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Vor allem die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher (u.a. R. Heß, H. Göring, Ribbentrop, v. Schirach, Keitel, Dönitz) beförderten international die Bekanntheit der Stadt und des Justizpalastes, der sich für die Amerikaner als einer der wenigen ganz gebliebenen größeren Gebäude der Umgebung (mit Zellen) anbot und heute als Museum fungiert. Der eigentliche Saal 600 ist übrigens immer noch ein Gerichtssaal und kann von Besuchern nur an verhandlungsfreien Tagen betreten werden.

Link zur Ausstellung:

Besucher dürfen auf neue Fakten, Medien und Bruchstücke der Geschichte gespannt sein. Eine Begrenzung wurde bisher nicht angekündigt; die Eröffnung der neuen Räume läuft unter dem Namen Dauerausstellung. Leider wird vor den Justizgebäuden nicht klar mit Schildern darauf hingewiesen, wo die Ausstellung stattfindet. Sie ist nämlich im östlichen Nebengebäude untergebracht.

AusstellungsgebäudeGanze Bibliotheken wurden schon über diese Phase der Nachkriegszeit, die beginnende Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung der Sieger und Besiegten geschrieben. Zahlreiche internationale Journalisten waren bei den damaligen Prozessen anwesend oder wurden durch ihre damalige Rolle darin bekannt. Eine ungewöhnliche Stimme ist jedoch fast noch nie genannt worden. Der engste Freund um Franz Kafka, der Autor und Philosoph Felix Weltsch (1884-1964), schrieb für ein israelisches Blatt als promovierter Jurist über diese Prozesse mit einer kühlen Distanz und für ihn typisch feinen Humor, wenngleich er im Krieg viele Familienmitglieder durch Nazis verlor:

„Leider wachsen die Bäume – wenigstens so rasch nicht in den Himmel. Man braucht nur schüchtern die Frage aufzuwerfen, ob auch ein Staat, der einen Angriffskrieg entfesselt hat und – unglücklicherweise Sieger geblieben ist, sich wegen des Verbrechens des Angriffskrieges vor einem internationalen Gerichtshof wird zu verantworten haben. Dass man über eine solche Frage lachen muss, ist zwar zum Weinen, aber man muss sich über das Wesen des Völkerrechts klar sein, wenn man dies richtig beurteilen will“

(s. „Biographie Kafkas fast unbekannter Freund“ – Felix Weltsch)

Aufarbeitung im eigenen Oberstübchen: Wie geschichtsbewusst sind wir?

Einerseits ist die Stadt Nürnberg Dank vielgelobter Stätten des Erinnerns sicher eine Vorzeigestadt, die mit dem Image als einstmals genutzter Reichsparteitags-Ort gut umgeht. Sie steht symbolisch dafür, dass Bayern viel Aufarbeitungsarbeit nötig hat, weil hier viele furchtbare, später verheerend eingesetzte Ideen und „Gesetze“ bereits in den 1920ern vorbereitet wurden, lange bevor Berlin die zentrale Machtstelle wurde. Im Gegensatz zu anderen Ländern (Belgien, Türkei, Frankreich) steht Deutschland sicher sehr gut da, was die allgemeine Aufklärung, das Bewusstsein und das Gedenken angeht, wenngleich noch einige jüdische Friedhöfe zugewachsen und unentdeckt in verwilderten Stadtparks zwischen Zehdenick und Zeckern ihres Gedenkens harren.

Jüdischer Friedhof Zeckern bei Erlangen


Andererseits steckt in vielen Dingen der Teufel des Vergessens und der Gleichgültigkeit im Detail. Oft kann man von kleinen Zufällen sprechen, aber jeder Zufall zeigt auch die Möglichkeit auf, am Geschichtsbewusstsein zu (ver)-zweifeln. So wird man wohl immerhin fragen dürfen:

Was denkt man sich dabei,

- Wenn der „Forst“ nördlich von Nürnberg 2010 noch immer Reichswald oder andere Wald-Ecken Süd-Gau heißen?

- Wenn Universitätsgebäude in Erlangen wie selbstverständlich in der Erwin Rommel Straße stehen?

- Wenn die Bierkönigin 2009 in Nürnberg eine Eva Braun wurde, ohne dass sich die Jury Bedenken einräumt?

Übertrieben? Zufall? Kleinlich? Den feinen Grat kann jeder für sich bestimmen und abwiegen. Nur – wer Erwin Rommel war, das kann man nicht abwiegen. Wen Hitler seinen „Lieblingsgeneral“ nannte und zum Kommandanten seines Führerhauptquartieres machte – wie viel Spielraum bleibt da?

Es gibt auch simple, eher weiche Beispiele zum Testen des schmalen Grates: Das sollte sich z. B. mal eine Greifswalder Lebensmittelfirma leisten, ihr Getränk „Pommernstolz“ zu nennen. Da wäre sofort der Zeigefinger erhoben. Bei „Frankenstolz“ ist das alles unbedenklich?

Sicher, oftmals ist es nur unglücklich gelaufen: der Bundespolitiker Hubertus Heil (SPD) z. B. kann nichts für seine Initialen und seinen Namen. Aber war es seinerzeit nicht merkwürdiges Fingerspitzengefühl, gerade ihn im Bereich der Bekämpfung von Rechtsradikalismus einzusetzen? Und wie ist der Umgang mit gewesenen Politikern: Wie viele Plätze und Stadtringe sind noch nach Karl Lueger benannt, dem (viel deutlicher als Richard Wagner) klar ausgewiesenen Antisemiten?

Denkt man sich dabei im Lauf der Jahre noch etwas? Wo greift man sich hin, wenn man so etwas weiß? Der Kopf scheint einem zu schade dazu (würde Dieter Hildebrand sagen).

Nun hört man an solcher Stelle immer wieder die blutlose Argumentation: „Nun ist auch mal gut mit der Geschichte. Das ist doch lange vorbei.“

Und genau da sagt der Autor dieser Zeilen: Nein! Geschichte hört nie auf! Nie sollten wir vergessen, wie sich das Land der Dichter und Denker selbst ethisch zur Steinzeit zurückgebombt hat. Nie sollten wir vergessen, wo wir herkommen. Gegenwart und Zukunft bedürfen immer einer Vergangenheit. Wem solche oben genannte Details egal sind, dem ist vielleicht auch noch einiges andere egal!

Dr. Carsten Schmidt

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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