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Frau Schwarzmann, wir begrüßen Sie als steil aufstrebende Musikerin bzw. Kabarettistin. Anders als im Interview mit Katharina Albrecht, wo ich sage und schreibe 103 Fragen gezählt habe, drangsalieren wir Sie mit 12, wenn es geht.

C.S.: Bisher kennen wir Sie schon durch bissige, lustige und auch melancholische Texte. Ihr letztes Programm "So schee kons Lebe sei" war ja dann zudem sehr erfolgreich. Superfrisch ist nun nach Ihrer Babypause das Programm "Wer Glück hat kommt" (Termine siehe unten). So viel konnten wir darüber noch nicht in Erfahrung bringen, aber bitte verraten Sie uns: Worauf dürfen Sich Ihre Fans freuen?

Martina Schwarzmann: Auf 12 nagelneue Gedichte und Lieder zu den verschiedensten Themen, die mich in den letzten 3 Jahren beschäftigt haben.

C.S.: Eine weitere Neuerung hat sich ergeben: Ihre Website www.martina-schwarzmann.de hat eine neue Aufmachung und nun die Kategorie „Liebhaberei“. Was erwartet Besucher dort?

Martina Schwarzmann: Da werde ich nach und nach Beiträge ins Netz stellen, Rezepte, Haushaltstipps und Bastelarbeiten - einfach alles, worauf ich grad Lust hab.

C.S.: Nun zu Ihnen als Musikerin: Zwar erwähnten Sie ab und an, dass Ihre Anfänge mit eher bescheidenen Auftritten und teilweise zweifelhaften Veranstaltern begannen. Erfolg hatten Sie aber dann relativ schnell, während viele Künstler nach zehn Jahren Tingeltangel immer noch nur ein paar Dutzend Fans haben.

Sie dagegen haben grandiose Touren gemacht, große Hallen gefüllt und bis hin zum Deutschen Kabarettpreis 2008 vieles „abgeräumt“. Woher kommt dennoch diese vielleicht nicht Selbstkritik, aber doch deutlich selbst-ironische, vorsichtig distanzierte Haltung zu sich selbst?

Martina Schwarzmann: Wer sich ein bisschen auskennt, der sieht schnell, dass mein Gitarrenspiel recht einfach ist und auch meine Stimme ist so, dass ich mich nicht als Sängerin bezeichnen würde.
Von Kollegen werde ich gern mal aufgezogen, weil ich den Bayerischen Kabarettpreis in der Sparte Musik bekommen habe, und das obwohl ich weder Noten lesen kann, noch habe ich eine Ahnung von Harmonien oder was es sonst noch so gibt in der Musik.
Aber mir kommt´s auch hauptsächlich auf den Text an und die Musik ist halt dabei, damit der Text nicht zu trocken ist. Nicht mehr und nicht weniger.

C.S.: Jetzt eine Frage zu Stimmungen und Atmosphären, die Sie zeichnen. Wenn man sich Ihr Lied „Busfahrer vom andern Stern“ anhört, dann gehört es zwar nicht zu Ihren bekanntesten Liedern, aber es ist sicher eines der melancholischsten. Es gibt viele Künstler, die ihre Melancholie erklären, oder wo es sichtbar ist, wie etwa bei Katie Melua und ihrer verstorbenen Lieblingssängerin Eva Cassidy. Woher kommt Ihre melancholische Ader?

Martina Schwarzmann: Sie kennen sich ja sehr genau aus mit meinen bisherigen Werken. Woher die melancholische Ader kommt, kann ich Ihnen so nicht beantworten, aber wahrscheinlich war sie immer schon in mir, genauso wie die lustige, die poetische und alle anderen Adern, die in mir sind.
Ich habe mindestens so viele ernste wie lustige Lieder geschrieben, aber die Ernsten spiel´ ich so gut wie nie, weil ich mich auf der Bühne wohler fühle, wenn die Leute lachen.

C.S.: Bisher habe ich im Vergleich zu früheren Liedern keine grundlegende neue Herangehensweise an das Liedermachen gesehen, seit Anfang 2010 Ihr erstes Kind auf die Welt kam. Gibt es dennoch Themen, die Sie als Mensch und Mutter heute anders sehen, die Sie als Liedermacherin eventuell nun zukünftig anders be-singen möchten?

Martina Schwarzmann: Nein, ich möchte deswegen nichts anders machen.

C.S.: Eben habe ich absichtlich das Wort „Mensch“ und nicht „Frau“ gesagt, denn einige Ihrer Interviews sind ja ziemlich in Richtung Feminismus geschoben worden, diplomatisch gesagt. Das ist meiner Meinung nach über Gebühr geschehen, und ich persönlich fand z. B. Ihren Auftritt bei "Ladies Night" (WDR) einfach rotzfrech und gut – völlig egal, was sich da einige für Schuhe der Feindlichkeit anziehen – und Sie sagen ja auch, dass Sie gleichermaßen für Oma, Papa, bis zur Enkelin unterhaltsame musikalische Abende bieten möchten. Wenn nun aber jemand käme und sagte: „Die Frau Schwarzmann deckt auf einer CD wie "Deafs a bissal mehra sei"? so ziemlich alles ab. Für wen singt sie denn nun? Hat sie ein Wunsch-Publikum?“ – Was würden Sie da antworten?

