mein-bayern.jpg


Die Bavaria erhebt sich 54 Schuh von der Sohle bis zum Scheitel, und der linke Arm mit dem Kranze ragt noch 18 Schuh darüber empor. Die Plinte, welche das 30 Schuh hohe Piedestal deckt, misst 408 Schuh im Geviert, die Kopfhöhe beträgt 6 Fuß 4 Zoll, die Gesichtslänge 5 Fuß 3 Zoll, die Nasenlänge 1 Fuß 11 Zoll, die Mundspalte 15 Zoll, die Augenbreite 11 Zoll, die Länge des Arms 24 Fuß 1 Zoll, dessen Umfang 5 Fuß 1 Zoll und die Länge des Zeigefingers 3 Fuß 2 Zoll. Das ganze Gewicht der Statue hält 1560 Zentner, deren Metall sich auf 93000 Gulden wertet. Die Dicke der Gußschale beträgt einen halben Zoll, und das ausgebreitete Metall würde 10400 Schuh im Geviert, also mehr als ein Viertel Tagwerk bedecken.

Nachdem von 1825 an, in welchem Jahre an Schwanthaler der erste Auftrag ergangen, eine Reihe von Vorstudien und kleinere Probe-Kompositionen voraus gemacht waren und man sich für die ,Form der Darstellung entschieden hatte, begann der Aufbau des Modellhauses nächst der Erzgießerei in einer Höhe von 120 Schuh. Hier wurde unter Leitung des Schöpfers von Giuseppe Lazzarin, der 1844 gestorben, und unter Mithilfe von Schwanthalers Arbeitern der Aufbau des riesigen Tonmodells ausgeführt; in Gips gegossen wurde es vom Formator Lorenz Biehl. Die Vorbereitung und die Apparate zu diesen Arbeiten waren großartig; Eisenrüstungen, Ton- und Gipsmassen gingen ins Enorme. Die Arbeiten selbst dauerten von 1840 bis 1844, in welchem Jahre endlich das gewaltige Kernbild fertig und Erstaunen erregend dastand, nach dem Vorbilde von 15 Schuh Höhe errichtet. Aber dieser Vollendung ging erst noch die schwierigste und mühseligste Arbeit voran, die Revidierung und Reinstellung der Verhältnisse bis ins Einzelnste zum Behufe der Schönheit in der plastischen Erscheinung. Schwanthaler, der schon seit Jahren gekränkelt, unterzog sich diesem Geschäfte zur Herbstzeit, da es nun nicht mehr verschieblich, mit einem Eifer und mit einer Gewissenhaftigkeit, mit einer Ausdauer und Aufopferung, welche ein hohes Zeugnis gaben, wie heilig ernst es ihm um Kunstberuf und echten Künstlerruhm gewesen. Die kolossalen Verhältnisse der Figur liefen sich nur aus gemessener Ferne überschauen und beurteilen; es wurden sonach die bretternen Wände des Modellhauses entfernt, und ab- und zufahrend prüfte des Künstler sicheres, schönheitsgewohntes Ange die Figur rundum und von der Sohle bis zum Scheitel um jede Linie, jede Falte. Alle Abänderungen gab er selbst allenthalben an, die Galerien des Hauses ersteigend, und seine Gehilfen arbeiteten mit rüstigem Fleiße nach seinen Anordnungen, während der Herbststurm Schneegestöber durch die Luft trieb und das Gebälk des Turmes schüttelte, während eine tosende Jagd durch Gefilde zog und Kanonendonner der manöverierenden Artillerie in der Nähe brüllte. Die Anstrengung, die Mühen trugen vielleicht nicht wenig zur Beschleunigung des Krankheitsverlaufes bei, welchem der große Künstler vier Jahre darauf erlag.

Wie Schwanthaler mit väterlicher Sorgfalt und inniger Liebe an seiner Bavaria hing, davon ließen sich rührende Beispiele erzählen; bis zu seinem Tode erfüllten die Gedanken an sie Tag und Nacht seine Seele.

