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Die erste seltsame Zurüstung, die wir bei unserer Ankunft sahen, die aber die Reinlichkeit dieser Stadt beweist, war, daß die Stufen der Wendeltreppe unseres Gasthauses ganz mit Leinenzeug belegt waren, über das wir schreiten mußten, um die eben, - wie jeden Samstag, gewaschene und geputzte Treppe nicht schmutzig zu machen. Wir bemerkten niemals Spinngewebe noch Schmutzspuren in all diesen Gasthäusern; in einigen gibt es Vorhänge, die man nach Gefallen vor die Scheiben ziehen kann. Tische finden sich nicht in den Zimmern, ausgenommen die an dem Fuß jedes Bettes angebrachten, die sich in Scharnieren bewegen und nach Belieben auf- und zugeklappt werden können.

Die Bettfüße ragen zwei bis drei Fuß über die Bettstellen hinaus, oft so hoch wie das Kopfkissen; das Holz, das dabei verwendet wird, ist gut und zeigt schöne Arbeit, jedoch übertrifft unser Nutzholz weit ihr Tannenholz. Auch hier wurden in die blinkenden Zinnteller zur Schonung hölzerne gesetzt; an den Betten sind vor die Wand oft Tücher und Vorhänge gezogen, damit man die Wand nicht anspuckt und verunreinigt. Die Deutschen sind Liebhaber von Wappen: denn in allen Gasthäusern findet man sie von den durchziehenden Edelleuten schockweise an den Wänden zurückgelassen, auch alle Scheiben sind damit versehen. Die Speisenfolge ist im Land sehr verschieden; hier wurden zuerst Krebse aufgetragen, die überall sonst gegen Ende kommen, sie waren von einer außerordentlichen Größe. In verschiedenen Gasthäusern, wenigstens den großen, wird alles zugedeckt aufgetragen. Was die Glascheiben so leuchtend macht, ist das Fehlen unserer festen Fenster; vielmehr sind hier die Rahmen beweglich und die Scheiben werden oft geputzt.

Der Herr von Montaigne besah sich am nächsten Morgen, einem Sonntag, mehrere Kirchen, und fand in den sehr zahlreichen katholischen überall den Gottesdienst sehr gut eingerichtet. Sechs Kirchen mit sechzehn Geistlichen gehören den Protestanten, zwei davon sind den Katholiken weggenommen, die vier übrigen für sie erbaut. Am gleichen Morgen besuchte er eine davon, die einem großen Kollegsaal glich und weder Bilder, noch Orgeln, noch Kreuze hatte. An den Wänden ziehen sich viele Inschriften in deutscher Sprache hin: es sind Bibelstellen; ferner sind zwei Kanzeln da, die eine für den Geistlichen bei der Predigt, die andere, die etwas tiefer liegt, für den, der den zu singenden Psalm anstimmt: nach jeder Strophe wartet die Gemeinde, bis dieser die nächste beginnt; es wird durcheinander gesungen, wer gerade will, und auch mit bedecktem Haupt, wer will. Darauf schritt ein Prediger, der in der Menge stand, zum Altar, las ein langes Gebet aus einem Buch, und die Gemeinde erhob sich, faltete die Hände und erwies dem Namen Jesu Christi ihre große Ehrfurcht.

Ausschnitt aus dem Stadtplan von Kilian 1026: Der DomNachdem der Prediger, der unbedeckt geblieben war, mit dem Vorlesen aufgehört hatte, kamen auf den Altar ein weißes Tuch, eine Kanne und ein Napf mit Wasser; eine Frau reichte ihm, in Gesellchaft von zehn bis zwölf anderen Frauen, ein Wickelkind mit unbedecktem Gesicht. Der Prediger tauchte dreimal alle Finger in den Napf, berührte das Gesicht des Kindes und sprach bestimmte Worte. Darauf traten zwei Männer heran und legten jeder zwei Finger der rechten Hand auf dies Kind: der Prediger sprach zu ihnen, und die Handlunng war zu Ende. Beim Hinausgehen unterhielt sich der Herr von Montaigne mit dem Prediger. Sie rühren an keine Einkünfte der Kirche, sondern werden öffentlich vom Staat besoldet. In dieser Kirche allein war eine größere Gemeinde und mehr Arbeit als in zwei oder drei katholischen zusammengenommen.

Wir sahen kein einziges schönes Frauenzimmer. Deren Kleidung ist mehr verschieden; bei den Männern dagegen ist es schwer, die Adligen zu erkennen, um so mehr, als jedermann seine verbremte Mütze und einen Degen an der Seite trägt.

