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Ich arbeite in der Buchhaltung. Dort habe ich mit diesem Stoff  zu tun. Virtuell.

Es kommt vor, dass ich Anlagevermögen aktivieren muss. Förderbänder, Werkzeugmaschinen, Gebäude werden buchhalterisch dem Anlagevermögen der Firma einverleibt, eine lineare oder degressive Abschreibung festgelegt.

„Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, sagte Karl Marx oder war es Hegel?

Ich beschloss, da wir in Zeiten der Krise leben mein persönliches Anlagevermögen zu erweitern als Absicherung gegen das Alter und andere lebensgefährliche Situationen. Bisher besteht es aus einem Auto, das ich vor vielen, vielen Jahre für 5.300 Deutsche Mark gekauft habe. Inzwischen halte ich es für wertvoller, da es mehr Lebenserfahrung auf dem Buckel und mehr Kilometer auf dem Tacho hat.

 

Für eine Eigentumswohnung reicht es momentan nicht. Deshalb ging ich zum Aldi und kaufte ein Drei-Mann-Iglu-Zelt für Euro 39,90. Als Buchhalterin weiß ich, dass es ein Geringwertiges Wirtschaftsgut ist, in einem Jahr abgeschrieben und somit kein echtes Anlagevermögen. Bei meinem Einkommen jedoch, das über Hartz IV liegt, fallen auch kleine Schritte der persönlichen Vermögens – und Altersabsicherung ins Gewicht. Als Zusatz Investition kaufte ich eine Komfort Luftmatratze von Karstadt. Ich unterstütze gern bankrotte Unternehmen. Da bin ich solidarisch.

 

Dann hatte ich genug. Wie schon erwähnt. Es war Sommer. Ich schmiss das Zelt samt Luftmatratze in den Kofferraum und fuhr mit meinem gesamten Anlagevermögen Richtung Süden. Kurz hinter Villach regnete es immer noch. Mein Zelt wollte ich vor solchen Widrigkeiten schützen und ging deshalb in den Gasthof zur Post. Morgens nach einem reichlichen Frühstück zahlte ich cool mit Kreditkarte. Die habe ich hinüber gerettet aus besseren Zeiten. Auch später half sie mir weiter. Auf der Autobahn – irgendwo in Italien – kam ich an eine Maustelle. Vor mir eine Schranke, die sich nicht öffnete, hinter mir hupende Autos, von links sprach mich eine Computerstimme an.

„Haben Sie eine Kreditkarte?“

„Ja“, sagte ich stolz.

Trotzdem öffnete die Schranke sich nicht. Das Hupen schwoll an. Ich umklammerte das Lenkrad fester, betrachtete den Horizont, fest entschlossen, mich weder durch hupende Autos noch durch Computerstimmen aus der Ruhe bringen zu lassen. Die fragte schon wieder:

„Haben Sie eine Kreditkarte?“

„Sagte ich doch“, brüllte ich, zog die Kreditkarte raus und stopfte sie in den Schlitz, das Maul, aus dem die Stimme kam. Das war auch nicht recht. Der Schlitz spuckte sie wieder aus zusammen mit einem weißen Zettel, die Schranke öffnete sich, ich gab Gas, fing an zu singen „Wacht auf Verdammte dieser Erde,,,,“ und fuhr in den Horizont hinein.

Am Abend schlug ich in der Nähe von Opatija auf einem Campingplatz am Meer mein Zelt auf.

„Zurück zur Natur“, dachte ich und schaute stolz auf das Aldi – Iglu. “My home is my castle“.

Schwitzend von der Anstrengung öffnete ich den Reißverschluss des Außenzeltes, bückte mich, um ins Innenzelt zu kriechen, als eine miese kleine kroatische Wespe, die sich irgendwo verfangen hatte und jetzt eine Panikattacke bekam, mir in die Schulter stach. Hätte sie nicht einen Wespenpsychiater aufsuchen können statt ihre Aggression dermaßen nach außen auf ein nichtsahnendes Opfer zu richten.

Mit der rechten Hand hielt ich die linke Schulter und stolperte mit leidendem Gesichtsausdruck zum Wohnmobil gegenüber, vor dem ein älterer Deutscher zusammen mit Hund im Liegestuhl saß, völlig unbehelligt von kroatischen Wespen.

„Haben Sie vielleicht eine Salbe oder so was gegen Wespenstiche?“ fragte ich. Er hatte keine, obwohl ich mir sicher war, für den Hund hätte er eine gehabt.

Es gibt Unterschiede – das muss ich akzeptieren.

Der Form halber brüllte er in Richtung Wohnmobil.

„Edith – hast du irgendein Anti – Histaminikum“.

„Nee – hat sie nicht“, sagte er kurz darauf, als das Wohnmobil keine Antwort gab. Hilfsbereit erklärte er mir, dass so ein Wespenstich oder Bienenstich oder was auch immer überhaupt nichts ausmache außer vielleicht der kleine momentane Schmerz.

„Wuff“, sagte der Hund woraufhin ich den beiden Arschlöchern den Rücken kehrte und meinen lädierten Körper Richtung Meer schleppte. Es war wunderbar kühl und erfrischend.

