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Der Kalte Krieg hatte den heißen abgelöst. Sie sagten uns, bei einem Atombombenangriff sollten wir uns auf den Boden werfen und unsere Aktentaschen oder Schulranzen auf den Kopf legen. Mein Ranzen war alt und löchrig – er hatte vor mir schon einige Schulkinder ertragen müssen – deshalb rechnete ich mir keine Überlebenschancen aus. Die Atomstrahlen würden mit Leichtigkeit durch die Löcher schlüpfen und mein Gehirn weich kochen.

Angesichts dieser Zukunftsaussichten – gedünstetes Gehirn oder Gosse – hielt ich es für zwecklos, mich in der Schule anzustrengen. Keiner würde je nach meinen Noten fragen.

 

Die Deutschlehrerin war unantastbar, weil sie zwei Söhne und einen Mann im Krieg verloren hatte.

„Sie hat viel Schlimmes erlebt“, erklärten die Eltern mit Tremolo in der Stimme, wenn ich versuchte, mich darüber zu beschweren, dass sie mir die Gosse wünschte.

Vielleicht ist es dort ja interessant und abwechslungsreich, tröstete ich mich.

 

Später habe ich ihr den Gefallen getan. Als es endlich soweit war, ich das Abitur in der Tasche hatte und von zu Hause weg durfte, begab ich mich in die Gosse. Schnurstracks. Mal abgesehen von ein paar Umwegen.

Es gab Leute, die mich retten wollten. Anfangs hauptsächlich Männer. Inzwischen werden es weniger. Ich weiß nicht genau, ob ich das gut finden soll.

 

Jedenfalls habe ich auf das gehört, was meine Lehrerin mir gesagt hat. Gehorsam ist die erste Bürgerpflicht. Die alte Schulmeisterin brauchte auch mal ein Erfolgserlebnis, nachdem der Krieg schon verloren war und mit ihm zwei Söhne und der Mann. Hoffentlich hat sie es noch mitgekriegt.

 

Inzwischen ist sie längst tot. Deshalb überlege ich manchmal , ob ich mir nicht doch eine Sozialwohnung im Hasenbergl zuweisen lassen soll. So ein Dach über dem Kopf auf meine alten Tage. Mal sehen.

 

Zur Zeit streune ich in München. Das ist eine reiche Stadt. Vielleicht fällt was für mich ab.

Ach ja – was ich nicht erzählt habe. Auf der Straße oder in der Gosse – wie Sie wollen – habe ich mir ein Hobby zugelegt. Aufgrund viel Übung und Erfahrung werde ich immer besser. Es ist viel spannender als Fernsehen.

Ich krieche in andere Menschen hinein, hefte mich an ihre Fersen, fühle, was sie fühlen, denke, was sie denken.

Manchmal ist es langweilig – zugegeben – wenn ich auf Leute treffe, deren Gedanken einer Hirnschraube ähneln. Immer die gleiche Windung. Neulich in Haidhausen, Weißenburgstraße bin ich aus Versehen in so einen hinein gekrochen. Von außen sah er interessant aus. Wie man sich täuschen kann?

Er dachte folgendermaßen:

„Wenn ich Bundeskanzler wäre… ja dann …aufräumen..ha ha…die würden sich wundern….wenn ich Bundeskanzler wäre…..Saustall…ausmisten...sooo würde es nicht weitergehen…haha…das hätte  ein Ende…eiserner Besen….haha…..da käme ein anderer Zug rein…haha….Ordnung schaffen…haha…wenn ich Bundeskanzler wäre..“

 

So schnell wie möglich versuchte ich aus dem Mann wieder rauszukommen. Ich konnte es  nicht hören, das war wie ne Lebensmittelallergie. Vielleicht hatte sich sogar meine alte Lehrerin in dem Mann reinkarniert, jedenfalls machte ich, dass ich davon kam.

 

Im Getümmel der Leopoldstraße fiel mir eine Frau auf. Sie war alt. Heimlich verfolgte ich sie, passte mich ihren Schritten an. Langsam. Trippelnd. Irgendwann werde ich auch so durch die Straßen gehen, den Oberkörper vorgebeugt, immer wieder nach rechts und links  sichernd wie ein Reh aus Angst, dass einer der Jäger, die in diesen schnellen, kleinen, vorbei brausenden Blechkisten sitzen, mich erlegen könnte.

 

Jetzt rubbelte die alte Frau mit der Sohle ihres rechten Schuhs über die Kante des Randsteins, um imaginäre oder tatsächliche Hundescheiße loszuwerden.

Vorgebeugt trippelte sie weiter, wurde fast von einem Radfahrer über den Haufen gefahren und schon stand sie vor der Ampel und wartete, dass die auf Grün sprang.

Ein Pulk Menschen um sie herum, die alte Frau mit ihrem grauen Filzkäppchen und dem langen Mantel in der gleichen Farbe – eine Insel der Einsamkeit.

Die Ampel wurde grün, sie hastete hinüber, so schnell ihre Füßchen sie trippeln ließen. Mitten auf der Leopoldstraße blieb sie stehen, schabte mit der Sohle über das Pflaster, um Hundescheiße loszuwerden.

 

Die alte Frau hatte es über die Straße geschafft. Längst war die Ampel auf Rot gesprungen. Ich allerdings wäre beinahe überfahren worden, als ich versuchte, mich knapp hinter ihr zu halten.

Jetzt ging sie in die Bäckerei, in der viele Menschen standen. Sie versuchte sich anzustellen, wurde jedoch von den Bedienungen immer wieder übersehen, weil sie so klein und so grau war.

