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Aus diesem Ansehen, welches überhaupt ein Bart gab, scheint die Wichtigkeit des Verlustes seines Bartes hervorzugehen, und hieraus das Sprüchwort: „er ist barbiert worden“ entstanden zu sein. Auch könnte sich vielleicht diese Redensart aus der Geschichte eines Grammatikers aus dem 15. Jahrhundert, Namens Philelphus, herleiten lassen. Dieser hatte mit einem gewissen Timotheus einen grammatischen Streit und Beide setzten dem Gewinner, zum Preise des erhaltenen Sieges, das Recht, über den Bart des lieberwundenen nach Gefallen disponieren zu können. Philelphus gewann, und Timotheus bot eine beträchtliche Summe, um seinen Bart zu retten, allein Philelphus, obgleich arm, schlug das Gebot aus und ließ seinem Gegner ohne Gnade den Bart abscheren. Man denke sich nun, wie sehr der arme Timotheus barbiert war.

 

Indessen stand der Bart nicht zu allen Zeiten in gleich großem Ansehen, vielmehr war er bis zu den neuesten Zeiten eine der interessantesten Joujous der Göttin Mode.

 

So ließen sich z. B. die Römer bisweilen den Bart wachsen, um sich nach dem Sprichworte: barba decet virum ein Ansehen zu geben; bald ließen sie ihn aus dem nämlichen Grunde abscheren. In einem gewissen Zeiträume durfte keiner seinen Bart vor dem fünfundzwanzigsten Jahre abscheren, und wenn er endlich dieses Alter erreicht hatte, so tat er es unter großen Feierlichkeiten, gab Feste und opferte seinen abgeschnittenen Bart dem Jupiter, der Venus Barbara oder irgend einer anderen Gottheit.

 

In den neuesten Zeiten, besonders in den letzten vier Jahrhunderten, hat das Ansehen und die Länge des Bartes so zu sagen systematisch und nach fallenden Progressionen abgenommen, bis endlich beide bis zur Null herabgesunken sind und es wohl eine Zeit lang bleiben dürfte, wenn nicht der Neufranken Geneigtheit zu täglichen Veränderungen auch mit dem Barte eine neue Veränderung beginnt.

 

Große Bärte tragen in der Regel gegenwärtig nur Schriftsteller, Künstler, oder überhaupt Leute von exzeptioneller Stellung. An den Höfen sind sie jetzt höchst selten.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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