Ich schwamm solange bis mir die Finger schrumplig wurden und ich die Meerestemperatur mit meiner glühenden Schulter in die Höhe getrieben hatte.

Danach  spazierte ich auf dem Campingplatz herum und schaute mir die Bewohner der Siedlung an. Als ich klein war, gab es viele Haus – und Familienzelte und ein Haufen Kinder, die herum sprangen. Heute sah ich in der Hauptsache Wohnmobile mit älteren Ehepaaren. Ein wenig neidisch stellte ich mir vor, wie es wäre, morgens Hand in Hand zum Meer zu trippeln, um den Sonnenaufgang zu betrachten. Es gab auch Iglus so wie meines und Zwei-Mann-Zelte. Meist wurden sie von jungen Pärchen aus Tschechien oder Polen bewohnt.

In den nächsten beiden Tagen schloss ich Freundschaft mit einer mageren Katze, der ich mein Frühstück anbot. Sie verschmähte es und wollte stattdessen immer wieder gekrault werden – ein akutes Streicheldefizit. Ich schuf Abhilfe. Ein paar Fischschwärme sprangen vor mir in geordneter Formation durch die Luft, als wollten sie mir zeigen, was man alles rein zum Spaß tun kann.

Danach begann der Dauerregen. Ich lag im Zelt auf meiner Luxus – Luftmatratze, hörte dem Pladdern zu und betrachtete die Tropfen, die – wenn sie zu schwer wurden – in rasantem Tempo und im Zickzackkurs die Zeltwand herunter liefen. Sie erinnerten mich an Sternschnuppen oder auch an Spermien in ihrem Wettlauf Richtung Ei. Eine riesige Grille oder Grashüpfer mit ewig langen Beinen – jedes magersüchtige Model wäre neidisch gewesen – saß auf der Spitze meines Innenzeltes und wartete das Ende der Schlechtwetterperiode ab.

„Nimm dir ein Beispiel“, sagte ich mir. „Lerne von den Grashüpfern“.

Es nutzte nichts, denn meine Blase war übervoll. Seit einer Stunde musste ich aufs Klo, während der Regen aufs Zeltdach trommelte. Einen Schirm hatte ich nicht wie die Leute aus den Wohnmobilen, die ich über den Campingplatz wandeln sah. Wer nimmt schon einen Schirm mit auf einen Zelturlaub?

Kalt war mir nicht, denn ich hatte in einem Überlebenshandbuch gelesen, dass selbst feuchte Sachen warm halten, wenn man sie übereinander zieht. Meine waren nicht feucht, nur klamm. Über meinen Pullover hatte ich den Schlafanzug gezogen. Irgendwie war es gemütlich.

In einer Regenpause baute ich ab. Notdürftig putzte ich das verschlammte Aldi-Iglu und warf es ins Auto. Die Zeit war knapp, der nächste Regenguss kündigte sich an. Drinnen war es trocken und warm. Ich liebe mein Auto. Wir führen eine langjährige Beziehung. Es war immer gut zu mir. Wir bretterten los. Gen Süden natürlich.

Ein Sturm kam auf. In Kroatien nennt man es Bora. Auf der Küstenstraße geriet mein Auto in Gefahr ins Meer geweht zu werden. Ich parkte im Windschatten eines kleinen Motels, wo wir die Nacht verbrachten. Gerade noch rechtzeitig hatte ich mein Anlagevermögen gerettet. Sonst wäre es sofort und für immer abgeschrieben gewesen.

 

Ich wollte zu den Pitwitzer Seen. Das war ich mir schuldig. In dieser Landschaft wurden die Winnetou Filme gedreht. Als Kind hatte ich alle Karl May Bände gelesen. Der Wasserfall, unter dem Old Shatterhand Nschotschi das erste Mal geküsst hatte, den musste ich sehen. Es ging durch die Berge, Haarnadelkurven, die Wolken rissen auf, das Leben war wieder schön. Mein Auto und ich – uns kann nichts unterkriegen.

 

Ich fuhr durch kleinere Orte und guckte zweimal. Die Häuserfronten waren mit Einschusslöchern übersät. An manchen Stellen hatten sie etwas Putz reingeschmiert. Trotzdem sah jeder, dass hier mit Maschinengewehrsalven draufgehalten wurde. Der Krieg ist doch lange vorbei, überlegte ich. Nach den Häusern kam eine Art Steppenlandschaft. In der Mitte der Einöde ein Bushalteschild, völlig durchsiebt von Kugeln.

„Na, super“, dachte ich. „Das hast du davon, wenn du Kindheitserinnerungen nachjagst, Winnetou, Nschotschi, Old Shatterhand. Plötzlich stehst du  im Kriegsgebiet, genau wie in der herrlichen Kindheit, wo sich die Kleinen mit leuchtenden Augen die Köpfe einschlagen.“

Das Gaspedal rettete mich – ich behielt den Fuß drauf. Irgendwann kam ich in das Gebiet des Nationalparks, leicht daran zu erkennen, dass ein Gasthof auftauchte in der Form eines Tipizeltes, das „Hotel Winnetou“ hieß.