 

Ich stand vor dem Schaufenster, sah ihr zu und stellte mir vor, wie es sein würde, wenn die alte Frau ihr Brot gekauft , endlich wieder ihre kleine Wohnung erreicht hätte, wo sie sich wohl und sicher fühlt, wie sie die Schuhe auszieht, mit einem feuchten Lappen abputzt, danach noch einmal an ihnen riecht, bevor sie die beiden mit einem zufriedenen Lächeln an ihren vorgeschriebenen Platz stellt, dort wo sie immer standen und immer stehen werden.

 

Für heute hätte sie es geschafft, das Brot gekauft, welches ihr Überleben sicherte. Der Abend läge vor ihr in seiner unendlichen Weite. Vor dem morgigen Tag müsste sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen, sich nicht mehr hinaus wagen in die feindliche Welt, wo tausende von Gefahren auf sie lauerten: Hundescheiße, mit großer Geschwindigkeit vorbei rasende Blechkisten, all das war weit weg.

 

Mit ruhigen Bewegungen würde sie sich ein Brot schmieren, sich in den Sessel setzen, den Treuen, der schon so viele Jahre mit ihr verbracht hatte. Langsam würde sie kauen, den Geschmack des Brotes in sich wirken lassen, das sie sich heute erkämpft hatte.

 

Mir allerdings war verdammt kalt geworden. Ich trottete zurück zur Münchener Freiheit und stellte mich in den Eingang von Karstadt, dort wo die warme Luft rauskommt.

 

Ich bin müde geworden. Es ist zu kalt, um „Platte zu machen“, was – kleine Anmerkung für Gossen – Laien – draußen schlafen bedeutet.

Ich gehe ungern in die Obdachlosenunterkunft. Nicht wegen der anderen Frauen. Ihr Keuchen und Stöhnen und Brabbeln in der Nacht macht mir nichts aus.  Es ist die Schwester Helene, die ich nicht packe. Sie  erinnert mich an die alte Lehrerin.

Schwester Helene arbeitet  fast unentgeltlich in der Obdachlosenunterkunft. Sie will ihre guten Werke im Diesseits ableisten, damit sie  im Jenseits einen ordentlichen Posten erhält. Mir ist das Jenseits schnuppe. Vor allem will ich nicht bekehrt werden. Wenn ich schon in der Gosse lebe, dann wenigstens in Ruhe.

Was bleibt mir übrig?

Schwester Helene öffnet mir. Ihre Kutte stinkt nach einem schwer definierbaren Gemisch aus Weihrauch, Mottenkugeln und zu lange nicht gewaschenem Körper.  Ich bin nicht empfindlich, das haben mir die Jahre auf der Straße ausgetrieben. Doch dieser Geruch ist ätzend.

Ich ringe meinem Gesicht ein müdes Grinsen ab, als ich mich an ihr vorbei schiebe.

 

Im Stockbett über mir schnarcht Annette, eine sechzigjährige Frau, die immer wieder wegen kleinerer Diebstähle im Gefängnis saß, wo sie sich mittlerweile sehr wohl fühlt. Vor zwei Tagen war sie aus der Untersuchungshaft in Neudeck entlassen worden, obwohl sie direkt vor den Augen des Kaufhausdetektivs eine sehr teure Uhr eingesteckt hatte. Annette hatte gehofft, dass sie dafür mindestens zwei Monate bekommen würde, um im Warmen zu sitzen. Trotz ihrer vielen Vorstrafen hatte der Richter beide Augen zugekniffen, was Annette empörte. Die Justiz war auch nicht mehr das, was sie mal war. Schließlich konnte sie den Richter schlecht anbetteln, sie in den Knast zu schicken, das war unter ihrer Würde. Der Mann handelte nach seinen Vorgaben. Die Gefängnisse waren hoffnungslos überfüllt, er hatte strikte Anweisung niemanden wegen eines Bagatelldelikts zu freier Kost und Logis zu verhelfen.

Außerdem wollte Anette Olga wiedersehen, ihre Blutsschwester, die eine langjährige Haftstrafe in Aichach verbüßte und die sie vor einem halben Jahr zurücklassen musste, als die Gefängnistore sich für sie öffneten und sie in die Freiheit verstoßen wurde.

 

Mit jedem Brief, den Olga an die Adresse der Obdachlosenunterkunft schickte, wuchs Annettes  Sehnsucht. Der billige Fusel, mit dem sie das Gefühl ertränkte, verursachte grimmige Magenbeschwerden.

 

„Sie haben das letzte Wort“ hatte der Richter sie zum Sprechen aufgefordert. Annette blieb stumm. Was wusste denn  so einer von Familienbanden, romantischer Liebe und wahrer Freundschaft.

 

So  kam es, dass Annette über mir schnarchte und von einer warmen, gemütlichen Einzelzelle träumte. Sie legte Wert auf Privatsphäre. Auch die anderen Frauen im Saal stöhnten und keuchten und wälzten sich umher.

Kaum eingeschlafen, hörte ich die  Stimme der Schwester Helene, die „Zeit zum Aufstehen“ rief und uns aus den Betten vertreiben wollte.

 

Die Jahre,  in denen sie mit Jesus verheiratet war, der schon zweitausend Jahre nicht mehr unter den Lebenden weilte und somit nicht in der Lage war, all ihre Bedürfnisse zu befriedigen, diese Jahre hatten bittere Linien in Schwester Helenes  Gesicht gegraben.

 

Ich konnte und wollte sie nicht länger anschauen und machte, dass ich fortkam. Draußen war es bitter kalt.

 

Ich mag nicht mehr, hab keine Lust mehr zum Streunen. Nicht bei diesem Wetter. Ich werd mir eine Bude suchen und Karriere machen.

 

Ich bin ein Spätentwickler. Nein. Falsch. Eine Spätentwicklerin. Das ist ein Beruf, den auch Frauen ausüben können. Emanzipation sei Dank.

 

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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