Dem glücklich vollendeten Aufbau des Modells folgte die zweite schwierige Aufgabe, der Erzguß desselben. Dieses Werk hatte Ferdinand Miller von seinem Onkel, Professor Stiglmaier, mit dem Amte der Inspektionsstelle in der Erzgießerei ererbt. Miller hatte sich in einer Gießerei zu Paris vorgebildet, unter seines Oheims Leitung und selbständig bereits große Güsse ausgeführt; auch bei den Vorbereitungen zum Guss der Bavaria standen ihm anfänglich noch die Ratschläge Stiglmaiers zur Seite, aber später, bei der Ausführung selbst, folgte er gänzlich seinen eigenen Erfahrungen und wohlüberlegten Entschlüssen. Der erste betraf die Absicht, die Statue in möglichst großen Stücken zu gießen und zwar in horizontalen Durchschnitten aus Gründen der Statik, welche für diese Zusammenstellung sprachen; der andere bezog sich auf die Verbindung und Befestigung der Gussteile, für welche Miller weder den sogenannten Schwalbenschwanz noch Falz und Nute verwendete, sondern nach eigener Idee an den Rändern der Gussstücke 5 Zoll breite horizontale Platten angoß, die innerlich verschraubt und äußerlich verhämmert wurden. Die Spuren der Verschraubungen sind verarbeitet und gleich den Fugen äußerlich unsichtbar, so daß nur etwa eine Pulversprengung den Koloß umwerfen könnte. Der Guss der Bavaria selbst wurde in fünf Hauptteilen gemacht, von denen der schwerste 380 Zentner Erz, 500 Zentner Eisen für die Rüstung und 12.000 Ziegel und 300 Zentner Gips für die Einformung und Einmauerung erforderte. Gegossen wurde zuerst der Kopf, am 11. September 1844; bei diesem und bei dem Gusse des Bruststückes waren neben den technischen Schwierigkeiten und neben der Besorgnis für große pekuniäre Nachteile außerordentliche Gefahren zu überwinden und zu beseitigen. Beim ersten Guss war eine Berstung der Form eingetreten, durch welche .40 Zentner Erz entwichen, und nur der Vorsicht, daß er 50 Zentner über die erforderliche Masse Erz in den Ofen legte, dankte Miller das Gelingen.

Noch misslicher und gefahrdrohender stand es um den zweiten, den Guss des großen Bruststückes, obschon alles Erdenkliche vorgesehen und der Meister selbst ununterbrochen an den Vorbereitungen tätig war. Wir übergehen die Schilderung der einzelnen Arbeiten von der Stückformung bis zur Zusammenstellung und Einmauerung, um sogleich vom imposanten Gusse selbst zu sprechen. 380 Zentner Erz füllten den Ofen. Am 10. Oktober 1845 abends 5 Uhr begann die Feuerung; nachts 12 Uhr am 11.Oktober folgte der Guss mit vollstem Glücke, nachdem die Hoffnung darauf 24 Stunden geschwankt hatte. Gusshaus, Ofen und Form standen auf dem Spiele. Die ununterbrochene, wütende Feuerung entzündete das Gebälk des Gusshauses, das nur mit Mühe und Gefahr wieder gelöscht werden konnte. Das schmelzende Erz hatte mehrmals zu stocken gedroht, und mußte man es erkalten lassen, so mußte der Ofen abgebrochen und mit großen Kosten wieder erbaut werden. Inzwischen wäre die Form durch Anziehung von Feuchtigkeit unbrauchbar geworden; sie hätte neu hergestellt werden müssen. Alle diese Unfälle wären auf Kosten des Meisters eingetreten, der jeden Guss auf eigene Wag und Gefahr bewerkstelligen mußte. Aber endlich, wider Erwarten, ging alles gut, und erschöpfende Mühe, verständige Vorsicht, Sorge und Mut lohnten sich glänzend. Hundert Zuschauer waren Zeuge des imposanten Aktes und des beglückwünschenden Jubels, der die Gusshalle füllte. Den folgenden Güssen kamen die Erfahrungen und Proben der beiden ersten zugute, sodaß sich weitere Anstände nicht ergaben und die Vollendung der Bavaria die edle Erzgusskunst mächtig förderte, sodaß die königliche Anstalt in München als die erste der Welt ohne Rivalin rühmlichst dasteht.

Abb. 2 Gnomen vor der Zehe der Bavaria. Gemälde von Moritz von Schwind. Die fernere Sorge betraf nun den Transport der Gussstücke an den Standplatz und den Ausbau der Riesengestalt. Ein turmhohes, sicherfestes Gerüst für die Heb- und Versetzmaschinen wurde über dem fertigen Piedestale errichtet. Mit erprobten Seilen- und Flaschenzügen wurden, nachdem ein Seilbruch glücklich abgelaufen, die Hebung der wuchtigsten Gussteile bewerkstelligt. Diese brachte ein eigens hierzu konstruierter Wagen, mit zwölf kraftvollen Pferden bespannt, an Ort und Stelle. Jede Frachtung vom Gusshause dahin forderte mehrere Stunden. Der Transport des Kopfes am 7. August 1850 brachte ein interessantes Fest mit sich. Rosse und Wagen waren festlich mit Kränzen und Draperien geschmückt. Dem Haupt zog ein anderer Festwagen voran mit der Marmorbüste Schwanthalers, des doppelt verewigten Schöpfers, die Arbeiter der Gießerei, Künstler und Sängerchöre umgaben die Wagen, dem eine Musikbande voranzog, gebildet aus dem Personal der Gießerei. Tausende von Teilnehmern und gerührten Zuschauern bestaunten das schöne, kolossale Gebilde durch alle Gassen oder geleiteten es zur Ruhmeshalle, wo sie selbst unter Regen die Aufziehung des gewaltigen Hauptes erwarteten. Als der Kopf 20 Schuh hoch über dem Boden schwebte, entstiegen 31 Personen demselben, um einen Begriff von dem Umfange zu geben, den er ob der schönen Verhältnisse nicht zu haben schien. Musik, Chorgesang und donnernde Hochs auf König Ludwig, Schwanthaler und Miller begleiteten und schlossen das schöne Fest, das dem noch viel imposanteren der Enthüllung der vollendeten Gestalt voranging. Vom 20. Juli bis 7. August hatte der Trausport gedauert; nach der Vollendung wurde die Statue mit Plaggen umwickelt und mit einer hohen Bretterwand verstellt.