„Oh, Old Shatterhand, wenn du gewusst hättest, was diese Bleichgesichter tun“, erzählte ich meinem Auto, das zustimmend brummend weiterfuhr.

Der Nationalpark war wunderschön mit weit verzweigten Wasserfällen, wo ein See treppenförmig in den anderen hinunter rieselte. Im glasklaren, türkisblauen Wasser schwammen Fische über – und untereinander wie in einem 3-D-Film. Vor und hinter mir wanderten Touristen. Die Landschaft gehört zum Weltkulturerbe. Über Holzstege liefen wir durch all das Geriesel.

Drei junge deutsche Männer unterhielten sich über die Finanzierung ihrer Häuser. Es ging um Abschreibungen und Förderungen 7 b oder 10 y oder so. Daneben standen all die Fische rechts und links im Wasser. Zum Glück sind sie stumm und können nicht über Anlagevermögen reden.

Am Abend bekam ich ein Zimmer in einem Privathaushalt für 10 Euro. Es war eine Baustelle mit einem Bett in der Mitte. So überflüssige Dinge wie Gardinen oder Verkleidungen von Steckdosen gab es nicht. Dafür entdeckte ich kurz vor dem Einschlafen Löcher in der Decke, als der Scheinwerfer eines Lastwagens das Zimmer beleuchtete. Ich überlegte, ob es Einschusslöcher sind und wer hier auf wen geschossen hat.

Irgendwann stand ich auf, stellte die Reisetasche vor die Tür und fühlte mich sicher. Am nächsten Tag wanderte ich weiter auf Winnetous’ Spuren, bevor ich zurückfuhr durch die vernarbten Häuser, die Serpentinenstraßen, dem Meer entgegen.

 

Möwen kreischten, das Wasser kräuselte sich wie immer, als hätte es nichts anderes zu tun.

Arbeit wartete auf mich. Sehenswürdigkeiten anschauen. Doch ich war faul. Es war heiß geworden. Baden, schnorcheln, Fische angucken, stundenlang im Straßencafe sitzen, mehr schaffte ich nicht.

Manchmal, um wenigstens eine geringfügige geistige Leistung am Tag zu vollbringen, denn wer rastet, der rostet, das trifft auch auf die Gehirnzellen zu , also manchmal dachte ich über den Unterschied zwischen den Fischen und den Menschen nach, die an meinem Auge vorbeizogen. Jedoch – ich kam nicht drauf. Mein Kopf war leer und mein Bauch war voll.

Plötzlich traf mich der Blitz der Erkenntnis. Es erstaunte mich, dass es mir nicht früher eingefallen war.

Die meisten echten Kopfgeburten sehen im Nachhinein einfach aus.

 

Inspiriert wurde ich durch die Beobachtung eines leicht angeschmorten Pärchens.

Es war Mittag. Die Hitze erreichte ihren Höhepunkt. Sie boten ihre krebsrote, fleckige Haut der prallen Sonne dar.

Plötzlich war mir klar. Fische bekommen keinen Sonnenbrand. Das ist der entscheidende Unterschied zum Menschen.

Ich war stolz auf mich. Am nächsten Tag könnte ich getrost nach Hause fahren. Nach diesem Geistesblitz verbuchte ich die Auszeit als echtes produktives Erlebnis.

Da ich nichts mehr zu tun hatte, ging ich in den Seglershop und kaufte mir die Zeitschrift „Fish and ships“. Darin las ich staunend, dass viele Buckelwale vorzeitig sterben, denn auch für die Fische ist die UV-Strahlung aufgrund des Ozonlochs höher geworden. Bevor sie Hautkrebs kriegen, haben sie Sonnenbrand. So stand es geschrieben in „Fish and ships“ und die müssen es wissen.

Niedergeschlagen verkroch ich mich in mein Zelt. Ein altes feministisches Sprichwort fiel mir ein:

„Eine Frau ohne einen Mann ist wie ein Fisch ohne ein Fahrrad.“

Vielleicht lag darin der Unterschied zum Menschen. Fische können nicht Fahrrad fahren.

Es überzeugte mich nicht. Schon immer bin ich gerne Fahrrad gefahren. Es verschafft mir ein Gefühl der Freiheit. Falls Männer wie Fahrräder sind, dann sind sie besser als ihr Ruf.

Wenn ich so vor mich hin durch grüne Auen radle, begegnen mir Menschen, gekleidet wie tropische Seepferdchen, festgekrallt an aerodynamischen Lenkern. Auch hier erkenne ich ihn nicht, den Unterschied.

Es ging nicht anders. Ich rief meinen Chef an.

„Nächste Woche kann ich nicht zurück kommen. Es gibt ein Problem.“

„Was für ein Problem?“ fragte er.

„Mit den Fischen.“

„Sie brauchen gar nicht mehr kommen.“

„Wirklich?“ fragte ich.

„Darauf können Sie sich verlassen.“

„Oh, danke“, sagte ich. „Vielen Dank“.

 

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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