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Veronika Raila: Es war eigentlich ein Wettbewerb für junge Autoren, die zu einem vorgegebenen Thema einen Text erstellen mussten. Anschließend wurden die Texte dann vorgelesen und der Text, der dem Publikum am besten Gefallen hat, gekürt. Dass mein Text gewonnen hat, macht mich richtig stolz.

Traurig war ich ein bisschen ob der Tatsache, dass ich bei beiden Events im Bett lag und eine Grippe auskurierte. Ich hätte zu gerne den Applaus gehört, der ja das Brot der Künstler ist und einen Menschen sehr in seinem Schaffen bestärken kann. Ich war mir ja lange nicht ganz im Klaren, wie mein Weg aussehen soll. Früher habe ich relativ viel Angst gehabt, dass man mich wegen meiner Behinderung aus Mitleid besser beurteilt. Deshalb wollte ich mir zunächst als unerkannte Autorin einen Namen erschreiben, und mich dann erst als behindert outen. Wirklich Erfolg habe ich aber anscheinend mit Texten, die sich um meine spezielle Sichtweise auf die Phänomene des Lebens drehen. Also wurde der Weg verändert. Jetzt bin ich als Autist geoutet und kann somit vielleicht etwas für das Verständnis zwischen den sogenannten Normalen und Behinderten tun.

C.S.:Wie werden Sie den Preis einlösen, also mit welchem Autor würden Sie
gern das Schreibwochenende in Angriff nehmen, und warum fällt Ihre Wahl
auf den Autor / die Autorin?

Veronika Raila: Ich habe mich für Juli Zeh entschieden, weil ich sie für sehr scharfsinnig und analytisch halte.
Ich denke, das liegt auch mir
. On3 machte endlich einen Traum wahr. Ich bin unglaublich gespannt auf die Begegnung mit Juli Zeh, vor allem deshalb, weil ich noch sehr wenige lebende erfolgreiche Autoren kenne. Ich bin auch immer auf der Suche nach einem Vorbild, aber außer Helen Keller fällt mir niemand ein. Es gibt zwar eine Vielzahl schreibender Autisten, aber ich möchte nicht nur einfach meine Biographie beschreiben, sondern meinen eigenen Sprachstil finden. Ich denke auch für die Suche danach wird die Begegnung mit Frau Zeh förderlich sein.


C.S.:Was sind Ihre nächsten Pläne als Autorin? Was macht Ihr erstes Buch und worum geht es darin?


Veronika Raila: Mein erstes Buch ist eine Sammlung von Texten unterschiedlicher Art. Es heißt "Vronis Wunder" und ist im Juni 2010 im context Verlag Augsburg erschienen.  Mein nächstes Buch soll eindeutig autobiographischer werden. Mein Leben ist momentan sehr spannend und reich. Darüber freue ich mich sehr und wünsche mir, dass ich weiterhin viele interessante Begegnungen haben werde.

Ich habe in vielen unterschiedlichen Textformen geschrieben, wobei ich sagen muss, dass ich immer die Form nach der Funktion auswähle. Wenn ich mit Bildern male, werde ich Prosa schreiben. Gedichte sind eher für das Anzupfen der Saiten eines Gefühls geeignet. Die Form, die ich allerdings sehr gerne benutze ist die dialogische. Ich liebe es, ein Phänomen von der einen, und dann von einer anderen Seite zu betrachten. Dadurch entsteht oft eine Genauigkeit, die sonst so nicht zu erreichen wäre.


C.S.:Was sind die "blödesten" Klischees, die Ihnen zum Thema Autismus schon untergekommen sind, und was würden Sie auf diese Klischees gern antworten?

Veronika Raila: Dass wir geistig behindert sind und bloß schreien. Antwort darauf: "Möge der Weg Deiner Erkenntnis lang und steinig sein".


Autist zu sein, heißt nicht, dass wir keine Gefühle haben. Uns fällt es oft nur schwer, sie zu zeigen und es fällt uns ebenso schwer, sie in anderen Gesichtern zu lesen. Über uns Autisten kursieren eine Menge Vorurteile und Verallgemeinerungen. Dabei ist das Autismusspektrum unglaublich vielfältig und reich. Wir haben manchmal ein besonderes Verhalten, was allerdings oft aus der unterschiedlichen Wahrnehmung resultiert. Leider wissen viele Fachleute darüber auch nicht Bescheid. Aber ich denke, dass mittlerweile das Wissen um unsere Besonderheiten zugenommen hat und das ist gut so.


Das Team von mein-bayern.lexikus.de dankt Ihnen sehr für das Gespräch!


Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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