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Die Guillotine blieb in dieser Nacht unbenutzt, zu unserem Glück. Leicht verstaubt verließen wir das Lokal irgendwann. Von da an tun sich vor meinem geistigen Auge erstaunlich große schwarze Löcher auf, sodass mir nur noch zwei der vielen Stationen im Gedächtnis geblieben sind.

Die eine war das Restaurant, in dem wir so gegen vier Uhr die letzte warme Mahlzeit bekommen konnten: Eine Gulaschsuppe, mit der man im Normalfall Tote wecken kann. Bei mir reichte es gerade dafür, einige Zeit die Nebelfelder im Kopf zu verscheuchen, und ich schaffte es auch, das Gegessene für mich zu behalten. Als wir dann gegen sechs irgendwo im Lokal mit dem bezeichnenden Namen „Zum blauen Dunst“ landeten, tagte es schon langsam. Ich schwatzte schon so richtig Bayrisch daher, so dass mich die anderen anwesenden Schnapsnasen erst nach Vorzeigen des Reisepasses staunend als einen Touristen anerkannten und eine Runde spendierten.

So gegen acht tappten wir weiter. Da kam auch schon die grässlich helle Sonne raus und stach mit ungewohnter Intensität in die übernächtigten Augen. Schlimme Kopfschmerzen wollten sich anmelden, darum folgte jetzt ein Katerfrühstück beiNordseemit Hering und Kaffee. Die dabei beschlossene Fortsetzung des Nachtprogramms sah einen Saunabesuch vor, um wach zu werden, bevor es dann ins „Gelände“ ginge.

Meine Batterien waren jedoch leer und ich klinkte mich für drei Stunden aus. Sie versprachen, mich um zwölf zum Mittagessen abzuholen und ich legte mich, wie ich angezogen war, aufs Bett, zack und weg war ich. Ich dachte, ich wäre kurz eingenickt, als mich drei Stunden später jemand an der Schulter rüttelte. Im ersten Moment wusste ich nicht, wo ich war. Eine fremde Wohnung, ein fremdes Bett; und eine Frau weckte mich, die ich nicht kannte. Sehr komisch und äußerst suspekt dazu. Es dauerte ein paar Minuten, bis ich wieder alles auf die Reihe bekam und nach einer kurzen, aber heftigen Dusche konnte es auch für mich wieder weitergehen.

Die anderen sahen von der Sauna nicht sehr aufgeweckt aus, darum fuhren wir in ein nahegelegenes Waldstück, wo ein umgebautes Militärfahrzeug stand. Eigentlich nur das Gerippe davon. Kein Dach, keine Wände, quasi nur der Unterbau. Im kommenden Jahr wolle man damit durch die Sahara fahren, wenn es fertig sei. Dies hier sei nur ein Übungsgelände, und wir waren wohl so was wie die Versuchskaninchen. Es befände sich gerade im Umbau, wie der rosarote Elefant bemerkte. Wir setzten uns auf den Boden im hinteren Bereich, als die Fahrt auch schon losging über Stock und Stein. Über Wurzeln und pilzübersäte Baumstümpfe hüpften wir durch das Dickicht, stets darauf bedacht, nicht vom Wagen geschleudert zu werden. Ein Höllenritt, der eine Viertelstunde später unter dem aufmunternden Gejohle aller Beteiligten an einem Baum endete. Resultat: Keine Verletzten, nur ein paar Beulen im hohlen Blech und an den verwirrten Köpfen.

Im Englischen Garten erholten wir uns unter dem Chinesischen Turm von den Strapazen bei einer kleinen Brotzeit mit Brezen und Bier, so ein Maß oder zwei. Der Abend kam und mit ihm fiel es meinen Weggefährten deutlich schwerer, auf den Beinen zu bleiben. Aber von Abbrechen war nicht die Rede. Nochmals über die Wiesen auf die wildesten Bahnen, wir schauten zu, wie die Frau im Dirndl auf die Leiter stieg und schrieb: „Ochs Nr.5 680kg“ und verdrückten dann eine Scheibe davon mit viel Sauce und noch mehr Bier.

So gegen zehn Uhr abends landeten wir wieder in dem Jazzlokal. Aber diesmal waren wir früher dran und so fanden wir mühelos und noch zuvorderst zwei freie Tische nebeneinander. Die Musik war etwa 120 Dezibel laut und wild. Der Leadsänger gab wieder sein letztes Hemd wie gestern, obwohl er zwischendurch leicht verwirrt direkt an unseren Tisch sah. Ich ließ mich davon aber nicht beirren und klatschte vor Begeisterung jeweils am Ende des Stückes. Erst als ich mich in einer kurzen Verschnaufpause nach meinen Begleitern umsah, bemerkte ich das Malheur. Das Lokal war jetzt bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele Leute standen noch zwischen den Tischen herum ohne Sitzgelegenheit, nur ein Getränk in den Händen und mitwippend zur Musik. Der Sänger lag in voller Ekstase schreiend über dem schwarzen Flügel wie ein Voodoo Priester, während meine komplette Begleitung in der vordersten Reihe schlief. Einer schnarchte sogar, dabei eine Flasche Bier friedlich zwischen den Patschhändchen haltend…

Fortsetzung folgt

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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