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Es stimmt. Augsburg hat was. Die Sehenswürdigkeiten. Wenn Besuch kommt, kann ich sie herzeigen und alle sind beschäftigt. Vielleicht sogar zufrieden.

Als ich noch in einem niedersächsischen Dorf lebte, gab es nur das Hermann Löns Denkmal und keiner wusste, wo es war. Den Heimatkundeunterricht hatte ich versäumt. Aufgrund einer Privatfehde mit der Lehrerin war ich die meiste Zeit vom Unterricht ausgeschlossen. Google gab es noch nicht. Wenn Besuch kam, blieb einem nichts übrig als sich zu unterhalten beziehungsweise streiten. Den ganzen Tag. Da lob ich mir Augsburg.

 

Als erstes führe ich die Ausländer in die Fuggerei.

„Älteste deutsche Sozialsiedlung“, sage ich stolz, als ob ich sie erfunden hätte.

„Kosten für die Miete nur ein symbolischer Euro (früher Gulden). Allerdings nur für bekennende Katholiken.“

„Klar, dass da ein Haken dran ist“, sagt Onkel Herbert, ein pensionierter evangelischer Pfarrer. „Irgendwie mussten sie ihre Schäfchen ja rekrutieren.“

Der Arme. Seine letzten Berufsjahre hat er vor  leeren Kirchenbänken gepredigt. Jetzt das.

 

Nächster Anlaufpunkt: Cafe Dichtl. Schwarzwälder Kirschtorte und Latte Machiato für die Tante. Weißwurst, süßer Senf, Brezen und ein Weizen für den Onkel. Beide sind glücklich. Onkel Herbert äußert sich lobend über die Esssitten der Eingeborenen.

 

Deckengemälde im Goldenen SaalDa es in der Nähe liegt, schlage ich als nächste Sehenswürdigkeit den Goldenen Saal vor. Dort angekommen, verlangen sie 1,50 Euro Wegegeld.

„Nein“, sagt die Tante. „Das zahl ich nicht. Wir haben heut schon so viel Geld ausgegeben. Was soll an dem Saal schon Besonderes sein?“

„Die Decke ist aus reinem Blattgold“, erkläre ich. „Komm. Ich lad euch ein.“

„Nein. Ich hab meine Prinzipien. Die Tür ist offen. Ich kann die Decke von hier aus sehen. Dafür zahl ich keine 1,50 Euro.“

Ich gebe auf. Schließlich habe ich noch ein paar Kirchen im Programm. Die kosten kein Wegegeld. Allerdings Barockkirchen. Ob der Onkel das verkraftet? Ich beschließe, das Risiko einzugehen. Wer wagt, gewinnt.

Onkel Herbert hat andere Pläne.

„Bertolt Brecht wurde in Augsburg geboren. Da will ich hin. Ins Bert Brecht Haus.“

Ich staune und schlucke. Hoffentlich wird er auf seine alten Tage nicht radikal. Das passt nicht. Mein Onkel. Der Herbert.

„Bert Brecht war Kommunist“, sage ich vorsichtig.

„Weiß ich. Weiß ich,“ meint Herbert. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Hat er gesagt. Der Brecht. Genialer Typ.“

„In letzter Zeit ist er oft so komisch“, flüstert die Tante. „Hoffentlich kein Alzheimer.“

„Nee, nee“, flüstere ich zurück. Brecht ist schon okay. Ist auch in Augsburg längst angekommen. Großer Sohn der Stadt. Lesungen all überall.“

Onkel Herbert läuft voraus, den Milchberg hinunter, als ob er den Weg kennt. Er singt vor sich hin.

„Und weil der Mensch ein Mensch ist,

drum braucht er keine Stiefel im Gesicht,

es macht ihn ein Geschwätz nicht satt....“

 

„Alzheimer“, flüstert meine Tante verzweifelt.

„Nee, neee“, sage ich.

 

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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