Das Gasthaus, in dem wir wohnten, hatte auf dem Wirtsschild einen Baum, der dort zu Land „Linde“ heißt; es war neben dem Palast der Fugger. Einer aus dieser Familie war vor ein paar Jahren gestorben und hatte seinen Erben zwed Millionen guter französischer Taler hinterlassen, und jene gaben, um für seine Seele bitten zu lassen, den dort ansässigen Jesuiten bare dreißigtausend Gulden, womit die Väter sich eine hübsche Niederlassung bauten. Das Fuggerhaus ist mit Kupfer bedeckt. Im allgemeinen sind hier die Häuser schöner, größer und höher als in irgendeiner französischen Stadt, die Straßen breiter. Der Herr von Montaigne schätzt, daß Augsburg die Größe von Orleans besitzt.

Nach Tisch besuchten wir ein Schaufechten in einem öffentlichen Saal. Es wohnte eine große Menge bei; man bezahlt den Eintritt wie bei Taschenspielern und außerdem den Platz auf der Bank. Es wurden mit dem Dolch, dem Zweihänder, einem an beiden Enden mit Eisen beschlagenen Stab, und dem kurzen Breitschwert gefochten; hernach wohnten wir einem Preisschießen mit Armbrust und Bogen bei, an einer noch prächtigeren Örtlichkeit als in Schaffhausen.

An dem Stadttor, durch das wir eingezogen waren, bemerkten wir unter der Brücke eine große Wasserleitung, die von außen kommt und auf eine hölzerne Brücke unter der Verkehrsbrücke und über den Fluss, der durch den Stadtgraben zieht, hinweggeleitet ist. Diese Leitung dient dazu, eine bestimmte Anzahl Räder zu treiben, die mehrere Pumpen in Bewegung setzen und durch zwei Bleiröhren das Wasser eines Brunnens, der dort sehr tief liegt, auf die Höhe eines mindestens fünfzig Fuß hohen Turmes heben. Hier ergießt sich das Wasser in einen steinernen Behälter, sinkt in verschiedenen Röhren wieder hinunter und verteilt sich von da in die Stadt, die durch dieses eine Kunstmittel mit Brunnen reich versehen ist. Die Eigentümer, die eine Abzweigung davon für eigenen Gebrauch wollen, haben der Stadt bloß zehn Gulden Rente oder zweihundert Gulden einmalig zu zahlen. Es sind vierzig Jahre her, seit die Stadt mit diesem ansehnlichen Werk verschönert worden ist.

Heiraten zwischen Katholiken und Protestanten finden täglich statt und der Teil, der am meisten Verlangen hat, nimmt den Glauben des anderen an; solche Ehen bestehen zu Tausenden; unser Wirt z. B. war Katholik, seine Frau Protestantin.

Die Gläser werden hier mit einer am Ende eines Griffs befestigten Haarbürste gereinigt. Nach der Aussage der Einheimischen gibt es sehr schöne Pferde im Preis von vierzig bis fünfzig Talern. Die Stadt ließ den Herrn von Estissac und Montaigne, um sie zu ehren, für ihr Souper vierzehn große Krüge mit einheimischem Wein von sieben livrierten Stadtsoldaten und einem ehrenwerten Offizier überbringen. Den Offizier luden wir zum Souper ein, denn so ist es Sitte, ebenso wie wir den Trägern etwas schenkten; wir gaben ihnen einen Taler. Der Offizier, der so mit uns speiste, sagte dem Herrn von Montaigne, sie wären zu dritt in der Stadt mit dem Amt betraut, den Fremden von Qualität dergestalt aufzuwarten, und sie wären deshalb besorgt, unsern Stand kennenzulernen, um danach die gebührenden Zeremonien einzuhalten; es bekommt nicht einer gleich viel Wein wie der andere. Bei einem Herzog kommt einer der Bürgermeister, um ihn zu überreichen; wir wurden für Barone und Ritter angesehen. Aus bestimmten Gründen hatte der Herr von Montaigne gewollt, man solle dieser Annahme entgegentreten und unseren Stand nicht verraten, auch ging er den ganzen Tag in Begleitung durch die Stadt, glaubte aber, daß gerade das dazu diente, uns noch angesehener zu machen. Die erwähnte Ehrung wurde uns in allen deutschen Städten zuteil.

