle des Landes. Während im Jahre 1426 der Ertrag bloß 8.300 Mark betrug, stieg derselbe später auf das Zwanzigfache, und es sollen zur Blütezeit der Haller Saline täglich 1000 Zentner Salz dort gewonnen worden sein.

Als 1703 Hall von den Baiern abermals bedrängt wurde, da gab es keine tapfere Bürgerschaft mehr, die, wie vor dreihundert Jahren, den Mut und die Kraft gehabt hätte, einen erfolgreichen Widerstand zu leisten: Ohne Kampf wurde die Salzstadt besetzt, doch blieb Hall nur kurze Zeit in der Hand des Feindes, denn bald nach der Einnahme gelang es den Tiroler Bauern, die Stadt zu erstürmen, wobei die meisten in Hall anwesenden Franzosen und Bayern erschlagen wurden.

17 wurde ein neues Sudhaus — bei dem man viel weniger Brennmaterial brauchte — in Hall errichtet. Allein dieser Neuerung widersetzten sich die Einheimischen aufs heftigste, und erst nach vier Jahren gelang es, die Leute zur Ruhe und zur Anerkennung der Vorteile des neuen Werkes zu bringen. Diese Streitigkeiten beeinträchtigten den Absatz des Salzes ins Ausland sehr.

Am 11. April 1809 war Hall die Scene heftiger Kämpfe. Die von den Baiern besetzte Stadt wurde von den aufständischen Tirolern unter Speckbacher und Straub angegriffen und erstürmt. Sämmtliche bairische Soldaten, die nicht gefallen waren, gegen 400 Mann, wurden gefangen genommen. Erschreckt durch das furchtbare Schicksal von Schwaz, öffneten die Haller am 18. Mai den zurückkehrenden Baiern unter Wrede die Tore, aber schon wenige Tage darauf, als die Baiern in Innsbruck geschlagen worden waren, fiel Hall abermals in die Hände der Tiroler. Jetzt kam der alte Münzturm wieder in Tätigkeit: Hofer ließ hier die bekannten Zwanziger prägen. Am 30. Juli ward Hall abermals ohne Widerstand von den Baiern besetzt, nach 14 Tagen aber war es wieder in den Händen der Tiroler, in denen es bis zum 24. Oktober blieb.

Während dieser Zeit war die Haller Saline so ziemlich die einzige Geldquelle der Hofer'schen Regierung und lieferte, trotz der Verminderung des Salzabsatzes infolge des Krieges, immerhin noch die nicht unbeträchtliche Summe von wöchentlich 2000 fl.

Das Salzbergwerk, aus welchem die in Hall verarbeitete Sole stammt, liegt im Hintergrunde des Halltales, des östlichen Teiles jener westöstlich streichenden Furche, welche die Solsteinkette im Süden von der Gleirschkette im Norden trennt. Durch den östlichen Teil der letzteren, den Bettelwurfgrat, wird das Halltal von dem nächst nördlichen Paralleltale, dem uns schon bekannten Vompertal, geschieden. Obwohl Solquellen in der Gegend schon früher bekannt waren und benützt wurden, so ist doch das große Salzlager selbst erst 1274 von Niklaus von Rohrbach entdeckt worden. Das Salz kommt gemischt mit Lehm vor und wird durch Auslaugen dieses Lehms gewonnen. Das Salzgebirge gehört der untersten Trias an und ist durch die großartige Faltung und Verquetschung der Schichten in jener Gegend zu einer Art Breccie zertrümmert worden.

Die Baue liegen in einer Seehöhe von 1400 bis 1500 Metern, nahezu 1000 Meter über dem Inntal, und es wird die in denselben erzeugte Sole durch Röhren hinabgeleitet nach Hall und dort eingedampft. Zwei Stollen werden übereinander angelegt. Der obere geht in den Berg hinein nach abwärts, der untere geht in den Berg hinein nach aufwärts. Die Enden dieser beiden Stollen liegen übereinander und werden durch einen verticalen Schacht verbunden. In diesem wird ein Verticalrohr angebracht, welches das Ende des oberen Stollens mit dem Leitungsrohre verbindet, welches durch den unteren Stollen hinausläuft und in die Hauptsolenleitung nach Hall mündet. Der verticale Schacht wird wasserdicht verschlossen und auch das darin herablaufende Rohr mit einem Verschlusshahn versehen. Nun werden am Ende des oberen Stollens zahlreiche kurze, einander kreuzende Horizontalgänge gegraben und endlich Wasser in diese geleitet. Das Wasser löst das Salz im Lehm auf, und dieser fällt zu Boden. Hierdurch bildet sich an der unteren Begrenzung des auszulaugenden Raumes eine Schichte von salzfreiem Lehm, welcher für Wasser nicht durchlässig ist und die Vergrößerung der Kammer nach unten hin verhindert. Nach oben und nach den Seiten hin vergrößert sich aber die Auslaugkammer, während sich ihr Boden durch Anhäufung ausgelaugten Lehms fortwährend erhöht. Es entsteht ein horizontal ausgebreiteter, niedriger Hohlraum von beträchtlichem, immer zunehmendem Durchmesser, der die Gestalt einer genau horizontal liegenden, mit der Wölbung nach abwärts gekehrten planconvexen Linse hat. Da die entstehende Salzsole specifisch schwerer als Wasser ist, also ein geringeres Volumen einnimmt als das Wasser und das Salz, aus denen sie entstand, zusammengenommen, so muss fortwährend frisches Wasser zugeführt werden. Hat das Wasser in dem Hohlraum 26% Salz aufgenommen, so wird der Hahn der verticalen Abflussröhre geöffnet, und die Sole strömt durch dieselbe, durch das Leitungsrohr im unteren Stollen und die Hauptleitung im Halltal hinab zum Sudwerk in Hall. Betrachtet man nun den Raum, aus welchem die Sole gewichen ist, so fällt vor allem die vollkommen ebene, genau horizontale Decke derselben auf, und erstaunlich scheint es, dass dieselbe nicht ganz oder teilweise einstürzt. Es finden sich aber in dem Salzgebirge außer dem Kochsalz in geringer Menge noch andere, hygroskopische Salze, welche Wasser aufsaugen, sobald sie mit solchem oder mit Luft (die stets wasserhaltig ist) in Berührung kommen. Durch diese Wasseraufnahme schwillt aber das Gestein derart an, dass es einen ungeheuren Seitendruck ausübt und, dadurch gefestigt, sich selbst in seiner Lage erhält.

Die großen ärarischen Waldungen in der Umgebung von Hall liefern das Holz, mit dem die Sole eingedampft wird.

Eine gute Straße führt von Hall zunächst über den Schuttkegel und dann durch die enge Schlucht dem Südfuß der Wände der Bettelwurfspitze entlang hinauf zu dem Bergwerk. An einer Stelle wird diese Straße jedes Jahr mehrmals von gewaltigen Lawinen verschüttet, die vom Bettelwurf herabkommen. Ein Felsensteig an der gegenüberliegenden Talwand umgeht diese lawinengefährliche Stelle.

Abb. 6. Das Hoferdenkmal auf dem Berge Isel.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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