Martina Schwarzmann: Mein Wunschpublikum ist das, das ich habe. Da sitzen 3 Generationen vor mir, alle Schichten sind vertreten, und alle lachen über dasselbe. Mehr kann ich mir nicht wünschen.


C.S.: Eine definitive Besonderheit ist ja das Lokalkolorit, was Sie auf der Zunge tragen und hinter dem man sicher einige freche Dinge ein wenig verbergen kann, die auf Hochdeutsch härter klängen. Geboren sind Sie in Fürstenfeldbruck nahe München, und Sie wohnen noch immer in der Nähe. Bayern hat zum Glück 12 Millionen Einwohner, die meist Ihren Dialekt wesentlich leichter verstehen als Berliner oder Kieler. Aber: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, den Dialekt anzupassen, um im Rest Deutschlands bekannter zu werden oder glauben Sie, dass Ihre Art des Erzählens den Dialekt braucht?

Martina Schwarzmann: Ich red so, wie mir ´de Schnabel gewachsen ist, und wenn ich anders red, dann fühlt sich das für mich fremd an. Auch mit meinem Dialekt hab ich in ganz Deutschland Erfolg. Wenn ich in Hamburg spiel, kommen auch ein paar hundert Zuschauer und wenn´s Fragen gibt oder was nicht verstanden wird, dann wird das sofort geklärt. Das macht mir und dem Publikum großen Spaß.

C.S.: Gern möchte ich über Ihre bildhafte Sprache etwas wissen. Sie lieben es, in Vergleichen Situationen zu schildern, vom Tretabfalleimer am Behindertenklo (welches Publikum versteht das beim 1. Mal?) bis hin zum „Barfuß-Laufen auf glühenden Kohlen zum nächsten Baumarkt, um einen passenden Strick zu kaufen“. Was bedeuten Bilder für Sie, und woher nehmen Sie die? Die ziemlich sympathische Situation vom außerirdischen Busfahrer, wo in einer verzweifelten Situation „irgendwo ein Bus kommt, der einen holt“ klingt ja z. B. nach dem "Fahrenden Ritter" (Knight Bus) im Harry Potter III.

Martina Schwarzmann: Ich hab Harry Potter nicht gelesen. Davon ist das also nicht inspiriert, aber ich male gerne detailierte Geschichten in den Köpfen. Wenn ich Malerin wäre, dann am liebsten eine Mischung aus Ali Mitgutsch und Manfred Deix.

C.S.: Gestatten Sie eine Frage in Richtung Entwicklung. Seit dem letzten Album "So schee kons Lebe sei" haben Sie handwerklich an Tiefe draufgesattelt, und melodiös sowie sprachlich war schon beim Lied "ohne di" (Voodoo Gstanzln) zu merken, dass Ihr künstlerisches Potential ganz sicher nicht ausgeschöpft ist. Und ähnlich wie Dodo Hug in „Kleptomanin“, die also ein Thema lustig an mehreren Beispielen anwendet, so tun Sie das ja auch beim Lied "Mir reicht, dass ich weiß, dass ich könnte", also bei Ihnen "mia glangt dass i woaß dass i kannt". Es ist nur ein Eindruck, aber frech gefragt: Dürfen die Fans – die sich auf noch tiefere, eckigere Themen freuen – hoffen, dass Sie in Zukunft mehr in Richtung Kabarett rücken und weg von Liedern, die z. B. das Partie-Getue von „Unbedarften“ thematisieren? (Bei allem Respekt für Ihre Themenwahl, aber Sie haben es doch nicht nötig, sich über Sicherheitspersonal lustig zu machen, die keinen Knoten machen können).

Martina Schwarzmann: Sie hätten dabei sein sollen, als der Sicherheitsmann 1 Stunde das Band gehalten hat, und dann ist der Kollege gekommen, hat das Band genommen, festgebunden und beide sind gegangen. Das sind Momente, die sich direkt in mein Hirn einbrennen - und das muss dann wieder irgendwie raus, damit es keinen Stau gibt. Für mich stellt sich nicht die Frage, ob ich irgendetwas nötig habe. Ich erlebe was und will meine Mitmenschen dran teilhaben lassen. Sicher konnte der Sicherheitsmann einen Knoten machen, er hatte ja auch Schnürschuhe an, aber in dem Zusammenhang war das einfach sehr, sehr lustig für mich.

Wie die weitere Entwicklung sein wird, kann ich jetzt noch nicht sagen. Das ist nichts, was ich planen kann, das ergibt sich mit jeder neuen Herausforderung, die das Leben für mich bereit hält.