Simon Grimm - Fischgraben und Barfüßerkirche Als er durch die Kirche unserer lieben Frau ging, hielt er, ohne daran zu denken, der Kälte wegen — die Kälte begann nämlich seit Kempten fühlbar zu werden, während wir bis dahin das denkbar glücklichste Wetter gehabt hatten — das Taschentuch an die Nase; auch war er der Meinung, er würde so allein und sehr schlecht angezogen niemandes Aufmerksamkeit erregen: als die Leute später vertrauter mit ihm standen, sagten sie ihm, die Besucher der Kirche hätten dies Benehmen seltsam gefunden. So entging er doch nicht dem, was er am meisten haßte, durch irgendein von der ortsüblichen Art abweichendes Auftreten auffällig zu werden; denn soweit es an ihm liegt, passt er sich den Sitten der Stadt an, in der er sich aufhält, und in Augsburg z. B. trug er eine verbremte Mütze. Wie die Augsburger erzählen, haben sie zwar Mäuse, dagegen keine der großen Ratten, von denen das übrige Deutschland heimgesucht wird; sie erzählen darüber eine Menge Wundergeschichten und schreiben ihre Bevorzugung einem ihrer dort begrabenen Bischöfe zu; von diesem Grab wird Erde in kleinen, nussgroßen Stückchen verkauft, und sie soll das Gezücht überall verjagen.

Am Montag wohnten wir in der Kirche unserer Lieben Frau der pomphaften Hochzeit eines reichen und häßlichen Bürgermädchens mit einem Geschäftsführer der Fugger, einem Venezianer, bei; wir sahen dabei kein einziges hübsches Frauenzimmer.

Die verschiedenen Fugger, die alle sehr reich sind, nehmen eine erste Stelle in der Stadt ein. Wir sahen auch zwei Säle in ihrem Haus; der eine war groß, hoch und mit Marmor ausgelegt; der andere ist niedrig, reich an alten und modernen Medaillons und besitzt am Ende ein kleines Zimmer. Es sind die reichsten Zimmer, die ich je gesehen habe. Wir sahen uns auch den Tanz der Hochzeitsgesellschaft an: man tanzte bloß Allemanden, die jeden Augenblick abgebrochen wurden, worauf die Herren die Damen zu ihren Plätzen zurückführten: es waren zwei Reihen mit rotem Tuch ausgeschlagene Bänke an den Seiten des Saales. Nach einer kleinen Erholungspause holten sie sie wieder ab, dabei küßten die Herren ihre eigene Hand, während die Damen dies nicht tun, dann legen sie ihre Hand unter die Achsel der Damen, pressen sie an sich, und die seitwärts gewendeten Gesichter nähern sich einander, wobei die rechte Hand der Dame auf der Schulter des Tänzers ruht. So tanzen sie und unterhalten sich, ganz ohne Kopfbedeckung, und nicht besonders reich gekleidet.

Wir sahen noch andere Häuser der Fugger in anderen Gegenden der Stadt, die ihnen durch soviel Aufwendungen zur Verschönerung verbunden ist: es sind Lusthäuser für den Sommer. In einem sahen wir eine Uhr, die durch die Bewegung von Wasser, das als Uhrgewicht dient, in Gang gehalten wird, ferner zwei große gedeckte Fischbehälter, zwanzig Schritt im Geviert und voll von Fischen. An den vier Ecken jedes Behälters waren verschiedene kleine Röhren angebracht, die einen gerade, die anderen nach oben gerichtet; daraus läuft das „Wasser sehr gefällig in die Behälter, teils in geradem Strahl, teils bis zur Höhe einer Lanze emporspringend.

Zwischen den beiden Behältern liegt ein zehn Schritt breiter, mit Dielen belegter Raum, und durch die Dielen dringen zahlreiche kleine, unsichtbare Bronzespitzen: wenn die Damen sich damit ergötzen, dem Haschen der Fische zuzusehen, wird irgendeine Hemmung frei, und all die Spritzen sprudeln dünne, flinke Strahlen bis zu Mannshöhe und netzen die Untenröcke und Schenkel der Damen. Anderswo wieder kann es beim Betrachten eines hübschen Springbrunnens passieren, daß man vor unsichtbare Röhrchen tritt, die einem das Wasser hundertfach in Strahlen ins Gesicht spritzen; dabei steht die lateinische Inschrift: Quaesisti nugas nugis gaudeto repertis (Du suchst nach einer Spielerei: an der gefundenen ergötze Dich).