Mit der feierlichen Inauguration und Enthüllung der Bavaria war am 9. Oktober 1850 ein Huldigungsfest verbunden, welches die Künste und Gewerke Münchens dem Könige Ludwig brachten.

Über dieses Fest hören wir Josephine Kaulbach, die ihrem Gatten nach Berlin über die

Enthüllung der Bavaria

am Tage nach dem Feste, den 10.Otober 1850, folgendes mitteilt:

In unserem Hause grünt und blüht es. Die Treppe mit den Bäumen sieht herrlich aus, und allmählich kommt alles in Ordnung. Also das Fest, die Enthüllung der Bavaria, war ganz einzig in seiner Art, und nie hat man ähnliches erlebt. Die Beschreibung der prachtvoll geschmückten Wagen sämtlicher Handwerker bis auf die Künstler hat Fräulein Kohler Euch scholl geschickt. Aber hat sie von dem höchst eigentümlichen Gespann geschrieben, welches die Künstler gemacht hatten? Ein Wagen, von acht schwarzen, kolossalen Pferden gezogen, vier immer zusammen, die von weißen Zügeln gehalten wurden. Zwischen je zwei Pferden ging ein schöner, junger Mensch in gutem Kostüm, der die Tiere führte. Die Künstler gingen neben dem Wagen. König Ludwig war außer sich vor Freude, und die Königin soll nicht aus den Tränen gekommen sein. Das Wetter war herrlich und alles in Begeisterung. Auf dem Dultplatz stellten sich die Wagen auf; aber der Telegraphendraht mußte dort um einige Fuß höher gemacht werden für diesen Tag, damit die „Auerkirche“, die Ottokapelle und ein großes Rad durchgebracht werden konnten. Wir sahen den Zug bei Himbsel ganz prächtig, und dann fuhren wir mit dem Brautpaare auf die Wiese. Der Zug dauerte von 12 bis 2 Uhr, denn jeder Wagen hielt am Königszelt. Kreling, Wiedemann und die anderen Herren des Komitees erklärten dem Könige die Wagen. Als der Zug vorüber war, richteten sich alle Augen auf die Bavaria, die Bretterwand davor sollte einstürzen. Es wurde gehämmert und geklopft; die Menschen wurden immer stiller vor Erwartung, und der Platz vor der Bavaria wurde frei gemacht. Auf einmal fiel ein Böllerschuß; zugleich neigte sich langsam feierlich die ganze Bretterwand nach vorne, und die herrliche Riesenfigur wurde sichtbar. Ein unendlicher Jubel erschallte; sämtliche Liedertafeln sangen begeisterte Lieder, schwangen die Fahnen, und Teichlein hielt eine herrliche Rede. Es war eine Begeisterung, ein Jubel in der ganzen Menschenmasse, der kaum zu schildern ist.

Die Umrechnung in modernes Maß ergibt für die Gesamthöhe der Bavaria von der Sohle bis zum Scheitel zirka 15,6 m, von der Sohle bis zur Kranzspitze 20,9 m, vom Fuß des Piedestals bis zur Kranzspitze 28,7 m, die Kopfhöhe beträgt 1,87 m, die Armlänge etwas über 7 m, die Länge des Zeigefingers etwa 93 cm. Der Metallwerk (93 000 Gulden) rechnet sich in zirka 158 000 Mark um.

Johann Baptist Stiglmayer (1791-1844), Erzgießer und Bildhauer, Inspektor der K. Erzgießerei seit 1822; seine Hauptleistung ist der Guss des Thorwaldsenschen Reiterstandbilds des Kurfürsten Maximilian auf dem Wittelsbacherplatz und des König Maximilian Denkmals vor dem Hof- und Nationaltheater.

Ferdinand von Miller (1813-1887), ursprünglich Silberarbeiter, arbeitete in Paris in der Werkstätte des Erzgießers Soyer, seit 1844 Inspektor der K. Erzgießerei, lieferte besonders viele Erzwerke nach Amerika; sein letztes Werk war der Guss der Germania für das Niederwalddenkmal.

Das Haus des Baurat Himbsel stand am Dult- (Maximilians-) Platz, an der Stelle, wo sich heute hinter dem Goethe-Denkmal das Gebäude der Filiale der Deutschen Bank erhebt.

Anton Teichlein (1820-1879), ausgezeichneter Landschaftsmaler, Schüler und Freund W. v. Kaulbachs.


Abb. 1 Arbeiten an der Bavaria in der Erzgießerei (1848) Radierung von G. Hahn
Abb. 2 Gnomen vor der Zehe der Bavaria. Gemälde von Moritz von Schwind.

 

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

>> mehr