C.S.: Bleiben wir vielleicht noch kurz bei der Zukunft und ihren jungen Jahren. Sie sind jetzt knapp über "29" und die meisten größeren Kabarettisten wie die Hildebrandt-Nachfolger (Georg Schramm, Urban Priol, Volker Pispers, etc.) sind meist 20-30 Jahre älter als Sie. Nun denke ich gleichzeitig an Ihren vielleicht kokettierenden, selbstkritischen Blick auf Ihre Gitarrenkünste.
Könnten Sie sich vorstellen – wenngleich Sie behaupten, sich momentan nicht genug mit Politik zu beschäftigen – in, sagen wir mal, 5 Jahren ein reines Kabarett Sprech-Programm ohne Musik zu machen?

Martina Schwarzmann: Ich bin 31 und ich kann mir nicht vorstellen, ein reines Sprachprogramm zu machen. Aber ich konnte mir vor 10 Jahren nicht vorstellen, einen Landwirt zu heiraten und vor 15 Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich mal einen Beruf haben werde, über den ich mich jeden Tag freue. Oft kommt es anders, als man denkt, aber jetzt kann ich mir das noch nicht vorstellen.

C.S.: Bei der Gelegenheit, mit einer Kabarettistin zu reden, möchte ich auf die Themenwahl zu sprechen kommen. Sie haben ja viele Kontakte zu Kollegen, aber anders als viele berühren Sie das Thema Religion nicht besonders, wofür Sie wohl Gründe haben. Nun die Frage: Sie beschreiben sich als katholisch. Warum, glauben Sie, gibt es bis hin zu weltweit erfolgreichen Kabarettisten bzw. Comedians (George Carlin, Lewis Black, Dieter Hildebrandt, Hagen Rether, Dieter Nuhr, Jürgen Becker, Georg Schramm) einen klaren Hang zur Religionskritik bis hin zum Atheismus?

Martina Schwarzmann

Martina Schwarzmann: Ich mag die Feiertage und Feste, die es bei den Katholiken gibt. Für mich gehört das dazu - und es gibt dem Jahr einen Rahmen.
Religion und Glaube sind für mich aber auch zwei verschiedene Sachen.

Mit den verschiedenen Religionen kenne ich mich nicht gut aus, da habe ich mich noch nicht damit beschäftigt - und etwas kritisieren kann man nur, wenn man sich genau damit auskennt.
In meinem persönlichen Glauben kenne ich mich dagegen sehr gut aus.

Ich glaube so, wie ich glauben kann. Ich glaube an Gott, und das hilft mir im Leben. Ich fühl´ mich sicherer, wenn ich glaub´, dass da´ Chef auf mich aufpasst.

Ich kann den Verlust geliebter Menschen leichter ertragen, wenn ich glaub, dass ich sie später wieder treffe.

 

Das Thema Glaube und Gott wird immer mal wieder besprochen, gerade im Kreis der Kollegen, und wenn einer an nix glaubt, dann ist das für mich auch in Ordnung.
Das war jetzt eigentlich nicht die Antwort auf Ihre Frage, warum viele Kollegen einen Hang zu Religionskritik und Atheismus haben - das weiß ich nicht.

C.S.: Lassen Sie sich ein wenig zu Gesellschaftskritik hinreißen. Sie haben in einem Interview gesagt: "Man muss halt gut sein, und dann setzt sich das auch durch."
Nun sieht man ja nicht nur am amerikanischen und deutschen Traum, dass Millionen Menschen es hart versuchen und sich kein Traum für sie erfüllt. Inwiefern hoffen Sie, dass Ihr Satz dennoch Gültigkeit hat?

 

Martina Schwarzmann: Vielleicht sollte ich den Satz ergänzen, man muss halt gut sein, fleißig sein und Glück haben. So ist der Satz - denke ich - für alle gültig.
In dem oben genannten Interview war wohl eher der Zusammenhang mit Fernsehpräsenz und Erfolg im Kabarett gemeint. Da werde ich oft gefragt, wer mich entdeckt hat, aber man sollte als Nachwuchskünstler nicht warten, bis der Eine kommt, der einen entdeckt, sondern jeder Zuschauer, der kommt, hat mich für sich entdeckt.

C.S.: Wir danken Ihnen für die Zeit, die Sie sich genommen haben. Alles Gute für Ihre Tour! Viel Glück für Sie, Ihre kleine Tochter und Ihre ganze Familie!

Fragen: Carsten Schmidt

 

Liebe Leser, liebe Fans: Sie können Martina Schwarzmann erleben am:

 

 

27. Aug. Nidderau-Windecken

31. Aug. - Wien

1. Sept. - Landshut

3. Sept. - Öttingen

9. Sept. - Kufstein (Ö)

10. Sept. - Walz-Siezenheim

16. Sept. - Deutenhausen

23. - Eggenfelden

26. Sept. - Paderborn

27. + 28. Sept. - Düsseldorf

Peter Georg SeilerPeter Georg Seiler wurde 1959 in der deutschen Schweiz geboren. Er versteht das Leben als „Circle“ in welchem das Ende stets den Anfang des nächsten Kreises markiert. Zufälle existieren für ihn nicht.

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