Auch ein Vogelhaus ist da, zwanzig Schritt im Geviert, zwölf bis fünfzehn Fuß hoch, überall mit gut geknüpftem und geflochtenem Eisendraht geschlossen; innen sieht man zehn bis zwölf Tannen und einen Springbrunnen: das alles ist voll von Vögeln. Wir fanden da polnische Tauben, die bei ihnen indische heißen und die ich schon kannte: sie sind fett und haben einen Schnabel wie ein Rebhuhn. Wir sahen auch den Betrieb eines Gärtners, der in Voraussicht der schädlichen Fröste in eine kleine gedeckte Hütte eine Menge Artischocken, Kraut, Lattich, Spinat, Zichorie und andere Pflanzen zusammengebracht hatte; sie waren alle gepflückt, als sollten sie auf der Stelle gebraucht werden, aber indem er sie in einen besonderen Boden brachte, hoffte er sie zwei bis drei Monate gut und frisch zu erhalten; und in der Tat hatte er damals hundert gar nicht welke Artischocken, die doch schon vor mehr als sechs Wochen ausgenommen worden waren.

Wir verfehlten auch nicht, Männer aufzusuchen, die von Venedig dem Herzog von Sachsen zwei Strauße brachten; das Männchen ist schwärzer und hat einen roten Hals, das Weibchen mehr grau; dieses legte viel Eier. Die Überbringer führten sie zu Fuß und sagten, die Tiere würden weniger müde als sie und drohten ihnen jeden Augenblick zu entweichen; daher wurden sie durch Gurte gefesselt, von denen der eine das Kreuz umschnürte und über die Schenkel lief, der andere über die Schulterblätter; durch lange Leinen wurden sie zum Halten veranlaßt und nach Belieben der Führer hin und her gewendet.

Simon Grimm – Schrand- und WeberhausAm Dienstag konnten wir durch eine ganz besondere Gefälligkeil der Herren vom Stadtrat eine Schlupfpforte in der Stadtmauer besichtigen, durch die zu allen Stunden der Nacht jedermann eingelassen wird, sei er zu Fuß, sei er zu Pferd, vorausgesetzt, daß er seinen Namen nennt und zu wem er in der Stadt will, oder den Namen des Gasthauses, das er sucht. Zwei zuverlässige Leute wachen im Sold der Stadt an diesem Tor. Berittene zahlen zwei Batzen Einlassgeld, Fußgänger einen. Außen ist die Türe mit Eisen beschlagen: seitwärts hängt an einer Kette ein Stück Eisen, an dem man zieht; die Kette führt auf weitem Umweg und in vielen Windungen in das sehr hoch gelegene Gelaß des einen jener Türwächter und setzt hier ein Glöckchen in Bewegung. Der Pförtner, der nur sein Hemd an hat und im Bett liegt, öffnet dadurch, daß er eine Winde zurückzieht und wieder vorschnellen läßt, auf eine Entfernung von mehr als gut hundert Schritt die erste Pforte. Der Ankömmling tritt ein und befindet sich auf einer Brücke, die eine Länge von ungefähr vierzig Schritt hat, ganz gedeckt ist und über den Stadtgraben führt; längs der Brücke ist in einem hölzernen Rohre die Winde gelegt, mit der die Außenpforte geöffnet wird, welch letztere sich übrigens unmittelbar hinter den Eingetretenen schließt.

Hat man die Brücke überschritten, so kommt man auf einen kleinen, freien Raum und sagt dem ersten Pförtner seinen Namen und die erwähnte Adresse. Danach benachrichtigt dieser durch eine Klingel seinen Kameraden, der ein Stockwerk unter diesem Portal wohnt (wo viele Wohnräume sind); vermittels einer Spirale öffnet dieser zweite Pförtner von einer Galerie neben seinem Zimmer aus zunächst eine kleine eiserne Schranke und windet darauf mit Hilfe eines großen Rades die Zugbrücke auf, ohne daß man von allen diesen Bewegungen etwas merkte, da sie innerhalb der dicken Mauern und des Tores vor sich gehen, und mit einem Male schnellt das alles mit großem Getöse dn seine Lage zurück. Nach der Brücke öffnet sich eine große, dicke Holztür, die durch mehrere Eisenplatten verstärkt ist. Der Fremde findet sich in einem Saal und sieht auf dem ganzen Weg niemand, mit dem er sprechen könnte. Wenn hier das Tor hinter ihm zugefallen ist, öffnet ihm jemand eine zweite ähnliche Tür; er tritt in einen neuen Saal, und dieser ist beleuchtet. Von der Decke hängt an einer Kette ein ehernes Becken, in das er das Einlaßgeld werfen muß. Der Pförtner windet die Schale herauf, und wenn er nicht zufrieden ist, läßt er den Fremden bis zum nächsten Morgen warten; entspricht das Geld dem herkömmlichen Betrag, so öffnet er ihm auf die frühere Weise ein großes, den anderen ähnliches Tor, das sich sofort hinter dem Ankömmling schließt, und nun ist er in der Stadt. Das ist eine der kunstreichsten Einrichtungen, die man sehen kann; die Königin von England hat einen besonderen Gesandten geschickt, um den Rat um Erklärung der Maschinerie zu bitten: wie sie erzählen, wurde ihr Ansuchen abgeschlagen. Unter diesem Portal ist ein großer Keller, in dem fünfhundert Pferde unbemerkt Platz finden, um eine Verstärkung erhalten oder ohne Wissen der gewöhnlichen Büxger im Kriegsfall senden zu können.

Von da gingen wir nach der sehr schönen Heiligkreuzkirche. Hier spielt ein Wunder, das vor nahe hundert Jahren sich zutrug, eine große Rolle: eine Frau wollte den Leib des Herrn nicht schlucken, zog ihn aus dem Munde und legte ihn, in Wachs gehüllt, in eine Schachtel; als sie dann beichtete, fand man ihn in Fleisch verwandelt. Diesem Zeichen wird großer Wert beigelegt, und an mehreren Orten ist auf lateinisch und deutsch auf das Wunder verwiesen. Unter Kristall zeigt man das Wachs und dazu ein kleines fleischfarbenes Stückchen. Die Kirche ist wie das Fuggerhaus mit Kupfer belegt, was überhaupt dort nicht selten vorkommt. Dicht daneben steht eine lutherische Kirche: auch hier wieder haben sie sich gleichsam in den Kreuzgängen der katholischen Kirchen einlogiert und angebaut. An dem Portal dieser Kirche ist das Bild unserer Lieben Frau mit dem Jesuskind und anderen Heiligen und Kindern angebracht, dabei der Spruch „Sinite parvulos venire ad me“ (Lasset die Kindlein zu mir kommen . . .).

In unserem Gasthaus sahen wir eine aus Eisenstücken zusammengesetzte Winde, die bis auf den Boden eines tiefen Brunnens reichte; wenn dann oben ein Bursche gewisse Eisenteile bis drei Fuß hob und senkte, so verdrängten diese nacheinander das auf dem Boden stehende Wasser, trieben es aus den Pumpen und zwangen es dergestalt, sich in einer Bleiröhre zu stauen, aus der es dann in die Küchen und jeden anderen Ort nach Bedarf abgeleitet werden konnte. Ein Weißer ist dazu angestellt, sofort schmutzig gewordene Stellen an den Wänden auszubessern.

Kunstschmiedearbeit - GitterEs wurden uns Pasteten, große und kleine, in irdenen Gefäßn von der Farbe und genau der Form der Pastete selbst serviert. Es vergehen wenig Mahlzeiten, ohne daß einem Zuckerwerk und Büchsen mit Eingemachtem angeboten würden. Das Brot ist das denkbar ausgezeichnetste, die Weine sind gut und wie überhaupt in Deutschland meist weiß; um Augsburg wächst keiner, und er kommt fünf bis sechs Tage weit her. Auf hundert Gulden, welche die Wirte für Wein bezahlen, verlangt die Stadt sechzig, die Hälfte weniger von einem Privatmann, der bloß für seinen eigenen Bedarf kauft. An verschiedenen Orten besteht schließlich die Sitte, in den Zimmern und auf den Öfen Räucherwerk zu verbrennen. Die Stadt war zuerst ganz Zwingli ergeben; als später die Katholiken zurückgerufen wurden, nahmen die Lutheraner die zweite Stelle ein; bis zur Stunde spielen noch die Katholiken die erste Rolle, trotzdem sie weit in der Minderzahl sind. Der Herr von Montaigne machte auch den Jesuiten einen Besuch und fand bei ihnen einige recht gelehrte Leute. Mittwoch, den 19. Oktober, nahmen wir zum letztenmal dort unser Frühstück ein.

Ich hinterließ ein Schild mit dem Wappen des Herrn von Montaigne, das vorn auf der Tür unseres Zimmers angebracht wurde; es war sehr gut gemalt und kostete mich zwei Taler an den Maler und zwanzig Sous an den Schreiner. — Die Stadt liegt am Lechfluss, Lycus.

Abb. 1 Simon Grimm - Kreuzertor
Abb. 2 Ausschnitt aus dem Stadtplan von Kilian 1026: Der Dom
Abb. 3 Simon Grimm - Fischgraben und Barfüßerkirche
Abb. 4 Simon Grimm – Schrand- und Weberhaus
Abb. 5 Kunstschmiedearbeit


 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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